Einmal und nie wieder? Ich bin Team „Einmal und für immer“

Kennst du diese Whats-App-Story-Rätsel? Mein Liebesleben könnte so ein Rätsel sein: Ich hatte bis jetzt erst ein Date in meinem Leben. Aber regelmäßig Sex. Und nein, ich spreche weder von Masturbation noch von One-Night-Stands. „Wenn du dieses Rätsel gegen mich verlierst, musst du es reposten …“

Und, wärst du darauf gekommen ohne die Überschrift zu lesen? Mit Anfang 20 sorgt meine Geschichte in fast jeder Situation für ungläubige Blicke und dafür, dass ich mich total spießig fühle. Denn ich habe denselben Partner seitdem ich 14 bin. Und nein, in unserer Geschichte spielt keine Religion die ausschlaggebende Rolle. Ich will dich nicht wie alle meine Freund*innen mit unserer Kennenlern-Geschichte langweilen. Aber ganz kurz muss ich es doch erklären:

Mit Anfang 20 sorgt meine Geschichte in fast jeder Situation für ungläubige Blicke und dafür, dass ich mich total spießig fühle. Denn ich habe denselben Partner seitdem ich 14 bin.

Wir haben uns in der 8. Klasse kennengelernt. Parallelklasse, aber gemeinsam Französisch. Wie romantisch. Ein paar Mal haben wir uns angelächelt und dann einer gemeinsamen Freundin heimlich erzählt, dass wir auf einander stehen. Die konnte es natürlich nicht für sich behalten. Damals hat das ausgereicht. Das erste Date saß, das erste Mal eher weniger, aber gehalten hat es trotz drei Jahren Fernbeziehung. (Oder sollte ich es Fernbedienung nennen, wie die Autokorrektur es bei WhatsApp verbessert?)

In dieser Zeit, so schwer das Vermissen auch war, hatten wir endlich die Möglichkeit, zu eigenständigen Charakteren heran zu wachsen. Vielleicht hat diese Phase unsere Beziehung gerettet.

Mythencheck: Haben wir immer noch Sex?

Ich bin mir sicher, du hast im Kopf bereits nachgerechnet. Anfang 20, mit 14 zusammen gekommen, das heißt ungefähr ein Drittel unseres Lebens sind wir zusammen. Und ganz bestimmt fragst du dich jetzt, ob wir noch Sex haben. Vielleicht denkst du auch schon daran, wie wir dieses Problem gelöst haben könnten, spielst verschiedene Szenarien durch. Offene Beziehung?

Bis jetzt Fehlanzeige. Wir haben noch Sex (und ich hoffe das beruhigt euch jetzt entsprechend). Mal mehr, mal weniger. Wie jedes Paar, das in der Uni-Klausurenphase hat. Und wenn es nicht die Klausurenphase ist, dann etwas anderes. Es gibt auch bei uns wie in jeder Beziehung eine Person, die sich mehr Sex wünscht als der*die andere.

Was hast du wohl noch für Vorurteile über eine Langzeitbeziehung? Wir sind auch nicht zu einer Person geworden, haben mehr eigene als gemeinsame Freund*innen. Und es gibt tatsächlich noch Dinge, die wir nicht übereinander wissen. (Zumindest gibt es Dinge, die ich ihm noch nicht erzählt habe. Wie das umgekehrt ist, weiß ich nicht.) Nur am Rande: Abgesehen von diesem Artikel rede ich nicht die ganze Zeit im Plural von uns. Aber ich kann trotzdem von uns sagen, dass wir sehr glücklich sind.

Vielleicht bist du an diesem Punkt etwas aggressiv: „Wann hat diese Schnulze ein Ende?“ Jetzt! Denn perfekte Bilder sind was für Instagram und nicht fürs Von-der-Seele-schreiben. Also ganz ehrlich: Hat das auch Downsides?

Was sind die negativen Seiten?

Für mich persönlich liegt die größte Herausforderung nicht in, sondern außerhalb der Beziehung. Diese Gespräche mit Freund*innen über die Suche nach der großen Liebe oder dem unkompliziertesten Sex. Ich weiß nicht, wie man auf Tinder mit all seinen Möglichkeiten agiert und auf der anderen Seite auf Dickpicks reagiert. Ich weiß nicht, wie man in unserem Alter datet.

Ehrlich gesagt kann ich keine Tipps geben, wie man aus dem ONS mehr machen kann. Und ehrlich gesagt weiß ich durch meine geringe Erfahrung nicht mal, ob ich mit Zunge küssen kann. So habe ich nicht nur das Gefühl, eine schlechte Zuhörerin und Ratgeberin für meine Freund*innen zu sein. Sondern ich habe auch die Vermutung, dass sie sich beim Thema Dating gar nicht mehr an mich wenden.

Manche meiner Freund*innen glauben nur deshalb noch an die (große) Liebe, weil wir noch zusammen sind. Eine Trennung würde nicht nur das Brechen unserer Herzen bedeuten, sondern auch das von vielen anderen. Zum Beispiel meinem kleinen Bruder, der meinen Freund als den großen Bruder ansieht, den er mit mir nie hatte. Das ist verdammt viel Druck.

Hält es für ewig?

Und diesen Druck üben wir auch auf uns selbst aus. Wir hoffen natürlich, dass es hält. Dass wir auch noch all die nächsten Schritte des Erwachsenenlebens wie richtig Geld verdienen oder die Entscheidung für oder gegen Kinder miteinander erleben. Aber wir sprechen auch darüber, dass alles anders kommen kann. Über potenzielle Weltreisen, Auswandern. Oder wie wir damit umgehen, wenn einer von uns beiden doch das will, was wir bis jetzt nicht konnten:

Welche sexuellen Erfahrungen hätte ich machen können, wären wir nicht zusammen geblieben? Wenn ja, mit welchen Geschlechtern? Hätte ich Monogamie ganz hinterfragt?

Und dann schließen sich noch mehr Fragen an: Sind wir vielleicht nur noch zusammen, weil man schon so viel miteinander erlebt hat, dass der*die Partner*in längst zur Familie geworden ist? Könnten wir uns nach dieser langen Zeit trennen und trotzdem Freund*innen bleiben? Hätten wir überhaupt im heutigen Haifischbe-, ähm ich meine natürlich Datingmarkt, auch nur den Hauch einer Chance aufs Überleben? Die fiese Stimme im Kopf sagt immer noch, auch nach sehr viel Selbstliebe-Arbeit: „Vielleicht bin ich ja zu seltsam, als dass ich noch irgendjemanden anderes finden würde.“

Hat Corona unsere Beziehung gerettet?

FOMO, die Angst etwas zu verpassen, hat uns vor allem im letzten Jahr sehr beschäftigt. An dieser Schwelle standen wir, als der Corona-„Lockdown“ kam. Auch wir haben uns zusammen gerottet, leben seitdem in einer Wohnung mit 1,5 Zimmern. Abgesehen von dem Streit um den Haushalt: Wie auch zuvor bei der Fernbeziehung hat uns diese Extremsituation noch näher zueinander gebracht. Jeden Tag mehr das Herz für Gespräche voller Verletzlichkeit öffnen, erfordert Mut. Für uns hat es sich gelohnt, dass wir räumlich nicht mehr raus konnten.

Ich kann dir jetzt und hier keine Antwort geben, ob die Rätsel sich nach und nach immer mehr auflösen, oder die Schönheit gerade in der Verknotung liegt.

Kerstin will beweisen, dass man von seinen Träumen eben doch kann. Weil sie Yogalehrerin und Autorin werden will, studiert sie Kulturwissenschaften, damit die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie je mit ihrem Studium arbeiten wird. Dort hat sie es allerdings lieben gelernt, alles und jeden zu hinterfragen. Das System, die Normen und als waschechte Veganerin auch die Gewohnheiten unserer Gesellschaft. Am meisten hinterfragt sie jedoch sich selbst, z.B. ob ihr Ego zu sehr am veganen Yogalehrerleben festhält. Und ob dort neue Idealbilder warten, denen man unbewusst hinterherjagt. Mehr vn Kerstin gibt’s bei Instagram und auf ihrer Webseite.

Headerbild: Felipe Bustillo via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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