Was ich mal sagen wollte: Monogamie ist nichts für mich

Sowohl in meinen Kolumnentexten als auch auf Instagram habe ich es am Rande erwähnt: Ich lebe nicht monogam. Innerhalb meiner Online- und Offline-Blase sind hauptsächlich Menschen, die ähnliche Interessen und (politische) Ansichten haben wie ich.

Dort tummeln sich viele Menschen, die nicht monogam leben und mein Facebook-Feed ist überschwemmt von entsprechenden Artikeln, die es zu Hauf zu geben scheint, wenn man dem Algorithmus Glauben schenkt. Wenngleich das Thema natürlich im Vergleich zu früher präsenter ist, ist es immer noch eine Minderheit der Menschen in Deutschland, die dieses Konzept für sich lebt oder in Erwägung zieht. Daraus ergeben sich immer wieder Fragen, die auch mir häufig gestellt werden.

Warum monogam? 

Neben der Frage nach der Eifersucht wurde ich oft gefragt, wie ich eigentlich gemerkt habe, dass ich nicht monogam bin bzw. leben möchte. Um diese Frage zu beantworten, nehme ich euch jetzt mit auf eine Reise in meine Vergangenheit.

In meiner Jugend las ich viele (super kitschige) Liebesromane und Mädchen-Zeitschriften. Damals träumte ich von einer Beziehung, wie sie dort beschrieben war. Monogam. Romantik pur. Er und ich. (Ja, lange war das in meiner Vorstellung ausschließlich ein Er, auch dann noch, als ich herausfand, dass ich bisexuell bin. Heute ist mir das Geschlecht egal.)

Zugegeben, an „für immer“, heiraten und Kinder habe ich damals schon nicht gedacht (und heute weiß ich, dass ich Heirat und Kinder auch nicht will). Eigentlich habe ich früher über das „mit jemandem Zusammenkommen“ nicht hinausgedacht.

Als ich dann mit 17 Jahren für drei Monate meinen ersten Freund hatte, war einer der ersten Aspekte, die ich mit ihm besprochen habe, dass ich bisexuell bin, noch nie etwas mit einer Frau hatte und auf diese Erfahrung auf gar keinen Fall verzichten wollen würde. Sprich, ich wollte nur dann mit ihm zusammen sein, wenn das für ihn in Ordnung wäre.

Begriffe wie Nicht-Monogamie kannte ich damals noch nicht. Für ihn war das in Ordnung. Auch wenn es dann in dieser kurzen „Beziehung“ zwischen ihm und mir nicht Mal zum Sex kam, erinnere ich mich an drei Momente, die im Zusammenhang mit Nicht-Monogamie interessant zu erwähnen sind bzw. die ich rückblickend als Vorboten einordne.

  1. Es kam in der Zeit zu meinem ersten Kuss mit einer Frau.
  2. Ich hatte damals einen guten Freund, der in einer Fernbeziehung war, mit dem ich beim Filmeschauen immer gekuschelt hatte – was seine Freundin auch wusste. Wir trafen uns ein paar Mal zu viert und dabei kam es zu dem Moment, wo wir bewusst Partner*innen-Tausch machten und mit der jeweils anderen Person voreinander kuschelten.
  3. Mein Ex und ich waren Silvester zusammen auf einer kleinen Konzert-Party. Irgendwann gegen vier Uhr nachts streichelte der eine Musiker, den ich schon länger kannte und spannend fand, meine Haare. Erst standen wir nah beieinander und flirteten und dann tanzten wir eng umschlungen und flüsterten uns Dinge ins Ohr. Ich hatte mit meinem Ex vorher darüber gesprochen, ob das für ihn in Ordnung sei. War es, er fand es sogar hochgradig spannend und beobachtete uns. Es war einer der ersten Momente in meinem Leben, in denen ich mich frei und wild fühlte.

Ich hatte mit meinem Ex vorher darüber gesprochen. Es war einer der ersten Momente in meinem Leben, in denen ich mich frei und wild fühlte.

Wenige Wochen, nachdem ich mich von meinem ersten Freund trennte, hatte ich mit meinem besten Freund mein erstes Mal. Bereits eine Woche nach der Trennung hatten wir rumgeknutscht. Ich trennte mich von meinem ersten Freund, weil er mich schlecht behandelte. Nichtsdestotrotz war ich in ihn verknallt gewesen und traurig.

Mein bester Freund und ich hatten zu Zeit der Beziehung kaum Kontakt gehabt. Er war über die Beziehung nicht begeistert gewesen und auch ich hatte das Gefühl, dass dadurch etwas zwischen uns stand. Wie sich herausstellte, war er derjenige, den ich zu der Zeit liebte, mit dem ich mein erstes Mal haben wollte, der mich dann aber leider nicht zurück liebte bzw. sich nicht bereit für eine Beziehung fühlte.

Sex geht auch ohne Beziehung und Liebe

Ich hatte also das erste Mal hinter mir (und es war wirklich schön und ich war neugierig auf mehr). Bei meinem zweiten Mal mit einem Kumpel ein Dreivierteljahr später hatte ich erst noch Bedenken, ob ich das denn machen könne – „Sex haben ohne Liebe“. Konnte ich und es war schön! Von da an war klar: Ich brauche weder eine Beziehung noch Liebe für Sex.

Ich hätte das „Love-Package“ zwar auch gerne gehabt, war aber auch neugierig auf die Welt. Ich probierte mich aus. Lernte Menschen kennen. Datete eine Weile hier, eine Weile da, hatte Sex mit verschiedenen Menschen.

Einige Male war ich unglücklich verliebt, hätte definitiv mehr gewollt. Nachdem ich ca. drei Jahre Sex mit wechselnden Partner*innen hatte, fragte ich mich, ob es nicht eine krasse Umstellung wäre, wenn ich dann irgendwann doch mal in einer (monogamen) Beziehung wäre. Noch immer war klar, wenn ich mit einem Mann zusammen bin, will ich etwas mit Frauen haben dürfen. Noch immer waren mir nicht-monogame Lebens- und Liebesmodelle kein Begriff.

Im Gegenteil, ich fragte mich oft, ob ich nicht komisch sei, dass ich in Person A verliebt bin und aber extrem gerne Sex mit Person B habe. Ob es nicht merkwürdig ist, dass meine Gefühle für Menschen sich überlappen, sprich, dass ich noch Gefühle für A habe (der aber keine für mich hat), wenn ich C kennenlerne und langsam für C Gefühle entwickle. Oder sie grundsätzlich zeitgleich existieren.

Im Jahr 2016 machte ich eine Erfahrung, aus der ich fürs Leben lernen sollte. In Hamburg, wo ich zu dem Zeitpunkt ein Praktikum machte und noch nicht lebte, lernte ich einen Typen kennen, mit dem ich dann auch ein paar Monate zusammen war. Ich mochte ihn sehr, war verknallt. Allerdings hatte ich mich zuvor sehr krass und unerwidert in einen Typen aus meiner Uni verliebt, mit dem ich etwas hatte. Als ich mit meinem Ex zusammenkam, dachte ich, dass ich über diesen Typ aus meiner Uni hinweg wäre.

Als ich zurück in meiner Heimat (meinem Studienort) war und ihn wiedersah, kamen alle Gefühle mit einem Schlag wieder.

Ich bereue nicht, dass ich mit dem anderen geschlafen habe. Ich bereue, dass ich nicht vorher Schluss gemacht habe bzw. nicht vorher wusste, wie es um meine Bedürfnisse und Gefühle steht

Es kam eins zum anderen: Wir schliefen miteinander. Ich hatte meinen Freund betrogen. Etwas, von dem ich glaubte, dass es mir nie passieren könnte. Ich sagte es ihm und wir trennten uns. Es gibt, glaube ich nichts, was ich mehr bereue oder das mir mehr leid und weh tat. Ich bereue nicht, dass ich mit dem anderen geschlafen habe. Ich bereue, dass ich nicht vorher Schluss gemacht habe bzw. nicht vorher wusste, wie es um meine Bedürfnisse und Gefühle steht.

Ich habe den Typ aus meiner Uni sehr geliebt und für meinen Ex zwar Gefühle gehabt, aber eben andere. Ich habe mir damals viele Vorwürfe gemacht, dass ich meine Gefühle nicht besser verstanden hatte. Heute weiß ich, dass es vollkommen normal ist, wenn man (romantische) Gefühle für verschiedene Personen hat, diese sich aber in ihrer Intensivität unterscheiden können.

2017 lernte ich dann in Hamburg ein Paar kennen (mittlerweile sehr enge Freund*innen von mir), die in einer offenen Beziehung lebten. Ich weiß noch, wie viele Fragen ich ihnen gestellt habe. Wie neugierig und interessiert ich war. Das war auch die Zeit, in der ich die ersten Artikel zum Thema las.

Der Durchbruch kam dann 2018. Ich las einen Haufen Bücher (siehe unten) zum Thema und ging selbst eine offene Beziehung ein, die dann leider nicht repräsentativ für irgendetwas wurde (siehe Kolumne zu diesem Missbrauch und Betrug) und es deshalb nicht wert ist, an dieser Stelle näher erwähnt zu werden. Aber meine Auseinandersetzung mit dem Thema und die Entscheidung für eine offene Beziehung war und ist durchaus bewusst. Die letzten zwei Jahre habe ich zudem sehr viele Menschen kennengelernt, die in irgendeiner Form nicht monogam leben.

Die allermeisten lebten in ihrer Vergangenheit monogam, haben eine oder mehrere langjährige monogame Beziehungen hinter sich und haben dann gemerkt, dass Liebe für sie so nicht funktioniert. Manche nenne ihre Nicht-Monogamie „offene Beziehung“ und meinen damit, dass zwei Menschen eine Liebesbeziehung führen und mit anderen Menschen in irgendeiner Form sexuelle Kontakte pflegen, aber es nur eine exklusive Liebe gibt.

Und dann gibt es diejenigen, die sich in irgendeiner Form als „poly“ oder „polyamorös“ bezeichnen und damit meinen, mehrere Menschen lieben zu können. Wie und ob dies auch gelebt wird, ist sehr individuell.

Die Fähigkeit tiergehende Gefühle für mehrere Menschen zu hegen

Am Anfang meiner Auseinandersetzung mit dem Thema und auch als ich beschloss, eine offene Beziehung zu führen, verordnete ich mich auch im ersten Bereich. Ich habe dann aber festgestellt, dass ich mich mit dem Begriff „poly“ besser identifizieren kann. Dass ich es schon immer gewesen bin. Dass ich immer wieder in meinem Leben tiefgehende Gefühle für mehrere Menschen gleichzeitig hatte.

Nicht zuletzt kannte ich zwischen meinem 16 und 22 Lebensjahr einen Mann, mit dem ich immer eine besondere Verbindung hatte. Erst sehr spät verstand ich, dass ich diesen Mann die ganze Zeit geliebt hatte, während ich erwachsen wurde und meines ersten Liebes-, Sex- und Beziehungserfahrungen sammelte.

Die letzten Jahre waren ein großer Findungsprozess für mich. Erstmal musste ich überhaupt begreifen, dass es Modelle abseits der Monogamie gibt und dann musste ich herausfinden, welche der vielen Möglichkeiten der Nicht-Monogamie die richtige für mich ist. Und ganz sicher wird das mit der Zeit auch noch spezifischer werden oder sich wandeln.

Jetzt weiß ich, dass ich eine sehr innige und intensive Beziehung mit einer Person führen möchte, mit der ich mich sehr viel und regelmäßig austausche und Zweisamkeit teile. Mit der ich aber auch gemeinsam andere Menschen daten kann. Gleichzeitig möchte ich, dass diese Person und ich aber auch unabhängig voneinander Verbindungen zu anderen Menschen pflegen können, die über das Sexuelle hinaus gehen und auch sehr innig und intim sein dürfen.

Ich möchte, dass es möglich ist, auch die Gefühle für andere Menschen zu erkunden. Als Basis dafür sehe ich eine gnadenlos offene und ehrliche Kommunikation und bedingungsloses Vertrauen und keine Regeln und Verbote.

Ich möchte, dass wir uns diese anderen Menschen gegenseitig vorstellen können und gemeinsam etwas unternehmen können. Ich möchte, dass es möglich ist, auch die Gefühle für andere Menschen zu erkunden. Als Basis dafür sehe ich eine gnadenlos offene und ehrliche Kommunikation und bedingungsloses Vertrauen und keine Regeln und Verbote.

Sex mit guten Freund*innen habe ich schon seit zwei Jahren und bin aktuell zudem Teil einer Gruppe poly-lebender Menschen. Das ist eine Gruppe von Menschen, zwischen denen es diverse emotionale und sexuelle Querverbindungen gibt. Diese Menschen bestärken mich in vielem und haben dazu beigetragen, dass ich mich selbst besser gefunden habe. Sie haben mir gezeigt, was möglich ist. Grenzen sind nur in unserem Kopf. Ich habe mich nie freier gefühlt als jetzt.

Bücher, die ich gelesen habe:

  • „Schlampen mit Moral“ von Dossie Easton und Janet W. Hardy
  • „Treue ist auch keine Lösung“ von Holger Lendt und Lisa Fischbach
  • „Die andere Beziehung“ von Imre Hoffmann und Dominique Zimmermann
  • „Wie wir lieben“ von Friedemann Karig
  • „In manchen Nächten habe ich einen Anderen“ von Anna Zimt

Headerbild: Elice Moore via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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