Politischer Aktivismus: Trotz sozialer Ängste möchte ich endlich meine eigene Stimme nutzen

Schon seit einer ganzen Weile wandere ich nun mit sozialen Ängsten durch das Leben. Es war nicht immer leicht. Ganz im Gegenteil! Die Reise war holprig und überall warteten Hindernisse auf mich. Irgendwann habe ich mithilfe einer Verhaltenstherapie gelernt, damit umzugehen.

Mittlerweile spazieren wir Hand in Hand durch den Alltag und meistern das irgendwie gemeinsam. Manchmal wünsche ich mir trotzdem, es wäre alles anders. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre anders. Gerade, wenn es um meinen politischen Aktivismus geht, hält sich dieses Gefühl an mir fest. Was das anbetrifft, gibt es für mich noch viel zu lernen.

Mittlerweile spazieren meine sozialen Ängste und ich Hand in Hand durch den Alltag und meistern das irgendwie gemeinsam. Manchmal wünsche ich mir trotzdem, es wäre alles anders.

Eigentlich dachte ich, meinen Weg gefunden zu haben. Wer nicht dazu in der Lage ist, Menschen auf der Straße anzusprechen oder wirkungsvolle Reden zu halten, kann sich schließlich ganz leicht eine Bühne in den sozialen Netzwerken aufbauen. Medien wie Instagram geben mir die Möglichkeit, meine Meinung zu äußern, ohne meine Komfortzone stark verlassen zu müssen.

Wenn mich Menschen wissen lassen, dass sie meine Meinung für schwachsinnig halten, kann ich mich schnell mit einer Tasse Tee zurückziehen und muss mich nicht hinter einem Redner:innenpult verstecken.

Klar, Hass und Kritik treffen Menschen auch online. Genauso überdenke ich auch jedes Wort und jedes Bild, das ich in das weltweite Netz schicke. Es fühlt sich trotzdem anders an. Es fühlt sich leichter an. Nichtsdestotrotz kommt langsam der Punkt, an dem ich mir wünsche, mehr machen zu können.

Lasst mich reden – oh, bitte nicht!

Ich sehne mich danach, an hitzigen Debatten teilnehmen zu können, ohne jeden meiner Gedanken zu sehr zu hinterfragen und ohne mich für meine Meinung zu schämen. Ich sehne mich danach, Passant:innen nach Unterschriften für eine Petition fragen zu können, anstatt wie angewurzelt am Informationsstand stehen zu bleiben.

Ich sehne mich nach mehr aktiver Partizipation, doch ich schaffe es nicht. Die Menschen könnten mich schließlich verurteilen, mich für dumm halten, mich ignorieren, mich hassen. Ja, die Ängste im Kopf bleiben in diesen Momenten beständig und lassen mich kaum durchatmen.

Übrig bleibt die Frustration. Ich hätte dies machen oder jenes sagen sollen. Schon wieder habe ich mich nicht getraut.

Übrig bleibt dann nur noch die Frustration. Ich hätte dies machen oder jenes sagen sollen. Schon wieder habe ich mich nicht getraut. Als wäre das nicht genug, fällt mein Blick zusätzlich noch auf Menschen, die etwas schaffen, zu dem ich auch gerne in der Lage gewesen wäre. Der Neid bricht aus. Die Selbstvorwürfe drehen sich im Kreis.

Es wäre nun ziemlich leicht, diese Tatsache zu akzeptieren, und hinzunehmen, dass ich vielleicht einfach nicht der Mensch für so etwas bin. Wir sind nun mal alle unterschiedlich – und das ist okay. Genauso unterschiedlich wie unsere Persönlichkeitsstrukturen sind immerhin auch die Möglichkeiten, diese zu entfalten.

Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass ich zu mehr in der Lage bin. Es fühlt sich so an, als würde ich sonst meinen sozialen Ängsten die Siegermedaille überreichen und so wird es auch sein. Ob ich das will? Sicherlich nicht!

Ich muss nicht laut aufschreien, oder doch?

In meiner Therapie ging es immer darum, mich meinen Ängsten zu stellen. Bisher hat das auch gut funktioniert. Allerdings befinden wir uns beim Fragen nach der Uhrzeit oder Small Talk mit Kommiliton:innen auch auf einem ganz anderen Level, was mein Empfinden betrifft.

Nun muss ich wohl einen Schritt weitergehen. Ganz nach der Devise: Konfrontation statt Resignation!

Ich habe eine Stimme und die darf ich nutzen – ganz gleich, was mein Kopf mich glauben lassen will.

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich nicht laut aufschreien muss, um etwas zu bewegen. Zumindest nicht, wenn ich das nicht möchte. Für mich geht es hier allerdings nicht um den fehlenden Willen, sondern die Angst, die mir im Weg steht. Das habe ich nun verstanden.

Genauso habe ich verstanden, dass ich mich dem Ganzen stellen muss. Ich möchte keine Angst mehr davor haben, mich beschämend zu verhalten, etwas Unpassendes zu sagen oder inkompetent zu wirken. Ich habe eine Stimme und die darf ich nutzen – ganz gleich, was mein Kopf mich glauben lassen will.

Helena Renz studiert derzeit Politikwissenschaften im Master an der Philipps-Universität in Marburg. Wenn sie nicht gerade in der Bibliothek an Hausarbeiten feilt, steht sie für das Klima auf der Straße oder entdeckt mit ihrem Fahrrad das Gießener Umland. Dieser Text ist bereits hier erschienen.

Headerfoto: Joanna Nix-Walkup via Unsplash (Heal the World Button hinzugefügt und Bild gegroppt.) Danke dafür!

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