Wie mir das Social Distancing half, vermeintliche Freund:innen gehen zu lassen

Covid-19, Corona, Sars-CoV-2 – Bezeichnungen, die für jeden Menschen auf der Welt in irgendeiner Art und Weise eine Bedeutung haben. Das Virus, das die Welt lahmlegt. Klingt eigentlich so, als könnte man dieser Situation nichts Gutes abgewinnen und doch hat sie mir eine riesige Erleichterung gebracht.

Klar, wir brauchen nicht darüber reden, dass die momentane Situation für keine:n wirklich gut ist. Mal abgesehen von den Lieferdiensten und sämtlichen Online-Händlern, kann wahrscheinlich jede:r mindestens eine Sache nennen, die Covid-19 unmöglich gemacht oder verschlechtert hat – auch ich bin davon nicht ausgenommen, jedoch haben mir die Einschränkungen auch eines gegeben: Freiheit.

Freiheit von Erwartungen, Druck und vor allem Freiheit von vermeintlichen Freund:innen. Schon früher konnte ich falschen Freund:innen nie leichtfertig den Rücken zudrehen. Ich musste quasi erst das Messer schmerzlich in meinem Rücken spüren, um zuzugeben, dass eine Trennung manchmal notwendig und wohltuend sein kann.

Ich schaffte es nie ganz, mich selbst an erste Stelle zu stellen

Immer wieder stand ich vor der Situation, dass Freundschaften viel zu schnell eingegangen wurden und ich am Ende enttäuscht und alleine dastand. Wieso passiert mir sowas immer? Ich war doch immer für alle da, habe stets alles stehen und liegen gelassen, um Freunden zu helfen, wenn sie mich brauchen. Alles habe ich vernachlässigt, wenn es sein musste – auch mich selbst.

Genau da lag der Fehler. Wenn man nicht anfängt, sich selbst als Priorität zu sehen, wie sollen es dann andere tun? Also versuchte ich in den letzten Jahren immer mal wieder egoistisch zu sein. Dadurch fand ich Schritt für Schritt den Weg zu meinem „wahren Ich“, um mich vor zwei Jahren erneut zu verlieren, ohne es selbst zu bemerken.

Subtile Manipulation und Schuldgefühle, wenn man sich selbst als Priorität gesetzt hat, und das ständige Gefühl, abliefern zu müssen, waren an der Tagesordnung. Eine Absage zum Mädelsabend glich fast einer Todsünde und wurde mit Vorwürfen und fortlaufenden unterschwelligen Seitenhieben bestraft.

Also versuchte ich in den letzten Jahren immer mal wieder egoistisch zu sein. Dadurch fand ich Schritt für Schritt den Weg zu meinem „wahren Ich“.

Schon lange fühlte es sich nicht mehr danach an, selbst entscheiden zu dürfen, ob man zum Treffen kommt oder nicht. Andere Freundschaften wurden stets aufgewogen und ich musste mich rechtfertigen, weshalb ich die Zeit nicht lieber mit ihnen verbringen wollte. Der freie Wille entwickelte sich immer mehr in eine gezwungene Erwartung. Auch mir wurde irgendwann klar: wenn Freundschaft zum Zwang wird, sollte man sie aufgeben.

Belastet von früheren Verhaltensmustern fand ich mich erneut in toxischen Freundschaften gefangen, unfähig den Absprung in die Freiheit zu wagen. Obwohl ich mich nicht mehr vollkommen aufgegeben und vernachlässigt habe, war ich unfähig, die Freundschaften zu beenden: zu groß waren die Schuldgefühle und Zweifel – vielleicht auch die Angst, alleine dazustehen.

„Was wenn ich überreagiere? – Sollte ich Ihnen nicht noch eine Chance geben, eigentlich hatten wir doch auch schöne Zeiten?“ In solchen Situationen würde ich mir wünschen, nicht so sensibel und empathisch zu sein – einfach mal nur an mich selbst zu denken.

Und dann kam Corona

Das, was ich nicht konnte, erledigte der Ausbruch von Corona im März für mich. Auf einmal hieß es nicht mehr „Warum kommst du nicht, du hast es uns doch versprochen?“, sondern „Ja klar, verstehen wir“. Plötzlich war da ein Verständnis da, was man vorher nie kannte, immerhin diente der Abstand ja auch deren Schutz.

Von jetzt auf gleich musste ich mir keine Ausreden einfallen lassen, wenn ich Zeit für mich brauchte, sondern konnte einfach vorbildlich Kontakte vermeiden und zuhause bleiben. Es war fast, als hätte man mir ein kiloschweres Gewicht von den Schultern genommen – seit langem konnte ich mal wieder richtig gerade und aufrecht stehen, ohne mich verbiegen oder anstrengen zu müssen.

Es war fast, als hätte man mir ein kiloschweres Gewicht von den Schultern genommen.

Wenn ein extrovertierter Mensch die Isolation als Erlösung ansieht, dann sollte man sich echt darüber Gedanken machen. Die Befreiung, die ich gefühlt habe, als der Kontakt nicht möglich war, hat mir endgültig gezeigt, dass es höchste Zeit für ein Ende ist.

Die Zeit seit März hat mir bewusst gemacht, wer mir guttut und wer bei mir bleibt, obwohl man sich nicht sehen kann. Allein sein ist nicht immer schlecht – das weiß ich jetzt auch.

Ein:e gute:r Freund:in versteht, dass man nicht immer funktionieren kann und dies auch gar nicht versuchen sollte.

Auch wenn ich die Pandemie und die Folgen für viele Millionen Menschen jederzeit rückgängig machen würde, wenn ich könnte, so bin ich doch dankbar für die Erkenntnisse, die mir diese schwere Zeit gegeben hat: Manchmal führt ein gesunder Egoismus zur Entdeckung von wahren Freund:innen. Ein:e gute:r Freund:in versteht, dass man nicht immer funktionieren kann und dies auch gar nicht versuchen sollte.

Laura ist bei den meisten als lebensfrohe, abenteuerlustige und vielleicht auch etwas verrückte Person bekannt. In ihrer Freizeit reist sie gerne, schreibt viel und hat „dank“ Corona gelernt, dass Alleine sein gar nicht mal so schlecht sein muss. Mehr von Laura findet ihr bei Instagram.

Headerbild: Ba Ba via Unsplash. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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