Wie ich plötzlich doch ohne ihn und unsere toxische Beziehung leben konnte

Wie zu erwarten, haute mich die Trennung (um die es in diesem Text ging) aus der Bahn, Angstzustände deluxe, sozusagen. Doch ich wusste, es wird besser werden. Für mich war die Vorstellung, dass er leidet, unerträglich. Er hatte mir zuvor ein Ultimatum gestellt, was legitim war, da ich schon über mehrere Wochen immer wieder meine Zweifel an der Beziehung äußerte.

Tja, die Entscheidung verlief nicht zu seiner Freude. Wenn ich heute an den Moment des Schlussmachens denke, spüre ich immer noch einen kleinen physischen Schmerz und mir wird ein wenig schlecht. Damals habe ich erstmal nicht geweint, ich habe ihn verabschiedet, mir einen Tee gemacht, zwei Sätze in mein Tagebuch geschrieben und bin schlafen gegangen. Totale Überforderung.

Die Realisierung, dass ich tatsächlich die Person, die ich fast zwei Jahre als den Fels in meiner Brandung bezeichnet hatte, gehen ließ, schlug ein.

Die nächste große Frage war dann, ob ich ihn blockieren solle; noch mehrere Wochen lang konnte er es nicht lassen, mich zu beschimpfen, mir Dinge zu unterstellen und mir psychische Schmerzen zuzuführen. Ich fühlte mich widerlich, einerseits vor Mitleid, andererseits vor Wut. Die Realisierung, jetzt wirklich (wirklich!) allein zu sein (wie ich damals dachte) und dass ich tatsächlich die Person, die ich fast zwei Jahre als den Fels in meiner Brandung bezeichnet hatte, gehen ließ, schlug ein.

Ich wusste, dass es richtig war. Gleichzeitig linderte das den Schmerz kein bisschen.

Das erste, schmerzhafte Wiedersehen

Irgendwann, etwa im März, sahen wir uns beim Feiern wieder. Ich tanzte mit Freundinnen in der Bar auf den Tischen: schwarzes Kleid, schwarzer Eyeliner, Kölsch in der Hand, auf dem Kleid, am Kinn. Ich wusste, dass er in derselben Bar mit seinen Leuten landen wird. Ich wusste, dass ein Drama auf mich zukommen wird.

Und doch wollte ich ihn sehen, halb weil ich etwas fühlen wollte, halb weil ich sehen wollte, dass er nicht komplett am Arsch irgendwo in einem Keller liegt und dabei ist, sein gesamtes Leben in den Dreck zu werfen. Letzteres Bild produzierte er nämlich in seinen Nachrichten an mich. Vielleicht wollte ich auch ein bisschen provozieren, Ehrlichkeit in allen Ehren.

Die Musik war laut, die Leute schrien oder sangen, je nach Definition, und er betrat die Bar. Drehte sich um, schaute mich an. Nicht nur kurz, kein Nicken, kein Lächeln. Er starrte mich an, mit Hass und Abscheu in den Augen.

Er starrte mich an, mit Hass und Abscheu in den Augen.

Das machte etwas mit mir. Ich glaube, es war derselbe irre Blick, den er immer während seiner Eifersuchtsattacken hatte: leicht vernebelt durch den Alkohol und doch voller aggressiver Zielstrebigkeit. Er wollte mich wohl unbedingt spüren lassen, wie sehr er mich verachtet.

Meine engsten Freundinnen ließen mich nach und nach allein um mit ihm zu reden, um ihm klarzumachen, dass sein Verhalten mir gegenüber verdammt respektlos ist. Als ich dazu treten wollte, um in ein Gespräch zu gehen, wurde ich weggeschickt. Okay, dann halt nicht. Kam mir vor, wie im falschen Film: Er tyrannisierte mich und dann spielten meine Freundinnen Kummerkasten für ihn. Tja, ich war eben nicht die in dem ganzen Spiel, der Traurigkeit erlaubt ist, dachte ich mir.

Wieder einmal wurde ich gezwungen, die Rolle der starken Person zu spielen. Ich fühlte mich schuldig, allein, ungerecht behandelt. Als ob die starke, kalte, rationale Theresa reuelos das Herz des Mannes zerrissen hätte. Des Mannes, der ja alles für mich gegeben hatte. Er hat sogar den Akkus meines Handys ausgetauscht. Habe ich vermutlich nur ausgenutzt, bei meiner klassisch ausbeuterischen Denkweise.

Wieder einmal wurde ich gezwungen, die Rolle der starken Person zu spielen. Ich fühlte mich schuldig, allein, ungerecht behandelt.

Genau wie das Autofahren, übrigens: Wie mir erklärt wurde, war ich nur mit ihm zusammen, um durch die Gegend gefahren zu werden. Ahja. Mansplaining kann also womöglich soweit gehen, dass es in die eigene Gefühlsweit hineinreicht. Hab im Nachhinein auch erfahren, dass meine Orgasmen alle getäuscht waren.

Worauf ich in besagter Barnacht nicht stolz bin: Ich klatschte ihm eine. Er hatte mir unterstellt, ich hätte eh nur „rumgehurt“ und wolle auch selbiges jetzt und in Zukunft tun. Er hatte damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Einerseits konnte er mir meine angebliche Untreue, was für ihn mit nie vorhandener Liebe gleichzusetzen ist, vorwerfen und andererseits hat er eine generell frauenverachtende Diffamierung eingesetzt. Toll gemacht.

Erinnerungen an seine Gewalt. An meinen Schmerz.

Während ich das aufschreibe, versucht sich mein Gewissen zu rechtfertigen und die gewalttätigen Aktionen seinerseits mir einzuprägen: Ich weiß noch, als er mich auf dem Oktoberfest im Vollrausch so fest gehalten hat, dass sich mein Ring in mein Fleisch bohrte und ich noch tagelang danach in meinem Ringfinger einen dumpfen Schmerz spürte.

Danach waren wir noch 1,5 Jahre zusammen. Manchmal wachte ich morgens auf, seine Hand in meinem Höschen, um nicht zu sagen in mir. Von Konsens keine Spur. Gegen Ende unserer Beziehung weinte ich beim und nach dem Sex. Den genauen Grund dafür weiß ich bis heute nicht. Hing wohl eng damit zusammen, dass in meinem Gehirn die Hölle los war, ich mich schuldig, ekelhaft, ängstlich, ganz und gar minderwertig und nicht zuletzt zutiefst missverstanden fühlte.

Ich beschloss, den Sex hintenan zu stellen, immerhin habe ich eine psychische Erkrankung, mit der ich fertig werden möchte. Er beschwerte sich, gelinde ausgedrückt, als ich immer weniger mit ihm schlafen wollte. Laut ihm sei das ein Ausdruck meiner mangelnden Liebe. Was zur verf*** Hölle, dude.

Frei von den Ketten fand ich mein Glück zunächst in der Bestätigung von außen.

Zurück zur Nacht in der Bar: Ich klatschte ihm eine, meine Freundinnen feierten mich dafür, ich ging komplett verstört nach Hause. Am nächsten Tag entschuldigte ich mich, er entschuldigte sich, nachdem er noch ein paar Beleidigungen loswurde. Wir beschlossen, uns ein letztes Mal zu treffen. Wir gingen in eine Bar, um etwas zu trinken.

Am Ende des Abends küssten wir uns heftig vor dem Haus eines Menschen, mit dem ich noch eine Woche vorher Sex hatte. Ich fühlte mich ekelhaft. Die Zusammenhänge sind letzten Endes unwichtig. Fazit: Ein sauberes Beziehungsende war das nicht.

Darauf die Zeit meiner scheinbaren Freiheit: Jedes Wochenende Vollrausch, wenn ich keine Person zumindest geküsst hab, jammerte mein Ego (ich denke, es ist das Ego). Single sein soll ausgenutzt werden.

Ich trug nur schwarz, hörte Lana del Rey und meinte, nie wieder zu lieben, geschweige denn geliebt zu werden.

Auf der einen Seite machte ich wundervolle Erfahrungen, mein Selbstbewusstsein wuchs um das Zehnfache. Nicht nur, weil ich auf sozialer Ebene Anschluss fand, sondern weil ich von Männern begehrt wurde; Markus kam ins Spiel und gab mir das Gefühl, wahnsinnig heiß, hübsch und begehrenswert zu sein.

Viele positive Gefühle in dieser Zeit ließen sich auf die Bestätigung von außen zurückführen und heute denke ich: Das ist total okay so. Ich war zertrümmert von meiner Beziehung, meiner Diagnose, meiner familiären Struktur, meinen akademischen Ansprüchen. Ich trug nur schwarz, hörte Lana del Rey und meinte, nie wieder zu lieben, geschweige denn geliebt zu werden.

Ich wollte nie wieder Hoffnung haben, ich wollte die fuck-off-Einstellung in mein gesamtes Leben integrieren. Es war mir vieles so verdammt egal und irgendwie passte in diesen dumpfen, lebensverneinenden Lebensstil die Geschichte mit den vielen Männern. Wenn ich schon traurig war, dann sollte ich doch währenddessen wenigstens hübsch und vor allem HEISS sein.

Für mich war das eine Form der sexuellen Selbstbestimmung, als hätte ich mich aus meinen Ketten gesprengt und würde jetzt mit 300 km/h in das wilde Singleleben reinkrachen.

Für mich war das eine Form der sexuellen Selbstbestimmung, als hätte ich mich aus meinen Ketten gesprengt und würde jetzt mit 300 km/h in das wilde Singleleben reinkrachen. Manchmal vermisse ich diese Seite meiner selbst. Die Melancholie war wie ein sicherer Hafen, das Feierleben produzierte genau das Bild nach außen, das ich in meiner Schulzeit nie aufweisen konnte.

Endlich konnte ich der Welt zeigen, wie scheiße sie ist, dachte ich. Das war total nötig. Ich hatte einen Kanal gefunden, meine Traurigkeit, meine Ängste und Sorgen in schwarzes, nach Rosé riechendes Spitzenpapier zu packen und in die Welt zu schicken. Heute ist das manchmal noch meine selbstgedrehte Kippe. Auch okay.

Theresa ist 21 und versucht sich beim Spagat zwischen dem Kampf für Klimagerechtigkeit, Feminismus, der eigenen Psyche und Studium. Dabei findet sie sich tagtäglich in einem bunten Chaos aus wütenden SUV-Fahrern, Straßenblockaden, wirbelnden Gedanken, verwirrten Männern, Ibuprofen, Liebe und vielen wundervollen Menschen und Erfahrungen wieder.

Headerfoto: Alex Suprun via Unsplash (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.