Einatmen, ausatmen, abgrenzen: Wie ich bei der Kommunikation meiner Bedürfnisse immer wieder ins Stolpern gerate

Alles wäre so viel leichter, wenn ich mir in jeder Situation klar eingestehen würde, was ich will und brauche und das auch offen zu kommunizieren. Aber nein, mein Hirn schaltet immer als erstes in den Modus „Wie kann ich die Menschen um mich herum glücklich machen?“

Du willst beim gemeinsamen Frühstück, dass wir uns absprechen, was wir bestellen und dann teilen? Mein Herz wispert: „Ich hatte ja eigentlich wirklich Bock auf ein Vollkornbrötchen mit Rührei und zum krönenden Abschluss dann dieses fette Croissant mit Butter und hausgemachter Himbeermarmelade“, aber… „Na klar machen wir das!“, posaunt mein Kopf die Worte aus meinem Mund.

Mein Gegenüber ist glücklich und ich, ich spüre in meinem Bauch diese kleine, heiße Nadel. Aber eigentlich wollte ich doch … einatmen, ausatmen, wegatmen.

Ach, es könnte heute Abend vielleicht später werden? „Nicht schlimm“, tönt mein Kopf großmütig. „Es wäre aber schon schön, wenn ich wenigstens so ungefähr wüsste, wie spät es wird. Ich würde ja gerne noch … ich weiß, ich hab ja heute Abend sonst nichts vor, aber …“, räuspert sich mein Herz zaghaft und wird mit einem „meld dich dann einfach und viel Spaß“ von meinem Kopf zum Schweigen gebracht.

Mein Gegenüber nimmt es in stummer Dankbarkeit zur Kenntnis, ist es ja sowieso gewohnt, dass ich alles brav abnicke. Und da ist wieder dieses heiße Stechen in meinem Bauch, von vielen kleinen Nadeln. Mein Herz hält die Luft an. „Beim nächsten Mal aber“, denkt es sich. Einatmen, ausatmen, wegatmen.

Wir können es nicht allen gleichzeitig recht machen.

Und dann kommt es irgendwann unweigerlich zum Super-GAU. Ich versuche, es mehreren Menschen unabhängig voneinander recht zu machen. Zeige mich pflegeleicht, verfügbar, unkompliziert, nachgiebig und im Hintergrund rotiere ich in chaotischen Kreisen, komme selber zu nichts, da ich jedem anderen alle Optionen und Freiheiten offen gelassenen habe, nur nicht mir selbst.

Ich versuche das Brüllen meines Herzens zu ignorieren, bis ich explodiere, als mein komplexes Kartenhaus der aalglatten Harmonie zusammenbricht und all die kleinen heißen Nadeln aus mir herausgeschleudert werden.

Auf der Gegenseite sehe ich Unverständnis und Missbilligung. „Du bist doch sonst nicht so?“ Und ich kann nur noch eins denken: Einatmen, ausatmen, wegrennen und Wunden lecken.

Warum fällt es mir und auch vielen anderen so schwer, die eigenen Bedürfnisse klar zu kommunizieren?

Solche und ähnliche Situationen gab und gibt es regelmäßig in meinem Alltag. Mit Freund:innen, Mitbewohner:innen, Kolleg:innen, in der Familie und mit dem (Ex-)Partner. Warum fällt es mir und auch vielen anderen so schwer, die eigenen Bedürfnisse klar zu kommunizieren?

Macht es uns nicht unglaublich unberechenbar, wenn wir wie ein schwelender Vulkan plötzlich irgendwann explodieren, weil das Maß der eigens produzierten Unterdrückung mehr als randvoll ist? Warum denke ich gleich, nur weil mir der Sinn nach etwas Anderem steht oder ich anderer Meinung bin, würde es mich mit meinem Umfeld direkt in einen Konflikt stürzen und meine Beziehungen gefährden, wenn ich dies äußere?

Abgrenzung hilft! Und die besten Menschen bleiben trotzdem an unserer Seite.

Mir ist ja durchaus bewusst, dass ich damit immer wieder selbst meinen Wert untergrabe. Mir ist bewusst, dass ich damit meine Beziehungen selbst belaste, oft die falschen Menschen in mein Leben ziehe und vielleicht auch ungesunde Beziehungen in meinem Leben halte. Mir ist bewusst, dass ich dieses Programm unterbewusst abspule, wieder und wieder, weil ich Angst davor habe, die Abgrenzung, die ich durch Kommunikation meiner Bedürfnisse und Meinung zu meinem Gegenüber erreiche, schafft eine Distanz, die zur Trennung führt.

Aber zumindest habe ich mittlerweile erkannt, dass diese Denke in eine Sackgasse führt, auch wenn mein Autopilot sich noch etwas gegen die neue Programmierung weigert: Einatmen, ausatmen, abgrenzen.

Abgrenzung schafft Klarheit, macht mich authentisch, greifbar und nahbar. Für die richtigen Menschen.

Abgrenzung schafft keine Distanz. Abgrenzung schafft Klarheit, macht mich authentisch, greifbar und nahbar. Für die richtigen Menschen. Die mich in ihrem Leben haben wollen, weil ich bin, wie ich bin und nicht, weil ich es ihnen immer recht mache und ihnen ein gutes Gefühl vermittle. Nein, weil sie auf mein Wort vertrauen können.

Dass ich meine und fühle, was ich sage und auch mal unbequem sein kann. Dass ich ihnen keinen industriegefertigten Reflektor für ihr Leben und ihre Bedürfnisse biete, sondern wir uns gegenseitig dank der Risse, Ecken und Kanten im Glas die Möglichkeit bieten, uns individuell zu spiegeln und uns selbst durch kleinste Veränderung unserer Positionen, plötzlich in einem ganz anderen, neuen und vielleicht sogar schönerem Licht sehen können.

HerzKopfPapier ist rheinische Frohnatur mit brasilianisch-ostpreußischen Wurzeln und relativ neue Wahl-Berlinerin. Sie schreibt, weil ihr Herz was zu sagen hat. Ihr Kopf versucht, das zu Papier zu bringen. Nur sind sich Herz und Kopf nicht immer einig, Papier aber zum Glück geduldig. Und manchmal kommt dann was Gutes dabei raus, das sie nur zu gerne in die Welt trägt. Ihr Geld verdient sie als Presentation Designer und macht PowerPoint-Präsentationen für andere hübsch und einprägsam. Zum Leben braucht sie zudem Sport, Musik und Liebe, denn nichts geht ohne Liebe. Ach ja: Und Schokolade. Mehr von HerzKopfPapier findet ihr auf ihrer Webseite.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash (“Kategorie”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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