Till Lindemanns Vergewaltigungs-Gedicht: ein Schlag in die Fresse aller, die jemals Opfer sexueller Gewalt wurden

Seit der Publikation des neuen Gedichtbandes von Till Lindemann ist in der Medienwelt eine Debatte entbrannt. Beziehungsweise ist sie nicht entbrannt, allenfalls ist das Feuer neu entfacht worden. Dennoch lautet die Kernfrage der Debatte mal wieder: Was darf Kunst und was darf sie nicht oder darf Kunst alles, nur weil es Kunst zu sein vorgibt?

Die einen oder anderen mögen sich in diesem Zusammenhang vielleicht noch dunkel an die Kampagne #UnhateWomen von Terre des Femmes erinnern. Diese schlug vor einigen Wochen große Wellen in den Medien und hatte das Ziel, auf die frauen- und menschenverachtenden Texte des deutschen Gangsta-Raps aufmerksam zu machen und diese als gewaltverherrlichend zu kritisieren. 

Das sei Kunst, die dürfe ohnehin alles und man solle sich nicht so anstellen.

Auch in diesem Fall, genau wie jetzt in dem des Till-Lindemann-Gedichtes, wehrt man(n) die Vorwürfe der Kritiker*innen ab mit dem Hinweis: Das sei Kunst, die dürfe ohnehin alles und man solle sich nicht so anstellen. Nur weil jemand darüber schreibe oder singe, einer Frau oder anderen Glassplitter in das Gleitgel zu mischen, hieße das ja nicht, dass er es auch täte. Autor ist ungleich lyrisches Ich und so, blablabla. Ja toll. Danke Capt’n Obvious (alias Helge Malchow). 

Nun aber eine kleine Frage, die ich mir seitdem stelle: Ich weiß das mit dem Unterschied zwischen Autor und dem lyrischem Ich, Helge Malchow weiß das – sehr gut, der sollte das auch wissen, der arbeitet schließlich in einem Verlag. Aber wissen die Autor*innen solcher Texte das denn auch?

Was ist Kunst?

Aufhänger der neu entbrannten Debatte ist nun also ist das Gedicht “Wenn du schläfst” von Rammstein-Frontmann Till Lindemann, der sich nunmehr zum zweiten Mal mit einem Lyrikband an die Öffentlichkeit getraut hat. Das Gedicht beschreibt ziemlich platt, plakativ und provokant – eben in gewohnter Rammstein Ekel-Ästhetik – die Vergewaltigung einer Frau, der vorher durch die im Text sprechende Instanz Drogen (da isses wieder, das lyrische Ich! Mensch, toll.) verabreicht wurden.

Ob das für mich Kunst ist oder nicht, möchte ich hier gar nicht lang und breit ausführen. Denn die Gründe dafür, warum ich das für mich zumindest klar verneinen kann, haben andere viel besser vorgebracht. Nur so viel: Mir fehlt hier die an Kunst meist erfreuliche Raffinesse oder eine gewisse Tiefe, die von ihren Konsument*innen eine Transferleistung verlangt. 

Mir fehlt hier die an Kunst meist erfreuliche Raffinesse oder eine gewisse Tiefe, die von ihren Konsument*innen eine Transferleistung verlangt.

Dass es nicht nur mir so ging, belegt beispielsweise der Kommentar von Julia Maria Grassdie betont, dass man nicht erst „die literaturwissenschaftliche Brille aufsetzen [muss], um festzustellen, dass es auch mit hoher Kunst in diesen Zeilen nicht weit her ist. Jeder zweite Debattenbeitrag zum Thema ist literarisch anspruchsvoller als dieses Gedicht selbst. […] Das ist sexistischer Dreck. Und der bleibt sexistischer Dreck, auch wenn er sich reimt.” 

Und auch Margarete Stokowski merkt an, dass es nicht sonderlich schwer ist, das Muster hinter Lindemanns Lyrik zu verstehen: “Hälfte Einsamkeit, Hälfte Körperflüssigkeiten. Blut, Eiter, Spucke, Scheiße, Pisse, Tränen, Schweiß auf dem Schädel und im Schritt. […] Das Problem: Wer das für große Lyrik hält, der ist offensichtlich bereit, wirklich alles zu verteidigen, wenn es nur von einem Entfant terrible kommt.” Der künstlerische Anspruch hinter dem Vergewaltigungs-Gedicht Lindemanns kann also nicht nur meiner Meinung nach getrost bezweifelt werden.

In irgendeiner Art und Weise Aufmerksamkeit zu erregen, ist vielleicht ein notwendiges Kriterium der Kunst, denn sonst würde sie keiner bemerken – keinesfalls aber ist sie ein hinreichendes. 

Auch die bereits angeführte und hinlänglich bekannte Ekel-Ästhetik reicht da für einen solchen künstlerischen Anspruch nicht aus, denn das Wort “Ästhetik” beschreibt nichts anderes als die Lehre von der Wahrnehmung. Problem dabei ist: So ziemlich alles auf dieser Welt ist wahrnehmbar. Sei es nun schön, hässlich, angenehm oder eben besonders eklig. Ungefähr alles, das existiert, erweckt in uns irgendeine Art Reaktion. Kurzum: In irgendeiner Art und Weise Aufmerksamkeit zu erregen, ist vielleicht ein notwendiges Kriterium der Kunst, denn sonst würde sie keiner bemerken – keinesfalls aber ist sie ein hinreichendes. 

Was der Lyrik Lindemanns an Essenziellem fehlt, um einem künstlerischen Anspruch Genüge zu leisten, ist das inspirierende, anregende Moment – wenn man mal von einem starken Würgereflex absieht. Da dies aber keine geistige Regung ist, sondern ein körperlicher Reflex etwas auszuwerfen, was nicht hineingehört in diesen Körper, kann das meines Erachtens nicht als Inspiration gewertet werden.

Es funktioniert also nicht, reine Provokation mit Kunst gleichzusetzen. Denn die plumpe Eigenschaft einer Aussage, von ihren Hörer*innen, Leser*innen, Zuschauer*innen wahrgenommen und als provokant bewertet werden zu können, macht dieselbige nicht zur Kunst. Genauso wenig wie die bloße Tatsache, dass der eine oder andere Mensch ein A****loch mit schwerem Kindheitstrauma ist, ihn nicht zu Künstler*in macht. 

Was darf Kunst?

Kommen wir nun also zu der Frage: “Was darf Kunst?” Darauf könnte man antworten: Einiges. Ohne jeden Zweifel. Sie darf auch das Thema Gewalt gegen Frauen oder grundsätzlich gegen Menschen behandeln. Allerdings muss dabei auf das Wie und auf den Kontext geachtet werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit der sexistischen Gesellschaft könnte eine Art und Weise sein, sich diesem Thema angemessen zu nähern. Auch ihr auf schockierende oder provozierende Art und Weise einen Spiegel vorzuhalten, ist ein Weg, den man durchaus gehen kann. 

Nur kann im Falle dieser Gedichte und der Liedtexte sowohl Rammsteins als auch des deutschen Gangsta-Raps von einer solchen Herangehensweise nicht die Rede sein. Egal wie sehr man versucht, um die Ecke zu denken und irgendwo doch einen Hauch Gesellschaftskritik zu entdecken, man wird sie nicht finden, denn es gibt hier kein “um die Ecke gedacht”. Dafür sind diese Texte zu platt, wie die bereits genannten Kommentare deutlich gemacht haben. 

Das ist somit keine Kunst, das ist ein Schlag in die Fresse einer jeden Person, die schon einmal Opfer sexueller Gewalt war.

Hier rotzt ein alter weißer Mann seine niederträchtigsten Phantasien auf ein Stück Papier, ohne jeglichen Filter oder nur den Hauch von Distanz, die das Argument des lyrischen Ich berechtigen würde. Das ist somit keine Kunst, das ist ein Schlag in die Fresse einer jeden Person, die schon einmal Opfer sexueller Gewalt war. Und das sind viele: “Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland ermordet. Jede dritte Frau muss männliche Gewalt über sich ergehen lassen”, schreibt die feministische Aktivistin Kristina Lunz in ihrem Kommentar bei Edition F dieses Thema betreffend.

Das ist die Realität, die vor allen Dingen in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen wie der Momentanen mit den augenblicklich greifenden gesellschaftlichen Restriktionen unzählige Frauen nun verstärkt erleben müssen. Denn Alltag ist die Ausübung von (sexueller) Gewalt gegen Frauen schon lange – ebenso wie die ungehobelte Äußerung genannter „Künstler*innen“ zu diesem Thema. Und wer so etwas unter dem vermeintlichen Deckmantel der Kunst auf einen Sockel stellt, damit andere sich daran aufreiben oder laben, der übertritt meines Erachtens mehr als nur die Grenzen guten Geschmacks. Da lese ich lieber die lustigen Tweets von Ilona Hartmann – die hat wenigstens Witz und Talent. 

Und dann gibt es da doch noch etwas, das Kunst nicht darf oder zumindest nicht dürfen sollte – meiner Meinung nach: sich auf derart offensichtliche Art und Weise über das Leid anderer lustig zu machen, die Lust an diesem Leid als salonfähig darzustellen und schlussendlich die berechtigte Kritik an einer solchen Vorgehensweise mittels pseudowissenschaftlicher Wortklauberei herunterzuspielen. 

Headerbild: Hailey wright via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

1 Comment

  • Danke Linda! ♡ ich kann dem wenig hinzufügen. Du hast vieles ausgesprochen, was ich in diesem Zusammenhang denke, jedoch nicht in Worte hätte fassen können. Für jede die so etwas schon erlebt hat, ist es triggernd und wirklich ein Schlag in die Fresse, weil es erneut ein Beispiel dafür ist, wie viel Akzeptanz und gleichzeitig Ignoranz für Gewaltfantasien und -taten in dieser Welt verankert ist…
    Was die künstlerische Freiheit angeht, als Bsp zeigt das Lied „Jeanny“ ein Cover von Rea Garvey und Xavier Naidoo ganz gut, wie es funktionieren kann. Denn der Unterschied ist, dass hier der künstlerische Umgang mit diesem Thema erkennbar ist, während die Texte deiner Beispiele von den Konsumenten gefeiert werden und Menschen, möglicherweise sogar noch in ihren Gewaltfantasien bestärkt werden.

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