Ich muss meine Beziehung geheim halten, weil ich mich noch nicht geoutet habe


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Stell dir vor, du hast dich gerade frisch getrennt. Du weinst, bist wütend, verletzt und möchtest einfach nur so lange mit jemandem darüber reden, bis es sich nicht mehr wie deine Geschichte anfühlt, sondern wie die einer anderen Person. Und jetzt stell dir vor, dass du niemandem erzählen kannst, wie es dir geht, weil du dich noch nicht geoutet hast. Deine Kolleg*innen, deine Eltern, deine Freund*innen: Niemand weiß Bescheid.

Drei queere Personen erzählen, wie schwer es ist, heimlich zu daten, weil gleichgeschlechtliche Beziehungen immer noch nicht so akzeptiert werden, wir es vielleicht denken.

Isabella

Genau so ging es Isabella, als sie und ihre Freundin letztes Jahr Schluss machten. Vor ein paar Jahren war die jetzt 21-Jährige von Australien nach London gezogen und die einzige Person, die sie in der Stadt kannte, war die Tochter einer Freundin ihrer Mutter. Isabella und die Tochter, nennen wir sie Hannah, kamen zusammen und führten zwei Jahre lang eine Beziehung.

Es war Isabellas erste Beziehung. Sie wusste schon seit sie etwa 15 Jahre alt war, dass sie lesbisch ist, aber ihre Mutter hat immer wieder homophobe Kommentare fallen lassen. „Ich dachte, es liege an ihrem Alter, um ehrlich zu sein. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der es nicht okay war, homosexuell zu sein.

Sie kommt zwar damit klar, wenn andere LGBTQ sind, aber bei ihren eigenen Kindern ist das etwas anderes.

Sie kommt zwar damit klar, wenn andere LGBTQ sind, aber bei ihren eigenen Kindern ist das etwas anderes“. Isabella verheimlichte ihre Beziehung vor ihrer Mutter, wodurch sie ständig Angst hatte, dass jemand etwas Falsches auf einem Social-Media-Kanal posten könnte. Und als Hannah sie irgendwann betrog und sich die beiden trennten, musste sie auch das verheimlichen.

Aber nicht nur das: Sie musste auch weiterhin Fragen über sich ergehen lassen wie zum Beispiel „Wie geht es Hannah? Seid ihr beiden noch befreundet?“

„Ein paar Leute versuchten manchmal, mich dazu zu ermutigen, meiner Mutter alles zu erzählen. Sie sagten Sachen wie: ‚Ich bin mir sicher, dass es für sie okay ist, schließlich liebt sie dich ja.‘ Ich weiß zwar, dass sie gut gemeint waren, aber solche Kommentare haben mich, ehrlich gesagt, nur genervt. Wenn du noch nicht bereit bist dich zu outen, dann bist du noch nicht bereit. Tatsächlich war ich kurz davor es zu tun, aber dann ist Hannah fremdgegangen.“

Sechs Monate nach ihrer Trennung von Hannah beschloss Isabella, es ihrer Mutter zu sagen. „Ich hatte keine Lust mehr auf Lügen, also schrieb ich ihr bei Facebook eine Nachricht. Ich konnte sie nicht absenden, deswegen machte das ein*e Freund*in für mich.

Ich musste sieben Stunden auf ihre Antwort warten und die meiste Zeit davon hatte ich Panikattacken.

Ich musste sieben Stunden auf ihre Antwort warten und die meiste Zeit davon hatte ich Panikattacken. Sie sagte, dass sie schon so ein Gefühl hatte. Sie sagte, dass sie mich trotzdem liebt. Aber später fand ich heraus, dass sie ein paar nicht so nette Sachen zu anderen Familienmitgliedern gesagt hatte“.

Isabella lernte durch Instagram, Twitter, Tumblr, LGBTQ-Proteste und -Konzerte Menschen kennen, die sie sehr gut verstehen und unterstützen. Allen, die sich noch nicht getraut haben, sich zu outen, rät sie Folgendes: „Mach es erst, wenn du dafür bereit bist und dich sicher fühlst. Versuche, dich mit Leuten zu umgeben, die immer für dich da sind und nicht hetzen. Es liegt an dir, echte Freunde zu finden“.

Isabellas Geschichte ist kein Einzelfall. Ehrlich gesagt, ging es mir sogar ähnlich, bevor ich mich mit 19 geoutet habe. Obwohl das eine echte Erleichterung für mich war, hat es viele Jahre gedauert, bis mich meine Familie wieder komplett akzeptiert hat. In der Zwischenzeit hatte ich feste Beziehungen mit Personen, die sich aus religiösen Gründen vor ihrer Familie noch nicht geoutet hatten. Das sorgt für zusätzlichen Druck in der Beziehung.

Meine Familie möchte natürlich immer, dass ich sie zu Feiern mitbringe, aber das erinnert sie daran, dass sie von ihrer eigenen Familie nicht akzeptiert werden. Dazu kommen die Geheimnisse, Lügen und das Versteckspiel, das die Beziehung belastet. Außerdem hätte ich immer ein schlechtes Gewissen, Schluss zu machen, weil ich weiß, dass sie nicht mit ihren Lieben darüber reden können.

John*

John ist 33 Jahre alt, kommt aus Stirling, Schottland, und ist bisexuell. Er weiß es schon seit acht oder neun Jahren, hat aber bisher nie den richtigen Moment gefunden, um es seinen Eltern zu erzählen. Leider ist sein Vater mittlerweile gestorben. Aber das ist noch nicht alles: John ist mit einer Frau verheiratet. Sie führen eine polyamouröse Beziehung.

Während er glaubt, dass seine Mutter vielleicht sogar damit klarkommen würde, sieht es bei seinen Kolleg*innen schon wieder ganz anders aus.

Während er sich vorstellen könnte, dass seine Mutter vielleicht sogar mit seinem Privatleben klarkommen würde, sieht die Sache bei seinen Kolleg*innen schon wieder ganz anders aus. Homophobe Kommentare sind hier keine Seltenheit:

„Es sind Sachen, die sie einer homosexuellen Person niemals direkt ins Gesicht sagen würden. Jemand machte mal einen homophoben Witz über eine*n andere*n Kolleg*in und erwartete, dass ich darüber lache. Ich überlegte, was ich machen sollte. Würden sie sich fragen, was mit mir los ist, wenn ich nicht lache und ihnen stattdessen meine Meinung sage? Also wechsle ich meistens einfach nur das Thema“, so John.

Der wahre Grund, wieso John es seiner Mutter noch nicht gesagt hat, könnte etwas mit verinnerlichter Homophobie zu tun haben. Bei der Arbeit hat es auf jeden Fall etwas damit zu tun, wie alle miteinander umgehen. Die Konsequenz ist, dass er nie jemanden in der Stadt daten kann, in der er arbeitet, weil er Angst hat, gesehen zu werden.

„Es ist eine kleine Welt. Ich muss immer überlegen, wer wen kennen könnte und ob mein Geheimnis nicht über drei Ecken herauskommen könnte. Die sicherste Dating-Variante sind für mich Apps. Meine heterosexuellen Kollegen können ja nicht wissen, dass ich die App benutze, denn wenn sie selbst angemeldet wären, würde das bedeuten, dass sie auch homosexuell sind. Und dann würden sie mich sicher nicht outen“, so John.

John denkt, dass seine Geschichte zeigt, dass wir in Sachen LGBTQ immer noch nicht so weit sind, wie wir es glauben.

John denkt, dass seine Geschichte zeigt, dass wir in Sachen LGBTQ immer noch nicht so weit sind, wie wir es glauben. „In meiner Stadt freunden sich viele gerade erst mit dem Gedanken an, dass Homosexualität okay ist. Aber Bisexualität ist noch mal ein ganz anderes Thema. Sie glauben, dass du homosexuell bist, aber versuchst, es zu verstecken.

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Meiner Erfahrung nach wird es bei Frauen häufiger akzeptiert, wenn sie bisexuell sind – aber aus den falschen Gründen. Nämlich weil Männer darauf stehen. Wir sind schon viel weiter, als wir es noch vor zehn Jahren waren. Trotzdem Menschen scheinen uns viele nur zu tolerieren, aber nicht zu akzeptieren“.

Michael

Michael ist 23 Jahre alt und kommt auch aus Schottland. Er sagt, dass es Regionen in Großbritannien gibt, die konservativer sind als andere. Letztes Jahr zog er nach London. Erst seitdem er dort wohnt, fühlt er sich wirklich wohl damit, öffentlich Männer zu daten. Während seines Studiums in Edinburgh hat er zwar ab und zu mal jemanden über Grindr getroffen, doch das empfand er meist als ziemlich einschüchternd.

In London traf er dann endlich Gleichgesinnte, bei denen er jetzt ganz er selbst sein kann. Hier hatte er auch zum ersten Mal eine kurze Beziehung. „Ich wäre vielleicht auch schon eher dazu bereit gewesen, wenn ich mich eher geoutet hätte – mit 15 oder so. Dann hätte ich vielleicht auch schon früher mit dem Daten angefangen.“

Obwohl Michael schon früh wusste, dass er schwul ist, fiel es ihm als Teenager schwer, das wirklich als seine Realität anzunehmen.

Obwohl Michael schon seit seinem siebten oder achten Lebensjahr weiß, dass er schwul ist, fiel es ihm als Teenager schwer, das wirklich als seine Realität anzunehmen: „In meiner Heimatstadt gibt es nur sehr wenige homosexuelle Personen und mit den schwulen Männern, die ich getroffen habe, konnte ich mich nicht identifizieren“, sie wären alle so laut und extravagant gewesen und er das komplette Gegenteil.

„Deswegen habe ich mich auch nie geoutet und hatte Beziehungen mit Frauen. Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war, weshalb sich mein Vater um uns kümmern musste. Doch er arbeitete sehr viel und wir konnten nie eine wirklich innige Beziehung zueinander aufbauen. Als ich 15 war, starb dann auch noch meine Oma“, erzählt Michael.

Weil er keine Bezugsperson hatte, der er sich hätte anvertrauen können, beschloss er, dass es einfacher sei, eine Frau zu heiraten, als seine Homosexualität offen auszuleben. Als seine Schwester sich outete und erzählte, dass sie mit einer Frau zusammen ist, änderte sich die Situation leicht. Sein konservativer Vater ging überraschend entspannt damit um.

Dennoch hatte Michael nicht weniger Angst, sich zu outen. Er befürchtete sogar, dass es doppelt schwer für seinen Vater wäre, wenn er herausfindet, dass seine beiden Kinder homosexuell sind:

„Wegen meiner Schwester fragen sich viele, warum ich mich nicht einfach oute. Ich denke, so langsam gewöhne ich mich an den Gedanken. Wenn er mich direkt darauf ansprechen würde, könnten wir uns vielleicht darüber unterhalten. Aber ich glaube nicht, dass ich es von mir aus ansprechen werde – zumindest so lange nicht, bis ich eine Beziehung mit einer anderen Person führe.“

Während Michael auf den Richtigen wartet, erinnert er uns daran, dass es nicht nur die eine typische Coming-out-Story gibt.

Während Michael auf den Richtigen wartet, erinnert er uns daran, dass es nicht nur die eine typische Coming-out-Story gibt: „Ich glaube, viele denken, dass es heutzutage einfach ist, mit sich und seinem Leben glücklich zu sein, und dass es kein großes Ding ist, sich zu outen. Ich verstehe zwar, was sie damit meinen, aber ich denke, dass viele trotzdem Angst davor haben.

Es ist etwas sehr Persönliches und jede*r geht anders damit um“, so Michael. „Es muss keine große Show sein und man kann es machen, wenn man 25 oder 35 ist – nicht 15. Nur weil man wartet, heißt das nicht, dass man nicht glücklich ist. Mein Glück hängt nicht davon ab, ob ich es meinem Vater erzähle oder nicht. Ich bin sehr stolz auf meine Sexualität.

*Name wurde von der Redaktion geändert

Headerfoto: rawpixel via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Text: Amelia Abraham.

1 Comment

  • ich finde es traurig das es noch immer so viele Vorurteile gibt und das viele Familien es kein Problem finden, das andere LGBTQA sind aber wenn es jemand aus der eigenen Familie ist, geht die Welt unter. Ich kann mich da glücklich schätzen das meine Mutter mir schon einmal gesagt hat, sollte ich auf Frauen stehen, ist das für sie gar kein Problem. Aber da ich asexuell und aromantisch bin, ist es eher unwahrscheinlich das ich eine Beziehung eingehe, wobei ich nichts gegen Homosexuelle habe, ich befürworte das es viel normaler wird, Homosexualität auszuleben. Einfach Händchen halten das sollte normal sein! Einen Kuss auf der Straße, sich von dem Partner zu verabschieden ohne schräge Blicke, sollte normal sein. Die Realität sieht leider anders aus, aber ich finde es normal und hoffe das es für mehr Menschen so wird.

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