„Ich muss mich nicht verstecken.“ – Wie sich Bataillons-Kommandeurin Anastasia Biefang für die Sichtbarkeit der Trans-Community einsetzt

„Moin, ich bin Ana, 45 und trans*”, stellt Anastasia sich bei unserem Gespräch selbst vor. Als erste Transfrau, die in der Bundeswehr eine Führungsposition bekleidet, setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit, aber auch in ihrer Community für die Rechte von Trans-Menschen ein. Dafür regnet es Dankbarkeit von der einen und Pöbeleien von der anderen Seite. 

Für Anastasia ist klar: “Uns gibt es! Wir müssen uns nicht verstecken, das ist unsere Geschlechtsidentität und das ist das Leben, das wir führen – und das muss nicht heteronormativ sein.” Bei einem Gespräch in Berlin erzählt Anastasia mir ihre Geschichte.

Die ersten befreienden Schritte als Frau

Ich frage Ana, wie sie sich direkt nach der operativen Geschlechtsangleichung im Sommer 2017 gefühlt hat. „Nach dem Aufwachen konnte ich mich drei Tage nicht bewegen. Aber dann zu sehen, dass das Dazwischen eben weg ist, war geil! Ein total freudiger Moment. Meine Frau Samanta war mit dabei und war genauso gerührt. Ich konnte zum ersten Mal sagen: “Endlich hab ich meine Vagina!” Es sah natürlich erst mal alles noch ganz schlimm aus – der Verband kam erst drei Tage nach der OP ab – aber es fühlte sich einfach richtig und stimmig an.”

Bei einer Operation vier Monate später bekam Anastasia auch Brüste. “Wenn ich mich heute im Spiegel betrachte, passt es einfach. Das mag bescheuert klingen, aber ich muss mich auch echt bewusst daran erinnern, dass es mal anders ausgesehen hat – gefühlt war es für mich nie anders.”

Ana ist bei sich angekommen, möchte das Thema der Transidentität aber nicht nur auf den körperlichen Aspekt reduzieren. Für sie und ihr Körpergefühl als Frau war die operative Angleichung wichtig. Das ist aber eine persönliche Entscheidung, nicht jede*r Transgender braucht oder möchte eine medizinische Transition.

Wenn ich mich heute im Spiegel betrachte, passt es einfach.

Mit dem Coming-Out 2015 begonnen die Veränderungen: “Erst einmal war da das bewusste Aussprechen der eigenen Befindlichkeit, und ein Bemerken, dass die eigene Stimmigkeit wächst.” Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, hat sich für Anastasia gut angefühlt und wenig angsterfüllt. Dass sie das erste Mal richtig zu sich stehen konnte, war eine große Erleichterung. Endlich war das Erfüllen ihrer Bedürfnisse keine abstrakte Träumerei mehr.

“Die Transition ist ein Reifeprozess für einen selbst, jeder Schritt ist ein wesentlicher. Die meisten Trans-Menschen wissen genau, an welchem Tag sie zum ersten Mal Hormone genommen haben. Bei mir war es der 7. September 2015, als ich mir ein Hormongel auf die Oberarme aufgetragen habe.” Das Gel gibt Östrogen über die Haut ab. Zusätzlich nahm Anastasia bis vor der Operation noch einen Testosteron-Aufnahme-Blocker. 

“Nach den ersten Monaten kam es dann zu sichtbaren Veränderungen, die eher die Leute wahrgenommen haben, die mich nicht ständig zu Gesicht bekommen haben. Man selbst bemerkt es dann auf Bildern – das waren die schönen, ersten Schritte und ein Teil davon, aber auch ein großer Teil war, tatsächlich den Alltag wahrhaftig als Frau 24/7 zu bestreiten. Und das war nicht anstrengend, sondern befreiend.” 

Bundeswehr-Karriere und Transidentität? Wie passt das zusammen?

Besonders an Anastasia ist hinsichtlich ihres Trans-Hintergrundes auch ihr beruflicher Werdegang: Da schon ihr Vater bei der Bundeswehr war und sie großes Interesse an der Luftwaffe hatte, durchlief sie die Eckpfeiler einer militärischen Laufbahn: Grundwehrdienst, Offizierslehrgang, Pädagogikstudium und eine Generalstabsausbildung. Nach mehreren Jahren als Referentin im Verteidigungsministerium ist sie seit Oktober 2017 neue Kommandeurin des Bundeswehr-Informationstechnikbataillons 381 in Storkow bei Berlin – und damit verantwortlich für 750 Soldat*innen. 

Verblüffend ist wohl die Tatsache, dass es weniger Widerstand bei der Bundeswehr gab als erwartet. Anastasia wurde nach ihrem Coming-Out und bei ihrem Transitionsprozess unterstützt und konnte vorurteilsfrei weiter die Karriereleiter erklimmen.

Dass es von Seiten ihres Arbeitgebers keinen Gegenwind gab, erklärt Anastasia so: „Die Bundeswehr hat mich in meiner Transition unterstützt, weil diese prinzipiell für ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld eintritt. Das Gleichstellungsgesetz wirkt auch dort, aber im Kern liegt es an der Umsetzung, an den Menschen um mich herum. Die Vorgesetzten und Kameraden haben mich einfach unterstützt.

Die Transition ist ein riesiger Bruch in der Biografie.

„Ich hab generell wenig Gegenwind bekommen. Meine Eltern haben mich immer sehr gut unterstützt, genauso wie mein Bruder und seine Familie. Im Freundes- und Bekanntenkreis und eben auch im beruflichen Bereich gab es ebenfalls nur Akzeptanz. Ich schätze mich da aber auch sehr glücklich.” 

Aber es gibt die Stolpersteine und Ängste, die die meisten Trans-Menschen nur zu gut kennen. Die von Vorurteilen geprägte Wahrnehmung ist bis heute tief in unserer Gesellschaft verankert. Deshalb verwundert es nicht, dass viele nach ihrem Coming-Out neben den persönlichen Herausforderungen auch soziale Kontakte verlieren, ausgegrenzt, benachteiligt oder öffentlich angefeindet werden.

“Die Transition ist so ein riesiger Bruch in der Biografie und die Übergänge, die man in dieser Veränderung hat, sind nicht einfach zu managen“, stimmt Anastasia zu, auch wenn sie selbst mit der Reaktion ihres Umfeldes Glück hatte. “Wenn die wichtigen Menschen hinter dir stehen und dich nicht fallen lassen, dann klappt der Weg für dich auch gut.”

Damit das für alle Transgender so sein kann, ist Ana politisch aktiv und setzt sich für ihre Rechte ein.

Politisches Engagement

Ein Engagement für die Trans- und Queer-Themen lag für Anastasia auf der Hand, da sie gerade im eigenen Transitionsprozess gesehen hatte, dass es da noch viel zu verbessern, zu vereinfachen gibt. “Erst einmal geht es darum, unsere Sichtbarkeit zu erhöhen, vor allem positiv. Und das müssen wir selber machen und nicht nur von der Schwulen- und Lesben-Bewegung erledigen lassen, denn wir selbst und unsere persönlichen Geschichten sind natürlich glaubhafter.”

Dazu gehört auch die Aufklärung: „In den 90er Jahren war das ein schambehaftetes Thema für mich, in meinem eigenen Empfinden und meiner eigenen Geschlechtsidentität. Das Schwulsein war damals zwar anerkannt, Transidentität oder Transexualität aber eine ganz andere Hausnummer – da fehlte der Gesellschaft schlichtweg das Wissen dazu.”

Gegen dieses Unwissen hilft es, immer wieder aufzuklären und sichtbar zu sein. Das ist die eine Motivation für Ana, die andere ist es, da zu sein, um andere auf ihrem Weg zu unterstützen. Und letztendlich geht es natürlich auch darum, maßgeblich politische Veränderungen zu erwirken.

Im Rahmen ihrer Arbeit ist Anastasia auch innerhalb ihres Berufsfeldes tätig: QueerBw ist die Interessenvertretung aller queeren Angehörigen der Bundeswehr. Dort ist sie seit 2016 stellvertretende Vorsitzende. Hier geht es auch um das Thema Transidentität, die Erhaltung diskriminierungsfreier Arbeitsplätze, Aufklärungsarbeit zu queeren Themen und Themen, die man aus dem Dienst innerhalb der Bundeswehr erlebt. Der Verein ist Netzwerkpartner für die Streitkräfte und Ansprechstelle.

Von antiquierten Gesetzen

Darüber hinaus engagiert sich Anastasia auch bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e. V. Die dgti fördert die Akzeptanz von Transidenten innerhalb der Gesellschaft und möchte deren Stigmatisierung entgegenwirken. Hierzu gehört auch die Forderung nach einer Reform des Transsexuellengesetz (TSG) von 1981. 

Dieses Gesetz regelt rein rechtlich den Weg einer Vornamensänderung und einer Personenstandsänderung bei Transsexuellen. Anas Meinung nach kann das Gesetz auf den Müll, denn es schreibt einen bestimmten Weg vor, den man gehen muss, bis man sich umbenennen und ein anderes Geschlecht annehmen darf.

Dieser Weg ist kompliziert und fremdbestimmt. “Mein eigenes Erleben meines Geschlechts reicht nicht aus, um meinen Personalausweis ändern lassen zu können. Ich muss hingehen und sagen: ‘Hey, ich bin eine Frau.’ Und dann darf ich mich durch Expert*innen begutachten lassen. Dann geht das zum Amtsgericht, wo ein*e Richter*in sich alles anschaut, die Gutachter*innen zu Wort kommen und belegen, ob das so stimmt und dann heißt es im besten Falle: ‘Okay, wir glauben Ihnen.’”

Es ist aber gar nicht wichtig, dass irgendein*e Expert*in oder Richter*in einem glaubt – das eigene Empfinden sollte doch ausreichend sein. Selbst ein Gutachter von Ana gab zu, dass man auf Transexualität ja nicht “testen” könne und dass diese kostspielige und zeitintensive Gutachten somit eigentlich hinfällig seien, aber das Gesetz schreibe diese nun mal so vor.

Das TSG kann auf den Müllhaufen der Geschichte befördert werden.

Abgesehen von dem langwierigen Prozedere ist so ein Verfahren eine große Belastung, gerade wenn man sich erst geoutet hat. Dem mag und kann sich nicht jede*r stellen. Fraglich ist auch, wie man damit umgehen soll, wenn das Gutachten sagt: “Wir glauben Ihnen nicht.”

Warum muss das so sein? Es geht hier um den Schutz der Bürger*innen, auch vor sich selbst. Aber das TSG legt ja nur rechtlich die Änderungen fest, es ist keine medizinische Maßnahme und so ist die Frage: Welchen Schaden kann eine Namensänderung und die Änderung des Geschlechts im Personaldokument dem Staat bringen? Denn niemand macht so etwas leichtfertig.

Endlich keine psychische Krankheit mehr

2018 hat die WHO endlich beschlossen, dass Transexualität keine psychische Krankheit mehr ist. Das war ein sehr überfälliger Schritt, denn gerade die psychische Komponente, also, dass man ja bekloppt sein muss, weil man sich im falschen Körper empfindet, machte es stigmatisierend.”

Gerade in Anastasias Beruf hieß es damals mal gern von außen: „Weiß nicht mal, was ihr Geschlecht ist, will aber in den Krieg.“ Das regt sie sehr auf: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, nur weil ich transsexuell bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wer ich bin. Ich habe für mich einfach länger gebraucht, um mich zu outen, da die Gesellschaft damals noch nicht so weit und das Thema noch sehr tabuisiert war.”

Und da nun anerkannt ist, dass Transindetität keine Krankheit darstellt, sollte dieses veraltete Gesetz, das TSG, laut Anastasia, abgeschafft werden. “Es gibt einen Entwurf für ein Selbstbestimmungsgesetz. Dieses rückt wirklich die Betroffenen in den Fokus und von denen ausgehend, wo es wirklich um die Selbstbestimmung geht, also kein Gutachter*innenverfahren mehr da ist. Ein Teil dieses Gesetzentwurfs sieht vor, dass Transgender dann endlich einen Anspruch auf die Kostenübernahme medizinischer Behandlungsmaßnahmen haben, da es ja keine Krankheit ist.“

Sichtbar trans

Das eigene Engagement birgt für Anastasia natürlich auch Anfeindungen, für Ana ist aber klar, dass sie, wenn sie etwas verändern will, eben sichtbar sein muss; und eigene Geschichten geben Orientierungspunkte. Glücklicherweise kriegt sie für ihre Arbeit aber auch viel positives Feedback. „Meine Geschichte ist ja nicht positiv geschrieben, sondern einfach so, wie sie ist. Und wenn das Menschen Mut macht, dann begrüße ich das.“

2017 drehte Thomas Ladenburger eine sehr sehenswerte Dokumentation über sie. In Ich bin Anastasia wird sie bei ihrer operativen Geschlechtsangleichung, ihrer Hochzeit und ihrem Dienstantritt als Bataillonskommandeurin im brandenburgischen Storkow begleitet.

Anastasia kann allerdings auch die verstehen, die sagen, sie möchten nicht so sichtbar sein, möchten nicht immer wieder daran erinnert werden, dass sie vorher als Frau/Mann gelebt haben. Sie selbst kann eh auch nicht für alle sprechen, sie vertritt nur ihre Position.

Meine Geschichte ist ja nicht positiv geschrieben, sondern einfach so, wie sie ist.

Wir leben immer noch in einer sehr binären Gesellschaft: Es gibt Frau und Mann. Zwar gibt es offiziell nun auch die dritte Option, aber das verstehen viele noch nicht. Es gibt einige Transgender, die sagen, sie sind endlich bei sich angekommen und möchten nicht mehr als trans wahrgenommen werden.

Ana hatte sich das am Anfang auch mal so gedacht, so à la “Ich gehe in einen Tunnel und komme als Frau wieder raus und dann negiere ich alles, was davor war. Aber nee”, sagt sie vehement, “trans gehört zu meiner Biografie, meinem Alltag dazu. Und da ich für die Rechte meiner Community kämpfe, bin ich sichtbar trans – das ist der Preis, den ich gerne dafür zahle.”

Einfach nur akzeptiert werden

Auch wenn es in Berlin eine tolle queere Community gibt, existieren hier aufgrund der Größe der Stadt mehrere Realitäten. Und eine Realität ist, dass Anastasia nirgendwo so oft angefeindet, angepöbelt und angespuckt wurde wie hier. Auf der einen Seite erlebt sie einen positiven Zusammenhalt in ihrer Community und eine steigende queere Awareness.

Auf der anderen Seite ist das negative Erleben: immer wieder dumme Sprüche aus dem Auto raus oder das Vermeiden bestimmter U-Bahn-Linien, um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. “Das sind übrigens Erfahrungen, die Menschen mit anderen Hintergründen auch machen, aber das macht’s ja nicht besser.“

Allen Anfeindungen zum Trotz blickt sie hin und wieder leicht neidisch auf die jetzigen gesellschaftlichen Umstände, in denen es um einiges leichter ist, offener mit dem Thema umzugehen. Es gibt mehr Informationen zur Transidentität und man hat die Möglichkeit, sich viel früher mit sich selber auseinanderzusetzen – in Anastasias Jugend war das nicht möglich. Sie musste sich noch verstecken, was ihr zwanzig Jahre lang viel abverlangte.

Ich möchte einfach nur akzeptiert und wertgeschätzt werden, ich nehme ja keinem was weg und bin genauso ein Teil dieser Gesellschaft.

Für die Zukunft wünscht sich Anastasia und kämpft dafür, dass der Staat in all seinen Bereichen und mit all seinen Mitteln an dem Thema dranbleibt und neutral unterstützt. Angefangen bei der Bildungsarbeit in der Schule: Diese stellt den ersten Grundstein, um den Zugang zum Thema zu erleichtern und dieses so angstfrei wie möglich zu gestalten. Mit ordentlichen Beratungsangeboten kann das Thema diskriminierungsfrei dargestellt werden.

“Mit diesen Hilfen im Rücken und der Unterstützung der Gesellschaft und des eigenen Umfelds ist der Schritt zu sich selbst sehr viel einfacher.” Und jede*r sollte das Recht haben, sich selbst finden zu können und er*sie selbst zu sein.

TENE liebt Autos und das Autofahren. Gerne wäre sie die Chauffeurin der Bundeskanzlerin geworden, aber nach dem Studium der Hungarologie bot sich etwas mit Literatur an und so ist sie nun glücklicher Teil des im-gegenteil-Teams. Und genau wie bei einem 1968er Ford Mustang schlägt ihr Herz höher, wenn sie schöne Texte über Liebe, Herzschmerz, und Fummeln lesen darf. Denn damit kennt sie sich auch gut aus.
JULE ist Gründerin von im gegenteil und Head of Love. Sie schreibt (hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken über ihr eigenes Leben), fotografiert Menschen (weil die alle so schön sind) und hat sogar mal ein Buch verfasst. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Kreatives, Redaktionelles und Steuererklärungen, also alles, was hinter dem Rechner stattfindet. In ihrer Freizeit schläft sie gerne, sortiert Dinge nach Farben und/oder trägt Zebraprint. Wer kann, der kann.

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