Ich bin kein Fisch am Haken: Wann mach ich mich verletzbar und wann reiß ich mich besser los?

Bali / 14. März / 2019 / 17:30: Was mir zuerst Angst machte, mag ich nun.

Ich mag es, wie du beim Einschlafen zuckst, während deine Arme um meinen Rücken verschränkt sind. Wie du mich in diesen wenigen Sekunden unbewusst an dich drückst. Was mir zuerst Angst machte, mag ich nun. Ich mag es, wie du denkst. Auch wenn andere Gedankenstränge hinterher bleiben. Auch ich. Aber ich mag es, wie ich das immer mehr einzuordnen weiß. Ich mag es, wie ich es immer mehr verstehe. Wie ich dich immer mehr verstehe.

Ich mag es, wie du die Daunendecke mit der stets weißen Bettwäsche nach dem Erwachen anhebst und mir so ohne Worte klar machst, dass ich darunter zu dir rutschen soll. Mein rechtes Bein zwischen deine. Meine rechter Arm unter das ebenso weiße T-Shirt auf Höhe deiner Taille und mein Kopf auf deiner Brust. Ich mag es, dass du bemerkst, wenn ich meine Augen öffne, weil meine Wimpern deinen Hals entlang streichen.

Es scheint, als möge ich am meisten die Momente vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen mit dir. Aber was ist mit all den Momenten dazwischen?

Mich irritiert deine Aufgeräumtheit. Vor allem die deiner Persönlichkeit.

Dann irritierst du mich oft. Lässt mich verbal auflaufen, korrigierst mich. Schlagfertig bist du. Oder doch verurteilend? Stört dich mein leichter S-Fehler, den ich selbst nicht höre? Oder fällt er dir nur auf? Im Vergleich zu deinem reinen Hochdeutsch? Das so rein ist wie deine weiße Wäsche.

Es irritiert mich, dass du Berührungen selbst nicht forcierst. Zumindest außerhalb deiner Wohnung. Eigentlich immer, bevor wir miteinander geschlafen haben. Hast du auch hier eine Regel? Mich irritieren deine Regeln wie „keine Straßenklamotten auf dem Bett“. Und ich bin mir sicher, da gibt es noch viele mehr davon. Mich irritiert deine Aufgeräumtheit. Vor allem die deiner Persönlichkeit. Vor allem irritiert es mich aber, wie du zu allem und jedem eine feste Meinung hast. Bist du überhaupt noch flexibel?

Es irritiert mich, wie sehr du mich in manchen Momenten verunsichern kannst. Wie wir uns beide gegenseitig so sehr verunsichern können. Ich mag es, dass wir es langsam angehen. Aber es irritiert mich auch, dass wir einen Gang rausgenommen haben. Wir hatten plötzlich beschleunigt. Sind für kurze Zeit auf der Überholspur gewesen. Jetzt fühlt es sich an, als wäre dem Auto ein Gang entfernt worden. Dabei ist doch alles gut. Wir fahren das erlaubte Tempolimit.

An der Stelle muss ich langsam merken, dass du immer noch da bist.

Ich frage mich: Geht es mir gut damit? Ja, mir geht es gut damit, so wie es ist. Es sind vor allem alte Ängste, die hochkommen und Chaos in meinen Gedanken und Emotionen verursachen. Vor allem die Angst, dass du jeden Moment verschwinden könntest. Es sind aber auch Erwartungshaltungen von anderen, die mir sagen, wie es sein muss. Wie du sein musst.

An der Stelle muss ich langsam merken, dass du immer noch da bist. Und gehen kannst du immer. Das ist die Freiwilligkeit der Liebe und ihre Grundessenz. Es muss deshalb nicht so sein, wie andere es sich für mich wünschen. Es muss mir nur gut gehen.

Berlin / 07. April 2019 / 13:55 : Du hast – mal wieder – nichts falsch gemacht.

Drei Tage später und alles sah schon wieder anders aus. Wenn du „smart cookie“ bist, dann bin ich definitiv „intuitive cookie“. Auch wenn ich an der Stelle lieber getauscht hätte. Dann wäre ich auch lieber ein Chocolate Chip Cookie mit Nüssen als ein Oeatmeal Cookie mit Cranberries, dessen ungutes Gefühl sich als wahr herausstellt.

Für kurze Zeit ist Ausnahmezustand in meinem Kopf. Meine Synapsen funktionieren nicht mehr wie sie sollten. Nicht einmal die Gesichtserkennung will anspringen. Die, die selbst unter Einfluss von bewusstseinserweiternden Substanzen stets „on point“ ist und immerhin von einem Algorithmus in einer Smartphone Software beherrscht wird. War ich mir wirklich unsicher? Oder kann das Unterbewusstsein das Gehirn so austricksen, dass es wirklich die Realität verschleiert?

Trotzdem bin ich gefasster als die Version, die ich mir vorgestellt hätte zu sein, wenn ich erfahre, dass du wieder Zeit mit M. verbringst. Oder immer noch. Was soll ich auch sonst tun, als zu beobachten, was das Wissen darüber mit mir macht? Ich bin auf Bali. Nicht nur 7 Stunden Zeitunterschied liegen zwischen uns, sondern auch tausende von Kilometern und ein Wissensvorsprung meinerseits. Ein Wissensvorsprung, der in der vergangenen Woche nicht nur mich, sondern auch meinen Magen in den Zustand von Nervosität bugsierte.

Inzwischen ist da auch noch eine ordentliche Portion Genervtheit und Wut in dem Cocktail der Emotionen. Dafür so ein bis drei Kilo weniger auf meinen Hüften. Genau heute vor drei Wochen stellte mir Jule eine entscheidende Frage: „Ändert es jetzt etwas, dass du es weißt?“ Erst einmal nichts. Denn du hast – mal wieder – nichts falsch gemacht. Trotzdem denke ich mir: „Scheißaktion“.

Heißt das im Umkehrschluss, dass ich dich nicht mehr in meinem Leben möchte?

Vielmehr zeigt mir diese Situation zunächst einmal nur, dass sie alte Ängste und Gedankenmuster hervorruft. Dass du alte Ängste und ja, selbst Verhaltensweisen in mir auslöst, die ich nicht mehr in meinem Leben möchte. Heißt das im Umkehrschluss, dass ich dich nicht mehr in meinem Leben möchte? Normalerweise würde ich nun selbst die Reißleine ziehen. Meinen Wissensvorsprung nutzen, mein Krönchen weiter mit allen intakten Zacken auf dem Schopf tragen und dir keine Chance geben, mich zurückzuhalten. Dahin zieht die Eisprinzessin.

Aber da wären wir wieder bei meiner größten Angst. Und ich will nicht wieder diesem Muster nachgeben. Also entscheide ich mich, in diesem Moment das Gespräch mit dir zu suchen. Den Ausgang dieser Unterhaltung offen zu halten. Eben nicht das Ende vorab selbst zu bestimmen. Meine Verletzbarkeit in deine Hände zu legen. Mir ganz bewusst darüber zu sein, dass ich vermutlich nicht das von dir hören werde, was ich hören möchte.

Denn verdammt, ich weiß doch selbst, dass es in jeglicher Hinsicht zu früh für irgendeine Form von „Exclusive-Talk“ ist. Aber ich muss an der Stelle auf mich achtgeben, damit es mir weiterhin gut geht. Denn dieser Status hat sich über Nacht geändert.

Gibt es für diese Situation etwa nicht das richtige nichts aussagende Emoji?

Jetzt bin ich seit über einer Woche zurück in Berlin und wir haben immer noch nicht gesprochen. Haben uns länger nicht gesehen, als dass wir überhaupt Zeit miteinander verbracht haben. Es fühlt sich schon fast surreal an und total aus dem Kontext gerissen. Die Zahlen passen nicht mehr zusammen. Wie ein Fehler in einem Excel Dokument, der die komplette Formel zerschießt.

Du hältst mich seit Tagen auf Armlänge. Bis hierhin und nicht weiter. Spürst du, dass da etwas kommt? Dass dich nicht mehr die Leichtigkeit erwartet, die ich eigentlich als Souvenir aus Bali mitgebracht hatte? Jetzt zeigst du mir zwar deutlich, dass es dich nicht stört, dass die Zeitspanne immer größer wird, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen haben, aber redest trotzdem nicht Klartext. Sonst nimmst du doch auch kein Blatt vor den Mund? Was macht es an dieser Stelle so schwierig für dich?

Es macht mich wahnsinnig wütend, dass ich in den Seilen hänge und mich wie ein gestürzter Zirkusakrobat nicht selbst aus den Sicherheitsnetzen befreien kann. Und da hänge ich nicht alleine rum. M. hängt vermutlich genauso in den Seilen. Und wer weiß, wie viele Konsonanten und Vokale des Alphabets du bereits in deiner persönlichen Glücksrad-Show gekauft hast.

Denn du tust mir so nicht gut.

Wenn ich an dich denke, sehe ich dich am Ufer eines Teiches sitzen. Vor dir stecken viele Angeln in der Erde. An jeder Angel ein Fisch, den du mal weiter zu dir ans Ufer ziehst, mal weniger. Aber dann wieder die Spule loslässt, sobald er dir zu schwer wird. Denn jemanden an sich ranlassen, kommt nicht nur mit Leichtigkeit. Genau so wenig bedeutet das aber auch, dass du selbst an einem Haken hängen musst.

Idealerweise schwimmt man nebeneinander im selben Teich. Ganz freiwillig. Dann bleibt man auch weiterhin frei. Ich hoffe, das weißt du. Ich weiß an dieser Stelle aber, dass ich kein Fisch mehr in deinem Teich sein möchte. Denn du tust mir so nicht gut.

Lisa ist Frühlingskind durch und durch: Ideen sprießen wie Krokusse, eine ordentliche Portion Positivität und ein erhellendes Gemüt wie die ersten Sonnenstrahlen nach dem trüben Winter in der Großstadt. Meistens zumindest. Wenn nicht, dann schreibt sie. Denn als Yogalehrerin und Bon Vivant weiß sie inzwischen, dass Selbstreflexion und der Mut zur Verletzbarkeit das A und O für ein erfülltest Leben sind. Sonst bewegt man sich eben doch nur auf einer dünnen Eisfläche und wartet vergeblich darauf, dass der Frühling kommt.

Headerfoto: Riccardo Moon via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Deine Worte haben mich total gepackt, weil ich total nach vollziehen kann wie du dich fühlst😔Als hättest du meinen Lebensfilm gesehen und in Text Form erzählt. Danke dafür und ich hoffe esgeht dir besser ohne das Gefühl ein Fisch am Haken zu sein!! Das tut nämlich nur weh.

    LG

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