Meine toxische Beziehung: Wie meine Zwangsgedanken mich glauben ließen, ich könnte nicht ohne ihn

Der ganze Spaß begann mit viel Unsicherheit. Und blindem Verlangen, zumindest hat es sich so angefühlt. Ich nenne es mittlerweile ein Verlangen nach der Zugehörigkeit zu dem Club der Menschen in Beziehungen, sei es verbindlich oder unverbindlich.

Es fing im Prinzip total klassisch an, ähnlich wie bei meinen Freundinnen zumindest. Auf Studienfahrt kennengelernt, Snapchat-Kontakt, WhatsApp-Kontakt, Opfergabe vieler Stunden Schlaf, in der Schule schüchternes Lächeln, Party, Alkohol, kuscheln, Pulli ausleihen, und schreiben, schreiben, schreiben.

Manchmal gruselt es mich, wie ähnlich die Erfahrungen verschiedener Menschen bei einer sich anbahnenden Beziehung sind. Nicht nur die technischen Details, sondern auch emotional wirft es mich auch jetzt immer in dieses schwärmerische, obsessive Denkmuster zurück.

Am nächsten Tag kotzte ich in eine Salatschüssel. Dann zog ich seinen grauen, langen, Hollisterpullli an. Ich fühlte eine Mischung aus Geborgenheit und Coolness.

Damals war ich 16. Er hatte mit seiner Ex Schluss gemacht und am selben Abend lagen wir, komplett besoffen, 3 Stunden aufeinander auf dem Sofa einer gemieteten Bar, wild knutschend. Eine gute Freundin feierte ihren 18. Geburtstag. Es war mein erster „richtiger Kuss“, das erste Mal „rummachen“. Das erste Mal wurde mein Körper wirklich von einem Mann gewollt und ich ließ es zu. Ich wollte mich gewollt fühlen. Ich bekam, was ich brauchte und der Überfluss seinerseits rannte auf mich zu.

Am nächsten Tag kotzte ich in eine Salatschüssel meiner Freundin Anna. Dann zog ich seinen grauen, langen, Hollisterpullli an, der nach seinem Parfüm roch. Ich fühlte eine Mischung aus Geborgenheit und Coolness. An das Begehren, instantan mehr zu wollen von alkoholtrunkenem, hemmungslosem Rumknutschen, kann ich mich zumindest unmittelbar nicht erinnern.

Nicht nur die Tatsache, nun auch endlich meinen Freundinnen etwas zu erzählen zu haben, sondern auch, etwas vor meinen Eltern zu verheimlichen, gab mir ein Gefühl von Macht und zeigte mir: Ich und meine sexuellen Erfahrungen sind erstens legitim und zweitens wichtig. Ich fühlte mich wie auf dem Weg in ein Abenteuer.

Ich fühlte mich nicht bereit und verdrängte, dass das erste Anzeichen für meine psychische Erkrankung waren.

Es verging kein Tag, an dem wir nicht geschrieben hätten: Über Wissenschaft, Politik, das Universum oder, dass wir Heißhunger auf Burger haben. Aber auch über seine Ex schrieben wir, schwammig kreisten wir um das Thema der Liebesbeziehungen und schnitten immer wieder leicht unsere Gefühle füreinander an – mit leicht meine ich in den meisten Fällen metaphorisch.

Ich bekam nichts aus mir heraus, ich wusste nicht, ob ich „das“ konnte. Was dieses „das“ bedeutet, fällt mir heute noch schwer in Worte zu fassen. Heute denke ich, dass ein großer Teil, der mich blockierte von meiner damals schon in mir wütenden psychischen Erkrankung herrührte.

Ich wusste damals bereits, wie verdammt destruktiv Beziehungen zwischen Mann und Frau sein konnten; habe das immerhin tagtäglich durch die Ehe meine Eltern mitbekommen. Doch dieses Problem und meine psychische Krankheit, die ich damals nur über meine Leiche als solche bezeichnen wollte, belasteten mich in dieser Zeit kaum bis überhaupt nicht: Ich hatte „echte Probleme“, mein spannendes Liebesleben ließ diesen keinen Platz. Endlich hatte ich das Gefühl eine 16-Jährige zu sein, die einfach den lifestyle lebt. So sollte es sein.

Plötzlich waren wir dann doch zusammen.

Das klassische Ritterdasein meisterte er perfekt. Er schrieb mir praktisch zu jeder Uhrzeit, reagierte auf meine Stimmungen. Fast nie schrieb ich ihm zuerst. An meinem Geburtstag fuhr er, gerade 18 geworden, von Stuttgart mit seinem eigenen schwarzen BMW hunderte von Kilometern zu mir, um mich zu überraschen. Um bei mir zu sein.

Er hielt meine Hand, fragte hoch frequentiert nach, wie es mir ging, und gab mir das absolut ekstatische Gefühl, die Einzige zu sein. Ich war alles, wonach ich mich in meinen Teenagerjahren gesehnt hatte: Die hübscheste, schlauste, heißeste, begehrenswerteste Person. Für ihn.

Er hielt meine Hand, fragte hoch frequentiert nach, wie es mir ging, und gab mir das absolut ekstatische Gefühl, die Einzige zu sein. 

Auf einer Hüttenparty im Nachbardorf, wir hatten gerade einige Nasen gezogen und waren auf dem Weg zur Bar: „Julia fragt, ob wir denn jetzt eigentlich zusammen sind?“ Er schaute mich fragend an, ich schaute ihn fragend an. Es folgte ein verunsichertes Lächeln, ein Schulterzucken und ich meine, wir hatten beide irgendwie ja gesagt. Was auch immer, wir waren ab diesem Zeitpunkt zusammen und ich war glücklich.

In dieser Nacht schliefen wir im Hobbyraum von Julia. Das erste Mal fasste ein Mann meine Brüste an und ich spürte ihn durch seine Boxershots. Beziehungsweise war ich nicht so sicher, was ich denn da so spürte. Wir fanden es ganz lustig, dass wir diese Machenschaften in einem Raum mit so vielen unserer Freund:innen vollzogen haben. Ich fühlte mich sehr erwachsen und wild.

Von meinem psychischen Leidensdruck und dem Gefühl, dass nur er helfen kann.

Es ist schwer, auszumachen, wie genau und an welchem Punkt unser Verhältnis eine symbiotische Dynamik entwickelt hatte und im Prinzip spielt das auch keine Rolle. Lange Zeit fühlte ich mich in der Beziehung als die, die das Ruder in der Hand hatte.

Das mochte ich. Ich war ehrgeizig und rational, naturwissenschaftlich interessiert und das Mädchen, das nie weint. Kompletter Schwachsinn, ich habe fast die ganze Nacht durchgeheult, als wir unser allererstes „Date“ hatten. Nicht weil es schlecht lief? Im Gegenteil. Es war eine Mischung aus Rührung, Angst und Überforderung und bis heute holt mich dieses Gefühl ein, ohne dass eine klare Benennung möglich wäre.

Die Nacht vor meinem ersten Tag als Studentin, die erste Nacht seit langem ohne ihn neben mir, schlief ich vielleicht 3 Stunden. Ich wurde von meiner Erkrankung geplagt, von Heimweh, Angst, Panik. Ich vermisste ihn so schrecklich und kam mir vor wie ein Wrack, von oben bis unten.

Die Sonntage im Bett gaben mir Sicherheit, Wärme und Ablenkung von meiner Angst und seine betrunkene, aggressive Art bereitete mir die Hölle auf Erden.

Morgens schlich ich über den grauen, betonlastigen Campus und fror. Der Nebel lag über dem Gras, ich verlief mich und hatte einfach Angst. Dieses Gefühl sollte mich während meiner Zeit dort selten verlassen. Ich stresste mich so sehr: Heute würde sich mein ganzes Studentinnenleben entscheiden – der Mathevorkurs und die Erstiwoche mussten einfach gut laufen!

Ich kam nachmittags aus der Einführungsveranstaltung, setzte mich in meiner eisigen Wohnung an die Heizung, zitterte und weinte. Der Heulkrampf wollte nicht aufhören, die Angst ließ mein Herz sich nicht beruhigen. Ich habe Angst ohne ihn, vermisse und denke, ich bin verloren.

Schließlich wurden wir zu einer Person. Es war wunderschön und wahnsinnig gefährlich. Die Sonntage im Bett gaben mir Sicherheit, Wärme und Ablenkung von meiner Angst und seine betrunkene, aggressive Art bereitete mir die Hölle auf Erden. Langsam wurde ich auch eifersüchtig, wenn er etwas mit Kommilitonen unternahm oder mit seinen alten Freunden Zockerabende machte. Ich brauchte ihn und er brauchte mich.

Ich meinte zu wissen, meine Welt würde jetzt untergehen. Bei meiner Familie schlafe ich ein paar Tage nur durch die Einnahme von tavor.

Eines Morgens wachte ich auf, mein Herz schlug so heftig, dass ich dachte, bald würde es aufgeben. Meine Brust war so eng, als hätte auch meine Lunge keine Lust mehr darauf, meinen Körper am Leben zu halten. Mein Kopf war voll mit Krieg, voller grausamer Mechanismen. An diesem Morgen sah ich ein, dass ich Therapie brauchte. Das nahm mir meine letzte Luft zu atmen.

Am selben Tag versuchte ich noch, das Laborpraktikum zu überleben, doch es ging einfach nichts mehr. Nachmittags saß ich auf seinem Bett und konnte nichts anderes mehr, als ihn anzusehen und zu weinen. Meinen Alltag bestritt ich schon lange als innerliche Leiche. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr.

An diesem Abend schleppte er mich zurück zu meiner Familie. Ich dachte, nein, ich meinte zu wissen, meine Welt würde jetzt untergehen. Auf dem Weg nach Hause versprach er mir, für mich da zu sein und komme was wolle, mich zu unterstützen. Bei meiner Familie schlafe ich ein paar Tage nur durch die Einnahme von tavor. Tavor knockt das Gehirn komplett aus; genau das, was ich brauchte. Die Einnahme dieses Benzodiazepins war wie eine rettende Oase für mich.

Mit der Diagnose kam die Akzeptanz und das Bedürfnis nach Zeit für mich.

Die problematische Beziehung war trotz allem präsent und es verging kaum ein Tag, an dem unser symbiotisches Verhältnis mich nicht in die Verzweiflung trieb. Fürchterliche Zeit. Ich konnte nicht mehr essen und versuchte irgendwie, jeden einzelnen Tag zu überstehen. Inmitten meiner persönlichen Hölle schaffte ich es irgendwie, meine restlichen Protokolle für die Uni zu schreiben.

Meine Zuflucht war die Traurigkeit; wenn ich traurig war, war die Angst nicht ganz so schlimm. Die ersten Therapiestunden waren wahnsinnig hart und ich brauchte, um zu akzeptieren, dass Therapie eine gute, normale Sache ist. Meine Therapeutin brauchte nicht lang für die Diagnose: Zwangsgedanken.

Ich begann zu akzeptieren, ich begann, die Krankheit in mein Leben zu integrieren. Ich googelte und fand in Foren zahlreiche Menschen, denen es genau so ging wie mir. Das war einerseits fürchterlich, andererseits kam ich mir das erste Mal seit langem wieder etwas normaler vor.

Er kam mit der Tatsache, dass ich nun alle Kraft auf mich konzentrieren musste und mich über seine Unterstützung freuen würde, nicht klar und die Vorwürfe prasselten nur so auf mich nieder.

Die Beziehung wurde währenddessen immer mehr zur Belastung. Eine Beziehungspause, um die ich ihn anflehte, wollte er nicht. Er kam mit der Tatsache, dass ich nun alle Kraft auf mich konzentrieren musste und mich über seine Unterstützung freuen würde, nicht klar und die Vorwürfe prasselten nur so auf mich nieder.

Ich würde ihn nicht lieben, ich würde doch nur rumvögeln wollen. Mich schmiss das komplett auf den Boden und der Aufprall tat unglaublich weh. Auf der einen Seite drängte er sich immer wieder in die wertvolle Zeit, die ich mit mir allein brauchte und ließ es nicht zu, dass ich etwas distanzierter mit ihm umging. Auf der anderen Seite plante er sein kommendes neues Studium, das er plötzlich bestreiten wollte.

Vermutlich war das sein verzweifelter Versuch, unserer Situation zu entfliehen. Meiner heftigen Abhängigkeit wegen, fühlte ich mich jedoch einfach nur im Stich gelassen, unwichtig, wertlos. Mir wurde mein Boden einfach weggerissen und ich fiel. Tief. Als er schließlich umzog, verbrachte ich die Tage in meinem Zimmer und malte. Ich begann immer mehr, mich zu distanzieren. Zwei Mal die Woche ging ich zur Therapie und lernte dort, meine neu gewonnen Selbstständigkeit einzusetzen.

In mir keimte etwas auf: vermutlich ich selbst. Ich wollte atmen, frei sein, tanzen, singen, weinen, schreien und hatte das Gefühl: Das kann ich nur alleine.

Ich überlebte die schlimmen Nächte, zitternd und weinend, allein: Keine tavor, kein Telefonat, kein WhatsApp. Ich zwang mich, nun auf mich aufzupassen und diese Aufgabe nie wieder jemand anderem in die Hand zu geben. Es war so unglaublich hart und es fühlte sich an, als wäre mein ganzes Leben mir einfach vor die Füße gekotzt worden.

Doch in mir keimte etwas auf: vermutlich ich selbst. Hallo allerseits. Ich wollte atmen, frei sein, tanzen, singen, weinen, schreien und hatte das Gefühl: Das kann ich nur alleine. Eine Mischung aus dem Drang nach Unabhängigkeit und dem zaghaften Wissen, dass ich nur heilen werde, wenn ich alleine durch meine Hölle gehe, machte sich breit. Klingt dramatisch, ist es auch.

Vielleicht hatte ich auch schon eine Ahnung, dass ich verdammt nochmal aus dieser toxischen Beziehung raus muss. Vielleicht klingelte irgendwo in der Ecke meines Hirns ein Glöckchen: „Klingeling meine Liebe, kümmere dich um dich und grenze dich von Menschen, die dich leiden lassen, ab!“ Danke. Danke.

Fortsetzung folgt.

Theresa ist 21 und versucht sich beim Spagat zwischen dem Kampf für Klimagerechtigkeit, Feminismus, der eigenen Psyche und Studium. Dabei findet sie sich tagtäglich in einem bunten Chaos aus wütenden SUV-Fahrern, Straßenblockaden, wirbelnden Gedanken, verwirrten Männern, Ibuprofen, Liebe und vielen wundervollen Menschen und Erfahrungen wieder.

Headerfoto: Alex Suprun via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

1 Comment

  • Mich würde ja mal interessieren was deinen Partner so toxisch gemacht hat? Dass jeder selbst dafür verantwortlich ist auch innerlich glücklich zu sein ist klar. I h freue mich dass du aus dir selbst heraus dämonen bezwungen hast. Aber es klingt doch irgendwie wie eine Projektion, so als wäre er schuld daran wie es dir ging?

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