Mann oder Frau? Leni Bolt lässt sich in keine Schublade stecken

Leni Bolt kam rein medizinisch gesehen als Junge zur Welt, identifiziert sich heute aber als nicht-binäre Transperson; mit heteronormativen Schubladen braucht man der 26-Jährigen da also nicht zu kommen.

Als selbstständige Social-Media-Managerin hat Leni auf Instagram eine beachtliche Zahl von Follower*innen, die an ihrem Leben als digitale Nomadin teilhaben. Diese Reichtweite nutzt sie gerne, um sich für LGBTQ+-Themen einzusetzen. Ich treffe sie in Kreuzberg, um mit ihr über das Leben als Transperson, die Liebe und alles, was so dazu gehört, zu quatschen.

Leni ist ein richtiges Multitalent, vor ihrer Karriere als Social-Media-Managerin arbeitete sie schon als Modedesignerin und Model. Schon in ihrer Kindheit in Westfalen spielte Mode eine sehr große Rolle, nicht zuletzt auch wegen des Karnevals und der Kostüme. Für Leni mussten es immer weibliche Charaktere sein, so konnte sie sich ausprobieren und erste Erfahrungen damit sammeln, wie unterschiedliche Kleidungsstile Menschen verändern und beeinflussen können.

Leni trug jedoch keine Kleidung, die sie eindeutig in Kategorie Junge oder Mädchen zuordnen ließ. Und das gefiel vielen nicht.

Dank Leni staubte das Hochzeitskleid ihrer Mutter nicht ein, denn sie trug es gerne zuhause. Aber auch außer Haus experimentierte sie zunehmend mit Mode. Als Teenager verkaufte sie ihre eigenen Designs auf dem Marktplatz, was sie damals sogar ziemlich bekannt machte.

Zu dieser Zeit wurde sie noch als Junge wahrgenommen. Sie trug jedoch keine Kleidung, die sie eindeutig in eine der Kategorien Junge oder Mädchen zuordnen ließ. Und das gefiel vielen nicht. Ihr war klar, dass sie von dort wegziehen musste, was sie nach dem Abitur auch tat. Es ging also ab nach Berlin, wo sie Modedesign studierte. Ihre Abschlusskollektion S/HERO war stark angelehnt an die eher androgyne Ästhetik der Anime-Charaktere, die sie schon seit Kindheitstagen liebte.

Was bedeutet es für Leni, nicht-binär zu sein?

Nicht-binär, oder non-binary, bedeutet, dass sich die Person nicht eindeutig als Mann oder als Frau identifiziert. Genderfluid oder genderqueer sind ebenfalls Selbstbezeichnungen für Menschen, die die Frau/Mann-Kategorien ablehnen.

In unserer Gesellschaft gibt es wenig Raum für Menschen, die sich außerhalb vom binären Geschlechtersystem definieren. Traditionelle Rollenbilder, die bestimmen, was sich als Mann oder Frau gehört, sind nicht so leicht aufzubrechen, vor allem weil sie als „natürlich“ wahrgenommen werden und somit wenig hinterfragt werden.

Leni identifiziert sich heute als Transperson, auch ohne eine klassische Transition anzustreben. (Eine klassische Transition ist eine Angleichung an das empfundene Geschlecht und wird üblicherweise durch Operationen und Hormone erreicht.)

In unserer Gesellschaft gibt es wenig Raum für Menschen, die sich außerhalb vom binären Geschlechtersystem definieren.

Nicht-binär ist für Leni eine passende Selbstbeschreibung, da sie sich nicht zu 100% wie eine Frau fühlt. Zuvor sagte Leni mal in Interviews, sie wäre ein Mädchen, zufrieden im Körper eines Jungen. Für sie bedeutet das, dass das Geschlecht unwichtig ist.

So klar war das keineswegs schon immer. In der Vergangenheit durchlebte sie auch harte Zeiten, da sie – und vor allem ihr Umfeld – ihre Geschlechtsidentität hinterfragte. Genderstereotype zu sprengen, etwas ungewiss zu lassen, das macht Leni aus.

Kleidung war schon immer eine wunderbare Weise, die eigene Identität auszudrücken. Dass diese statisch und unveränderbar ist, glaubt Leni nicht. Sie sieht das Leben als eine durchgehende Transition. Während sie sich derzeit gerne androgyner im Unisex-Look kleidet, durfte es zu Beginn des Modedesignstudiums sehr viel femininer sein. Daran merke sie, wie sie sich gerade eigentlich fühlt. Und wer fühlt sich schon immer gleich?

Nicht-binär bedeutet eben auch „unfest“, weswegen diese Selbstbezeichnung eine gewisse Freiheit und Frieden bedeuten kann. Es gibt kein „fertig“ und „vollkommen“ für sie. Im Gegensatz zu Menschen, die eine Geschlechtsdysphorie haben, hat sie nicht das Verlangen, sich eindeutig einer Kategorie zu zuordnen.

Leni sagte mal, sie wäre ein Mädchen, zufrieden im Körper eines Jungen. Für sie bedeutet das, dass das Geschlecht unwichtig ist.

Dass sie in Zeiten von YouTube aufgewachsen ist, weiß Leni wirklich zu schätzen. Besonders die Transmodels Andreja Pejic und Hari Nef waren große Vorbilder für sie. Vor allem, wenn man noch in einer Art Orientierungsphase ist, seien positive Rollenbilder so wichtig.

Sie glaubt, dass die jüngere Generation da noch viel mehr Möglichkeiten hat. Das könnte man zum Beispiel daran sehen, dass immer mehr Menschen mit Trans- oder nicht-binären Identitäten auf Instagram eine große Gefolgschaft finden.

Leni findet, dass wir als Gesellschaft auf einem guten Weg sind. Begeistert erzählt sie mir von ihrem letzten Freibadbesuch im Berliner Prinzenbad, wo es auch genderneutrale Umkleidekabinen gibt. Das ist eine positive Entwicklung! Denn gerade bei Umkleidekabinen und Toiletten werden die öffentlichen Debatten um genderneutrale Orte leider voller Hysterie und Unwahrheiten geführt.

Über die Belange und Rechte von Trans- und nicht-binären Menschen wird vermehrt gesprochen, das heißt aber nicht, dass es sich um einen Trend handelt.

Gerade bei Toiletten werden die öffentlichen Debatten um genderneutrale Orte leider voller Hysterie und Unwahrheiten geführt.

Eine Sorge, die Leni hat, ist, dass es in den Medien manchmal so dargestellt wird, als sei Genderqueerness oder Nicht-Binarität etwas ganz Neues, Cooles. So eine Darstellungsweise kann auch schaden. Neue Trends kann man schließlich doof finden und erwarten, dass sie bald wieder vorüber gehen.

Gibt es keine blöden Fragen?

Besonders bei Transidentitäten ist es leider häufig so, dass manche glauben, es sei in Ordnung, einer fremden Person intimste Fragen zu stellen. Natürlich kommt es auch darauf an, wie man Fragen stellt. Niemand möchte sich wie ein Tier im Zoo fühlen. Zu Zeiten des Internets haben wir zum Glück die Möglichkeit, viele Fragen selbst nachzuschlagen.

Eine Person, die in ihrem Leben ohnehin schon viel Ignoranz und Ablehnung erfährt, mit intimsten Fragen zu konfrontieren, ist also vermeidbar. Ganz so, wie Leni es auch auf ihrem Instagram-Account verlauten lässt: „Educate yourself!“ Niemand möchte sich ständig erklären oder rechtfertigen müssen.

‚Educate yourself!‘ Niemand möchte sich ständig erklären oder rechtfertigen müssen.

Leni glaubt, dass es ein Urinstinkt von Menschen ist, Personen einordnen zu wollen und meint, dass das in gewissem Maße in Ordnung ist, solange es nicht diskriminierend wird. Ein richtiger Schritt nach vorne wäre, dem Instinkt, in Schubladen einordnen zu wollen, nicht nachzugeben, egal ob es dabei um Gender, Ethnizität oder sozialer Schicht geht.

Die nicht-binäre Community ist eher klein im Vergleich zur Gay Community. Deswegen findet Leni es gerade so wichtig, sich für die Rechte von nicht-binären Menschen einzusetzen. Sie meint, dass es einerseits zwar total verständlich ist, dass viele Transmenschen lieber ein ruhiges Leben führen und nicht aktivistisch unterwegs sein wollen, was aber den Nachteil mit sich zieht, dass nur wenige Menschen in der Öffentlichkeit präsent sind.

Datinglife

Wenn es ums Dating geht, hat Leni in den letzten Jahren leider immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Männer ein Problem damit hatten, offen zu ihr zu stehen. Obwohl sie in Berlin und im Jahr 2019 lebt, sind viele anscheinend noch immer nicht so weit. Das ist sehr schade!

Tinder nutzt sie mittlerweile nicht mehr so, da die meisten dort bloß Sex suchen und sie das zu langweilig findet. OkCupid ist aber eine schöne Alternative, weil es da mehr Gender-Optionen gibt und sie so gleich etwas über die Einstellungen der Person lernt. Gerade für Transmenschen sind solche Tools wichtig, da sie sich vor unangenehmen oder sogar gefährlichen Situationen schützen können.

Als ich sie frage, ob sie erleichtert ist, in Berlin in einer Art Bubble leben zu können, erwidert sie ganz klar, dass sie sich in keiner Bubble aufhalten möchte, dass sie so gar nicht leben möchte. Sie möchte gerne überall leben können und sich nicht verstecken müssen. Und mir wird klar, dass ich eine blöde Frage gestellt habe.

Sehr viele Menschen leiden darunter, diesen Rollenbilder von Frau/Mann gerecht zu werden. The future is queer!

Als Cis-Frau ist mir das leider nicht immer bewusst. Check your privilege! Sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu sein und auf soziale Ungleichheit zu achten, ist immer wieder wichtig.

Leni ist zurzeit jedenfalls glücklich in Berlin, schließlich ist die queere Szene nirgendwo sonst so gut vernetzt wie hier. Aber es wird nicht ihre letzte Station sein. Irgendwann in der Zukunft, sagt sie, kann sie sich auch ein Leben in einer kleineren Stadt vorstellen. Am liebsten mit Mann, Hund und Haus.

Für diese Zukunft erhoffe ich mir, dass Menschen bald nicht mehr mit Erwartungen geboren werden, die auf ihren Geschlechtsmerkmalen basieren, die sozusagen an ihren Körpern kleben. Sehr viele Menschen leiden darunter, diesen Rollenbilder von Frau/Mann gerecht zu werden. The future is queer!

Wer mehr über Trans-, nicht-binäre oder Cis-Identitäten lesen möchte – hier entlang!

KATHARINA wurde zwar in Berlin geboren, wollte aber eigentlich immer in die weite Welt hinaus. Vielleicht hat das mit ihren friesischen Vorfahren zu tun, die waren schon vor langer Zeit auf hoher See um die Welt gereist. In London fand sie für viele Jahre ihr Zuhause und studierte dort nicht nur Medienwissenschaften und Soziologie, sondern bekam nebenbei noch gleich zwei Kinder. Sie ist Feministin, obwohl sie denkt, dass das eigentlich selbstverständlich ist. Als überzeugter Killjoy kann sie schlecht mit Ignoranz umgehen. Was sie liebt, sind ungewöhnliche Biografien und am liebsten hört sie diese direkt von Menschen auf Reisen.
JULE ist Gründerin von im gegenteil und Head of Love. Sie schreibt (hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken über ihr eigenes Leben), fotografiert Menschen (weil die alle so schön sind) und hat sogar mal ein Buch verfasst. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Kreatives, Redaktionelles und Steuererklärungen, also alles, was hinter dem Rechner stattfindet. In ihrer Freizeit schläft sie gerne, sortiert Dinge nach Farben und/oder trägt Zebraprint. Wer kann, der kann.

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