Vorurteile: Wie mein außergewöhnlicher Name mich immer wieder zu Aufklärungsarbeit zwingt

Freitagnachmittag. Ich sitze seit vier Stunden an der Kasse und spule die immer gleichen Dialoge ab. „Guten Tag. Das macht dann 24,58. Mit Karte? Klar, gerne. Sie dürfen. Brauchen Sie den Kassenzettel? Nein? Okay, schönen Tag noch.“ Gesichter ziehen an mir vorbei. Stimmen, das Rascheln von Geld, das Fiepen der Kasse, das Rauschen meines Headsets. Meditativ ist das und manchmal unglaublich ermüdend.

Als ich den Kopf hebe, erkenne ich ein bekanntes Gesicht. Ein Stammkunde. Er ist um die 60, immer gut gelaunt und zahlt jedes Mal mit einem 20-Euro-Schein. Er möchte das Wechselgeld gerne in 2-Euro-Stücken ausgezahlt haben. Immer. Dann bedankt er sich und wünscht allen Kassier*innen einen schönen Tag.

‚Oh ein hebräischer Name.‘ Bitte nicht. Innerlich verdrehe ich bereits die Augen, weil ich diese Situation schon so oft erlebt habe.

Ich lächle ihn an, ziehe seine Waren übers Band und beginne bereits nach Münzen zu suchen. „Wie heißen Sie eigentlich?“, fragt er. Sein Blick ist weich und neugierig. „Rahel“, antworte ich. „Oh, ein hebräischer Name.“ Bitte nicht. Innerlich verdrehe ich bereits die Augen, weil ich diese Situation schon so oft erlebt habe.

Aber diesmal ist es anders: „Meine Enkelin heißt Rahel. Und meine Nichte auch. Ein schöner Name.“ Ich bin verdutzt. Ich war bereits so auf das übliche Gespräch vorbereitet, dass mich seine Reaktion völlig überrumpelt hatte. „Ähm, danke Ihnen“, stammle ich. „Wie heißen Sie denn?“ „Benni“, antwortet er. Tippt sich an die Brille, nickt und geht.

Ich freue mich, keine Nachfrage, nur Akzeptanz. Hätte ich Hannah geheißen, wäre das Gespräch nicht anders verlaufen, als es gerade ist. Ein gutes Gefühl. Schon steht der nächste Kunde vor mir und ich verfalle in meinen üblichen Trott.

Erst am Abend komme ich wieder dazu, über die Begegnung nachzudenken und mich über mich selbst zu wundern. Warum war ich so erstaunt? Weil ich es anderes gewohnt bin. Gespräche in Bezug auf meinen Namen mit Menschen, die ich gerade erst kennenlerne. laufen meist wie folgt ab:

„Wie heißt du?“
„Rahel.“
„Ist das nicht ein hebräischer Name?“
„Ja, genau. Alttestamentarisch.“
„Bist du gläubig?“
„Nein. Ausgetreten.“
„Aha …“ (Kunstpause. Gesenkte Stimme) „… Sind deine Eltern Juden?“
(Seufzer meinerseits) „Nein, Kölsch-Katholisch. Aber sie waren einfach nur kreativ. Mein Nachname beginnt mit A, da sollte mein Vorname nicht auf einen Vokal enden, weil das komisch bindet. Mein Onkel hatte die Idee zum Namen.“
„Ach, das ist ja verrückt. Naja, aber eigentlich siehst du ja auch ziemlich deutsch aus. Hast du Geschwister?“
„Ja. Eine Schwester.“
„Hat die auch so einen seltenen Namen?“
„Ansichtssache. Sie heißt Esther.“
„Esther? Ist das nicht türkisch?“
„Nein, auch hebräisch.“
„Und ihr habt sicher keine jüdischen Vorfahren?“
(Innerer Tod meinerseits) „Ganz sicher.“

Je nach Kontext läuft dieses Gespräch natürlich in unterschiedlichen Dimensionen ab. Manche fragen, ob ich sicher nicht RaChel geschrieben würde, denn dann würde der Name ja Sinn ergeben. Sei viel Amerikanischer (Gott bewahre). Oder vielleicht auch mit Q, also Raquel, das sei dann spanisch, obwohl das ja auch nicht so wirklich zu meinem Aussehen passen würde, das sei ja eher russisch.

Bibelfeste Personen liefern den oben beschriebenen Dialog meist ohne die anfänglichen Gegenfragen ab und geben mir nebenbei noch eine Kurzabhandlung des Alten Testaments mit auf den Weg.

Ein individueller Name, viele Deutungsmöglichkeiten

Mein Religionslehrer in der 7. Klasse wies nach dem Vorlesen der besagten Bibelstelle vor dem ganzen Kurs daraufhin, dass Rahel „Mutterschaf“ bedeutete und nannte mich deshalb für den Rest des Jahres „Lämmlein“, was nicht nur übergriffig, sondern auch lächerlich war, denn ich war damals schon gute 10 Zentimeter größer als die meisten Jungs aus meiner Klasse. Einige meiner Mitschüler*innen machten fortan „Mäh“, wenn ich im Unterricht etwas sagte. Pädagogisch also auch höchst sinnvoll.

Werbung und Post bekomme ich oftmals mit dem Zusatz Herr Rahel Arleth, da der Name scheinbar nicht als eindeutig weiblich zu erkennen ist. Und eine neue Bekanntschaft fragte mich zuletzt, ob das ein Künstlername ist, da der Vorname ja fast ein Anagramm des Nachnamens sei. Wieder ein anderer Freund fragte letzte Woche in einer Weinrunde, ob mein Name eine Art Wiedergutmachung meiner Eltern aufgrund der deutschen Geschichte sei. Ich bin dann nach Hause gegangen. Irgendwann ist auch mal gut.

Bei aller Kreativität, die meine Mitmenschen meinen Eltern zutrauen, denke ich nicht, dass diese sich tatsächlich so viele Gedanken bei der Auswahl meines Namens machten. Er sollte schön klingen und nicht alltäglich sein. Punkt.

Meiner Schwester geht es da nicht besser. Esther ist ein ganz anderer Typ als ich. Etwas kleiner, weichere Gesichtszüge, dunkle Haare. Vom Stil her sehr laut, in der Kommunikation aber sehr leise. Ruhig, bestimmt, tendenziell konservativer in ihren Ansichten.

Wenn Esther sich in neuen Kontexten vorstellen muss, wird sie meist zuerst gefragt, ob sie türkisch sei, oder zumindest ihre Mutter. (Dass der Vater türkisch sein könnte, scheint nie eine Option zu sein. Sexismus. Alltagsrassismus. Wer weiß …).

Letztes Wochenende saß ich mit Freund*innen am Aachener Weiher. Nach und nach wuchs unsere Gruppe, es kamen neue Menschen dazu, man stellte sich vor. Mit einem Seufzer und zwei Jutebeuteln ließ sich ein brünettes Mädel neben mir auf die Decke fallen. „Hey, ich bin Lea.“

Da saßen wir zwei. Ich, die beinahe täglich ihre Ahnenlinie aufbauen musste, um den eigenen Namen zu rechtfertigen und sie, deren Eltern genau diese Gespräche wohl vermeiden wollten.

„Hey, Rahel“, antwortete ich. Ich mochte sie. Sie hatte etwas offenes, lebensfrohes. „Ach verrückt. Ich hätte eigentlich auch Rahel heißen sollen, aber meine Eltern haben sich nicht getraut.“ Ich lachte .“Warum das nicht?“ „Naja, weil’s ein hebräischer Name ist. Meine Eltern sind Juden.“ „Das ist ja spannend!“, erwiderte ich. „Aber Lea ist doch auch hebräisch, oder nicht?“ Sie grinste. „Ja schon, aber das weiß keiner. Ich heiße Lea Rebecca. Beides jüdisch. Aber eher undercover.“

Sie machte sich ein Bier auf und hielt mir ihre Flasche hin. Ich stieß an. Da saßen wir zwei. Ich, die beinahe täglich ihre Ahnenlinie aufbauen musste, um den eigenen Namen zu rechtfertigen und sie, deren Eltern genau diese Gespräche wohl vermeiden wollten.

Versteht das nicht falsch, ich liebe meinen Namen. Er ist anders, individuell und die Aufklärungsarbeit stört mich nur, wenn sehr viele solcher Gespräche aufeinanderfolgen.

Davon abgesehen ist ein Name zwar ein wichtiges Merkmal jedes Menschen und ich bin froh, dass meine Eltern mir diesen gegeben haben, aber es fällt auch nicht jedem auf. Ein Name ist nicht wie ein riesiges Leuchtreklameschild, das man 24 Stunden am Tag mit sich rumträgt. Und mein Umfeld behandelt mich deswegen nicht anders. Zumindest der Großteil. Ich bekomme mehr Komplimente als Ablehnung, oder zumindest die Chance auf ein offenes Gespräch.

Viele meiner Freund*innen bekommen dies nicht.

Zwei Tage, bevor ich mit Lea am See saß, sah ich die Instagram-Story einer Freundin, die an der Kasse von einer Verkäuferin auf ihre Bauchtasche angesprochen worden war. Auf dem schwarzen Hintergrund stand in weißen Lettern „Yallah!“. „Was soll das denn?“, hatte die Kassiererin gefragt. „Nadine hatte irritiert auf ihre Tasche geschaut und dann gesagt: „Die Tasche? Das war ein Geschenk von Freunden.“

„Ja aber muss das denn sein?“ „Was meinen Sie?“ „Na, dass das da steht. Sie sind doch keine Türkin.“ „Nein, ich bin Deutsche, aber mein Vater ist Araber.“ „Wirklich? Das sieht man Ihnen gar nicht an. Wie heißen Sie denn?“ „Nadine“, antwortete sie stockend. „Ah ja, das ist ja wenigstens ein deutscher Name.“ „Eigentlich ist der Name französisch“, hatte sie erwidert, während sie ihre Einkäufe nahm und verwirrt den Laden verließ.

Und das in der Kölner Innenstadt, die doch sonst immer als so furchtbar tolerant galt. Nadines Frage an das Internet war nun gewesen: „War das schon Alltagsrassismus?“ Die überwältigende Antwort: JA! Sie fragte ihre Follower*innen nach einer passenden Antwort für Situationen wie solche und ich schrieb ihr Folgendes:

„Gute Frau, was Sie hier gerade von sich geben, ist Rassismus. Klingt komisch, ist aber so.

Das wollen Sie jetzt vielleicht nicht hören, ich weiß, weil niemand gerne als Rassist*in bezeichnet wird. Aber Sie haben ja gerade auch ungefragt ihre Meinung über mein Aussehen und meine vermutete Herkunft mit mir und allen Umstehenden geteilt. Und glauben Sie mir, DAS wollte ich auch nicht.

Ich frage mich ernsthaft, was Sie mit Ihrer Aussage bezwecken wollten, außer ihre eigenen Vorurteile zu bestätigen. Vielleicht denken Sie das nächste Mal zweimal darüber nach, ob Sie so eine Beurteilung von sich geben wollen.

Denn im Zweifelsfall gilt: Wenn man sich nicht sicher ist, ob die eigenen Worte die gegenüberstehende Person beleidigen oder verletzen; einfach mal nichts sagen. Geht nämlich auch.

Schönen Tag Ihnen.“

Ich wollte, dass die Antwort humorvoll war, aber auch ehrlich, deutlich und klar. Das Problem in solchen Situationen ist ja schließlich immer die Balance zwischen Freundlichkeit und der Kommunikation des eigenen Standpunktes, ohne dass das Gegenüber sich angegriffen fühlt, denn wer sich verteidigt und Angst hat, lernt nichts.

Ein Name ist kein äußerliches Merkmal – wie anstrengend ist es wohl, wenn die Andersartigkeit aufgrund des Äußeren besteht?

Nun haben Nadine, Lea und ich alle eins gemeinsam: Wir werden äußerlich nicht oder nur sehr selten als anders wahrgenommen, wir sind keine BIPOC, wir tragen kein Kopftuch oder haben andere Merkmale, die Menschen zweimal hinschauen lassen. Wir haben so gut wie immer die Chance, unsere Mitmenschen aufzuklären, den „Erklärbär“ zu spielen.

Viele andere Personen haben das nicht. Über sie wird geurteilt. Sie werden anders behandelt. Und das oftmals auf eine Art und Weise, dass sie sich nie sicher sein können, ob der dumme Spruch nun aufgrund ihrer Hautfarbe kam oder nicht. Ob sie wegen ihrer vermuteten Herkunft angehalten wurden oder nicht.

Wenn ich die Frage „Wo kommst du her?“ mit „Elsdorf“ beantworte, dann ist die Gegenfrage nicht „Nein, wo kommst du wirklich her„, sondern „Wo soll das denn sein?”.

Und dass das ein Privileg ist, wurde mir leider erst in den letzten Wochen so wirklich bewusst. Da half auch das Politikstudium nicht. Da halfen in meinem Fall nur Erfahrungsberichte und extrem gute Bücher, wie die von Alice Hasters oder Tupoka Ogette.

Denn zuhören und lesen heißt lernen. Und wir haben sowohl die Möglichkeit, als auch die Pflicht dazu. Damit wir Vorurteile und Rassismen überdenken und abschaffen, anstatt sie zu reproduzieren.

Also: Informiert euch. Denkt nach. Seid empathisch.

Rahel ist Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. BWL-Studentin mit Autorennträumen. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Nicht-Trinkerin mit einer Vorliebe für gute Negronis. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in ihrem Lebensentwurf, wie es ihrer Generation immer nachgesagt wird.
Dieser Text ist bereits hier erschienen.

Headerfoto: Mohammed Hassan via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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