Kommentare, die ich nie wieder über Depressionen hören will – und was vielleicht wirklich hilft

Man kann ja nie genug über psychische Gesundheit reden. Tja, macht halt keiner. Oder zumindest viel zu selten. Wir erzählen unserem:r Chef:in von Knochenbrüchen und Menstruationsschmerzen, wir beichten zuweilen sogar die Ausmaße unseres Brechdurchfalls. Wenn es aber um psychische Erkrankungen geht, wird es verdächtig still.

Als ich angefangen habe, in meinem Umfeld die sprichwörtliche Katze aus dem Sack zu lassen – und ja, das war ein langer Weg – bin ich häufig auf Erleichterung gestoßen. Psychische Dispositionen scheinen heute und gerade in unserer Generation fast so verbreitet wie Bluthochdruck. Das ist zwar erschreckend, macht aber Mut. Weil: Wisst ihr was? Reden hilft! Versprochen. Wir müssen nur mal anfangen.

Klar, wenn keiner den Mund aufmacht, woher soll ein guter Umgang mit diesen Macken im Hirn auch kommen?

Klar, wenn keiner den Mund aufmacht, woher soll ein guter Umgang mit diesen Macken im Hirn auch kommen? Einen perfekten Fahrplan hab’ ich da jetzt auch nicht, aber ich weiß aus eigener Erfahrung zumindest, was NICHT hilft. Also los! (Kleiner Tipp am Rande: Empathie schadet nie — scheiße, ich wollte nicht reimen.)

Geh doch mal joggen.

Starten wir mit einem Klassiker: Sport kann helfen, ja, ich weiß. Kennst du jemanden, der schon unter normalen Bedingungen nicht in der Lage ist, seinen Arsch hochzukriegen? Eben, ich auch.

Wenn ich schon Probleme habe, morgens das Bett zu verlassen, werde ich ganz sicher nicht joggen gehen.

Wenn ich schon Probleme habe, morgens das Bett zu verlassen und der Gang zum Klo sich schon anfühlt, als würde ich den ganzen Jakobsweg (Anm.: Nein, AUCH kein guter Rat!) auf einmal laufen, werde ich ganz sicher nicht joggen gehen. Klar, es wär schon cool, „einfach mal rauszugehen“, aber wozu auch? Pizza kommt doch auch zu mir nach Hause. Ich habe nicht die Kraft. Weder, mir meine muffigen Sportklamotten anzuziehen, noch, um mich draußen schneller zu bewegen als eine von Berliner Rennrädern angefahrene Nacktschnecke. So oder so ähnlich fühlt es sich nämlich an. Nackt, klein, langsam.

Danke für diesen Tipp also, aber nein. Ich würde gerne, kann aber nicht. Wenn’s so einfach wäre, wär’s ja einfach.

Es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter als dir!

Geil, danke. Jetzt fühl’ ich mich nicht nur scheiße, sondern auch noch schuldig. Das hat wirklich super funktioniert.

Ich bin auch manchmal traurig.

Hör mal, das tut mir richtig leid. Echt jetzt. Ich bin aber nicht traurig, ich bin krank. Und mir das einzugestehen und Hilfe zu suchen, hat lange genug gedauert. Wenn du „Bei diesem Wetter wird man ja richtig depressiv“ sagst, möchte ich dir gerne sehr viele sehr unschöne Dinge an den Kopf werfen. Aber Mist, ich bin zu schwach.

Ich bin aber nicht traurig, ich bin krank. Und mir das einzugestehen und Hilfe zu suchen, hat lange genug gedauert.

Daher: Ja, jeder kennt schwierige Phasen. Die will ich gar nicht kleinreden. Aber wenn du genervt bist vom herbstlichen Dauerregen, bist du sicher nicht depressiv, sondern einfach deprimiert. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Lach doch mal!

Gute Idee. Ich habe zwar jegliches Gefühl für Humor verloren und verstehe selbst meine alten Lieblingswitze rein intellektuell nicht mehr, aber wenn du dich dann besser fühlst, werde ich gerne meine Mundwinkel zu einem falschen Grinsen überreden.

Du musst einfach nur dein Mindset ändern.

Ach, das „Krankheit als Chance“– Gequatsche. Bei diesem Tipp bekomme ich sofort richtig gute Stimmung. Was mich nicht umbringt, macht mich nämlich nicht unbedingt stärker. Es bringt mich nur einfach nicht um – und das ist schon ne ganze Menge.

Ach, das „Krankheit als Chance“– Gequatsche. Bei diesem Tipp bekomme ich sofort richtig gute Stimmung.

Durch nen Tantrakurs in Indien wird meine Depression sicher nicht geheilt und am Strand fühle ich mich noch schlimmer als im Winter morgens in der U8. Warum? Weil ich mich schlecht fühle dafür, dass ich mich nicht gut fühle.

Also ja, ich sollte was ändern, aber bestimmt nicht mein Mindset. Ratschläge von jemandem, der dieses Wort ernsthaft benutzt, gehören sowieso in die Tonne. Kannst du nicht vernünftig mit mir sprechen? Da bleibt nur zu hoffen, dass mein Therapeut über einen seriöseren Wortschatz verfügt.

Vielleicht fehlt es dir einfach an Disziplin?

„Vielleicht fehlt es dir an Empathie?“ Findest du es undiszipliniert, wenn ein blinder Mensch mit nur einem Bein die Zugspitze hochklettert? Nein? Ich auch nicht.
Demnach bin ich nicht faul – ich kämpfe nur in mir drin täglich Schlachten, um meinen Alltag halbwegs gut bewältigen zu können. Die siehst du nicht, na gut. Die gehen dich aber auch nichts an.

Außerdem war es schwer genug, mir selbst zu versichern, dass ich eben nicht faul, sondern leider echt krank bin. Also hör auf, mir diese Erkenntnis kaputtzumachen.

WAS ALSO SONST SAGEN?

Nichts sagen, machen! Praktische Hilfe anbieten – Steuererklärung, Einkaufen, zum ersten Therapietermin begleiten, Essen kochen, aufräumen helfen – deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ja, ich weiß, es ist anstrengend. Und du solltest dabei gut auf dich selbst aufpassen, deine Grenzen wahren und vor allem nicht versuchen, die Betroffenen retten zu wollen. Das wird dir nicht gelingen und dafür gibt es Profis, zum Glück!

Du als Freund:in, Partner:in, Familienmitglied kannst aber eine Sache verdammt gut: Da sein. Und das gerne so hartnäckig wie nur irgendwie möglich. Ich sage das dritte Mal in Folge eine Verabredung ab, weil ich es einfach nicht schaffe? Nimm es nicht persönlich (echt nicht, glaub mir!) und ruf das vierte Mal an! Ich versprech’ dir: Reden hilft – und Zuhören auch! 

Barbara ist im echten Leben eigentlich Schauspielerin, hat sich aber spätestens seit ihrem Podcast „Mackenbaracke“ dem Thema Mental Health verschrieben. Ursprünglich wollte sie mal ein Fotoprojekt über Depressionen machen, war dann aber zu depressiv dafür. Sie hasst Kalendersprüche, hält Positive Psychologie für überschätzt und setzt sich lieber mit Wumms und Therapie mit den kleinen und größeren Problemen des Lebens auseinander. Ihre persönliche Superkraft ist blitzschnelles Einschlafen und am liebsten beschäftigt sie sich mit dem, was sie vielleicht sogar am Besten kann: Richtig echte Freundschaften führen.

Headerbild: Darina Belonogova (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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