Ein Brief an meinen Bruder – von Wünschen und Hoffnung und dieser scheiß Diagnose

Triggerwarnung: Krebsdiagnose und -therapie.

Du und ich. Jeder von uns fünf Geschwistern weiß, dass wir zwei diejenigen sind, zwischen denen die größten Welten liegen. Du, der den Konflikten aus dem Weg geht, ein Schlichter, einer, der klein beigibt. Ich, der Freigeist, eine, die die Klappe nie halten kann. Etwas, was du stets angekreidet hast.

Ich, die spontane Entscheidungen trifft und sich deshalb oftmals selbst aus den unterschiedlichsten Desastern bugsieren musste. Ich bin sehr früh von zuhause ausgezogen, obwohl ich die Jüngste bin. Du hast ewig als Einziger das Nest bei unseren Eltern nicht verlassen. Du, das Mittelkind. Du, der gerne plant und sichere Schienen fährt. Zwei, die aufeinanderprallen. Immer und immer wieder.

Ich bin sehr früh von zuhause ausgezogen, obwohl ich die Jüngste bin. Du hast ewig als Einziger das Nest bei unseren Eltern nicht verlassen. Du, das Mittelkind. Zwei, die aufeinanderprallen.

Und dennoch steht die Hälfte meiner Platten wegen dir in meinem Regal. Weil die Musik uns immer wieder zusammenführt. Wegen deines geliebten Oldschool Hip Hop befinden sich nun Ella Fitzgerald und der Wu-Tang Clan auf meiner Kommode. Geschmäcker, die sich nur wegen dir geprägt haben. Das zeigt sich auch bei den vielen Sneakern in meinem kleinen Zuhause. Du bist für wahr der größte Sneakerhead, den ich kenne.

Schwarzer Fleck 

Wir sind zu fünft. Und alle über 30. Im letzten Herbst philosophierte ich mit einem Freund darüber, dass wir realistisch sein müssten. Statistisch gesehen müsste früher oder später eine:r von uns damit rechnen, nicht mehr gesund zu sein. That’s life. Ich wünschte heute, ich hätte das nicht beschrien. Einmal wirklich meine Klappe gehalten.

Wir sind zu fünft. Und alle über 30. Statistisch gesehen müsste früher oder später eine:r von uns damit rechnen, nicht mehr gesund zu sein. Ich wünschte heute, ich hätte das nicht beschrien. 

Es ist der 18. April um 17.50 Uhr als du mir eine Nachricht schickst. Eine, die mich überrollt. Ich wusste, dass du im Vorjahr einige Schwierigkeiten hattest. Zu sehen, die richtigen Worte zu finden, den Halt zu wahren, fröhlich zu sein. Aber alles halb so wild. Jetzt schreibst du mir, die Ärzte haben einen schwarzen Fleck gefunden. „Etwas, was dort nicht sein sollte.“ In deinem Kopf hat es sich ein Tumor gemütlich gemacht, der es nicht einsieht, von dort zu verschwinden.

Jetzt schreibst du mir, die Ärzte haben einen schwarzen Fleck gefunden. „Etwas, was dort nicht sein sollte.“ In deinem Kopf hat es sich ein Tumor gemütlich gemacht, der es nicht einsieht, von dort zu verschwinden.

Ich reagiere auf diese Nachricht gewohnt gefasst und schreibe dir, dass alles gut werden wird. Dass ich froh sei, dass man nun endlich wisse, was Sache ist. Als ich mein Telefon zur Seite lege, bin ich gelähmt. Ich weine. Ich weine so sehr, dass ich nicht aufhören kann. Ich möchte schreien und das tu ich. Wenn auch nur ganz leise.

Du warst derjenige, der mir als kleines Mädchen immer wieder gesagt hat, dass es sich nicht lohnt zu heulen. Das hat sich so sehr in mich hineingebrannt. Ich heule nie. Wegen dir. Und jetzt kann ich nicht mehr aufhören. Wegen dir.

Ich reagiere auf diese Nachricht gewohnt gefasst und schreibe dir, dass alles gut werden wird.

Nachdem ich einige sehr tiefe Atemzüge genommen habe, tröstet mich der Gedanke, dass du gerade wenigstens nicht allein bist. Immerhin sind unsere sehr starke Schwester und unser unglaublich witziger Bruder bei dir. Zwischen dir und mir da liegen zwar Welten, aber ich fühle mich dir dieses Mal so nah wie nie.

Kein Liebeskummer hat mich jemals so berührt. Keine meiner Geschichten ist mir jemals so an die Substanz gegangen. Kein Kapitel hat jemals so viel Gefühl in mir hervorgeholt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieses Kapitel auch das sein wird, das am meisten schmerzen wird.

Kurz vor meinem Geburtstag findet die Operation statt, in der sie versuchen, den „Bastardo“, wie du ihn getauft hast, zu entfernen. Du wirst alleine auf dem Krankenhausbett liegen. Ohne deine zwei kleinen zauberhaften Söhne und deine Verlobte, die deine Hand halten könnten.

Kurz vor meinem Geburtstag findet die Operation statt, in dem sie versuchen, den „Bastardo“, wie du ihn getauft hast, zu entfernen. Du wirst alleine auf dem Krankenhausbett liegen. Ohne deine zwei kleinen zauberhaften Söhne und deine Verlobte, die deine Hand halten könnten.

Ich habe mir für diesen Tag extra frei genommen, um in Gedanken ganz bei dir zu sein. Unser Stiefpapa fährt dich zum Klinikum und ich bin sehr dankbar, dass er derjenige ist, der diese Aufgabe übernimmt. Einer, der schweigen kann. Einer, der zuhört. Einer, der den Halt geben kann, den man verloren hat.

Ich warte über Stunden auf eine Nachricht. Ich bin nicht alleine. Wir schlendern über den Viktualienmarkt, essen Käsekuchen, beobachten Vorbeilaufende. Ich frage mich, wie viele von ihnen gerade einfach nur den Moment frei und unbekümmert genießen können.

Am Nachmittag dann lese ich laut mit kullernden Freudentränen vor, dass die Operation gut verlaufen ist und sie den ganzen schlechten Funken aus deinem Kopf haben holen können. Ich bin so glücklich, dass ich Gänsehaut bekomme, ich das Strahlen nicht aus meinem Gesicht bekomme.

Am Nachmittag dann lese ich laut mit kullernden Freudentränen vor, dass die Operation gut verlaufen ist und sie den ganzen schlechten Funken aus deinem Kopf haben holen können.

Als du das erste Foto mit dem riesigen Verband an deinem Kopf schickst, muss ich lauthals lachen. Es ist offensichtlich, dass du noch unter den Nachwehen der K.O.-Macher stehst. Aber du bist wach. Und das ist das einzige, das zählt. Ich bin überrascht, dass du schon einige Tage später zurück nach Hause kannst.

Das Leben leben wollen 

An meinem Geburtstag wünschst du mir, dass ich es „krallen“ lasse. Ich schmunzel. Du entschuldigst dich und erklärst, dass dein Kopf noch immer eine Party feiert. Einige Tage später kommen mich dann unsere Eltern in München besuchen. Ich berichte, wie froh ich über die gut verlaufene Operation bin. Mir rutscht mein törichtes Herz in die Hose, als ich in diesem Augenblick in das Gesicht unserer Mutter sehe. Ich weiß ganz genau, welches Band dieses vertraute Gesicht spricht.

Ich berichte, wie froh ich über die gut verlaufene Operation bin. Mir rutscht mein törichtes Herz in die Hose, als ich in diesem Augenblick in das Gesicht unserer Mutter sehe.

Mama versucht es so zu erklären, dass du jetzt nicht mehr mit einem Ferrari durch die Straßen des Lebens fahren kannst, sondern eben nur noch mit einem Trabi. Ich schlucke und mache es wie immer. Stark sein. Unseren Eltern einen schönen Tag schenken. Witze machen. Aufmuntern. Anekdoten erzählen.

Als die Autotür zugeht, weil die beiden ihren Weg nach Hause antreten, bricht alles in mir zusammen und aus mir heraus. Zuhause knie ich auf dem Boden und verstehe diese Welt nicht mehr. Ich bin sauer. Ich bin traurig. Ich fühle mich verarscht. Und verraten. Und ich weine. Ja verdammt, ich weine schon wieder. Dieses Mal sind es keine Freudentränen. Unheilbar. Laut Statistik ein Überleben von wenigen Monaten. Ihr scheiß Statistiken!

Als die Autotür zugeht, weil die beiden ihren Weg nach Hause antreten, bricht alles in mir zusammen und aus mir heraus. Zuhause knie ich auf dem Boden und verstehe diese Welt nicht mehr.

„’Cause I’m a young man after all. And when the seasons change, will you stand by me. ‘Cause I’m a young man built to fall.“

Es sind bereits Wochen vergangen. Die Chemo läuft. Die Bestrahlung läuft. Dein Sohn wird bald das Laufen anfangen. Du hast es bereits bis zu deinem 35. Geburtstag geschafft. Wir Geschwister schenken dir eine Reise. Eine Überraschung. Etwas, das wir noch nie gemacht haben. Nur wir fünf. Ganz nah.

Ja verdammt, ich weine schon wieder. Dieses Mal sind es keine Freudentränen. Unheilbar. Laut Statistik ein Überleben von wenigen Monaten. Ihr scheiß Statistiken!

Ich möchte dir für diese Reise einen Brief schreiben. Einen, in dem ich mich erkläre. Dass ich mir wünsche, dass du auch mal nur an dich denkst. Nicht daran, was den anderen gefallen könnte. Dass man auch von seiner kleinen Schwester lernen kann. Zum Beispiel, dass es vollkommen okay ist, auch mal Schabernack zu machen. Dass es mein größter Wunsch ist, dass du endlich anfängst zu leben.

Dass ich die Hoffnung habe, dass du weißt, wie ich für dich fühle. Dass du weißt, was du für mich bist, Bruderherz. Dass du, wie die anderen drei, alles für mich bist. Trotz der Welten, die zwischen uns liegen.

Valerie verliert zwischendurch mal die Orientierung, findet aber immer wieder auf die Spur zurück. Leere Worte gibt es für sie nicht. Ganz im Gegenteil. Valerie hofft, schreibt, lacht, flaniert. Hier gibt es mehr von ihr, auf ihrem Insta-Profil

Headerfoto: Nikita Belov via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Ich fühl’ den Text so arg! ♥
    Hatten auch Krebs in der Familie, meine Mum….
    Krebs ist ein mieses Arschloch!!

    Alles Liebe für dich Valerie, deinen Bruder und eure große Familie mit allen Angehörigen!! ♥♥♥

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