Macht uns das Leben im Kapitalismus zwangsläufig zu Beziehungsgestörten?

Achtsam sein sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber. Laut Studien ist die Generation Y selbstverliebter als jede Generation zuvor. Wir sind also alles kleine Narzisst*innen, die nach persönlicher Freiheit streben, aber auf dem freien Markt untergehen. Zu viel Wettbewerb! Zum Vergleich: In den 50ern dachten gerade einmal 12%, dass sie etwas ganz Besonderes seien –heute sind es stolze 80%. FUNFACT: Dennoch sind psychische Krankheiten wie Depressionen, Verlustängste und Angststörungen o.ä. verbreitet wie nie zuvor. Volksleiden: #mentaldisorders. Wie kann das sein?

Sex ist Macht

Na ja, eigentlich liegt die Lösung ja auf der Hand. Schließlich verstoßen wir, zumindest laut Christopher Ryan und Jethá, jeden Tag gegen unsere natürlichen Triebe. Ja, damit meint er in erster Linie unseren Sexualtrieb, denn kein anderer wird vehement Tag für Tag, seit Jahrtausenden, unterdrückt; in Bahnen gelenkt oder mit Sanktionen belegt. Nichts auf dieser Welt wird so sehr begehrt und gleichzeitig moralisch-stigmatisierend verklärt wie die Nacktheit des menschlichen Körpers – unseres Körpers.

Ist das nicht verrückt? Am Ende ist Sex Macht, Sex kann Beziehungen und im Folgenden auch Leben zerstören. Selbst Politiker mussten bereist zurücktreten, weil sie kurzerhand einen außerehelichen Blowjob mit der Praktikantin genossen hatten. Zugegeben, miese Nummer. Sollte Mann nicht tun, aber gleich direkt seine beruflichen Kompetenzen infrage zu stellen und ihn des Amtes zu entheben? Ich weiß ja nicht.

Btw: Wie rechtfertigen wir dann, dass Trump weiterhin an der Macht ist und sein stupides seniles Unwesen treibt? Größenwahn at it’s best. Er hatte zwar keine intimen Stunden mit der Praktikantin, dafür hat er sexistischste, frauenverachtende Parolen wie kein Zweiter in den letzten Jahren rausgehauen #grabembythepussy. Das ist also in Ordnung? Verstehe, ergibt keinen Sinn. Aber so funktioniert Politik ja oftmals, verstehen muss man einiges nicht. Sollte man vielleicht besser auch nicht, ansonsten kostet es einen vielleicht den Verstand.

Es ist doch irgendwie etwas einfach zu denken, dass der*die Partner*in schon bis ans Lebensende unsere immer wechselnden Bedürfnisse und Selbstverwirklichungstrips stillen oder nachvollziehen kann.

Zurück zum Thema: Wir unterdrücken also unseren natürlichen Sexualtrieb, indem wir uns nur teilweise, oder zumindest zeitweise freiwillig, in monogame Beziehungskonzepte zwängen, serielle Monogamie durchleben und, in einigen Fällen, immer am gleichen Punkt scheitern: der sexuellen Treue, zum Beispiel. Dann gelten wir schnell als bindungsgestört, weil wir uns nicht festlegen wollen und einfach nicht die Grabscher bei uns lassen können.

Dabei ist es doch irgendwie etwas einfach zu denken, dass der*die Partner*in schon bis ans Lebensende unsere immer wechselnden Bedürfnisse und Selbstverwirklichungstrips stillen oder nachvollziehen kann. AMEFI ist ein schöner Begriff, den Lendt und Fischbach in ihrem Buch Treue ist auch keine Lösung als Beispiel dafür nennen, was die Monogamie letztlich voraussetzt, bzw. was wir von einem monogamen Beziehungskonzept nach der konservativen Auffassung in unserer Gesellschaft erwarten: Alles mit einem für immer. AMEFI.

Klingt das nicht unglaublich erwartungsgeschwängert, festgelegt und vor allem: beängstigend?

Sonst sind wir doch auch bei den meisten Dingen immer total open minded und up to date, denn wir wollen ja mit der Zeit gehen. Wir legen uns nicht unbedingt fest, weder beim Eigenheim noch in der Beziehung. Dass dabei manchmal vergessen wird, dass wir uns einfach nicht unbedingt ein Eigenheim leisten können und aufgrund von Zeitarbeitsverträgen und unsicheren Arbeitsplatzsituationen nicht wirklich weit finanziell vorausplanen können, wird dabei gern mal schnell vergessen. Stimmt nicht, bzw. nur so halb.

Die Ich-bezogene feiersüchtige Generation Y

Natürlich ist es aktuell nicht sonderlich attraktiv, ein Kind zu bekommen. Frauen haben weiterhin Probleme als Mutter zurück oder weiterhin im Beruf arbeiten zu können; so gut wie kein Paar kann von einem*r „Ernährer*in“ satt werden und Kitaplätze, geschweige denn zeitgemäß ausgestatte Schulen und adäquate Wissensvermittlung, gibt es nicht. Verheiratet sein bringt zwar steuerliche Vorteile, ist aber in der Scheidung recht teuer.

Scheinbar ist das bereits im Vorhinein immer öfter ein Argument, was ja bereits andeutet, dass beide sich der Tatsache bewusst sind, dass es immer anders kommen kann und sie lediglich den aktuellen Umständen entsprechend eine Bomben-Einheit abgeben. Also wozu heiraten? Wir Frauen dürfen ja zum Glück mittlerweile auch allein Entscheidungen treffen, Wohnungen beziehen, am öffentlichen Leben und sogar der Wahl teilnehmen. Bald kriegen wir bestimmt auch das gleiche Geld für die gleiche Arbeit. Ich glaub fest dran!

Wie Social Media uns zu Nomad*innen der Liebe macht

Darüber hinaus reicht doch ein Blick in unsere Feeds auf diversen Plattformen und wir wissen direkt wieder, was wir nicht haben und wer wir nicht sind. Facebook, Pinterest, Twitter, Instagram und wie sie alle heißen, zeigen uns in Text-, Bild-, Video- und Kurznachrichten-Form, teilweise auch dank Live-Videos und personal alles, was wir brauchen, verbessern können, anstreben sollten, erfahren müssen und wie wichtig der Blick von außen eigentlich wirklich ist.

Alles nur mit Filter und selbst Schnappschüsse erinnern eher an gestellte Atempausen. Aus dem Moment heraus geschieht wenig, egal. Auf jeden Fall wird uns eine Wirklichkeit, nein eher eine Lifestyle-Utopie präsentiert, die nur die wenigsten von uns leben (werden).

Zum Glück! Zugegeben, Selbstoptimierung hat schon etwas ziemlich Oberflächliches. Das Subjekt bzw. das Thema bleibt ja schließlich immer das gleiche: Das eigene Ego. Entweder der*die Partner*in zieht mit … oder aus. Auf dem Smartphone scheint es doch so greifbar, nur wenige Klicks entfernt. Swipen auf Dating Apps ist das „nach links und rechts gucken“ des 21. Jahrhunderts.

Langsam wird vielleicht deutlich, worauf ich hinauswill. Michael Nast hat es in seiner Kolumnen-Sammlung Generation beziehungsunfähig recht passend zusammengefasst: Interessanterweise stehen die fünf Charaktereigenschaften des Kapitalismus gleichzeitig für die typischen Symptome einer Bindungsstörung. Die Rede ist von Egoismus, kompromissloser Selbstverwirklichung, denken in Idealzuständen, streben nach Perfektion und Ungebundenheit in sozialen Beziehungen.

Müssen wir also zwangsläufig beziehungsgestört sein, wenn wir uns dem kapitalistischen System unterordnen wollen? Und im Umkehrschluss: Verlieren wir im beruflichen Konkurrenzkampf und bleiben zugunsten unserer privaten Liebesbeziehungen eher Aussteiger*innen als Einsteiger*innen? Zugegeben, da bekommt der Ausdruck Work-Life-Balance eine ganz neue Bedeutung.

Natürlich helfen einem diese Eigenschaften dabei, Karriere zu machen und zumindest den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen gerecht zu werden, aber innerhalb sozialer Interaktionen und Beziehungen ist dieses Verhalten wohl eher konterproduktiv und heimst einem nicht unbedingt den größten Freundeskreis ein – im Gegenteil!

Aber wie soll das funktionieren? Im Berufsalltag schnell die selbstoptimierte, kompromisslose, unabhängige, Teflon-Superheld*innen-Maske aufgesetzt und abends zuhause oder im Beisein mit Freund*innen und/oder Geliebten kurz auf die soft-empathische, romantische, kompromissbereite und altruistische Version unserer selbst gewechselt?

Maske auf, Maske ab. Wechsel. Maske auf, Maske ab. Wie einfach ist das so?

Headerfoto: Fero Gurbuz. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NADINE studierte nach dem Abitur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Romanistik und Geschichte (Bachelor of Arts) und Internationale Geschichte der Neuzeit (Master of Arts). Aktuell arbeitet sie als Model und Ghostwriterin, um genug Zeit für ihre Recherchen und Gedanken zu haben und sich das Schreiben zu finanzieren. Das Reisen ist eine ihrer größten Leidenschaften, ebenso wie Literatur, Philosophie, Soziologie und (Kultur-)Geschichte. Als bisexuelle Frau in einer offenen Beziehung teilt sie auf ihrem Blog und Instagram, als auch auf Facebook persönliche Erlebnisse und spricht über (Bi-)Sexualität, (offene) Beziehungen und Achtsamkeit. | Foto der Autorin: Fabian Stuertz.

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