Zwischen Frust und Hoffnung: Auf der Suche nach Liebe

So viel Traurigkeit in mir. Ich war in dem Kinofilm Die Überglücklichen. Allein. Das war ich schon mal – und immerhin hatte ich einen Kinogutschein, also hat es mich nichts gekostet. Aber dieses Gefühl. Ich bin alleine. Es erdrückt mich manchmal.

Der Film zeigte zwei Frauen mit psychischen Störungen: Eine der beiden war depressiv und erzählte, dass man ihr das Kind wegnahm, weil sie zu traurig sei, um es großzuziehen. Da dachte ich ganz still: Ist das mein Schicksal?

Diese ganze Hirnscheiße, diese vielen Gedanken, diese erdrückende Melancholie? Soll ich alleine bleiben? Darf niemand mich stärken, weil ich selbst nicht stark genug bin? Wie sinnlos ist das Leben ohne das Ziel? Wie können andere Menschen sich keine Familie wünschen?

Wie in einem Wartesaal

Wie kann man das, was man am meisten herbeisehnt seit man ein kleines Mädchen ist, nicht mehr wollen, weil alle sagen, dass es nur dann komme? Ich bin 31. Ich bin allein. Ich fühle mich wie in einem Wartesaal.

Was hätte ich alles schon erleben können? Wie viele Kinder hätte ich großziehen können? Wie sehr hätte mich das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden, erfüllt und gestärkt? Ein Mensch, der nur mit mir sein will. Darf ich daran noch glauben?

Wird es Zeit, den Wartesaal zu verlassen und alleine das Leben zu planen? Wie sammelt man dafür Kraft? Hat es auch dann einen Sinn? Ich habe Angst vorm Alleinsein. Ich habe Angst, davor alleine zu sein, wenn schlimme Dinge passieren. Ich habe niemanden, dem es nur um mich geht.

Wie egoistisch ist der Gedanke? Wie halten andere diesen Gedanken aus? Was bleibt mir im Leben? Die kommenden Krankheiten meiner Eltern? Der Tod? Die wachsenden Familien meiner Freunde? Wie kann ich das mit einem leichten Lächeln ertragen? Wie werde ich nicht verbittert?

Was bleibt mir im Leben? Die kommenden Krankheiten meiner Eltern? Der Tod? Die wachsenden Familien meiner Freunde? Wie kann ich das mit einem leichten Lächeln ertragen?

Ich bin ja schon verbittert. So langsam schließt sich eine dicke Wand Selbstmitleid um mein Herz. Entspannen kann ich nur noch, wenn ich Alkohol trinke oder fernsehe. Auf Reisen vergesse ich auch. Demnächst reise ich alleine.

Mein Leben lang schon warte ich auf den Einen. Was kann daran falsch sein? Ich versuche mein Leben alleine zu meistern, aber manchmal bringt es einfach keinen Spaß. Wenn man sich nur arbeitend und „über die Runden kommend“ sieht. Ist es das? Ich weiß, dass es anderen schlimmer geht. Ich weiß, dass ich auf das Schöne und Gute in meinem Leben achten soll.

Aber bitte, lass uns dann das Leben tauschen. Lass mich die Welt so positiv sehen wie du. So optimistisch. Und zack kommt die Selbstmitleidwelle, die sagt: Wie würde es dir gehen, wenn du gemobbt wurdest als du Bestätigung wolltest? Wie würde es dir gehen, wenn du nicht weißt, wie du dich auf dich konzentrierst? Wie würde es dir gehen, wenn du mit Anfang 30 unglücklich alleine ins Kino gehst?

Wie würde es dir gehen, wenn du Angst hast, auf ein Festival zu fahren, weil du die Traurigkeit nicht abschütteln kannst?

Wie würde es dir gehen, wenn es so selten jemanden gibt, der einfach mal spontan Zeit hat? Wie würde es dir gehen, wenn im falschen Moment viele Verabredungen auf einmal verblassen? Wie würde es dir gehen, wenn du Angst hast, auf ein Festival zu fahren, weil du die Traurigkeit nicht abschütteln kannst? Wie würde es dir gehen, wenn es niemanden gibt, der dich verehrt? Wie würde es dir gehen, wenn du nicht an dich glaubst? Wie würde es dir gehen, wenn, ja was?

Ich weiß, wie gesagt, es könnte schlimmer sein. Sagt man mir, wenn ich nur annähernd sage, wie traurig ich bin. Und? Schließt sich da der Kreis? Bin ich zu traurig, um jemanden zu verdienen? Bin ich nicht besonders genug, um jemanden zu verdienen? Bei den tollen Menschen da draußen kann ich verstehen, warum ich keine Augen auf mich ziehe. Die Blüte meiner Zeit fällt ab. Wer will mich bald, wenn außen alles vergeht.

Was macht mich aus? Ich habe keine Talente. Ich rede viel Müll, vor allem bin ich traurig und rede darüber. Ich zweifle. Ich jammer. Ich arbeite. Ich bin verbittert und nicht glücklich. Wie soll man sich da verlieben? Eine Sackgasse.

Wie kommt man aus der Sackgasse?

Ist es also eher eine Sackgasse als ein Wartesaal? Aber wie kommt man aus einer Sackgasse? Klar könnte ich aus eigener Kraft den Rückweg antreten. Aber kann nicht mal jemand kommen und mir den richtigen Weg zeigen? 31 Jahre. Jeder sollte jemanden haben, der ihn vergöttert.

Heute war es das erste Mal, dass ich daran gedacht habe, das nicht mehr zu wollen. Wie befreiend wäre das. Und wie schäbig ist es darüber zu schreiben? Wieso versuchst du nicht mal Tinder? Oder andere Sachen im Internet? Habe ich doch schon! Es ist nicht das, was ich will. Glaubst du an Liebe wie in Filmen? Anscheinend. Und gut ist das nicht.

Alte Flammen aufwärmen will ich nicht. Alle Männer, die ich nach dem einen Mann kennengelernt habe, wollten nur das eine. Oder haben irgendwann gemerkt, dass es nicht lohnt, bei mir zu bleiben. Im Suff gut genug, aber danach? Ich will dieses Danach! Und wie kann man es schaffen, etwas nicht mehr zu wollen, was man unbedingt will?

Ich gehöre zur Generation „Nie zufrieden“. Selbst wenn jemand käme, würde ich es bemerken? Bin ich schon so sehr Dramaqueen, dass ich nicht sehen würde, wenn etwas gut aussehen könnte?

Ich bin Generation konsumgestört. Ich will, also kaufe ich. Bitte einmal die große Liebe mit gleichem Familienwunsch und Bedarf nach Golden Retriever. Kosten egal. Ich gehöre zur Generation „Nie zufrieden“. Selbst wenn jemand käme, würde ich es bemerken? Bin ich schon so sehr Dramaqueen, dass ich nicht sehen würde, wenn etwas gut aussehen könnte? Klar hatte ich auch nette Männer kennengelernt, aber es hat nicht sofort gefunkt oder war nicht kribbelig genug.

Das will ich nicht. Ich weiß noch bei dem einen Mann … das wollte ich am Anfang nicht. Und dann? Hat er mein Herz Stück für Stück geklaut. Mir den Hof gemacht. Nicht lockergelassen. Wenn man sich denn mal gesehen hat. Ich wurde immer verrückter nach ihm. Beim Küssen fühlte es sich an, als könnte ich mein Glück nicht ertragen. Diese Lust auf ihn, seine Worte, sein Lachen.

Im Auto sitzend aufs Gaspedal drücken, nur um schnell bei ihm zu sein. Das will ich. Nur, dass er es auch wollen soll. Ich will ihn verrückt machen, so wie er mich. Wie merkt man das? Ist es mir nicht vergönnt? Was mache ich, wenn der Plan des kleinen Mädchens in mir nie aufgeht? Keine Familie? Kein liebestoller Ehemann? Keine Cousins für meinen Neffen? Keine weiteren Enkel für meine Eltern? Kein anderer Lebensinhalt neben der Schule?

Kein Neid, sondern Freude und Liebe

So wenig, wie ich nach meiner Weisheitszahn-OP anderen beim Bier trinken zusehen konnte, kann ich zusehen, wie Familien entstehen, wo meine große Lücke ist. Oder? Gibt es Hoffnung, dass es sich irgendwann leichter wird? Gibt es Menschen, die ähnliches fühlen? Ich mag das so nicht mehr.

Ich will im Glück der Freunde schwimmen gehen. Mich an ihren Erlebnissen erfreuen. Teil ihrer gemeinsamen Schritte sein. Mich dabei nicht verlieren. Nicht vor Neid erblassen, sondern vor Liebe platzen. Zufrieden sein im Hier und Jetzt. Dankbar für das Gestern. Zuversichtlich für das Morgen.

Nicht auf den Einen warten. Die eine, nämlich mich, lieben und verehren. Mit den Menschen, die in meinem Leben sind, genießen. Die Menschen feiern, die auch ihr Leben mit mir genießen wollen. Ich brauche nur noch die Geheimzutat: Wie ersetze ich begehrt werden? Wie erhalte ich die Hoffnung, eines Tages Schmetterlinge im Bauch spüren zu können? Wie fühlt sich große Liebe an?

Ile Marie, 34, kommt aus Hamburg und ist Single. Momentan überlegt sie, ob sie sich endlich einen Hund ins Haus holt!

Headerbild: Taisiia Stupak via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür! 

5 Comments

  • Buchempfehlung: Die Kunst des Alleinseins von Ursula Wagner. Ich habe darin mal einen Erfahrungsbericht glesen, grob, Sie wurde mit Anfang 30 verlassen, hat sich dann ewig gegramt und ihre nächsten Jahre mit Selbstmitleid verschwendet anstatt zu leben. Mit 38 lernte sie jemanden kennen und lieben und gründete eine Familie. Rückblickend ärgerte sie sich über die Verschwendung ihrer Jahre und das Selbstmitleid. Sie hätte lieber tausend andere schöne Dinge tun sollen.
    Daran denke ich sehr oft und entscheide mich dann für das Leben und schöne und positive Momente. 🙂

  • Liebe Ile Marie,
    für mich klingt das nicht mehr nur nach Trauer darüber, dass Du keinen Partner hast, sondern eher nach einer Depression (die ihre Wurzeln sicherlich auch in der Trauer über den fehlenden Partner hat). Ich würde dir sehr empfehlen, einmal ein Erstgespräch bei einem Therapeuten / einer Therapeutin auszumachen.
    Ich wünsche dir alles Gute!

  • Danke für diesen ehrlichen Text. Ich (m, 38) habe mich darin auch wiedergefunden. Ich denke aber eher an die Katze als den Hund… und bin dankbar, auch im Norden zu leben 🙂

  • Tatsächlich weiß ich auch genau, wie sich das anfühlt…. diese Traurigkeit, die einen nicht loslässt, in der Hoffnung, dass es einem am nächsten tag wieder besser geht und man darüber steht, aber es wird einem ja permanent unter die nase gerieben, was man nicht hat….
    Ob es einen irgendwann loslässt?

  • Krass,ich weiß genau wie du dich fühlst. Leider… nur das ich schon kurz vor der 40 stehe und die Männer,die ich will immer gerade keine Beziehung wollen😔
    Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und bin davon überzeugt,dass es uns auch noch passiert .

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