Was ich von Polyamorie über die Liebe gelernt habe


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Zum ersten Mal kam ich mit Polyamorie in Berührung, als ich betrunken und ziemlich horny auf dem Weg nach Hause von einem ersten Date war. Arm in Arm mit einer klugen, attraktiven und unglaublich sexy jungen Frau. Wir kicherten, fielen knutschend durch die Eingangstür, bis sie plötzlich ernst wurde und mir in die Augen sah.

„Bevor irgendetwas passiert, muss ich dir noch etwas sagen: Ich bin in einer festen Beziehung. Aber ich glaube nicht an Monogamie. Ist das okay für dich?“

„Oh, das ist in Ordnung, völlig in Ordnung“, sagte ich schnell.

Ich hätte in diesem Moment wahrscheinlich so ziemlich alles akzeptiert, aber ich fand es wirklich okay, auch beim zweiten drüber Nachdenken. Wir dateten in den nächsten Monaten noch einige Male, netflixten zusammen, kochten, hielten Händchen auf offener Straße. Wie es ein Paar tun würde.

Was sie über Liebe und Sex sagte, war immer wohl überlegt und eloquent.

Ich fragte sie oft nach ihrer anderen Beziehung und sie sprach offen darüber. Was sie über Liebe und Sex sagte, war immer wohl überlegt und eloquent. Ihretwegen wollte ich mehr darüber lernen, als hätte sich eine Tür geöffnet.

Wenn es einen Anfänger-Kurs in Polyamorie gäbe, würde er vermutlich mit dem Prinzip beginnen, dass Liebe keine begrenzte Ressource ist, also sollten wir auch aufhören, sie so zu behandeln. Wir wissen, dass die Liebe zu unseren alten Freund*innen nicht weniger wird, wenn wir neue Freunde finden, dass die Liebe zu unseren Brüdern, Schwestern oder Kindern nicht kleiner wird, wenn die Familie wächst.

Aber von klein auf haben wir – oft unbewusst – die Idee in uns aufgesogen, dass romantische Liebe nur begrenzt verfügbar ist, von einem Paar geteilt und dauerhaft beschädigt wird, wenn sich die Zuneigung des*der einen mal woanders hin verirrt.

Wenn dir dieser Gedanke nicht besonders gut gefällt, hat die Mainstreamkultur nur dürftige Alternativen im Angebot: serielles Daten, bedeutungslose Promiskuität oder einsamer Tod in einem Haus voller Katzen.

Deswegen ist es auch so verbreitet „by default“ monogam zu leben – nicht, weil man sich aktiv für eine von vielen verschiedenen Optionen entschieden hat, sondern, weil man die einzigen Spielregen, die es gibt, akzeptiert.

Polyamorie ist kein völlig neues Spiel, sondern eher ein Versuch, die Regeln neu auszuhandeln.

Polyamorie ist kein völlig neues Spiel, sondern eher ein Versuch, die Regeln neu auszuhandeln: Es ist der Gedanke, dass romantische Liebe zu einem Partner Zuneigung für einen anderen Menschen nicht ausschließt; dass die tiefe Erfüllung und Sicherheit, die eine feste Bindung bietet, nicht der Aufregung neuer sexueller Erfahrungen entgegenstehen muss.

All das und noch mehr steht zur Diskussion, solange es offen und einvernehmlich passiert.

Aber unabhängig davon, wie sehr du an die Theorie glaubst, birgt die Umsetzung ein großes Potential für Eifersucht, Verletzungen und Verunsicherung. Polyamorie ist zwar nicht zu schön, um wahr zu sein, aber zu schwierig, um einfach zu sein.

Als ich mich aktiv dazu entschied, polyamourös zu leben, fühlte es sich so an, als wäre ich über den ultimativen Beziehungs-Hack gestolpert. Ich konnte alle Vorteile von Romanzen genießen, ohne lästige Kompromisse eingehen zu müssen.

Vor ein paar Jahren, im Januar 2015, fing ich zur gleichen Zeit zwei neue Beziehungen an. Beide Personen waren einzigartig: kreativ, unkonventionell, in vielerlei Hinsicht attraktiv. Aber anstatt mit diesen beiden wundervollen Partnerinnen glücklich zu sein, fand ich mich in einem konstanten Krisenzustand wieder: In keiner der Beziehungen fühlte ich mich sicher und nach einer kurzen Weile standen beide ständig kurz vor dem Scheitern.

Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich die Fehler, die ich gemacht habe.

Es war, als ob zwei Teller sich langsam auf zwei weit auseinanderliegenden Stöcken drehten und ich, in der Mitte gefangen, verzweifelt zwischen beiden hin und her sprintete. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich die Fehler, die ich gemacht habe, aber ich wollte wissen, ob es normal ist, bei den ersten nicht-monogamen Erfahrungen Schwierigkeiten zu haben.

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Also rief ich Mel Mariposa Cassidy an, eine radikale Beziehungstrainerin und selbsternannte „queere und polyamouröse Beziehungsanarchistin“, um über ein paar der Probleme zu sprechen, bei denen sie ihre Klient*innen unterstützt.

Eine der größten Hürden ist es, ehrlich über die Gründe, aus denen man eine offene Beziehung ausprobieren möchte, zu sprechen: „Vielleicht möchtest du deine Beziehung öffnen, weil dein*e Partner*in dich sexuell nicht befriedigt oder weil du deine*n Partner*in verlassen möchtest und es sich so sicherer anfühlt. Manche Menschen leben polyamourös, weil sie die gesellschaftlichen Normen rund um Monogamie, Eifersucht und Besitzansprüche in Beziehungen bewusst infrage stellen möchten.

Ich versuche, meine Klient*innen nicht für ihre Beweggründe zu verurteilen, aber was ich problematisch finde, ist sich selbst oder dem*der Partner*in gegenüber nicht ehrlich zu sein. Oft haben Menschen grundlegende Bedürfnisse, die nicht gestillt werden, und anstatt mit dem*der Partner*in offen darüber zu sprechen, suchen sie anderswo nach Befriedigung.“

Das Problem daran, zwei Partner*innen zu haben, ist, dass es doppelt so leicht ist, vor Dingen davonzulaufen.

Das Problem daran, zwei Partner*innen zu haben, ist, dass es doppelt so leicht ist, vor Dingen davonzulaufen. Anders als bei einer monogamen Beziehung, war die Frage nicht mehr, ob ich Zeit alleine oder mit meiner Partnerin als Paar verbringen wollte; stattdessen ließ ich meine Partnerinnen in einer Art Wettkampf um meine Zeit antreten, den die Person gewann, die für den Tag, die Woche oder den Monat gerade das bessere emotionale, soziale oder sexuelle Angebot in petto hatte.

Rückblickend ist mir klar, dass das wahnsinnig unfair war – und ich zu der Zeit nicht der Partner, den die beiden verdienten. Aber ich habe daraus gelernt, auch wenn manche Lektionen schwer zu akzeptieren waren. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich dazu neige, egozentrisch zu sein. Dass ich nicht gut darin bin, zuverlässig emotionale Unterstützung zu geben. Dass ich vielleicht, trotz meiner besten Absichten, nicht immer ein Guter Kerl bin.

Aber dank dieser Erkenntnis habe ich angefangen, mein Verhalten zu analysieren und an meinen emotionalen Problemlösungsfähigkeiten zu arbeiten – ein Prozess, der noch bei Weitem nicht abgeschlossen ist.

Wir denken oft zu wenig darüber nach, was unsere Grenzen sind, was für uns okay ist und was nicht.

„Wenn man an eine Beziehung zwischen zwei Menschen denkt, gibt es da Person A und Person B, aber die Beziehung selbst ist wie eine dritte Person“, erklärte Mel. „Wenn also noch mehr Menschen Teil der Beziehungsdynamik werden, wird es exponentiell komplizierter. Wir denken oft zu wenig darüber nach, was unsere Grenzen sind, was für uns okay ist und was nicht, weil wir in der ‚default‘-Welt aufgewachsen sind, wo es nur eine sehr leicht zu verstehende Vorlage gibt.

Sobald wir diese aber hinter uns lassen, öffnen sich all die anderen Möglichkeiten, ohne dass wir jedoch das nötige Werkzeug hätten, um mit dem Maße an Komplexität umgehen zu können.“

Ein Jahr später verstand ich mich gut mit meinen beiden damaligen Partnerinnen – mit einer bin ich noch immer zusammen. Aber in der Zwischenzeit gab es Trennungen, Tränen und lange Zeit Funkstille. Die Details würden einen eigenen Artikel füllen, aber hier sollte es ausreichen, zu sagen, dass es, wenn man nicht ehrlich ist, wen man wann und wieso trifft, genauso möglich ist, eine*n Partner*in in einer polyamorösen Beziehung zu betrügen wie in einer monogamen – inklusive dem damit einhergehenden Vertrauensverlust.

Um dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind, war viel Arbeit und Besinnung notwendig. Eine der zentralen Lektionen, die ich gelernt habe, ist, dass in einer Beziehung eine der wichtigsten Kompetenzen das Konfrontieren unangenehmer Wahrheiten ist, weil nur wenige Probleme verschwinden, wenn man sie ignoriert.

Wenn emotionale Wunden nicht gepflegt werden, werden alle Beteiligten Narben davontragen.

Regelmäßig Verschnaufpausen einzulegen und darüber nachzudenken, wie man sich fühlt – eine der wichtigsten Kompetenzen in der Polyamorie –, ist etwas, das in die Strukturen einer respektvollen Beziehung eingebaut werden muss, weil du so Probleme aus der Welt schaffen kannst, bevor sie zu groß werden. Wenn emotionale Wunden nicht gepflegt werden, werden alle Beteiligten Narben davontragen. Aber beinahe alle können geglättet werden, wenn sie eine Chance bekommen, richtig zu heilen.

Wegen der zahlreichen Gelegenheiten für Misstrauen und schlechte Kommunikation ist Polyamorie schwierig, kompliziert und nicht für jeden geeignet. Freund*innen und Familie mögen dir mit Unverständnis begegnen, mögliche Lover mit Misstrauen, Partner*innen mit Wut und Verbitterung.

Sogar für die, die sich damit wohlfühlen, läuft es nicht immer glatt. In einer Welt, in der so viel unseres Werts von der Beziehungsrolltreppe definiert wird, bietet Polyamorie weniger Sicherheit, weniger Meilensteine oder einfache Antworten. Aber sie birgt auch großes Potential für Selbstentfaltung, ein erfüllendes und abwechslungsreiches Liebesleben sowie die Chance, sich manchmal gezwungenermaßen emotionale Kompetenzen anzueignen, die in jeder Beziehung wertvoll sind.

Headerfoto: Ana Francisconi via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Text: Corin Faife.

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