Dating mit Mindestabstand – Ein bisschen Amore in Krisenzeiten

05. April, 11.33 Uhr. Es ist das erste Mal, dass du mir schreibst. Du erzählst, du hättest tatsächlich mein ganzes Profil gelesen. Löblich. Du schiebst mir ein virtuelles Highfive rüber für all die Gemeinsamkeiten, die du aus meiner firlefanzigen Beschreibung herausgezogen hast.

Ich schaue mir deine virtuellen Schattenrisse etwas genauer an. Du sitzt Espresso schlürfend vor irgendeinem Café. Du weckst Neugier. In einer Zeit, in der man Sehnsucht empfindet und nicht so recht weiß, wonach oder wem. Hallo, Fremder!

Wir schlittern sofort tiefer. Du hast Yassin ausgewählt, der Grund, warum ich leichtfüßig nach rechts wischte. Nichts ahnend, wohin dies führt. Wir verbringen den ganzen Sonntag gemeinsam. Du in deinem Garten, ich auf meinem Balkon im 13. Stock. Deine musikalischen Empfehlungen im Ohr. Du magst den alten Hip Hop. Du bist ein Spaßbringer.

Wir verbringen den ganzen Sonntag gemeinsam. Du in deinem Garten, ich auf meinem Balkon im 13. Stock.

Wir philosophieren, scherzen, schwelgen in Erinnerungen. Ich nicke mit dem Kopf, die Füße in die Sonne gestreckt. Wir huldigen der völlig unterschätzten Leberwurststulle. „Daumendick! So mag es der Junge …“ Ich muss lachen. Du sagst, diese Zeiten seien gar nicht so schwer für dich. Zeit für neue Hobbys. Ich bin dankbar für diesen kurzen Exkurs zwischen all den Vorsichtsmaßnahmen und wechselnden Schichten.

Ich schreibe dir am Dienstag. Du stellst mir eine Playlist für die Nachtschicht zusammen. Ich bin entzückt. Nachts um 4.23 Uhr sitze ich im Büro. Koffein. Ich versuche, wach zu bleiben. Du hilfst mir dabei. Danach erst einmal Stille. Später fragst du mich, ob ich diese nette Geste von dir nun einfach „auf dem Deckel stehenlassen würde“ oder mich bei dir revanchieren werde. Ehrensache. Natürlich versorge ich dich mit einigen musikalischen Bonbons. Du lutscht den Drops.

Du und ich fortan in der virtuellen Schreiberei. Mal weniger, mal mehr. Immer unterhaltsam, immer ein Amüsement. Ganz ohne Explosionen. Du sagst mir, dass wir wohl nicht drum herum kommen, uns früher oder später zu sehen. Ich bestätige. Ich habe nun wirklich Lust auf dich. Dich zu hören. Dir zu begegnen.

Ein Spaziergang zu zweit und mit Mindestabstand ist erlaubt

Am Abend beschreibst du, wie du in die Häuser der Politiker einsteigst und ihnen zuflüsterst, sie sollen doch bitte die Beschränkungen lockern, damit wir zwei unser Isar-Bier zelebrieren können. Irgendwer scheint dich gehört zu haben, denn einige Zeit später gibt es endlich grünes Licht.

Zumindest für ein legitimes Spazierengehen mit Bierchen in der Hand. Du meldest dich gleich. Du fragst mich, ob ich bereit bin, dem Ruf der Freiheit zu folgen. Ob ich nach der Arbeit hungrig sei und wo wir uns treffen sollen. In der kurzen Raucherpause schreibe ich dir. Wir einigen uns auf die Touri-Eisbach-Brücke. 21.15 Uhr. Und anders als sonst bin ich entspannt. Keine Gedanken schweifen um mein Outfit oder äußere Erscheinung. Du schenkst mir Gelassenheit.

Du fragst mich, ob ich bereit bin, dem Ruf der Freiheit zu folgen.

Es ist 21.00 Uhr. Dienstschluss. Wir machen Übergabe und meine Kollegin fragt mich, ob ich sie wieder zur U-Bahn-Station begleite. Etwas ertappt sage ich, ich würde heute mit der Tram fahren, sie aber ein Stück begleiten. Schließlich weiß ich, dass mein Weg heute woanders hinführt.

Zur Eisbachbrücke. Um dich zu sehen. Baustelle. Verdammt. Ich kann dich nirgends finden. Es ist stockduster und keine Menschenseele unterwegs. Wir sehen uns, begrüßen uns und wissen beide nicht so recht, wie nahe wir uns nun kommen dürfen. Wir scherzen und laufen los. Den festen Plan, sich irgendwo gemütlich hinzusetzen.

Ratespiel statt Standardfragend

Du sagst, du möchtest dir die Standardfragen nach der Herkunft und dem Beruf sparen. Wir machen ein kleines Ratespiel daraus. Ein Polizeiauto fährt an uns vorbei. Ein Fahrradfahrer klingelt. Wir können den Mindestabstand gar nicht einhalten. Ich spüre dich.

Überall sind die Bänke abmontiert worden. Wir schauen in eine spärlich beleuchtete Seitenstraße und nicken uns zu. Auf einigen Mauerüberresten lassen wir uns nieder. Geschützt unter einen Baum, dessen Schatten ansatzweise davor warnt, von Zivilen ermahnt zu werden. Stolz packst du deine uralte Schallplattentasche aus, in der du sorgsam ein Repertoire an verschiedensten Bieren für uns eingewickelt hast. Gekühlt. Ich muss vor lauter durchdachter Vorbereitung lachen.

Du lässt mich aussuchen und öffnest die erste Flasche für mich. Ich denke daran, dass ich lange keinen so schönen Feierabend hatte. Das lasse ich dich wissen. Wir unterhalten uns. Lange. Zwischenzeitlich fahren Autos vorbei und Nieselregen prasselt auf die Blätter über uns nieder. Wir rücken näher. Eine alte Dame öffnet ihre Fenster und beobachtet uns. Entwarnung. Wir lachen. Du bist schlagfertig. Du hörst zu. Du rätselst. Du bist ein schöner Flanierpartner an diesem verregneten, milden Abend. In diesen Krisenzeiten.

Du riechst toll. Musik unser Thema. Du bist ein Konzert-Nostalgiker. Ob wir wohl mal gemeinsam auf eines gehen?

Wir entscheiden uns, weiter zu laufen, um irgendwo Unterschlupf zu finden. Du erzählst mir weitere Anekdoten aus deinem Leben. Von deiner Heimat, die es noch immer zu erraten gilt. Es regnet stärker. Mir fällt auf, wie riesig du eigentlich bist. Du riechst toll. Ich verliere aufs Neue die Orientierung, du guidest mich. Musik unser Thema. Du bist ein Konzert-Nostalgiker. Ob wir wohl mal gemeinsam auf eines gehen?

Das Bier drückt ganz fürchterlich. Verflixt! Ich möchte dich nicht mit nach Hause nehmen. Nicht heute. Ich denke kurz darüber nach. Aber nein. Der Spannungsbogen darf beibehalten werden. Du bietest mir an, mich mit deinem Auto nach Hause zu fahren. Ich lehne dankend ab. Du verstehst und begleitest mich das lange Stück zur Tramstation. Noch 6 Minuten.

Als du gerade eine Geschichte erzählen möchtest, nehme ich das vertraute Geräusch der einfahrenden Tram wahr. Ich sage dir, dass ich mich nun verabschieden muss. Du blickst auf die Anzeige und sagst: „Oh, diese Geschichte dauert länger.“ Beim Einsteigen rufe ich dir zu, dass wir das nachholen. Ich setze mich. Ein Lächeln auf den Lippen.

Diese drei Stunden mit dir. Nicht an eine Kippe gedacht, nur daran, wie du dich wohl anfühlst. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder und du erzählst. Ohne Mindestabstand.

Valerie verliert zwischendurch Mal die Orientierung, findet aber immer wieder auf die Spur zurück. Leere Worte gibt es für sie nicht. Ganz im Gegenteil. Valerie hofft, schreibt, lacht, flaniert.

Headerbild: DISRUPTIVO via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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