Was ich mal sagen wollte: Betrügen in einer offenen Beziehung gibt’s und es ist sehr schlimm

Mir ist etwas Krasses passiert. Aus Gründen, die ihr vielleicht zuerst nicht nachvollziehen könnt, möchte ich meine Geschichte teilen, auch wenn sie privater nicht sein könnte.

Die letzten zweieinhalb Jahre meines Lebens habe ich einen Mann geliebt. Die letzten zweieinhalb Jahre meines Lebens, die eine einzige Lüge waren, denn dieser Mann spielte mir und einer ehemaligen Mitschülerin von mir gleichzeitig vor, mit uns eine Beziehung zu führen.

Die letzten zweieinhalb Jahre meines Lebens habe ich einen Mann geliebt. Jahre meines Lebens, die eine einzige Lüge waren.

Wie es dazu kommen konnte: Wir alle drei besuchten die gleiche Hochschule in meiner Heimat. Sie und ich waren beide 19 Jahre alt, als wir den damals 28-jährigen Dauerstudenten kennenlernten. An unserer Hochschule war und ist er bekannt wie ein bunter Hund.

Wir beide haben uns schnell in ihn verliebt. Verliebtsein muss man eigentlich nicht erklären. Auf wie vielen Ebenen mich dieser Mensch im tiefsten Herzen berührte wird an dieser Stelle privat bleiben.

Es war aber nicht so, dass wir beide von Anfang an „offiziell“ mit ihm zusammen waren. Man traf sich halt so. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das nie eine dieser Fickbeziehungen war. Stunden über Stunden verbrachte ich damit, mit ihm über die Welt zu philosophieren. So lange und so viel, dass er der Mensch werden konnte, der mich am besten kennt.

Das war nie eine dieser Fickbeziehungen.

Ich war unteranderem im Ausland und viel in Hamburg für Praktika. Dadurch war es leichter für ihn, die Beziehung zu meiner Mitschülerin geheim zu halten. Hinzukommt, dass ich diejenige war, die besonders geheim gehalten wurde. Das lag aber auch in meinem Interesse, nachdem ungefähr die halbe Hochschule von mir und meiner Affäre aus dem ersten Studienjahr wusste. Nichtsdestotrotz war es nie ein super krasses Geheimnis. Alle meine Freund*innen wussten von ihm, kannten ihn teilweise. Auch dadurch, dass er in einer WG wohnt, wo immer viele Menschen waren, wussten auch diese davon.

Es kam der Tag im Frühjahr 2018, als ich durch einen Zufall erfuhr, dass er etwas mit dieser ehemaligen Mitschülerin von mir hatte. Ich fragte ihn danach. Ja, es stimmte. Ich war nicht begeistert. Leute, die ich kenne, finde ich doof als indirekte*r Sexpartner*in, aber es ist halt eine kleine Stadt. Es war ungefähr diese Zeit, da wollten sowohl sie als auch ich, dass es ernster wird. Freiheit in der Liebe, ja bitte, aber doch eben auch ein bisschen Commitment. Eine offizielle, offene Partnerschaft.

Wie ich an einem Donnerstag spätabends von ihr erfuhr, ging er diese Form von Partnerschaft mit ihr ein. Während er und ich uns auch regelmäßig wenigstens einmal die Woche sahen, einen intensiven Sommer verbrachten und quasi täglich kommunizierten. Das mit der Partnerschaft klappte bei uns da noch nicht (warum nur?). Ich dachte vor allem, dass es eh kein Sinn machte, wenn ich wegziehe.

Freiheit in der Liebe, ja bitte, aber doch eben auch ein bisschen Commitment. Eine offizielle offene Partnerschaft.

Denn: Wir wussten beide, es würde der Tag kommen im September, an dem ich nach Hamburg ziehe. Ich weiß noch, wie wir in meinem alten Schlafzimmer Arm in Arm lagen und ich dachte, ich sterbe vor Abschiedsschmerzen. Es war das erste Mal, dass wir richtig von Liebe sprachen. Am nächsten Tag zog ich nach Hamburg. Drei Wochen später waren wir „offiziell“ in einer offenen Beziehung. Jetzt oder nie hatte ich mir gedacht. Nie hast du einen Menschen so sehr geliebt wie ihn. Es ist doch nur noch Formsache, wir lieben uns doch schon so lange.

Die letzten sieben Monate führten wir dann eine Beziehung. Eine Beziehung, in der er meine Freund*innen in Hamburg kennenlernte, wir essen gingen, in die Therme, mit Freund*innen aus und ich ihm meine Lieblingsplätze in der Stadt zeigte. Stunden und Tage haben wir im Bett verbracht in der Kombination aus tiefgründigen Gesprächen und Sex.

Jetzt oder nie hatte ich mir gedacht. Nie hast du einen Menschen so sehr geliebt wie ihn.

In dem Moment, wo wir uns für „offizielles“ Zusammensein entschieden, legten wir natürlich auch erstmalig Regeln fest. Offene Beziehung, okay, was heißt das? Für uns hieß es vor allem zwei Dinge: Erstens, nie ohne Kondom mit anderen schlafen, sprich, wir sind ohne Gummi exklusiv (diese Regel galt allerdings auch schon laaaaange davor) und zweitens, wir wissen IMMER von den jeweiligen Affären und Sexpartner*innen des*der anderen Bescheid (und diese auch von uns).

Das war der Zeitpunkt, wo meine ehemalige Mitschülerin nochmal ins Spiel kam. Ich wollte wissen, wie lange sie schon etwas hatten. „Seit einem Jahr“, sagte er. Jetzt weiß ich, es waren zu dem Zeitpunkt, genau wie bei mir, zwei Jahre.

Dass er öfter in Hamburg war, konnte natürlich nicht verborgen werden. So kam es, dass sie von mir im Januar erfuhr. Allerdings log er sie an, genau wie mich. Er sei dort geschäftlich. Würde mich nur zwischendurch mal sehen. In Wahrheit verbrachten wir lückenlos Tage am Stück miteinander. Im Gegensatz zu mir hatte meine ehemalige Mitschülerin ihn schon mehrmals beim Lügen enttarnt. Deshalb blieb sie misstrauisch. Ich hingegen habe ihm blind vertraut. Nichts finde ich schlimmer als Misstrauen und Eifersucht.

Ich habe ihm blind vertraut. Nichts finde ich schlimmer als Misstrauen und Eifersucht.

Vor ein paar Wochen erst fragte ich ihn, ob er mich schon mal angelogen hatte. Er sah mir in die Augen und sagte: „Nein“. Zudem meinte er zu mir, dass er die Affäre mit meiner Mitschülerin beendet habe. Zuletzt beteuerte er dies am Donnerstag. Ebenso wie er ihr beteuerte, dass er und ich keine Beziehung gehabt hätten und ich mir diese „eingebildet“ habe.

Glücklicherweise gibt es heutzutage Messenger-Dienste, die so etwas unmissverständlich dokumentieren. Missverständnisse ausgeschlossen, selbst für einen Fremden, der das liest. Sie hatte derweilen Social Media Stalking betrieben und ein paar Texte gefunden, die auf eine Fernbeziehung hindeuteten und ein Foto von ihm und mir, inklusive Freund*innen. Meinen Freund*innen! Er hatte ihr erzählt, wir würden gemeinsame Unifreund*innen treffen.

Und so kam es, dass sie mich endlich anschrieb, wir dann telefonierten und ich wenig später in einer Nacht-und-Nebelaktion in den Zug stieg. Die Nacht von Donnerstag auf Freitag: Sie holte mich um zwei Uhr am Bahnhof ab. Wir beide wissen jetzt: Er hat uns beide nach Strich und Faden belogen. Es sollte eine lange Nacht werden. Er, der zu diesem Zeitpunkt als Liftboy in einem Club arbeitete, wusste noch gar nichts. Ich schrieb mit ihm, als sei nichts gewesen, um herauszufinden, wann er wohl nach Hause kommen würde.

Die ganze Nacht parkten sie und ich in seiner Straße und redeten, während wir warteten. 2,5 Jahre und alles gelogen.

Die ganze Nacht parkten sie und ich in seiner Straße und redeten, während wir warteten. Wir hatten uns so viel zu erzählen. 2,5 Jahre und alles gelogen. Vielfach hatten wir das Gleiche erlebt, uns über die gleichen Dinge geärgert und die gleichen Dinge kritisiert.

Andere Sachen waren völlig unterschiedlich. Seit er und ich „zusammen waren“ hatte er mich mit Liebesbotschaften überschüttet. Sogar Gedichte geschrieben, so wie ich ja auch. So etwas gab es bei ihnen nicht. Dafür hatte sie bei ihm zuhause ihr eigenes Schränkchen. Ihren ganzen Kram. War zeitweise fast täglich da.

Als wir ihn später konfrontierten, sagte er, er liebe uns beide. Sie sei Alltag und ich sei Seele. Wir beschimpften und beleidigten ihn in einem Ausmaß, das ich hier nicht wiederholen werde. Seine einzige Erklärung für all das war seine „Schwäche“. Aber wenn man die Lügen rausrechnen würde, wäre der Rest trotzdem wahr. Sprich, seine „Liebe“. Auf diese Liebe können wir beide aber wunderbar verzichten.

Emotionalen Missbrauch nenne ich das alles.

Was das Krasseste von allem war: Er schlief mit uns beiden ohne Kondom. Dass das kein Konsens wäre, sagte ich ihm. Und dass er das Wort Feminismus nie wieder in den Mund nehmen solle. Denn er nannte sich Feminist und feierte meine Ansichten, meine Kolumne hier und meinen Aktivismus.

Emotionalen Missbrauch nenne ich das alles. Wir waren beide 19 Jahre alt und an einem emotional sehr verletzbaren Punkt, beide aus unterschiedlichen Gründen, als wir ihn kennenlernten.

Liebe und „poly-sein“, nennt er das. Gegen „poly-sein“, haben wir beide nichts, aber gegen Lügen. Zusammen verließen wir seine Wohnung. Für uns ein Akt von weiblichem Empowerment. Ich habe in den letzten zwölf Stunden eine wahnsinnig liebenswerte, starke Frau kennengelernt. Ihr Schmerz und was er ihr angetan hatte, schmerzte mich genau so sehr wie mein eigener. Denn weder sie noch ich haben das verdient.

Headerfoto: Roberto Delgado Webb via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Melina schon in der Grundschule und mit 14 Jahren hat sie angefangen, bei der lokalen Tageszeitung in ihrer Heimat zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Hamburg, studiert Journalismus und ist als freie Journalistin immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Bei im gegenteil veröffentlicht sie die Kolumne „Was ich mal sagen wollte:“. Und das ist viel: „Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. Diskriminierung und Doppelmoral gibt es an allen Ecken. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Vor allem feministische Themen liegen mir am Herzen und ich scheue auch nicht davor zurück, über Sex und all das, was dazugehört, zu schreiben. Denn auch darüber müssen wir reden!“ Melinas Kolumnen gibt es jetzt auch in Buchform - und zwar hier.

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