Hochsensibilität: Der Kampf mit der eigenen Superkraft

Der Buddha auf dem Armaturenbrett blinkt hektisch in den vier Grundfarben, Straßenlaternen und Leuchtreklame jagen vor dem Fenster in der Dunkelheit vorbei, immer wieder dröhnt die Hupe in langanhaltendem Ton, wenn der Fahrer überholt. Auf den Bildschirmen, die im Gang hängen, betet eine Gruppe von Mönchen, die Gesänge hallen durch den Bus. Menschen telefonieren und versuchen, mit immer lauter werdenden Stimmen die Gebete und die anderen Gespräche zu übertönen. Vorne beim Fahrer läuft auf einem Fernseher ein Liebesdrama, bei dem sich in einer Todesszene gerade eine Frau kreischend auf den Boden wirft.

Pause an der Raststätte. Der Versuch, sich in die hinterste Ecke des Restaurants zurückzuziehen, aber schon bald ist der gesamte Raum gefüllt mit fröhlich schnatternden Frauengruppen. Die Flucht auf die Damentoilette, in der Hoffnung, endlich einen Moment der Stille zu finden. Doch neben den Kabinen steht ein Generator, der wahrscheinlich irgendetwas in der Küche am Laufen hält, und macht dabei Lärm wie ein Rasenmäher.

Ich hocke auf dem Klodeckel, vorne übergebeugt, zusammengekauert. Die Hände an die Ohren gedrückt, die Augen mit aller Kraft zusammengepresst und schluchzte völlig erschöpft vor mich hin. Sicher einer der weniger würdevollen Momente meines Lebens.

Erklärungsansatz 1: Ich habe schlicht den Verstand verloren. (Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht auch schon mehrfach in Erwägung gezogen hätte.) Erklärungsansatz 2: Ich bin hochsensibel.

Mimosen und Sensibelchen

Der Duden schlägt als Synonyme für den Begriff hochsensibel unter anderem die Worte mimosenhaft, rührselig und überempfindlich vor. Das fasst das gängige, aber inkorrekte Verständnis von Hochsensibilität sehr treffend zusammen. In der allgemeinen Vorstellung sind hochsensible Menschen nah am Wasser gebaut, halten nichts aus und brechen jedes Mal in Tränen aus, wenn ein Merci-Werbespot im Fernsehen läuft. Nun, so ist es nicht.

Hochsensibilität bedeutet, dass Reize von außen anders wahrgenommen werden. Wird bei den meisten Menschen Input durch visuelle Eindrücke, Geräusche, Gerüche, Berührungen oder Gefühle gefiltert, ist das bei Hochsensiblen nicht so. Die Intensität von Wahrnehmungen ist deutlich größer als bei Nichthochsensiblen. Dies gilt jedoch in den meisten Fällen nur für zwei oder maximal drei Sinne. Zum Glück, denn sonst wäre das oben genannten den Verstand verlieren gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Nach Forschungen der kalifornischen Psychologin Elaine Aron, die das Thema in den USA und in Deutschland untersuchte, sind bis zu 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Allerdings hat sich das Bewusstsein für dieses Phänomen erst in den letzten Jahren wirklich entwickelt. Ich musste erst 30 Jahre alt werden, um zu erkennen, dass ich hochsensibel bin. Meine Mutter weiß wahrscheinlich bis heute nicht, dass es einen Begriff dafür gibt, warum sie große Menschenansammlungen nie lange erträgt und warum sie Ungerechtigkeiten nicht erträgt. Und ja, Hochsensibilität kann vererbt werden.

Das Gefühl, anders zu sein

Auch wenn mir über Jahre nicht klar war, was die Ursache für mein Verhalten ist, so war mir doch schon immer klar, dass ich anders bin bzw. dachte ich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Schon in der Kindheit hatte ich ein sehr gutes Gespür für die Emotionen anderer und konnte mit Streit nur schwer umgehen. Heute als Erwachsene ist es für mich fast unmöglich, in großen Büros zu arbeiten.

Ich erinnere mich an eine Szene, da war ich schon selbstständig, bei der ich kurzfristig für ein Projekt in ein Großraumbüro gebeten wurde. Ich ging nur sehr unwillig, denn normalerweise arbeite ich im Home-Office, um die Reize, die auf mich einwirken, überschaubar zu halten. In diesem Büro wurde ich an einen Tisch des Kundenservices gequetscht, wo Menschen in vier verschiedenen Sprachen Anrufe entgegennahmen. Selbst durch meine Kopfhörer mit lauter Musik verstand ich jedes Wort, weil ich auch alle diese Sprachen beherrsche.

Wie in einem Start-up typisch gab es im gleichen Raum zudem eine Tischtennisplatte, sodass die Geräuschkulisse auch noch durch das monotone Auftippen des Balls ergänzt wurde. Während des gesamten Arbeitstages kämpfte ich damit, mich beisammenzuhalten, um nicht entweder aggressiv zu werden oder wegen Überforderung in Tränen auszubrechen.

Ständiges Reizgewitter

Was für Hochsensible so anstrengend ist, ist für Nichthochsensible oftmals nur schwer nachzuvollziehen. Zahlreiche Kulturen schätzen trubeliges Leben in Lokalen, eine Geräuschkulisse mit Musik und Gesprächen und körperliche Nähe. Für Hochsensible kann jedoch schon die Fahrt in einer überfüllten U-Bahn mit Gedränge, Gesichtsausdrücken, Gerüchen, Hitze, Bewegungen und Lärm zur körperlichen und geistigen Herausforderung werden. Ich sage auch körperlich, weil sich solche anstrengenden Situationen im Nachhinein häufig so anfühlen, als hätte man eine Stunde Intensivsport hinter sich.

Für Hochsensible ist es gerade deswegen oftmals auch so schwer, ihre Lage selbst zu erfassen und entsprechend an andere zu kommunizieren, weil ihnen gar nicht bewusst ist, dass nicht alle anderen auch so fühlen. Da wir nicht im Körper eines anderen stecken, sondern in unserem eigenen, gehen wir dadurch automatisch von dieser Norm aus. Oftmals zeigt sich die Reizüberflutung nur durch auffällige Müdigkeit, Erschöpfung, Aggressionen und ja, wenn es einfach zu viel wird, auch durch Tränen.

Wer das übertrieben findet, möge sich bitte einmal vorstellen, wie es ist, pausenlos – und damit meine ich wirklich im Dauerfeuer – mit Eindrücken, Stimmen, Gefühlen, Schmerz, Gerüchen, Geräuschen, Lärm, Berührungen, Bildern und Tönen bombardiert zu werden, die alle ungefiltert einschlagen. Und das Schlimmste dabei ist, dass es aus dieser Situation keinen Ausweg gibt, weil es der eigene Körper ist, der diese Lage verursacht.

Gerade deswegen ziehen sich viele Hochsensible oftmals zurück, brauchen Me-Time und Ruhe in der eigenen Wohnung, um erst einmal die Speicher wieder auszuleeren.

Hochsensibilität als Superkraft?

Viele Ratgeber beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema Hochsensibilität, häufig mit spiritueller Ausrichtung und auch bei YouTube wirft das Schlagwort zahlreiche Treffer aus. Die YouTuberin EllaTheBee ist nach eigenen Angaben selbst hochsensibel und spricht gerne von ihrer „Superkraft“. Ganz ehrlich, an dem Punkt bin ich noch nicht.

Klar kann ich Stimmungen anderer gut erfühlen und kann dann gut helfen, wenn emotionale Unterstützung gebraucht wird, aber der Preis für diese Superkraft erscheint mir doch trotzdem unverhältnismäßig hoch. Vor allem, weil sie zwar anderen Vorteile bringen mag, mir aber aus meiner Sicht beinahe nur Nachteile. Auch glaube ich nicht, wenn diese Superkraft frei zugänglich wäre, dass sich irgendjemand freiwillig dafür entscheiden würden.

Der Preis für diese Superkraft erscheint mir unverhältnismäßig hoch.

Leider bin ich noch nicht an dem Punkt, meine Hochsensibilität als Geschenk zu verstehen, sondern wünsche mir die meiste Zeit einfach nur, dieses ungewollte Geschenk zurückgeben zu können. Aber bringt ja nichts, denn wie sehr ich mich auch dagegen zu wehren versuche: Ich bleibe hochsensibel und das wird sich auch nicht ändern. Also kann ich eigentlich nur versuchen, das Beste daraus zu machen.

Sarah lebt nach Stationen in Prag und Hamburg nun seit 2014 in Amsterdam und arbeitet seit 2016 als freie Journalistin. Dabei schreibt sie unter anderem für Jetzt.de von der Süddeutschen, neues deutschland und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für ihre Herzensthemen schreibt sie auch für das Online-Magazin Deine Korrespondentin und das Amsterdam Gay-Magazin Couple of Men.

Headerbild: Mohammed Hassan via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

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