Gender Data Gap – Wie die Daten, die unsere Welt formen, Männer bevorzugen und Frauen vergessen

Im Folgenden wird über das große Thema des Gender Data Gaps gesprochen und nur zwischen Männern und Frauen unterschieden. Dies soll nicht andere Geschlechtsidentitäten von den angesprochenen Belastungen, zarten Handgelenken oder hohen Stimmlagen ausschließen, sondern den Einstieg in die Thematik erleichtern. Aber erstmal von vorn.

In Deutschland dürfen Frauen erst seit 100 Jahren wählen, unglaublich oder? Bis vor 60 Jahren konnten sie nicht eigenständig ein Konto bei der Bank eröffnen und mussten ihren Mann, Vater oder einen gesetzlichen Vormund um die Erlaubnis für eine Arbeitsstelle bitten. Doch die Emanzipationsbewegung ist nicht abgeschlossen, Feminismus als politische und soziale Bewegung ist nach wie vor aktuell und relevant.

Allerdingt gibt es auch immer noch viel Gegenwind. Kaum jemand, der nicht schon einmal gehört hat: „Irgendwann ist es doch mal genug.“ „Ich kann nicht sehen, inwiefern Frauen heute noch diskriminiert werden.“ Fair enough, wenn viele kein Problem erkennen können. Doch es gibt ein Problem. Ein riesiges. Es ist wie ein großer blinder Fleck in unserem Alltag. Die Rede ist vom sogenannten Gender Data Gap. Zu Deutsch: die geschlechtsbezogene Datenlücke.

Die Architekten dieser Gesellschaft waren jahrhundertlang Männer. Männer, die diese Welt durch Männeraugen sehen, sie mit Männerkörpern erfahren und mit Männerbedürfnissen an Probleme herangehen.

Schon immer hat der Homo Sapiens gerne geforscht. Vermessen, getüftelt, gespielt und ausprobiert, neue Dinge erfunden und die Welt so geformt, wie sie heute ist. Doch – und das ist vielen gar nicht bewusst – die Architekten dieser Gesellschaft waren jahrhundertelang (und sind immer noch) Männer. Männer, die diese Welt durch Männeraugen sehen, sie mit Männerkörpern erfahren und mit Männerbedürfnissen an Probleme herangehen. Der Mann wurde zum Durchschnittsmensch. 180 Zentimeter groß, 80 Kilogramm schwer, mit Tendenz zu Fetteinlagerung am Bauch.

Der Gender Data Gap bezeichnet den Umstand, dass alle Daten, auf denen der Wissensstand unserer modernen Welt beruht, zum größten Teil von Männern an Männern gemessen wurden. Diese Daten beeinflussen die Technik, die wir benutzen, die Infrastruktur, in der wir leben, und die gesellschaftlichen Institutionen, derer Teil wir alle sind. Sie bilden die Grundlage unseres Gesundheitssystems.

So gerne ich auch aus feministischer Überzeugung sage, dass wir alle gleich sind, Frauen sind anders. Sie haben einen anderen Durchschnittskörper mit unterschiedlichen Parametern und vor allem: ihre Lebensrealität sieht sozialhistorisch bedingt schlichtweg anders aus.

Caroline Criado Perez hat sich mit genau dieser Wissenslücke befasst. Mit Invisible Women hat sie ein so gewaltiges Buch verfasst, das die vielen Details des Alltags seziert und mit der Linse der Geschlechtertrennung betrachtet.

Denn: Lange Toilettenschlagen, Siris Ignoranz bei Handyspracheingaben und unbequeme Autogurte sind ebenso wenig Zufall wie die berühmte Herzattacke aus Hollywood.

Warum ist es wichtig, auf diese Datenlücke aufmerksam zu machen? Es sind verschiedene Elemente unseres Alltags, die als störend und mühsam empfunden werden, mit denen man sich (als Frau) aber achselzuckend abfindet. Doch wie sähe eine Welt aus, in der die Realität von Frauen mitgedacht wird? Es mag nichtig erscheinen, doch in der Summe wird dieser feine Unterschied bedeutend und kann, so wird es Perez zeigen, Frauenleben retten.

Denn: Lange Toilettenschlagen, Siris Ignoranz bei Handyspracheingaben und unbequeme Autogurte sind ebenso wenig Zufall wie die berühmte Herzattacke aus Hollywood. Der Gender Data Gap durchdringt so viele Lebensbereiche, wie Technik, Infrastruktur und Medizin.

Nun wäre es falsch zu rufen: „Mal wieder die bösen Männer, die armen Frauen!“ Perez schreibt hierzu ganz klar: Männer wollten Frauen nicht absichtlich ausschließen. Sie haben einfach nicht an sie gedacht. Sie haben nicht in Betracht gezogen, dass Bedürfnisse von Frauen anders sein könnten als ihre eigenen. Und so resultiert diese Datenlücke daraus, dass Frauen nicht an der Planung beteiligt waren.

Deutlich wird dieser Umstand durch ein berühmtes Beispiel, das Perez gibt: Sie führt Sheryl Sandberg an, die CO-Geschäftsführerin des Social-Media-Giganten Facebook, die aufgrund ihrer Schwangerschaft, geschwollener Füße, einem kugelrunden Bauch und andauerndem Harndrang, den Weg vom Parkhaus zum Büro nicht mehr gut bewältigen konnte. Sie ging zum Geschäftsführer und forderte Parkplätze für Schwangere nahe an den Büroräumen, um ihnen den Arbeitsweg zu erleichtern. Diesem Wunsch wurde auch sofort nachgekommen. True story.

Männer wollten Frauen nicht absichtlich ausschließen. Sie haben einfach nicht an sie gedacht. Sie haben nicht in Betracht gezogen, dass Bedürfnisse von Frauen anders sein könnten als ihre eigenen.

Was lehrt uns diese Anekdote? Wenn Menschen nicht selbst die Erfahrung gemacht haben, woher sollen sie dann die Bedürfnisse anderer erraten können?

Es ist daher klar wie Kloßbrühe: In Schöpfungsprozesse müssen mehr Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten einbezogen werden. Damit wir alle eine adäquate medizinische Versorgung erhalten, bequem von A nach B reisen und Handys effizient bedienen können, keine Angst haben müssen und Sexualität gleichberechtigt leben können. Auch ist es wichtig, Unbequemlichkeiten und Missstände wie lange Toilettenschlangen nicht einfach hinzunehmen. Sondern sich bewusst zu werden, woher diese eigentlich kommen und dann darauf aufmerksam machen.

Wie Caroline Criado Perez schlussfolgert: Es wird für jeden von Vorteil sein, die Sichtweise vieler verschiedener Menschen in unser Zusammenleben zu vereinen.

Und weil das ein so spannendes Thema ist, geht es in der Reihe Gender Data Gap in den nächsten Wochen um die vielen verschiedenen Facetten unseres Lebens, denen wir sonst nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Fangen wir mit Technik und den Gadgets an, ohne die wir uns ein Leben gar nicht mehr vorstellen können: hier entlang.

Headerfoto: Azamat Zhanisov via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

SOPHIA mag Sommer am Balkon, hitzige Debatten und Aperol Spritz für wenig Geld. Nach drei Gläsern davon benutzt sie meist das Igel-Emoji, um ihre Gefühle auszudrücken. In der Redaktion von im gegenteil kann sie sich endlich mit einer größeren emotionalen Bandbreite auseinandersetzen und ganz viel Liebe zeigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.