Katie Aenderson: „Ich möchte nicht Vergewaltigungs-Opfer genannt werden – ich bin kein Opfer. Ich bin eine Überlebende“

Katie wurde mit 18 Jahren von einem Arbeitskollegen vergewaltigt – während zwei seiner Freunde im Nebenzimmer waren und alles mitbekamen. Anschließend wurde ihr eingeredet, dass es übereinstimmender härterer Sex gewesen sei. Auch der Polizeibeamte, bei dem sie nach ein paar Tagen vorsprach, erklärte ihr, es würde ihr im Falle einer Anzeige niemand glauben, weil der Täter zwei Zeugen auf seiner Seite hätte. Und drei Aussagen gegen eine – das macht sich nicht gut vor Gericht. Seitdem leidet Katie unter Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Erst jetzt – sieben Jahre später – geht sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit und möchte anderen Vergewaltigungs- und Missbrauchs-Überlebenden Mut machen, über ihre Traumata zu reden. Wir von im gegenteil haben mit Katie über ihren bewundernswerten Feldzug gegen das Schweigen über sexuelle Gewalt an Menschen gesprochen. 

Hallo Katie, danke dass du dir heute für im gegenteil und ein Gespräch über dieses sehr sensible Thema Zeit genommen hast. Wollen wir uns kurz einchecken? Wie geht’s dir heute?

Katie: Danke, es geht mir gut! Ich bin zur Zeit im Home Office und auch die Uni läuft bis auf Weiteres gerade mit Online-Vorlesungen, für mich hat sich durch Corona nicht viel geändert… 

Ich möchte Euch gerne danken, weil Ihr mir die Möglichkeit gebt, über das Thema des sexuellen Missbrauchs öffentlich zu sprechen. Seitdem ich das tue, bekomme ich nämlich ganz viele ermutigende Nachrichten von vielen verschiedenen Menschen aller Geschlechter, die mir schreiben, dass sie das Gleiche erlebt haben oder auch etwas vollkommen anderes – aber etwas, das sie selbst nicht wollten. 

Es ist schön, so viel positive Rückmeldung zu dem zu bekommen, was ich tue. Es tut gut zu sehen, dass so viele Leute da draußen sind, die nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die sich in Form von einem Gespräch mit mir Hilfe suchen.

Wir haben uns ja heute verabredet, um über deine Geschichte zu sprechen. Laut einer Studie vom Bundesfamilienministerium haben etwa 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erlebt, dazu zählt Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder unterschiedliche Formen sexueller Nötigung. So ging es auch dir vor sieben Jahren – was ist damals passiert?

Katie: Ich habe damals mit dem Täter zusammen gearbeitet, in einem Coffee-Shop. Ich war Chef-Barista dort und er war neu ins Team gekommen. Ich war in unserem Arbeitsalltag so etwas wie die Autoritätsperson für ihn. Wir haben uns eigentlich soweit ganz gut verstanden, und deswegen hat er mich eines Abends zu sich eingeladen.

Er sagte, es würden mehrere Arbeitskollegen dort sein – quasi zur Einweihungsfeier seiner neuen Wohnung. Ich habe damals noch bei meinen Eltern gewohnt und gerade mein Abi gemacht. Am besagten Nachmittag hatte ich dann sogar noch eine Diskussion mit meiner Mutter, die eigentlich nicht wollte, dass ich später noch alleine wegging. Weil sie mich danach vom Bahnhof hätte abholen müssen, bat sie mich, nicht später als 22:00 Uhr den Heimweg anzutreten.

Wir haben dann zu viert Spiele gespielt – Flaschendrehen und Wahrheit oder Pflicht – was man als 18-Jährige eben so macht.

Als ich dann bei ihm ankam, waren außer ihm und seinen beiden besten Freunden keine weiteren Menschen da. Wenn ich das in der Retrospektive erzähle, hätte mich das schon stutzig machen können – aber damals hab ich mir nichts Weiteres dabei gedacht. Ich dachte eben, dass alle anderen abgesagt hätten. 

Wir haben dann zu viert Spiele gespielt – Flaschendrehen und Wahrheit oder Pflicht – was man als 18-Jährige eben so macht. Irgendwann war das Ganze aber kein Spiel mehr: Seine beiden Freunde sind vor die Tür gegangen und haben diese von Außen geschlossen. Danach kann ich mich an Einiges nicht mehr erinnern. Ich kann mich eigentlich erst wieder an die Zeit danach erinnern. 

Wie bist du danach damit umgegangen? Viele Menschen, denen nichts Vergleichbares passiert ist, fragen sich oft, warum man solch ein Delikt nicht sofort zur Anzeige bringt – aber das ist ja immer leicht gesagt, wenn man selbst noch nie in der Situation war. Die Hälfte der Betroffenen spricht mit niemanden über das Erlebte, nur ein Bruchteil der Vergewaltigungen wird überhaupt angezeigt. Was geht einem danach im Kopf vor?

Katie: Direkt danach haben seine beiden Freunde auf mich eingeredet und mir versucht mitzuteilen, dass es sich dabei lediglich um etwas härteren einvernehmlichen Sex gehandelt haben soll. Das sei halt so, wenn man sich mit Männern wir ihnen einließe. Sie haben mich dann auch noch zur Bahn gebracht, aber das nur, weil ich körperlich nicht mehr in der Lage gewesen wäre, dort alleine hinzugelangen. Ich wurde recht schwer verletzt und habe einiges an Blut verloren. 

Sie haben mich dann auch noch zur Bahn gebracht, aber das nur, weil ich körperlich nicht mehr in der Lage gewesen wäre, dort alleine hinzugelangen.

Bevor ich in die Bahn stieg habe ich meinem Freund geschrieben, dass ich jetzt auf dem Weg sei, und wenn ich mich in 15 Minuten nicht bei ihm melden würde, dann käme ich irgendwann in Hamburg an – die Bahn wäre dorthin weitergefahren. Ich habe quasi in den Überlebensmodus geschaltet und wusste, dass ich irgendwie nachhause kommen musste. Weiter habe ich nicht nachgedacht. 

Als ich zuhause ankam, war mir immer noch nicht richtig klar, was passiert war – ich glaube, das hat erst ein paar Tage später eingesetzt. Ich war auch am Tag danach nicht direkt bei meiner Frauenärztin und bei der Polizei. Allerdings habe ich Fotos von meinen Verletzungen gemacht und wollte meinen Kollegen eigentlich anzeigen.

Es stehe Aussage gegen Aussage und im Zweifel immer für den Angeklagten.

Als ich dann ein paar Tage später zur Polizei gegangen bin, zusammen mit meiner damaligen besten Freundin, um Anzeige zu erstatten, sagte der männliche Polizeibeamte zu mir, dass es nicht gut aussähe für mich. Ich sei nicht direkt nach der Tat beim Arzt gewesen und es gäbe zwei Zeugen, die vor Gericht in jedem Fall für den Täter aussagen würden. Es stehe Aussage gegen Aussage und im Zweifel immer für den Angeklagten. Deswegen habe ich damals keine Anzeige erstattet. 

Wie ging dein Leben dann weiter? Hast du ihn danach noch wiedersehen müssen? Immerhin war er ja ein Arbeitskollege von dir.

Katie: Ja, zweimal danach habe ich ihn noch gesehen. Wie gesagt habe ich am Anfang überhaupt nicht wirklich realisiert, was da vorgefallen war – bis ich ihn bei der Arbeit nochmal gesehen habe. Das war ein Tag, an dem wir auch noch gemeinsam abends den Laden abschließen sollten. 

In vielen Gastrobetrieben ist es so, dass es einen Raum gibt, in dem die Kasse steht – und dort gibt es meist keine Überwachungskamera. Dort geht man nur als Chef-Barista hinein, um das Geld zu zählen und den Kassenabschluss zu machen. Als ich das machen wollte, ist er mir aber gefolgt und wollte eine Fortsetzung der seiner Meinung nach völlig einvernehmlichen Geschichte.

Ich glaube, es ist ihm bis heute nicht bewusst, dass ich das überhaupt nicht wollte. Jedenfalls habe ich danach meine Kündigung eingereicht, weil mir – glaube ich – in dem Moment, als das nochmal passieren sollte, erst wirklich bewusst geworden ist, was an dem anderen Abend passiert war. Nach alledem bin ich mit 19 recht schnell von zuhause weg- und mit meinem Exfreund zusammen nach Wiesbaden gezogen. 

Ich glaube, es ist ihm bis heute nicht bewusst, dass ich das überhaupt nicht wollte.

Ihm habe ich das alles auch erzählt, aber er konnte – so wie viele andere Menschen auch – damit nicht wirklich umgehen. Es ist auch schwierig, das zu können – wenn man nicht weiß wie. Also habe ich knapp vier Jahre unserer Beziehung nicht darüber gesprochen und es einfach totgeschwiegen. Er wollte auch nicht darüber sprechen. 

Als wir uns dann vor fünf Jahren trennten und ich andere Männer gedatet habe, ist mir erst bewusst geworden, wie verständnisvoll mein Exfreund war. Zwar ohne mit mir darüber zu sprechen, aber in seinem Verhalten. Also habe ich vor vier Jahren den Männern abgeschworen und stattdessen Frauen gedatet – und bin jetzt auch glücklich mit meiner Frau verheiratet.  

Wie hat sich seitdem deine Beziehung nicht nur zu Männern im Datingkontext, sondern auch zu männlichen Freunden verändert?

Katie: Ich habe tatsächlich wenig männliche Freunde. Was auch teilweise der Tatsache geschuldet ist, dass, wenn ich Männer kennenlerne, viele von ihnen denken, da könnte mehr laufen. Es gibt ja viele Männer, die Beziehungen zwischen zwei Frauen nicht so ganz ernst nehmen. Auch bei mir im Studium gibt es einige männliche Kommilitonen, die sich einbilden, wenn man ihnen dreimal nett auf ihre Fragen antwortet, hätte man mit ihnen geflirtet. Wenn so etwas passiert, blocke ich das immer sofort ab.

Ich bin immer noch sehr, sehr vorsichtig. Nach der Trennung von meinem Exfreund habe ich zwar eine recht lange Zeit versucht, andere Männer zu daten – bestimmt ein Jahr lang. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, mich lange zu vielen Dates regelrecht gezwungen, weil ich nicht die sein wollte, die eine Extrawurst braucht. 

In meiner Beziehung, die ja nach dem Vorfall noch vier Jahre anhielt, hatte ich auch immer noch Sex mit meinem Exfreund. Nicht unmittelbar danach, aber etwa ein Dreivierteljahr später habe ich wieder mit ihm geschlafen, und es hat sich nie richtig angefühlt. Ich war immer angespannt, ich wusste nie, ob man “nein” sagen darf zu seinem Partner.

Wenn ich von meinem Trauma erzählte, war das für die meisten Männer, die ich danach versucht habe zu daten, zu viel Verantwortung.

Wenn ich von meinem Trauma erzählte, war das für die meisten Männer, die ich danach versucht habe zu daten, zu viel Verantwortung. Das wurde mir auch sehr oft so gesagt. Seitdem bin ich raus aus dem Thema und habe auch sonst nicht sehr viel Kontakt zu Männern. Abgesehen von meinem Frauenarzt tatsächlich, der aber über mein Trauma Bescheid weiß und sehr behutsam mit mir als Patientin umgeht; mich fragt, ob mir Dinge unangenehm sind bei der Untersuchung und dementsprechend darauf Rücksicht nimmt. Das hilft mir enorm.

Du sagtest bereits in anderen Interviews, dass deine Eltern nie von dir darüber unterrichtet wurden. Gab es dafür einen konkreten Grund und wie, glaubst du, hätten sie reagiert?

Katie: Das war eine bewusste Entscheidung. Ich bin sehr streng behütet aufgewachsen, als Einzel- und absolutes Wunschkind – gewissermaßen Papas kleine Prinzessin. Meine Eltern hatten ohnehin recht strenge Regeln und waren sehr vorsichtig. Und ich glaube, hätte ich das damals meiner Mutter erzählt, wäre sie daran zerbrochen. Mein Vater wäre damit, denke ich, etwas besser zurechtgekommen. Aber im Grunde glaube ich, dass sie bis heute nicht darüber hinweg gekommen wären, dass sie mich nicht schützen konnten.

Ich glaube, hätte ich das damals meiner Mutter erzählt, wäre sie daran zerbrochen.

Deswegen gebe ich heute auch Interviews unter meinem Künstler-Pseudonym und thematisiere dieses Thema auch lediglich auf meinem Instagram-Account. Ein bisschen rechne ich damit, dass sie es eines Tages herausfinden, was auf jeden Fall schwierig wäre für unsere Beziehung. Aber deswegen kann ich jetzt nicht nicht darüber reden: Nachdem ich sieben Jahre geschwiegen habe und jetzt endlich das Gefühl habe, dass ich bereit bin, darüber zu sprechen. 

Du hast verschiedene Therapien gemacht, die dir alle nicht wirklich geholfen haben, über die Vergewaltigung hinwegzukommen. Ich frage mich ja sowieso, wie man erwarten kann, dass jemand über dieses Erlebnis hinwegkommen soll. Aber wann kamst du zum ersten Mal zur Therapie und wie fühlte sich das für dich an?

Katie: Ich bin noch mit 18 das erste Mal zur Therapie gegangen – ein paar Monate nach der Tat. Meine Eltern wussten darüber auch Bescheid und wissen bis heute, dass ich lange in verschiedenen Therapien war – aber ich habe ihnen immer andere Gründe genannt.

Die erste Therapie erfolgte für mich aufgrund von Albträumen. Ich habe nach dem Vorfall keine Nacht mehr durchgeschlafen – was ja auch völlig verständlich war, aber ich wollte das in den Griff bekommen. Meine Therapeutin hat dann mit mir aufgrund dieser Albträume verschiedene Übungen gemacht: Ich sollte Bilder malen und dergleichen – das ging etwa ein halbes Jahr. 

Nach meinem Umzug nach Wiesbaden war ich auch dort bei einem Neurologen in Behandlung – wegen meiner Panikattacken und meiner Unfähigkeit, den Anblick von Blut und Blutabnahmen bei mir zu ertragen. Bis heute kann ich solche Prozeduren nicht ohne Beruhigungsmittel über mich ergehen lassen, weil man dabei ja auch immer ein wenig festgehalten wird.

Als ich dann nach Berlin gezogen bin, bin ich wieder zur Therapie gegangen und das fühlte sich soweit auch ganz gut an: Ich hab zu Beginn einer jeden Stunde einen Tee bekommen – ich trinke sehr gerne Tee – und das war für mich auch immer ein Zeichen von Geborgenheit. Ich hab mich also sehr wohlgefühlt. Allerdings habe ich der Therapeutin angesehen, dass sie irgendwie enttäuscht war, dass ich nicht weinen konnte über mein eigenes Erlebnis. Wenn ich darüber rede, dann weine ich nicht, weil das für mich nie mir selbst passiert ist. 

Wenn ich darüber rede, dann weine ich nicht, weil das für mich nie mir selbst passiert ist. 

Es fühlt sich für mich an, als wäre das jemand anderem zugestoßen – und so hab ich auch in der Therapie darüber gesprochen. Für die Therapeutin war das scheinbar ein Zeichen, dass wir noch nicht “den Durchbruch” geschafft haben – obwohl wir schon mehrfach über das Erlebte gesprochen hatten. Also habe ich nach einer Weile auch diese Therapie abgebrochen und seitdem bin ich … austherapiert. Weil ich nichts wirklich mitgenommen habe aus den Therapien und tatsächlich viel mehr davon habe, jetzt öffentlich mit Menschen über mein Trauma zu reden und darüber zu sprechen, dass das wirklich mir passiert ist und nicht irgendeinem 18-jährigen Mädchen. 

Wann und warum genau hast du begonnen, dein Schweigen darüber öffentlich zu brechen? Geht es dir damit gut?

Katie: Vor zwei Monaten muss es gewesen sein, als ich eine Anzeige vom Instagram-Account Let’s break the shame gesehen habe. Dort wurde von der Inhaberin dazu aufgerufen, über seelische Verwundungen zu sprechen und gerne Texte einzureichen, wenn man daran beteiligt sein möchte. Ich habe beispielsweise auch Freund*innen, die unter Depressionen leiden und die nicht darüber sprechen. Und da kam mir der Gedanke, dass irgendjemand den Anfang machen muss, über solche Themen zu reden.

Alle sitzen wir zuhause und sprechen nicht über unsere Probleme und Wunden – und alle denken wir, wir seien die einzigen, denen es so geht und keiner könne es nachvollziehen.

Alle sitzen wir zuhause und sprechen nicht über unsere Probleme und Wunden – und alle denken wir, wir seien die einzigen, denen es so geht und keiner könne es nachvollziehen. Und da habe ich eben meinen Beitrag für Let’s break the shame geschrieben und nach der Veröffentlichung wahnsinnig viele positive Nachrichten von Frauen bekommen, die mir sagten, dass es ihnen ähnlich ergangen ist und dass sie froh sind, dass jemand drüber spricht. 

Und da habe ich mir gedacht: Wenn so ein kleiner Account so viele Menschen erreichen kann und so viel auslöst, dann spreche ich jetzt mit Menschen mit mehr Reichweite, damit dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. 

Anschließend bin ich zu einer mittlerweile guten Freundin von mir in den Podcast gekommen, den Soulfood-Podcast, und habe da mit ihr über dieses Thema gesprochen. Ich war erstaunt, wie gut ich mich dabei gefühlt habe, mit jemandem bis dato völlig Fremden über mich und mein Erlebnis zu reden. Ich hatte das Bedürfnis, das öfter zu machen, also habe ich mehrere Magazine angeschrieben und jetzt wurden bereits zwei Beiträge veröffentlicht. Ich bin jedes Mal überrascht, wie viele positive Rückmeldungen kommen – auch von Männern, was mich natürlich auch beeindruckt. 

Alles, was gegen den Willen einer Person passiert in diesem sexuellen Kontext, ist für mich Missbrauch. 

Natürlich weiß ich, dass auch Männer solche Dinge erleben, aber ich fand es schon besonders, dass einige mutig genug sind, einer Frau über eine Nachricht ihre Gefühle mitzuteilen. Und auch Frauen schreiben mir, dass ihnen etwas ähnliches widerfahren ist. Zwar sagen dann viele, dass ihr Erlebnis nicht “so schlimm” war wie meines, aber dann versuche ich ihnen zu vermitteln, dass alles, was ihnen gegen ihren Willen angetan wurde, Missbrauch ist, und dass sie selbst entscheiden, ab wann sie sich belästigt fühlen dürfen.

Egal ob es sich um Catcalling handelt oder darum, dass sie ungefragt belästigende Fotos zugesandt bekommen über Social Media und dergleichen. Alles, was gegen den Willen einer Person passiert in diesem Kontext, ist für mich Missbrauch. 

Und ich finde, wir sollten darüber viel mehr sprechen. Viele sagen dann, dass sie ja Fotos auf ihrem Instagram-Profil hätten, die solche Reaktionen gewissermaßen provozieren. Aber Fakt ist, dass es keinen Grund gibt, einer anderen Person per Nachricht freizügige Bilder zu senden, außer sie hat ihr ausdrückliches Einverständnis gegeben. 

Was war die eigentliche Zäsur in Deinem Leben: Das Trauma oder Dein Engagement, mit dem Du jetzt an die Öffentlichkeit trittst, um das Thema sichtbarer zu machen?

Katie: Die Zäsur war definitiv das Trauma. Das ist weitreichender, als ich es damals für möglich gehalten hätte. Ich habe seitdem ja nicht nur sexuelle Probleme, wie ich schon erzählt habe, sind auch Blutabnahme etc. nicht mehr ohne Weiteres möglic. Ich kann auch nicht mehr auf Konzerte oder in den Freizeitpark gehen, ich laufe nicht mehr durch den Görlitzer Park – aus Angst, angesprochen zu werden. Ich bin immer auf Abwehrhaltung: Wenn ich angesprochen werde, habe ich immer sofort meinen Schlüssel oder mein Telefon in der Hand. 

Ich bin immer auf Abwehrhaltung: Wenn ich angesprochen werde, habe ich immer sofort meinen Schlüssel oder mein Telefon in der Hand. 

Ich bin deutlich empfindlicher geworden, was so etwas angeht. Für mich ist sehr schnell das Gespräch vorbei mit jemandem – auch wenn Leute zum Beispiel antifeministische Bemerkungen machen. Ich habe über die letzten Jahre gelernt, dass ich nicht in Konversationen bleiben muss, wenn ich nicht will. Ich kann gehen. Und das hat mir sehr geholfen.

Da gehe ich auch gar keine Kompromisse mehr ein – anders als es noch in den Jahren kurz nach meinem traumatischen Erlebnis war, weil ich nie die sein wollte, die immer “nein” sagt. Aber heute fällt mir das Nein-Sagen viel leichter, ich achte sehr viel auf mich und mein Wohlbefinden und damit lebe ich viel besser. Ich habe inzwischen einen guten “Bauchkompass”.

Welche Gefühle regen sich bei Dir, wenn Du Diskussionen um die Kunstfreiheit in den Medien mitbekommst, bei denen es um die mal mehr mal weniger künstlerische Adaption des Themas “Gewalt an Frauen” geht – Stichwort Till Lindemann oder Deutsch-Rap?

Katie: Ich nutze mein Sprachrohr durch Instagram sehr bewusst. Als die #unhate-women-Debatte um die frauenfeindlichen Deutschrap-Texte angestoßen wurde und auch die Plakate aufgehängt wurden, habe ich alles geteilt und auch mit jedem darüber gesprochen. Auch mit Frauen, die dann immer mal wieder gesagt haben, dass sie diese Musik selbst gerne hören und dass das alles ja auch nicht echt sei, was diese ganzen Musiker da texten würden. Und das ist der Punkt, an dem ich dann Diskussionen anfange. 

Wenn es um solche Themen geht, bin ich wie ein kleiner Pitbull, beiße mich fest und höre dann auch nicht auf. Weil ich nicht verstehe, wie man als Frau sagen kann: “Die rappen ja nur, dass sie die Frau zu fünft vergewaltigt haben – das machen die ja nicht.” Dann muss ich immer entgegnen: “Was ist denn mit den 15-jährigen Jungs, die das hören, super finden und dann denken: ‘Oh ja, also wenn die das machen, dann weiß ich ja Bescheid, dass eine Frau nicht sagen muss, dass sie das gut findet, was man mit ihr macht. Ich als Mann kann mir dann einfach nehmen, was ich will – ohne Rücksicht auf Verluste.’” 

Die Debatte um Till Lindemanns Gedicht habe ich – für mich zum Glück – nicht mitbekommen und dementsprechend auch nicht verfolgt. Glücklicherweise deswegen, weil mich so etwas immer sehr lange beschäftigt. 

Wer mich aber regelmäßig sehr aufbringt, ist Donald Trump mit seinen Aussagen. Just eben habe ich einen Bildband von Künstlerinnen gesehen, die Fotos von Frauen gemacht haben, auf deren Haut die Zitate von Donald Trump stehen. Es macht mich sprachlos, wie Menschen jemanden wie Trump zu ihrem Staatsoberhaupt machen können – aber dann sieht man ja auch, dass es auch Deutsche gibt, die die AFD wählen. 

Es gab jetzt zu Corona einen Spruch, den ich sehr passend fand: „Man kann die derzeitigen Verbote so lange hinterfragen, bis jemand aus dem eigenen Umfeld an Corona erkrankt – und dann hinterfragt man sie nicht mehr.“ Und ich glaube, das lässt sich auch auf eine Situation wie meine beziehen. Man kann so lange sagen, sexueller Missbrauch käme nicht so oft vor oder die Texte von von diesen Rappern seien nicht schlimm und frauenverachtend  – bis es jemandem aus der eigenen Familie passiert.

Wenn auch du etwas Ähnliches wie Katie erlebt hast und mit ihr darüber sprechen willst, kannst du dich gerne bei ihr über Instagram melden.

Du kannst dich außerdem an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden, Beratungsangebote in deiner Nähe auf www.gewalt-gegen-frauen.de finden und dich hier über alle Gewaltformen im Netz informieren. Du bist nicht allein.

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.
JULE ist Gründerin von im gegenteil und Head of Love. Sie schreibt (hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken über ihr eigenes Leben), fotografiert Menschen (weil die alle so schön sind) und hat sogar mal ein Buch verfasst. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Kreatives, Redaktionelles und Steuererklärungen, also alles, was hinter dem Rechner stattfindet. In ihrer Freizeit schläft sie gerne, sortiert Dinge nach Farben und/oder trägt Zebraprint. Wer kann, der kann.

1 Comment

  • ♡ Danke Katie und Im Gegenteil für dieses Interview. Vieles kann ich nachempfinden, da ich ähnliches erlebt habe. Seit Monaten versuche ich einen Text für Im Gegenteil genau zu diesem Thema zu schreiben, weil ich (anonym) darüber sprechen möchte (andere Texte wurden unter meinem Pseudonym bereits hier veröffentlicht)… aber ich finde es sehr schwer die richtigen Worte zu finden.
    Alles Gute wünsche ich dir, Katie und Danke für deine Offenheit!

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