9 Life Hacks für Menschen mit Hochsensibilität, die ich gerne früher gekannt hätte

Hochsensibilität scheint erst in den letzten Jahren in den Medien ein Thema geworden zu sein. In meiner Jugend war es jedenfalls kein Begriff, oder möglicherweise nur im spirituellen, esoterischen Bereich, in dem ich mich nicht bewegt habe. Daher musste ich mich selbst ohne Hilfe und Anleitungen verstehen lernen und irgendwie damit umgehen. Damit es anderen Hochsensiblen nicht so geht, hier ein paar praktische Tipps und Hilfestellungen, wie ihr mit dem Reizgewitter besser zurechtkommt.

Psychologisch: Die Einstellung macht einen Unterschied

1. Du fühlst dich anders, weil du anders bist

Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, kennen Hochsensible sehr gut. Das fängt meist schon in der Schulzeit an. Allerdings ist das Empfinden oft negativ. Die Schuld wird bei sich selbst gesucht. „Mit mir stimmt irgendwas nicht.“

Dabei ist die Erklärung eigentlich ganz simpel: Hochsensible fühlen sich anders, weil sie anders sind. Empfindungen sind intensiver, Reize werden stärker empfunden, ihnen fallen mehr Details auf als anderen. Das einzusehen ist schon einmal der erste und wichtigste Schritt, denn Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern einfach nur ein Teil der Persönlichkeit.

2. Hab den Mut, anders zu sein

Es scheint so, als würde heutzutage jede*r versuchen, hervorzuheben, wie anders oder besonders er oder sie ist. Wobei Menschen, die wirklich anders sind, ziemlich genau wissen: Es ist nicht selten ganz großer Mist. Aber ändern kannst du es leider trotzdem nicht. So sehr du dich auch dagegen wehrst, du bleibst hochsensibel. Also kannst du es auch genauso gut akzeptieren und probieren, das Beste daraus zu machen.

3. Frustration, Zynismus, Unverständnis

Dir wurde etwas gegeben, worum du nicht gebeten hast, was dein Alltagsleben aber manchmal sehr schwer machen kann. Irgendwann kommst du daher unweigerlich an den Punkt, dass du dich fragst: „Warum gerade ich?“ Die Antwort ist: Es war Pech. Oder Glück. Je nachdem, wie man es sehen will. Aber da es nun einmal so ist, kannst du auch einfach damit anfangen, damit zu arbeiten und dein Leben so zu gestalten, dass du mit Hochsensibilität gut zu leben lernst.

4. Die Welt braucht dich

Das Leben wird schneller, scheinbar auch oberflächlicher und durch die sozialen Medien wirkt es, als wären alle eigentlich nur noch mit sich selbst beschäftigt. Gerade deshalb braucht es Menschen wie dich, die mehr fühlen und mehr sehen als andere – und manchmal auch ein stärkeres Gewissen und einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn haben. Auch wenn Hochsensibilität wahnsinnig anstrengend sein kann, so hat sie doch auch gute Seiten, wenn du anderen damit helfen kannst, und darauf solltest du dich fokussieren.

Praktisch: Life Hacks für Hochsensibilität im Alltag

5. Such dir einen Ruhepol-Menschen

Wie die Powerbank beim Handy können uns auch bestimmte Menschen helfen, unsere Akkus wieder aufzuladen. Oft meist schon dadurch, dass sie einfach da sind. Diese andere Person kann wie eine Art Blase um dich herum aufbauen, die Eindrücke filtert und so hast du Zeit, dich zu erholen. Alternativ zum Ruhepol-Menschen können das auch Ruhepol-Orte sein, und wenn es einfach nur die eigene Couch ist.

6. Schaffe dir eine „Profi-Version“ von dir selbst

Jede*r von uns hat ein Arbeits-Ich und ein Zuhause-Ich. Wer im Büro mit Kund*innen zu tun hat, verhält sich anders als mit dem*der Partner*in daheim auf der Couch. Und diese Denke kann auch bei Hochsensibilität helfen. Wenn sich die Firmenparty mit Hunderten Gästen, Lichtshow und DJ wirklich nicht vermeiden lässt, dann gehe als die gepanzerte Profi-Version von dir, die alles an sich abprallen lässt. Komplett alles auszublenden wird nicht gelingen, aber schon die Einstellung kann helfen, durch den Abend zu kommen.

7. Hilf deinem Umfeld, dich zu verstehen

Die Reize deiner Umgebung werden nie aus böser Absicht gesendet. Die meisten Menschen haben kein Verständnis dafür, dass Lärm, Nähe oder Licht für jemanden zu viel werden können. Deshalb musst du es erklären und aus meiner Erfahrung geht das am besten mit gedanklichen Bildern.

Male deinen Freund*innen eine Situation aus, wo die Reizüberflutung für dich zu viel geworden ist. Beschreibe, wie du dich gefühlt hast. Erkläre, dass du keine Möglichkeit hast, diesen Gefühlen und dem Input zu entgehen. Wenn erst einmal ein Verständnis da ist, wird es für dein Umfeld leichter sein, nachzuvollziehen, warum du vom gesellig-lauten Abendessen mal eben für ein paar Minuten auf den Balkon flüchtest.

8. Die anderen Sinne betäuben

Wenn der eigene Verstand ständig scharfgestellt ist, suchen Hochsensible nach Möglichkeiten, diesen permanenten Fokus irgendwie zu stoppen und bei einigen funktioniert das eben über Drogenkonsum, damit das Gehirn endlich mal leise ist. Dazu will ich natürlich ausdrücklich NICHT aufrufen! Aber für mich habe ich eine andere Methode gefunden, meine Sinne auf Pause zu stellen.

Und zwar mache ich mir, wenn Impulse von außen zu viel werden, häufig Musik an, mit Ohrstöpseln, und dann so laut, dass mein Verstand gar nicht mehr die Kapazität hat, sich überhaupt noch auf irgendetwas anderes zu fokussieren. Wahrscheinlich kriege ich dadurch irgendwann einen Hörschaden, aber kurzfristig hilft es mir.

Allerdings muss hier auch dazu gesagt werden, dass diese Methode nicht immer hilft. Denn gerade, wenn die Musik die Außengeräusche von Verkehr oder Stimmen nicht gänzlich zu überdecken vermag, bildet sich so noch eine weitere Ebene von Input, die das Gehirn verarbeiten muss. Dann lasst es lieber sein.

9. Schlaf genug

Zehn Stunden am Stück zu schlafen ist für Hochsensible keine Seltenheit, schließlich muss unser Gehirn ja die Fülle von Reizen verarbeiten, mit denen es täglich bombardiert wird. Häufig passiert das in derart intensiven Träumen, dass du dich morgens erschöpfter fühlst als am Abend zuvor. Trotzdem ist diese (überlange) Erholungsphase wichtig.

Nur, wenn du ausgeruht bist, hast du die besten Voraussetzungen, dich dem Alltag zu stellen. Bist du müde, gestresst oder erschöpft, wirst du feststellen, dass deine Speicher viel schneller voll sind und dass du viel schneller an dein Limit kommst als ohnehin schon.

Und zuletzt noch ein kleiner, aufbauender Hinweis:

Du bist mit der Situation nicht allein. Auch wenn das Gefühl, anders zu sein, wahrscheinlich jahrelang dafür gesorgt hast, dass du das dachtest, so zeigen die Zahlen deutlich, dass es nicht so ist. Statistiken zufolge hat jede*r fünfte Deutsche hochsensible Tendenzen. Das bedeutet, wenn dich das nächste Mal in einer überfüllten Fußgängerzone mal wieder alles erschlägt, dann ist da mindestens noch ein*e andere*r in deiner Nähe, dem*der es genau so geht.

Sarah lebt nach Stationen in Prag und Hamburg nun seit 2014 in Amsterdam und arbeitet seit 2016 als freie Journalistin. Dabei schreibt sie unter anderem für Jetzt.de von der Süddeutschen, neues deutschland und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für ihre Herzensthemen schreibt sie auch für das Online-Magazin Deine Korrespondentin und das Amsterdam Gay-Magazin Couple of Men.

Headerbild: Dima DallAcqua via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

2 Comments

  • Vielen, vielen Dank für diese Zeilen! Punkte 7-9 haben mir fast die Tränen in die Augen getrieben, da sie ABSOLUT dem entsprechen, was sich bei ALLTÄGLICH abspielt! Zu wissen, dass es auch anderen so geht und die Tatsache, dass ich diesen Artikel Menschen in meinem Umfeld zu lesen geben kann und diese danach eine echte Chance haben mit den häufig sehr negativen Auslegungen meines Verhaltens aufzuhören, weil sie mich/euch verstehen können… Von ganzem Herzen, Danke!!

  • Super Punkte,vielen Dank vor allem für Punkt 9. Ich muss mich fast immer rechtfertigen,warum ich so viel Schlaf brauche. Es beruhigt mich,dass es auch etwas mit meiner Hochsensibilität zu tun haben kann und das es anderen auch so geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.