Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein? Mit Rechten reden – Teil 1

Neulich saß ich im ICE von München nach Berlin. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches, ich mach das manchmal. Wie meistens hatte ich keine Sitzplatzreservierung, aber an diesem Tag hatte ich Glück und fand einen freien Platz am Fenster mit Tisch, baute meinen Laptop auf und stellte mich auf eine ruhige, schöne Fahrt ein.

Irgendwann bei Augsburg saß ich dann schon nicht mehr alleine in meinem Vierplatzcompartement, aber das war nicht schlimm. Der Herr mit der weißen Farbe an den Händen, der Arbeitshose und dem Recycling-Kaffeebecher neben mir wollte wahrscheinlich auch nur nach Hause und wir wechselten höchstens ein paar freundliche Worte, um uns auf ein gemeinsames Rauchengehen zu verständigen.

Die Gruppe

Bei Nürnberg war es dann vorbei mit der Ruhe. Die Plätze um uns herum waren ganz offensichtlich von einer größeren Gruppe weißer, deutscher Männer im Alter zwischen ungefähr Ende zwanzig und Anfang fünfzig reserviert worden, die gemeinsam zum Länderspiel nach Estland fliegen wollten. Sie ließen keinen Zweifel an ihrer Anwesenheit und ihrer Feierlaune und rissen den ein oder anderen Spruch, für den ich meine Freunde durchaus zurechtgewiesen hätte.

Aber das waren nicht meine Freunde und bisher wurde auch niemand direkt herabgewürdigt, sondern es waren die Implikationen des Gesagten, die diskussionswürdig waren. Die Mädels, die für die Neuankömmlinge die Plätze räumten, versuchten noch kurz, die Laune aufzunehmen und mitzutragen, beschlossen aber doch recht bald, sich von der Gruppe zu distanzieren.

Ich hielt den Rand, setzte aber meine Kopfhörer ab. Um jetzt noch Musik zu hören, war es eh zu laut. Die Gruppe drapierte sich und der Mann mir gegenüber betrachtete das DB-Magazin eingehend, bevor er das Foto von Andrea Sawatzki auf dem Cover neben mein Gesicht hielt und mich laut fragte, ob ich das sei.

Nicht alle rothaarigen Frauen sehen gleich aus.

„Nicht alle rothaarigen Frauen sehen gleich aus“, war meine Antwort. „Auch wenn du uns wohl nicht auseinanderhalten kannst, ist diese Dame sicher doppelt so alt wie ich.“

Versteht mich nicht falsch. Es liegt keinerlei Wertung darin festzustellen, dass Andrea Sawatzki und ich offensichtlich nicht dieselbe Zeit auf dieser Welt verbracht haben. Zumindest nicht für mich. Für ihn allerdings wohl schon, zumindest entschuldigte er sich ausführlich und bestand darauf, mir ein Getränk auszugeben, als die Zugbegleiterin kam und Minuten später sämtliche alkoholischen Getränke an die Gruppe um uns herum verteilt hatte.

Auch der Herr neben mir beteiligte sich an den Gesprächen. Mit Berliner Schnauze und dem Humor eines Punks aus der Wendezeit, was mir sofort ein Gefühl von gestiegener Sicherheit gab. Allein war ich wohl schon mal nicht.

Der Bürgermeister

Das Selbstdarstellungsbedüfnis dieser Gruppe war bemerkenswert. Im Laufe der ersten lautstarken Äußerungen, um sich dem gesamten Abteil vorzustellen, zeigte der Mann, der mich mit Andrea Sawatzki verwechselt und sich mir mit Frank vorgestellt hatte, auf seinen offensichtlich viel jüngeren Kumpel und verkündete, dass sie sogar einen Bürgermeister in ihrer Mitte hätten. Okay, dachte ich mir, das kann jetzt unangenehm werden, das muss es aber nicht.

Das gleiche dachte sich wohl auch besagter Bürgermeister, der sofort versuchte leicht abzuwiegeln und erklärte, er sei aber nicht bei irgendeiner Partei, sondern in einem freien Wählerverbund. Schnell steckten er und ich in einem eigentlich recht schönen Gespräch über Kommunalpolitik und die Probleme, die sich auftun, wenn ein Name kommunal- und landespolitisch für völlig unterschiedliche Dinge stehen kann.

Das war gut, wir waren uns einig, dass es schwieriger wird, Kommunalpolitik zu machen, dass es schwieriger wird, alle Menschen unter einen Hut zu bekommen, dass das Klima rauer wird. Das war ein Fehler.

Das war ein Fehler.

Das politische Klima für in der Kommunalpolitik tätige Menschen allein war schon ein Reizthema. Frank fing bereits an aufzubrausen, seine Freunde intervenierten und warnten ihn davor, jetzt ein Gespräch mit politischem Inhalt zu starten. Ich schwieg und guckte. Dann sagte ich so klar und gut verständlich wie möglich: „Wenn ihr euch und allen anderen Menschen in diesem Abteil eine ruhige Zugfahrt gönnen wollt, dann wäre es wahrscheinlich tatsächlich besser, das Thema Politik in Zukunft zu vermeiden, denn ich erwarte schon, dass Aussagen kommen werden, denen ich nicht nicht widersprechen kann.“

Das war wahrscheinlich zu komplex für den angetrunkenen Frank, zumindest dauerte es keine fünf Minuten, da war es um uns wieder still, weil die Gruppe ins Bordbistro gegangen war. Christian, der Handwerker neben mir und ich saßen da und atmeten erst mal durch. Uns beiden war klar, dass das nicht friedlich bleiben würde. Wir begannen, uns miteinander zu unterhalten.

Über Kinder und die Kinderbetreuungssituation deutschlandweit und in Berlin. Über die Probleme mit der Integration, mit der Inklusion von Kindern, deren Eltern das Gefühl haben, in Deutschland nicht erwünscht zu sein. Über Ursachen und Auswirkungen dessen, wie die deutsche Gesellschaft sich selbst sieht und „die Anderen“. Wer diese Anderen denn überhaupt sind.

Wir waren ruhig dabei. Haben uns in einer für einen Zug absolut adäquaten Lautstärke unterhalten und niemanden gestört. Dann kam Frank aus dem Bistro zurück, setzte sich mit Rotwein und Glas vor uns und sagte laut, für sämtliche Mitreisenden hörbar: „Also wisst ihr was? Ich find’s scheiße, dass man in Deutschland nichts mehr gegen Ausländer sagen darf.“

Also wisst ihr was? Ich find’s scheiße, dass man in Deutschland nichts mehr gegen Ausländer sagen darf.

Ich bin nicht besonders groß oder besonders stark. Als ich Kind war wurde ich ziemlich heftig gemobbt, war also ständigen verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Etwas gesagt habe ich irgendwann nicht mehr, weil ich sowieso damit rechnete, nicht gehört zu werden. Dann habe ich wieder sehr laut etwas gesagt, weil mir eine ziemlich linke Jugend gezeigt hat, dass und warum es wichtig ist, den Mund aufzumachen.

Dass ich damals angegriffen wurde, hängt glaube ich weniger mit meinem Äußeren zusammen, sondern damit, dass ich einfach schon immer ein wenig neben der Spur war.

Verteidigungsmodus on.

Ich bin jedenfalls auf keinen Fall denselben diskriminierenden Strukturen ausgesetzt gewesen, wie marginalisierte Gruppen es sind, so weiß wie ich bin, geht’s mir verdammt gut in dieser Gesellschaft, wenn ich mich zusammenreiße. Aber ich bin halt weiblich und ich bin klein, was zwei der Gründe sind, warum mich meine Mutter in den Kampfsportverein steckte, als ich neun Jahre alt war.

Bei der Prüfung zum grünen Gurt wurde mein Wissen und Können in einer Art Angriffskreis abgefragt. Um mich herum standen andere Kinder, die den grünen Gurt bereits hatten, und griffen mich mit den bekannten Schlägen und Griffen an, wogegen ich mich mit dem, was ich für diese Prüfung gelernt hatte, verteidigen musste. Ein ähnliches Gefühl wie damals stieg auch jetzt auf.

Diskussionsmodus on.

Ich erinnere mich an den Rest der Fahrt nur noch in Argumenten. Auf „Man darf in Deutschland nichts mehr gegen Ausländer sagen“ kam „Kommt drauf an, ob es menschenverachtende Scheiße ist, denn die führt in letzter Konsequenz zu Anschlägen wie in Halle.“ Auf „Ja, Halle is schlimm, aber was ist mit dem Syrer in Limburg“ folgte „extremistisches Arschloch ist extremistisches Arschloch, nur dass die einen beobachtet werden und die anderen ignoriert.“

Auf „Ja und was ist mit dem linken Auge? Die Antifa hat Hamburg in Schutt und Asche gelegt und wird subventioniert!“ folgte „Die Bilder von G20 und die aktuell laufenden Prozesse gegen Demonstrierende widersprechen dieser Aussage und die Antifa hat nicht einmal ne Organisationsstruktur, wie willst du so was bitte subventionieren?“

Genau in diesem Moment lief ein junger, hagerer Typ zwischen unseren Viererplätzen hindurch, blieb kurz stehen, betrachtete die Konfliktparteien und grinst, als er sagte: „Das klingt ja mega gut hier, ich hol mir n Bier und komm dann wieder, noch jemand eins?“ Ich nahm an.

Verstärkung naht

Felix war Forstwirt mit Herz am linken Fleck und kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Er stürmte vor, war direkt, laut und genau die Entlastung, die Christian und mir recht gelegen kam. Ab diesem Zeitpunkt waren die Fronten relativ klar. Jedes Mal, wenn Frank von der AfD sprach, rutschte ihm ein „uns“ durch, wenn von „den Linken“ die Rede war, wurden automatisch wir mit adressiert, nicht nur einmal wurde behauptet, wir drei müssten uns doch schon länger kennen, so einig wie wir uns seien, das sei alles eine Verschwörung der Linken, es wurde laut, es wurde hässlich, es wurde beleidigend. Auch sexistisch. Grade sexistisch. Grade mir gegenüber.

Es fielen Sätze, die ich hier nicht noch mal aufschreiben möchte.

Es fielen Sätze, die ich hier nicht noch mal aufschreiben möchte und auf die ich in diesem Moment auch nicht inhaltlich antworten wollte. Das wäre zu absurd gewesen und hätte den Satz validiert. Was ich stattdessen tat, war, den Satz laut und für alle hörbar zu wiederholen und denjenigen, der ihn formulierte zu fragen, ob er das gerade wirklich gesagt habe, die Implikationen aufzuzählen und ihn in die Ecke zu schicken, denn: „Deine Mutter würde sich für dich schämen, hätte sie das gehört!“

Es wurden Mittelfinger in fremde Gesichter gedrückt, es wurden halblaute Vollnaziphrasen geschwungen, Gastarbeiter gegen Großmütter aufgewogen, die eigene Großmutter als Trümmerfrau als Beispiel für das Leid der Deutschen herangezogen, mit der anderen, geflüchteten Großmutter gekontert, es war ein einziges Chaos. Vor allem deswegen, weil ungefähr acht Personen drei verschiedene Diskussionen führten. Allgemeinplatz, Gegenargument, Ad Hominem, Dekonstruktion, Strohmann, Phrase, Phrase und noch mal Phrase.

Als ich ausstieg, war ich froh, dass ich heile war und dass Christian mit mir ausstieg. Alleine hätte ich ein ziemlich mulmiges Gefühl gehabt. Ich hoffe, dass Felix auch die Gelegenheit hatte, abzuhauen.

Mit Rechten zu diskutieren bringt nichts. Das kann aber doch nicht heißen, dass man ihnen nicht widerspricht!

Warum hab ich das gemacht? Mit Rechten zu diskutieren bringt nichts. Da ist sich zumindest eine Hälfte des Feuilletons einig. Das kann aber doch nicht heißen, dass man Rechten nicht widerspricht! Was wären meine Optionen gewesen?

Ich hätte die Kopfhörer auflassen und weiterarbeiten können. Ja, das wäre gegangen, dann wäre die Wahrscheinlichkeit kleiner gewesen, dass sie überhaupt mit dem Phrasengedresche anfangen. Wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht und ich war genervt. Musik und grölende Männergruppe sind einfach zu viel zusammen.

Ich hätte mich beim ersten Anflug des Themas ausklinken können. Aber nein. Ich will nicht absichtlich so tun, als gäbe es kein Problem und am Ende dann vor auch nur angedeutetem Konflikt einknicken. Das ist abwiegeln, das ist die Ignoranz, die wir uns nicht mehr leisten können. Die wir uns nie leisten konnten. Die uns das eingebrockt hat.

Ich will nicht so tun, als gäbe es kein Problem. Das ist die Ignoranz, die wir uns nicht mehr leisten können.

Ich hätte ihn boxen können. Ja, das hätte ich theoretisch tun können, immerhin verpflichtet der Kodex eigentlich dazu, aber ich bin, wie erwähnt, klein und nicht besonders stark. Außerdem war ich müde. Da kann man mir jetzt vorwerfen, dass ich feige gewesen sei, zu bequem, zu faul, aber eigentlich stand da einfach mein Laptop noch auf dem Tisch, der Typ war sowohl in Breite als auch Höhe ein Mehrfaches von mir und ich hab ehrlich gesagt überhaupt keine Lust, am Ende sau viel Geld zu verlieren und Stress zu haben, weil ein besoffener Dorfrechter Stress mit ner kleinen Rothaarigen anfangen will.

Ich hab mich fürs Reden entschieden, weil das meine schärfste Waffe ist.

Welche Gedanken VUX zu dem Thema noch hat, könnt ihr in Teil 2 nachlesen.

VUX G. hat dieses „Irgendwas mit Medien“ studiert und ist Politikerin und Autorin aus Berlin.

Headerfoto: Stockfoto von SFIO CRACHO/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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