Autismus, ADHS und neurodivergent sein: Was bedeutet das eigentlich?

Mein Leben ist geprägt von Vorurteilen und Annahmen über mich. Sobald Leute erfahren, dass ich Autistin bin und ADHS habe, gibt es im Großen und Ganzen zwei Reaktionen: Entweder wird mir gesagt, ich wirke viel zu „normal“ und sei deshalb gar nicht autistisch oder ich darf mir anhören „ah jetzt ergibt es Sinn, wieso du so komisch bist“. Beide Reaktionen basieren im Grunde aber auf den selben Stereotypen und Vorurteilen.

Mir wird gesagt, ich wirke viel zu “normal”.

Die Menschen, die ich vorher umgangssprachlich als “normal” bezeichnet habe, nennt man auch neurotypisch. Ein neurotypischer Mensch entspricht unseren Erwartungen an einen Menschen in Bezug auf Verhalten und Denkweisen. Ein neurodivergenter Mensch weicht davon ab. Neurodivergenz wird meistens als Synonym für Autismus und ADHS verwendet, beinhaltet allerdings zum Beispiel auch Legasthenie. Neurodivergenz existiert als Spektrum, wobei es wichtig ist, zu verstehen, dass dieses Spektrum nicht von “ein bisschen autistisch” bis “sehr autistisch” reicht, sondern verschiedene Aspekte wie Augenkontakt oder sensorische Verarbeitung in Relation setzt.

Die Diagnose

Eine Diagnose wird von vielen als soziales Todesurteil gesehen, da wir dann erst recht wieder in eine Schublade gesteckt werden, aber eine Diagnose ist für viele neurodivergente Menschen eine unglaubliche Erleichterung und etwas Schönes. Sie kann so viele Unklarheiten aufklären und ein ganzes neues Verständnis für sowohl das eigene als auch das Verhalten anderer Menschen bringen. Ich persönlich bin viel offener und empathischer gegenüber den vermeintlichen „Fehlern“ meiner Mitmenschen geworden!

Ich dachte, Autist:innen können keine Empathie fühlen.

„Wie, du bist empathischer geworden? Ich dachte Autist:innen können keine Empathie fühlen.“ Diesen Satz mag sich jetzt auch die ein oder der andere Lesende gedacht haben. Das ist ein Vorurteil, das auch ich durchaus schon dazu verwendet habe, um Menschen abzustempeln. Und genau deshalb nutze ich meine Stimme heute für Aufklärung.

Menschen, die nicht dem Neurotypen entsprechen, sind ganz einfach anders. Unser Gehirn funktioniert anders. Wir haben andere Stärken und Schwächen als der Mensch, für den unsere Gesellschaft geschaffen ist.

Wie über ADHS und Autismus berichtet wird 

Die meisten Artikel, die ich über ADHS und Autismus lesen, sprechen entweder von „super powers“ also den übermenschlichen Fähigkeiten, die unsere Gehirne mit sich bringen können, oder fokussieren sich nur darauf, wie schwer das Leben mit ADHS und Autismus ist. Dabei beziehen sich diese Schwierigkeiten meistens eher auf das Umfeld und nicht auf die betroffene Person., Es wird also über Dinge berichtet, die anderen Menschen negativ auffallen, weil sie nicht der Norm entsprechen und nicht über die Probleme die wir in einer Welt haben, die nicht an unsere Bedürfnisse angepasst ist.

Ich bin es satt, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Ich bin es satt, in eine Schublade gesteckt zu werden und dann Texte darüber lesen zu müssen, dass meine Existenz meine Mitmenschen stört.

Ebenso ist es schwer, wenn alles nur positiv gesehen wird.

Unsere Welt ist für neurotypische Menschen gemacht 

Da es sich um ein Spektrum handelt, gibt es neurodivergente Menschen, die im Alltag schwer behindert sind und andere, deren Neurodivergenz eventuell für Mitmenschen nicht erkennbar ist. Es mag zwar so wirken, als würde eine rein positive Reportage zur Normalisierung beitragen, allerdings bewirkt es oft, dass die sehr echten Beeinträchtigungen und Schwierigkeiten ignoriert oder nicht ernst genommen werden, wodurch es nahezu unmöglich wird, adäquate Anpassungen im Alltag zu bekommen.

In einer verständnislosen Gesellschaft wirken diese Anpassungen, welche dazu dienen, eine weniger unfaire Ausgangslage zu schaffen, oft wie eine unfaire Erleichterung oder Bevorzugung. In Wirklichkeit ist unser Alltag einfach eher für neurotypische Menschen geschaffen, als für neurodivergente wie mich. Jetzt argumentieren manche gerne, dass die Welt doch für niemanden geschaffen ist und fragen sich wieso gewisse Menschen jetzt Anpassungen haben möchten und im Grundgedanken gebe ich diesen Argumenten auch recht.

Den “Durchschnittsmenschen” gibt es gar nicht.

Man merkt sehr schnell, dass es „den“ Durchschnittsmenschen gar nicht gibt. Unsere Welt ist für niemanden perfekt, aber wenn man in ein gewisses Schema fällt, wirken viele Dinge so selbstverständlich, dass wir gar nicht daran denken.

Ein unglaublich banales Beispiel, um das zu illustrieren: Jemand mit 8 Dioptrien wäre im Alltag ohne Sehhilfe behindert. Wir würden diese Person nicht Auto fahren lassen, sie könnte ohne Anpassungen nicht studieren, viele Berufe nicht oder nur schwer erlernen etc.Mit einer Brille (also einer Anpassung im Alltag) sind diese Unterschiede deutlich geringer und wir schaffen eine faire Ausgangslage.  Die Brille schenkt ihrer Trägerin kein Studium und auch keinen Führerschein und bedeutet keine Bevorzugung, sondern dient als Anpassung an eine Welt, die für Sehende ausgelegt ist.

Man kann einen Unterschied in der Funktionsweise des Gehirnes nicht analog mit körperlichen Gegebenheiten vergleichen, aber Metaphern wie jene verbessern oftmals unser Verständnis.

Was ich neurotypischen Menschen mitgeben möchte

So wie es den “Durchschnittsmenschen” nicht gibt, gibt es auch nicht den:die Autist:in. Wir sind unterschiedlich, aber gleich wertvoll. Manchmal wirkt unsere Art eventuell ein bisschen ungewöhnlich, aber genau deshalb können wir Dinge aus neuen Blickwinkeln sehen und neue Perspektiven schaffen.

Neurodivergent sein hindert uns nicht daran, zu fühlen und zu lieben.

Neurodivergent sein hindert uns nicht daran, zu fühlen und zu lieben, egal was veraltete Stereotypen sagen, aber unsere Bedürfnisse können anders sein als die von neurotypischen Menschen. Um unsere Bedürfnisse zu kennen, gibt es eine sehr einfache Lösung: Fragt und kommuniziert direkt.

Fragen wie “Magst du Umarmungen?“ sollte man übrigens jeder Person stellen, bevor man sie anfasst. Konsens ist immer sexy.

Livvy ist gebürtige Anglo- Wienerin. Sie ist fast mit ihrem Bachelor in Biologie fertig und hofft, bald Neurowissenschaften zu betreiben. Sie nutzt gerne soziale Medien, um Aufklärung über queere Themen und mentale Gesundheit wie auch ADHS und Autismus zu leisten. Oder sie postet Bilder von ihren Katzen und anatomischen Zeichnungen. Ihr findet sie hier.

Headerfoto: T (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Hallo Livvy,
    ein wichtiges Thema, was du hier ansprichst. Mein kleiner Bruder ist auch Autist und hat die Diagnose erst vor kurzem erhalten. Ich hatte, ehrlich gesagt, meine Zweifel daran weil er auch “zu normal” wirkt. Er war aber unheimlich erleichtert. Seitdem hat sich unsere ganze Familie mehr mit dem Thema beschäftigt und ich war überrascht, wie breit gefächert das Thema ist.
    Von daher, würde ich es toll finden wenn du weiterhin mit deinen Artikeln aufklärst und den Menschen einen Einblick in deine Denkweise geben kannst.
    Alles Liebe und Danke! <3

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