Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein? Mit Rechten reden – Teil 2

Wie ging es noch mal los? Hier Teil 1 lesen.

Ich habe so ein großes Problem damit, die Klappe zu halten (also ernsthaft, ich kann das glaub ich gar nicht), dass ich Kommunikation zu meinem Studienfach gemacht habe. Außerdem bin ich seit ein paar Jahren wieder politisch organisiert und habe dort ziemlich viel darüber gelernt, wie man die Nerven behält, wenn man von Arschlöchern umgeben ist. Was immer hilft, ist ein leichtes Lächeln. Nicht offensichtlich unsicher, sondern spöttisch. Das irritiert das Gegenüber und sorgt dafür, dass man selbst zumindest ein bisschen Spaß an der Sache hat.

Rechtes Gedankengut ist kein Spaß.

Um das klarzustellen: Rechtes Gedankengut, das sich mit dir in den Zug setzt, um dich dort zu bedrohen, ist kein Spaß. Ich hatte Angst. Ganz schön viel. Ich habe bei weitem mehr Angst vor enthemmten, homogen weißen Männergruppen vom Land als nachts in Kreuzberg. In Kreuzberg bin ich geboren, da kommt man schon klar, lasst euch keinen Quatsch erzählen.

Aber als Frank versuchte, auch mir seinen Mittelfinger direkt zwischen die Augen an die Nase zu drücken und nur der Hals der Bierflasche und mein süffisantes Lächeln noch zwischen seiner Hand und meinem Gesicht waren, ging mir die Pumpe mehr als ich jetzt noch zugeben möchte.

Ich habe bei weitem mehr Angst vor weißen Männergruppen vom Land als nachts in Kreuzberg.

Bei all dieser Angst war dieses Lächeln, dieser Spott das, was mich in letzter Konsequenz davor bewahrt hat, mich selbst ins Aus zu schießen. Was da gesagt wurde, war unter aller Sau, ungefähr das Ende dessen, was ich zivilisierten Menschen zutraue. Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass diese Gruppe den Zug mit einem Kommentarstrang im Internet verwechselte.

Wenn N-Wörter fliegen, Vergewaltigungswünsche gegen die gesamte weibliche Linke kommen und Menschen als schlichtweg „Müll“ bezeichnet werden, weil sie den eigenen Menschenhass nicht teilen, dann macht das hoffentlich wütend, aber wenn man sich ein „kleine, peinliche Ficker, euch nehm ich auseinander“ denkt, dann geht’s irgendwie wieder. Die Wut ist noch da und das ist gut so, denn an diesem Verhalten ist nichts, absolut nichts, das nicht wütend machen sollte, aber die Selbstermächtigung die man sich mit diesem Satz zuredet führt das Ganze in um einiges konstruktivere Bahnen.

Dass ich lächle, vermittelt ein Bild von Höflichkeit. Dafür muss ich nicht mal höflich sein.

Außerdem schützt mich das Lächeln. Ich könnte hier jetzt eine ganz lange Abhandlung über die Rolle des Lächelns für das Sicherheitsempfinden der Frau schreiben, aber das hat nur am Rande was damit zu tun. Dass ich lächle, vermittelt ein Bild von Höflichkeit. Dafür muss ich nicht mal höflich sein, es reicht, wenn ich so aussehe, um denjenigen, den ich reize, in der Öffentlichkeit davon abzuhalten, mir aus Frust ins Gesicht zu schlagen. Zumindest bis zu einem bestimmten Pegel und abhängig von der Art der Öffentlichkeit. Im Zug jedenfalls funktioniert es.

Dass ich debattiere, dass ich versuche, meine Gesprächsgegenüber rhetorisch zu zerpflücken, passiert nicht zu meiner eigenen, persönlichen Befriedigung, es passiert auch nicht, damit die Gruppe im Flieger nach Estland darüber nachdenkt, ob die AfD so eine gute Idee ist – denn wer solche Phrasen drischt, bei dem ist sowieso Hopfen und Malz verloren, es passiert für den ganzen Rest des Abteils, der kein Wort gesagt hat.

Kein. Einziges.

Das war erschreckend und das, was mir am Ende die meiste Angst gemacht hat. Das war der Grund, warum ich meinem Ekel, meiner Wut und meiner Angst zum Trotz mit Rechten geredet habe, auch wenn immer alle sagen, dass man das nicht machen darf. Ich selbst habe das Privileg, keine Familie zu haben, mit der ich mich an Weihnachten über Politik streite. Wir sind uns da alle sehr einig.

Aber ich höre immer mehr, dass Menschen aus meinem Umfeld mit ihrer Familie brechen, weil deren politische Positionen ihre menschenfeindliche Fratze zeigen und das nicht mehr tragbar ist und ich kann das verstehen. Dann gibt es aber noch die, die nicht brechen können und sich das rechte Geseier anhören müssen, den Frieden wahren wollen und die Klappe halten, auch wenn sie anderer Meinung sind.

Schlussendlich ist mir eigentlich auch egal, wie Menschen mit den Rechten in ihrem eigenen Umfeld umgehen, ich bin nur der Meinung, dass niemand die Klappe halten sollte, weil ob so viel Bigotterie die Sprache wegbleibt und die Argumente fehlen.

Ich kann nicht viel, aber Reden kann ich.

Ich kann nicht viel, aber Reden kann ich. Also hab ich das getan und eine der Antworten, die ich immer wieder gab, wenn uns dreien vorgeworfen wurde, immer die Nazikeule zu schwingen, war „Wir nennen euch nicht Nazis, wir antworten auf das, was ihr sagt. Wenn das antifaschistisch klingt, hat das mehr mit euren Aussagen als mit uns zu tun.“

Ich rechne nicht damit, dass auch nur einer der Landrechten ein einziges Mal den kompletten Satz gehört und aufgenommen hat, aber er war als Antwort laut und klar genug formuliert, um vom Rest des Wagens gehört zu werden. Das ist, worum es mir geht. Das war der Grund für jede einzelne meiner Antworten.

Weder für das akademische Familienhaus noch für meine Hautfarbe habe ich irgendwas getan.

Dass ich keine Angst vor Kommunikation und verbalem Konflikt habe, dass ich mich immer wieder Hals über Kopf in Rhetorik und Argumentationslehre stürze, dass ich mich eingehend mit Populismus- und Propagandamechanismen auseinandersetze, ist ein Privileg, das ich mir als akademische weiße Frau leisten kann.

In der Diskussion mit diesen Menschen bin ich schon mal sicherer als eine WOC, als Kind einer akademischen Familie kann ich diesen Nachplapperaffen das Hirn weichquatschen. Und weder für das akademische Familienhaus noch für meine Hautfarbe hab ich irgendwas getan. Ich kann aber nicht davon ausgehen, dass alle Menschen in diesem Zug die gleiche Grundlage haben wie ich.

Meine Regel Nummer 2: Wer ein Privileg hat, muss es nutzen.

Wie damals bei der Prüfung zum grünen Gurt ging es mir hier sehr viel weniger darum, wirklich mich zu verteidigen, denn ich muss nicht verteidigt werden. Gut, ich bin eine Frau und links und damit Gegenstand rechter Vergewaltigungsfantasien. Aber in Halle wurde auf eine Synagoge geschossen, die Zielscheibe von Rechtsterroristen, deren Überzeugungen von solchen pseudostarken Brüllrechten mitgetragen wird, bin also nicht ich. Das sind andere. Hier ging es nicht um mich.

Ich habe rechte Phrasen pariert, um denjenigen, die mit uns in einem Zug saßen, vorzuführen, dass das geht.

Ich habe rechte Internettrollphrasen pariert, um denjenigen, die von Nürnberg bis Berlin mit uns in einem Zug saßen und sich das Spektakel von Außen anhörten, vorzuführen, dass das geht. Ich habe den Troll gefüttert, weil in diesem Fall der Zug im Vergleich zum Internet der anonymere Raum war (Ich hab mich doch nicht mit meinem Realnamen vorgestellt, spinnt ihr?) und damit die perfekte Bühne, um ein Exempel zu statuieren.

Ich wollte zeigen, dass es ganz einfach ist, geschlossene Weltbilder und die Sätze, die sie wie Pickel immer wieder hervorpressen, zu entzaubern, hohles Geschwätz zu demaskieren, vorgeschobenes „Aber was ist mit“ als genau das zu zeigen, was es ist: Ablenkung. Ablenkung von der eigenen Menschenfeindlichkeit, Ablenkung von der eigenen Unfähigkeit zur Veränderung, Ablenkung davon, dass der vermeintliche Feind nicht die Ursache für die eigene Unzufriedenheit ist.

Ich wollte zeigen, dass es ganz einfach ist, geschlossene Weltbilder und Sätze zu demaskieren.

Der zweite und wirklich eigentlich unwichtige Punkt ist das Image der Linken. Klar ist es richtig, Nazis zu boxen, denn Pazifismus führt in letzter Konsequenz zur Diktatur der Nichtpazifisten und irgendwann ist Gewalt auch einfach Notwehr, aber ist es wirklich hilfreich, wenn ich im Zug eine Keilerei mit Nazis anfange, von der am Ende für die meisten anderen Fahrgäste nur bleibt, dass einer von den Besoffenen halt was „Böses“ gesagt hat und die hysterische Zecke dann ausgetickt ist? Natürlich nicht.

Natürlich wäre das auch nicht das, was passiert wäre, aber wen interessieren schon Details? Mich. Mir ging es um diese Details. Mir ging es darum, dass sie sich selbst demaskieren, mir ging es darum, die faschistischen und nicht die antifaschistischen Aussagen zum Störfaktor des Publikums zu machen. Mir ging es in diesem Moment darum, ein Theaterstück zu inszenieren, aus dem die Menschen am Hauptbahnhof hoffentlich mit dem Gedanken aussteigen: Nazis sind echt keine Alternative.

VUX G. hat dieses „Irgendwas mit Medien“ studiert und ist Politikerin und Autorin aus Berlin.

Headerfoto: Stockfoto von Victoria Chudinova/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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