Was wäre, wenn? Eine letzte Begegnung mit der ersten großen Liebe

Wir sitzen uns in einem Café gegenüber. Die Worte, die wir miteinander sprechen sind noch ungeschmeidig, etwas stockend, und doch steckt in unserem Treffen eine Vertrautheit, wie sie mir lange nicht mehr begegnet ist.

Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, du bist älter geworden – klar bist du das. Das letzte Mal habe ich dich gesehen, da warst du gerade erst 21 geworden. Ich bin auch älter geworden, aber wenn Zeit relativ wäre, würde ich sagen, nicht so viel älter wie du.

„Können wir uns mal wiedersehen? Irgendwann?“, hast du mich gefragt. Wozu? Damit du mir sagst, dass es ein Fehler war, wie du mich damals mit meinen zarten 17 behandelt hast? Ja genau, das wird es sein. Ich bin nicht nachtragend, natürlich treffen wir uns.

Dich wiederzusehen fühlt sich für mich nach Schulsommerferien an, nach Radfahren durch den Wald zum See und klebrig süßen Küssen in meinem abgedunkelten Jugendzimmer.

Und als wir uns gegenübersitzen, fühlt es sich ein bisschen wieder so an wie früher. Manche Erinnerungen sind mit bestimmten Gefühlen verknüpft. Dich wiederzusehen fühlt sich für mich nach Schulsommerferien an, nach Radfahren durch den Wald zum See und klebrig süßen Küssen in meinem abgedunkelten Jugendzimmer.

Was damals war und was heute ist

Mittlerweile hast du Kinder, bist verheiratet – natürlich nicht mit mir.  Ich zog nach der Schule fürs Studium weg – weit weg von der Heimat, nach Berlin. Aber was wäre, wenn es mit uns damals anders gelaufen wäre? Wären wir dann jetzt verheiratet? Wären deine Kinder dann jetzt auch meine? Hätte ich das Leben, das du führst, gewollt?

Hätte ich dann nie woanders gewohnt als in der gemeinsamen Heimat? Nie andere Menschen gesehen, immer nur dieselben alten Freunde aus Schul- und Kindertagen? Wäre mein Leben jetzt bestimmt durch die Nähe zu deinen und zu meinen Eltern, gemeinsame Weihnachtsfeste in der Großfamilie, so wie du sie mir schilderst?

Wir reden über unsere gemeinsame Zeit, wie jung und naiv wir waren. Wir vermissen beide das Gefühl, dass sich etwas neu anfühlt. So wie damals. Alles glänzte – so schön neu. Aber nichts war für immer. 

Wir reden über unsere gemeinsame Zeit, wie jung und naiv wir waren. Wie langsam die Zeit damals vorbeigegangen ist und wie schnell sie heute zwischen Job und Großstadtleben für mich und Kindern und Kleinstadtleben für dich vergeht. Wir vermissen beide das Gefühl, dass sich etwas neu anfühlt. So wie damals. Alles glänzte – so schön neu. Aber nichts war für immer. Auch wir nicht.

Als du dich von mir getrennt hast, war ich traurig, denn du warst meine Jugendliebe. Mein erster Freund, mein erster Kuss, mein erster Herzschmerz. In meinem kindlichen Geist von damals hätte ich mir gewünscht, dass das mit uns für immer hält und nicht nur ein paar Monate. Aber wie wäre mein Leben verlaufen? Ja, was wäre, wenn? Meine Kaffeetasse lässt schon ihren Boden erkennen und kurz überlege noch, ob ich bleibe.

Ein letztes erstes Mal

Aber plötzlich merke ich, ich brauche das nicht. Ich trauere dir nicht mehr nach. Und das nicht, weil ich dich zwischenzeitlich vergessen hätte. Denn ich gebe zu, das habe ich sogar. Nein, ich brauche es nicht, weil ich dich in meinem Leben nicht mehr brauche. Du warst immer willkommen und wirst es weiterhin sein, wenn du in meinem Leben vorkommen möchtest. Aber ich brauche dich nicht mehr – und das fühlt sich gut an.

Aber zumindest in Bezug auf uns gib es für mich kein „Was wäre, wenn“ mehr. Und das ist ein neues Gefühl, das ich mit dir als meiner Vergangenheit in Verbindung bringen darf. Ein letztes erstes Mal

Ich stehe auf und verabschiede mich von dir und von allen Gedanken, die mich seit deiner Kontaktaufnahme wieder an unsere Zeit gefesselt haben. Denn sie ist vorbei. Ich habe mein Leben gewählt und du hast dein Leben. Was wir daraus machen, steht in den Sternen. Aber zumindest in Bezug auf uns gib es für mich kein „Was wäre, wenn“ mehr. Und das ist ein neues Gefühl, das ich mit dir als meiner Vergangenheit in Verbindung bringen darf. Ein letztes erstes Mal.

Unsere Autorin möchte gerne anonym bleiben.

Headerfoto: cottonbro (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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