Die Grenzen meines Aktivismus: Mit festgefahrenen Kapitalist:innen muss ich nicht reden!

Ich würde gern etwas über dieses diffuse und schwierige Konzept der persönlichen Abgrenzung schreiben. Es kommt mir so vor, als würde ich dabei versuchen, eine Landschaft zu skizzieren, die ich eben erst betreten habe. Dabei höre ich so oft: „Es ist so toll, wie konsequent du Menschen loslassen kannst.“ Haha, joke’s on you. Ich bin lang genug und immer noch am Strugglen.

Ich wandere hin und her zwischen dem Bedürfnis, Menschen lange eine Chance zu geben, Menschen Zeit zu geben, Menschen sich öffnen zu lassen und dem Verlangen danach, mein Leben mit bereichernden zwischenmenschlichen Beziehungen zu füllen.

Meine Kommiliton:innen reden darüber, wie sie den meisten akademischen Erfolg einheimsen können. Oder wie rein ihr letztes Produkt im Labor war. Oder mit wie vielen Frauen sie schon geschlafen haben. Meine Mutter redet davon, wie kaputt mein Vater ist und meine Mitbewohner reden von ihrem Proteinpulver.

Ich versuche, mich von Menschen abzugrenzen, deren Kern sich, wie ich meine zu spüren, einfach von meinem unterscheidet.

Viele Menschen wärmen alte Partygeschichten immer und immer wieder auf, sodass es einem fast unangenehm ist zuzuhören. Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich mich nicht auch ständig wiederhole. Meine Güte, jeder zweite Satz von mir ist eine Kritik am Kapitalismus.

Ich versuche, mich von Menschen abzugrenzen, deren Kern sich, wie ich meine zu spüren, einfach von meinem unterscheidet. Wenn auf meinen Aktivismus nicht mit einem liebevollen, anerkennenden und interessierten Blick reagiert wird, was soll ich damit?

Klar diskutiere ich gerne die Themen aus und versuche, so gut es eben geht, meinen Standpunkt klar zu machen. Gleichzeitig: Mit Liberalos diskutiere ich nicht gerne und fast niemals produktiv.

Wenn ein Mensch in der kapitalistischen Traumwelt lebt, in der Sexismus und Rassismus doch eh nur Einzelfälle sind, dann kann ich diesen Menschen da nicht allein rausholen. Außerdem merke ich dann, wie unbereichernd der Kontakt zu diesem Menschen ist, es sei denn, ich bemerke ein ernsthaftes Interesse an meinen Weltansichten. Oft grenze ich mich von Menschen ab, die keine Bereitschaft haben, sich meiner Denkwelt zu öffnen und mich auch nicht an ihrer Denkwelt teilhaben lassen wollen. Menschen, deren Denkwelt keine dynamische ist, sondern eine festgefahrene. Klinge ich arrogant?

Ihr konfrontiert mich nur mit der Arbeit, die noch vor uns liegt.

Es fühlt sich an, als würden mir solche Menschen einfach in die Fresse zeigen, wie viel Arbeit wir noch zu tun haben, wie viel wir noch erkämpfen müssen. Das ist ernüchternd. Wenn mein Nachbar mir stolz erzählt, er geht jetzt zu Burger King, dreht sich mir der Magen um. Bei irgendwelchen alten Männern bin ich vorbereitet, mit Fragen konfrontiert zu werden wie: „Ist Sexismus in Deutschland denn echt so ein Problem???“ Aber nicht von gleichaltrigen Kumpels, die mit mir studieren.

Wieso the fuck werde ich von einem cis-männlichen Juristen, dem ich schon das Problem unserer Judikative mit struktureller sexueller Gewalt erklären musste, wenn ich Gläser bemale und mit Glitzersteinchen beklebe, darauf hingewiesen, dass das ja ganz schön dem Rollenklischee entspricht?

Ich schaffe es nicht und ich will es nicht schaffen, mich mit Menschen, denen andere Menschen egal sind, d.h., die sich nicht gegen unser aktuelles ausbeuterisches System stellen, nah zu umgeben.

Diese Menschen sind es, bei denen ich mich nicht sicher fühle. Diese Menschen sind es, bei denen es sich so anfühlt, als würde etwas knirschen. Ich schaffe es nicht und ich will es nicht schaffen, mich mit Menschen, denen andere Menschen egal sind, d.h., die sich nicht gegen unser aktuelles ausbeuterisches System stellen, nah zu umgeben.

Wieso soll ich mit diesen Menschen abends gemütlich bei einem Bier abhängen? Ihr seid meine Kopfschmerzen, ist nichts Persönliches.

Theresa ist 21 und versucht sich beim Spagat zwischen dem Kampf für Klimagerechtigkeit, Feminismus, der eigenen Psyche und Studium. Dabei findet sie sich tagtäglich in einem bunten Chaos aus wütenden SUV-Fahrern, Straßenblockaden, wirbelnden Gedanken, verwirrten Männern, Ibuprofen, Liebe und vielen wundervollen Menschen und Erfahrungen wieder.

Headerfoto: Gemma Chua-Tran via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Bravo, Theresa! Mach es Dir nur schön bequem in Deiner Blase und rede bloß nicht mit Menschen, die andere Meinungen habe. Mit so Deiner Einstellung wächst ganz bestimmt der gesellschaftliche Zusammenhalt!

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