Warum wird mein Nein nicht ernst genommen? Oder: Seit wann ist eigentlich wieder 1970?

Es ist Samstagabend. 20 Uhr. Eine 12-Stunden-Schicht liegt hinter mir und ich will mich einfach nur mit einer Tasse heißer Schokolade und einer guten Serie in meinem Bett verkriechen. Nur noch schnell zum Supermarkt und etwas Brot und Kaffee für morgen besorgen. Ich springe in meine Sneaker, Jacke an, Kopfhörer auf die Ohren und den Hausschlüssel nicht vergessen. 10 Minuten brauche ich zu Fuß bis in die Stadt.
Ich laufe vorbei an geschäftigen Dönerbuden, Bars, die sich langsam füllen und knutschenden Pärchen auf dem Weg zu einem romantischen Dinner. Dazu singt Bastille mir ins Ohr:

„Let’s pick the truth that we believe in
Like a bad religion
Tell me all your original sins“

Noch zwei Straßen, über den Marktplatz und die Rolltreppe hinunter in die Mall. Mittlerweile haben wir halb neun und ich bekomme ein schlechtes Gewissen gegenüber den Verkäufern. Ich hätte auch echt mal früher einkaufen gehen können und nicht erst am Abend.

Schnell sammle ich meine Einkäufe zusammen. Milch, Brot, Obst… Bitterschokolade, oder doch lieber die mit Minze? Ich stelle mich an der einzigen offenen Kasse an und lege alles aufs Band. Mittlerweile hat meine Playlist eine dramatische Wendung genommen und Bastille hat einer entrüsteten Halsey Platz gemacht.

„How can Midas put his hands on me again?
He said one day I’d realise why I don’t have any friends
I find myself alone at night
Unless I’m having sex
But he can make me golden if I just show some respect“

Wie durch Zauberhand erscheint eine Hand mit Warentrenner vor meiner Schokolade und ich blicke auf, um mich mit einem Lächeln zu bedanken. Die Hand gehört zu einem Mann Mitte 40, groß, dunkelhaarig, in Jeans und T-Shirt. Er lächelt zurück und ich widme mich wieder meiner Musik, schaue mich im Laden um. Ganz schön voll hier für die Uhrzeit. Die kaufen sicher alle noch die Notration Wein für die anstehende Nacht.

Heute habe ich keine Nerven mehr für menschliche Interaktion.

Ich blicke zurück nach vorne, um zu schauen, ob sich die Schlange weiterbewegt hat und mein Blick begegnet wieder den Augen von Mr. BlueJeans. Er lächelt wieder. Ich nicht. Ich schaue weg. „Bitte sprich mich nicht an, ich will einfach nur einkaufen und heim. Heute habe ich keine Nerven mehr für menschliche Interaktion“, denke ich mir und schaue auf mein Handy 20:55 Uhr. Ich gähne.

Er ist als nächster dran. Die Kassiererin scannt seine Zigaretten und die Packung Studentenfutter. Er zahlt und fummelt an seinem Rucksack herum. In der Zwischenzeit haben sich zwei Jungs vorne an die Kasse gestellt und schauen mich fragend an. Ich nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr und ziehe die Augenbrauen hoch. Meine Version von „Was?“ nur ohne Worte.

Mr. BlueJeans ist weg. Ich atme aus. Danke Gott.

„Ich brauch nur schnell ne Packung…“, beeilt sich Junge 1 zu sagen und deutet auf die grünen Mentolzigaretten. „Ja passt schon“, nicke ich. Auch in der Hoffnung, das Mr BlueJeans sich nun endlich auf den Nachhauseweg begibt. Denn für seine zwei Teile braucht er schon verdammt lange am Kassenende. Die Jungs bekommen ihren Lungenkrebs und ich schaue die Kassiererin an. Sie lächelt müde, ich auch. Sie zieht meine Waren übers Band, ich zahle. Sie wünscht mir ein schönes Wochenende, ich ihr einen baldigen Feierabend. Mr. BlueJeans ist weg. Ich atme aus. Danke Gott.

Ich setze mir wieder die Kopfhörer auf und lausche Alec Benjamin, während ich auf die Rolltreppe zugehe.

„Wish I could tell you about the noise
But I didn’t hear a thing“
She said, „It must have been the wind, must have been the wind“

Ich betrachte mich selbst in der metallenen Oberfläche der Wandverkleidung. „Dass du vor zwei Monaten noch in der Sonne warst sollte man auch nicht meinen“, denke ich und drehe meine Haare zu einem Dutt zusammen. Mein Blick geht nach oben. Och nö. Am Kopf der Treppe steht Mr. BlueJeans und tippt auf seinem Handy herum. Ich fange an zu laufen. Nehme die letzten Stufen mit einem Hüpfer und gehe schnell und bestimmt an ihm vorbei. Kein Lächeln, kein Aufblicken. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken und ziehe die Schultern hoch. Auch er setzt sich in Bewegung.

Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken und ziehe die Schultern hoch. Auch er setzt sich in Bewegung.

Über die Melodie des Songs Hinweg höre ich plötzlich ein Rufen. „Hey, du!“
Jetzt nur nicht stehen bleiben, denke ich mir. Und gehe weiter, als hätte ich ihn nicht gehört. „Hey, bleib doch stehen.“ Mit einem Satz steht er vor mir und versperrt mir den Weg. Er ist locker einen Kopf größer als ich. Breit gebaut. Verlegen streicht er sich durch die Haare. Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren. „Ja?“ frage ich, in der Hoffnung, dass ich meinen Schlüssel habe fallen lassen und er wollte mich darauf aufmerksam machen.

„Also ich habe dich da gerade an der Kasse gesehen und ich finde du hast eine tolle Ausstrahlung. Meinst du, ich könnte deine Nummer bekommen?“ Er grinst.

„Du, danke für das Kompliment“, immer höflich sein, hat Mama gesagt: „aber ich möchte dir nicht meine Nummer geben. Ich kenne dich ja gar nicht und habe schlechte Erfahrungen mit sowas gemacht.“ Stimmt zwar nicht direkt, aber solange er mich einfach nur vorbei lässt…

Der Security an der Tür lächelt mich an, als wäre das hier völlig normal.

„Oh schade, naja wir können ja hier auch einfach jetzt was trinken gehen.“ Er verringert den Abstand zwischen uns. Ich weiche einen Schritt zurück. Der Security an der Tür lächelt mich an, als wäre das hier völlig normal.

„Hör zu, ich hatte echt einen langen Tag und will gerade einfach nur heim. Aber danke.“ Ich mache einen Schritt zur Seite um ihn zu überholen. Er folgt. „Ach komm schon, findest du mich etwa nicht attraktiv?“ Seine Stimme lauert. „Akzeptier doch bitte einfach mein Nein“ sage ich. Warum bitte ich eigentlich noch. Mit etwas Pech könnte der Kerl mein Vater sein und ich bin hier die Vernünftige?! Ich laufe schneller. „Sei doch nicht so zickig!“ Ich spüre seine Hand auf meiner Schulter.

Erst lächelt ihr einen an und dann tut ihr so, als wärt ihr was Besseres.

„Fass! Mich! Nicht An!“ Ich betone jedes Wort. Er zuckt zurück. Ich funkle ihn an. „Ich möchte dir weder meine Nummer geben, noch mit dir etwas trinken gehen. Ich gehe jetzt nach Hause. Allein.“  Er schaut mich irritiert an. „Versteh einer die Frauen!“ Sagt er und hält die Hände in einer entschuldigenden Geste neben seinen Kopf. „Erst lächelt ihr einen an und dann tut ihr so, als wärt ihr was Besseres.“ Er klingt verbittert. Ich drehe mich um und laufe schnurstracks heim. Mehrmals schaue ich über die Schulter. Mr. BlueJeans kommt mir nicht hinterher.

Bin ich als Frau etwa so lange Freiwild, bis ich von einem Mann markiert und offiziell für sich beansprucht worden bin?

Zuhause angekommen klingelt mein Handy. Ein Freund aus Heidelberg ist dran und nach kurzem Hin und Her erzähle ich ihm von meinem Erlebnis. „Mich nervt das so. Warum reicht ein einfaches Nein danke denn nicht?“ Moritz klingt verwirrt. „Rahel ich versteh dein Problem nicht. Warum hast du denn nicht einfach gesagt, dass du einen Freund hast?!“

Jetzt bin ich sauer. „Warum muss ich denn einen Freund haben, um ihm meine Nummer zu verweigern? Bin ich als Frau etwa so lange Freiwild, bis ich von einem Mann markiert und offiziell für sich beansprucht worden bin?“ „So mein ich das doch gar nicht. Aber das zieht bei Männern halt nicht.“ „Was? Ein Nein?“ Ich bin verwirrt. „Naja, wäre doch einfach gewesen, oder? Hey, sorry, ich hab einen Freund. Und die Sache ist gegessen.“ „Ja schon, aber warum reicht meine Ablehnung nicht? Ich will nicht Olaf vorschicken müssen um meinen Standpunkt klar zu machen oder ernst genommen zu werden.“ „Du bist zu verkopft“, sagt er lachend und wechselt das Thema. Kurz darauf legen wir auf. Seine Worte hallen noch Stunden später in mir nach.

Warum dominieren im Dating eigentlich auch jetzt noch so verquere Rollenbilder?

Ist es als Frau echt immer noch so viel schwieriger vom „starken Geschlecht“ für voll genommen zu werden? Und warum dominieren im Dating eigentlich auch jetzt noch so verquere Rollenbilder? Im Job oder im Freundeskreis zweifelt keiner an meinem NEIN, aber geht es ums Kennenlernen, Daten, nenn es wie du willst, wird jedes weiblich „ja“ ein „nein“, jedes freundliche Lächeln ein Flirten und eine nette Abfuhr zu einem „probier‘s doch nochmal, ich ziere mich nur“.

Haben wir tatsächlich wieder 1970 und nur durch meinen Freund werde ich zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft? Ich bin verwirrt.

Während ich die Milch in den Kühlschrank stelle singt Ella Eyre mir ins Ohr und scheinbar bin ich nicht die einzige, die dieses soziale Konstrukt irritiert….

„Not a word from your lips
You just took for granted that I want to skinny dip
A quick hit, that’s your game
But I’m not a piece of meat, simulate my brain “.

Rahel ist Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. BWL-Studentin mit Autorennträumen. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Nicht-Trinkerin mit einer Vorliebe für gute Negronis. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in ihrem Lebensentwurf, wie es ihrer Generation immer nachgesagt wird.

Headerfoto: Radu Florin via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt und gespiegelt.) Danke dafür!

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