Einmal Opfer – immer Opfer? Wie Mobbing Leben zerstört

Das Thema Mobbing berührt viele Menschenleben – und das in jedem Alter. Ich beispielsweise musste als Schulkind im Alter von 7–14 Jahren eine Menge an Anfeindungen einstecken. All diese Jahre habe ich mich gefragt, ob das wohl mal aufhören würde und wie und ob das nicht mal jemand merkt, dass mir hier gerade wehgetan wird. Immer dann, wenn ich dachte, ich hätte es endlich überstanden, wurden neue Dinge an mir gefunden, die als Gründe gut genug waren, mir psychisch zuzusetzen.

Das Thema Mobbing berührt viele Menschenleben – und das in jedem Alter.

Hilfestellung bekam ich damals nur wenig, auch von meinen Eltern nicht. Für sie waren das vermutlich damals Kinderspielereien – man ärgert sich halt. Dass ich darunter litt, schienen sie nicht zu sehen und wenn ich es sagte, hörte keiner zu. Dabei ist Mobbing alles andere als ein Kinderproblem, es kommt genauso oft unter Erwachsenen vor. In jedem Fall ist es keine Kleinigkeit, es hat mich und mein Selbstwertgefühl nachhaltig negativ beeinflusst.

Mobbing – die hard facts

„Der Begriff Mobbing bezeichnet per Definition ein fortgesetztes Verhalten, das durch gezielte Anfeindung, Schikane und Diskriminierung gekennzeichnet ist (engl. to mob = anpöbeln, schikanieren). […] Dabei greifen eine oder mehrere Personen (die Täter oder Mobber) über einen längeren Zeitraum hinweg direkt oder indirekt eine unterlegene Person (das Mobbing-Opfer) an. Das Ziel von Mobbing ist es, jemanden systematisch auszugrenzen.“ Hier gibt es die gesamte Definition zum Nachlesen.

Handfestes Mobbing ist für durchschnittlich 1 bis 2 Millionen Menschen in Deutschland jedes Jahr bitterer Ernst: Mobbing gibt es in der Schule, in der Uni, am Arbeitsplatz. 1000 bis 2000 Menschen nehmen sich schätzungsweise jährlich deswegen das Leben. Das Schlimmste daran ist: Unter den Betroffenen sind nicht selten auch Jugendliche.

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung, die sich seit den frühen 2000er Jahren abzeichnet. Neben den klassischen Methoden wie Gängelung, Ausgrenzung, Verweigerung von Informationen und Behinderung an der Erfüllung von Aufgaben, häufen sich die Fälle von Mobbing über soziale Plattformen im Internet. In der Extremform: offene Zurschaustellung persönlicher Inhalte, Verleumdungen, Drohungen. Das nennt man dann Cyber-Mobbing.

Handfestes Mobbing ist für durchschnittlich 1 bis 2 Millionen Menschen in Deutschland jedes Jahr bitterer Ernst: Mobbing gibt es in der Schule, in der Uni, am Arbeitsplatz.

Cyber-Mobbing ist deswegen eine so schwerwiegende Angelegenheit, weil es die Betroffenen vor einem noch größeren Publikum bloßstellt, als „nur“ Arbeitskolleg*innen oder Schulkamerad*innen. Hinzu kommt, dass das beleidigende und diffamierende Material, sei es ein Bild, ein Post mit einem Fake-Profil in einem sozialen Netzwerk oder ein Video, dauerhaft ausgestellt wird und daher lange verfügbar bleibt.

Wer sich was herunterlädt und speichert, ist im Internet für normale Menschen kaum nachzuvollziehen und noch schwerer zu beweisen. So kann auch nur ein kleiner Post für die Betroffenen zur dauerhaften Scham werden, mit der sie immer wieder konfrontiert werden und mit der sie leben müssen.

Warum mobbt man – und warum tut niemand was?

Die Täter*innen mobben aus unterschiedlichen Gründen: Nicht selten, um ihre eigene Stellung innerhalb einer sozialen Gruppe zu verbessern, eigene Unsicherheit zu kaschieren, Machtgelüste auszuüben oder weil sie es von den Eltern vorgelebt bekommen Die soziale Herkunft spielt dabei übrigens keine weiterreichende Rolle. Es gibt überall Täter*innen, es gibt überall Leute, die unter ihnen leiden – und die Zuschauer*innen, die tatenlos dabei stehen.

Es gibt überall Täter*innen, es gibt überall Leute, die unter ihnen leiden – und die Zuschauer*innen, die tatenlos dabei stehen.

Tatenlos meist aus Angst, in einen Konflikt hineingezogen zu werden oder selbst als Opfer ausgesucht zu werden. Dass sie den Vorgang für die Opfer mit ihrer Tatenlosigkeit besonders hoffnungslos machen, ist ihnen oft selbst nicht bewusst.

Leider ist Mobbing jedoch eine recht erfolgreiche Strategie, sich an der Spitze eines Sozialgefüges zu positionieren. An vielen Schulen und Unternehmen lassen sich sogar Strukturen erkennen, die Mobbing geradezu unterstützen. Das mag einer der Gründe sein, warum Mobber*innen teilweise jahrelang mit ihren Maschen durchkommen, ­ohne sich Gedanken über die psychischen, sozialen und auch physischen Auswirkungen für ihre Opfer zu machen. Dass es hier in Deutschland im Gegensatz zu Schweden, Frankreich und Spanien kein Antimobbing-Gesetz gibt, mag ein weiterer Grund sein.

Mobbing macht nicht nur unglücklich, sondern auch dauerhaft krank und einsam

Laut einem Beitrag der Serie Quarks und Co. werden im Durchschnitt jährlich ca. fünf Arbeitstage aufgrund von Mobbing nicht angetreten, da sich die Betroffenen nicht dazu in der Lage fühlen. Der finanziell-wirtschaftliche Aspekt ist dabei aber nur eine Marginalie, denn das eigentliche Problem hierbei ist: Mobbing macht in der Tat krank. Die Betroffenen leiden bei anhaltendem Mobbing nicht allein unter psychischen Problemen, sondern können auch somatische Beschwerden entwickeln wie z. B. Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit und Magenkrämpfe.

Besonders bei jungen Menschen richtet Mobbing teilweise nachhaltigen Schaden an, kann sogar die Gehirnstruktur und damit die Persönlichkeit der Betroffenen dauerhaft beschädigen.

Dennoch gelten die Folgen von Mobbing nicht als Berufskrankheit. Aber auch besonders bei jungen Menschen richtet Mobbing teilweise nachhaltigen und irreparablen Schaden an, kann sogar die Gehirnstruktur und damit die Persönlichkeit der Betroffenen dauerhaft beschädigen. Aufgrund der ausbleibenden Hilfe von außen ziehen sich die Menschen immer mehr zurück, entwickeln depressive und in manchen Fällen auch suizidale Verhaltensweisen, wie dieser Twitterbeitrag einer Userin zeigt, die schon mit 13 an Suizid dachte, um sich selbst von ihren Peiniger*innen zu erlösen.

Was man dagegen tun kann

Mobbing zerstört Menschenleben und im extremen Fall nicht nur das des Opfers, sondern auch die von Angehörigen oder mehreren Menschen, wenn Frustration in Aggression umschlägt. Deshalb ist es so wichtig, den Umgang an Schulen und in Unternehmen auf potenziell unterstützende Strukturen hin zu untersuchen und dem Einhalt zu gebieten. Das ist ein laufender Prozess und vermutlich nicht immer ganz durchsetzbar, da Mobbing oft unterschwellig anfängt und Vorgesetzte oder Lehrer*innen davon manchmal nichts mitbekommen – wollen.

Betroffenen selbst wird empfohlen, gerade weil es sich bei Mobbing oft um eine vielschichtige Diskriminierung handelt, genau schriftlich festzuhalten, was ihnen wann von wem angetan wurde. Wichtig ist es auch, sich Hilfe zu suchen und Rat bei Freund*innen oder Verwandten, damit man mit den Problemen nicht alleine bleibt. Für betroffene Jugendliche und Kinder ist dieser Punkt besonders wichtig. Während erwachsenen Arbeitnehmer*innen als letzte Möglichkeit oft die Kündigung bleibt. Eine Wunschlösung kann das allerdings auch nicht sein.

Wenn du siehst, wie jemand gemobbt wird – misch dich ein! Denn wer nicht hilft, ist Mittäter*in. Und Taten sind nur gut, wenn sie die Welt besser und nicht schlechter machen.

Scham spielt hier eine große Rolle, denn gerade Kinder und Jugendliche neigen dazu, den Fehler bei sich zu suchen und haben Angst davor, für das „Petzen“ von den Mobber*innen noch härter angegangen zu werden. Eltern sollten die Ängste und Sorgen ihrer Kinder ernst nehmen. Klar sollte sein, dass Schuldzuweisungen an das Opfer keine Hilfe sind. Die Mobbing-Opfer sind in den seltensten Fällen selbst an ihrer Misere schuldig und wissen meist keinen Rat, außer: „Kopf einziehen“.

Mit „ignoriere sie einfach, dann hören sie von alleine auf“ bin ich in der Grundschule im Übrigen auch nicht weitergekommen. Das war vor 20 Jahren so und es wird vermutlich so weitergehen, wenn man diesen Problemen nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringt, die sie verlangen.

Der richtige Weg, gegen Mobbing vorzugehen, sollte es sein, bereits als Elternteil seinen Kindern ein grundsätzliches Maß an Empathie und Mitgefühl für ein soziales Miteinander mitzugeben. Zu vermitteln, dass es absolut nichts Cooles hat, sich auf Kosten der Gefühle anderer selbst besser darzustellen. Und für Außenstehende sollte gelten: Wenn du siehst, wie jemand gemobbt wird – misch dich ein! Denn wer nicht hilft, ist Mittäter*in. Und Taten sind nur gut, wenn sie die Welt besser und nicht schlechter machen.

Wenn auch du Probleme hast oder Fälle bei der Arbeit oder in der Schule beobachtest, in denen Leute gemobbt werden, dann findest du Rat beim Hilfetelefon (per Chat oder Telefon; in 17 Sprachen und sogar in Gebärdensprache) oder erfährst, wie du den Betroffenen helfen kannst.

Sei dir sicher: Du bist nicht allein und darfst dir ruhig Hilfe suchen, wenn du das Gefühl hast, du brauchst sie. 

Headerfoto: Motoki Tonn via Unspalsh. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.