Ciani-Sophia Hoeder (Rosa.Mag) über Alltagsrassismus, white privilege und die Frage, ob man als Weiße*r überhaupt noch was richtig machen kann

Heute treffe ich mich mit der großartigen Ciani-Sophia Hoeder, Gründerin von RosaMag (benannt nach der amerikanischen Bürgerrechtlerin Rosa Parks) – dem ersten Online-Magazin für afrodeutsche Frauen. Das Thema, über das wir uns unterhalten wollen, wird von einigen Menschen als recht unangenehm empfunden: Es geht um Alltagsrassismus. Irgendwie habe ich das schlechte Gefühl, man wird ihn hier in Deutschland nicht so recht los – zumindest gestaltet er sich als besonders hartnäckig und versteckt sich in vielen Ecken, selbst wenn man eigentlich open-minded sein möchte. Mit Ciani durfte ich darüber reden, woran das liegen könnte und was sie hofft, mit ihrem Magazin ändern zu können.

„Okay, und woher kommst du jetzt wirklich?“

Als ich Ciani nach ihrer Definition von Alltagsrassismus frage, spricht sie von dem Begriff Othering. Alltagsrassismus habe nämlich viele Gesichter. Auch scheinbar nett gemeinte Aussagen oder Fragen gäben ihr als afrodeutscher Frau oftmals das Gefühl „anders“ zu sein, nicht dazu zu gehören. Das könnten Fragen ihren Namen betreffend sein – denn Ciani klinge ja so schön „exotisch“ –, Bemerkungen über ihre Haare à la „Wow, die sehen aber weich aus, darf ich die mal anfassen?“ bis hin zu der berühmt berüchtigten Frage „Sag mal, woher kommst du eigentlich wirklich?“.

Ich bin Schwarze und ich bin Deutsche. Selbst wenn die Anspielungen auf meine ‚Andersartigkeit‘ freundlich gemeint sein sollen, gibt man mir damit das Gefühl, dass ich nicht hierhin gehöre.

Es ist der bei jeder Bemerkung mitschwingende Verweis: „Du siehst anders aus als ich, heißt nicht Janine, Jaqueline oder gar Paula – du kannst gar nicht aus Deutschland sein.“ Ist Ciani aber. Sie ist gebürtige Berlinerin und mag sich auch als solche fühlen. „Ich bin Schwarze und ich bin Deutsche“, sagt sie im Laufe unseres Gesprächs glücklich zu mir. „Man kann beides sein, aber das verstehen viele Menschen leider noch nicht. Selbst wenn die Anspielungen auf meine ‚Andersartigkeit‘ freundlich gemeint sein sollen, gibt man mir damit immer das Gefühl, dass ich nicht hierhin gehöre. Und das ist Alltagsrassismus.“

Es seien vielleicht auch gar nicht die Fragen an sich, fügt sie noch hinzu, sondern mehr die Masse, in der sie vorkommen. Je öfter sie nach ihren Haaren, der Herkunft, der Hautfarbe oder ihrem Namen gefragt oder darauf angesprochen wird, desto mehr wird ihr damit signalisiert, sie gehöre nicht dazu. Egal, wie sehr sie glaubt, diese Klischees selbst überwinden zu können.

„Jetzt darf man ja gar nichts mehr sagen!“

Als ich sie auch darauf anspreche, dass viele, vor allem natürlich weiße Menschen sich beschweren, „man dürfe ja jetzt gar nichts mehr sagen“, muss sie kurz lachen. Vermutlich ist der Humor, mit dem sie dieser allzu oft von alten weißen Männern getätigten Aussage begegnet, hart erkämpft, denn für Ciani ist dies der Inbegriff von white privilege.

„Wer selbst keine schmerzhaften Gefühle und Gedanken mit bestimmten Fragen oder Aussagen verbindet, dessen größte Sorge ist es eben, dass die Sprache für ihn unbequem wird, dass er umdenken muss. Sprache unterlag aber schon immer dem Wandel, das passiert jetzt nur eben schneller, deshalb beschweren sich Leute darüber, weil sie schneller reagieren müssen. Mein Tipp: Wenn du nicht weißt, was und wie du sprechen sollst, darfst oder kannst: Schau im Internet bei Eoto oder bei der ISD nach.“

Wer selbst keine schmerzhaften Gedanken mit bestimmten Fragen oder Aussagen verbindet, dessen größte Sorge ist es eben, dass die Sprache für ihn unbequem wird, dass er umdenken muss.

„Und natürlich kann man Fragen stellen“, führt Ciani weiterhin aus, „Klar kann man mich nach meiner Herkunft fragen. Aber vielleicht nicht als erste Frage nach der Begrüßung auf einer Party. Ich finde, dafür braucht es eine entsprechende Basis. Ich habe das Recht, meine Familiengeschichte für mich zu behalten, wie jeder andere (weiße) Mensch auch. Aber weil man mir äußerlich etwas ‚Anderes‘ ansieht, werde ich immer gefragt.“ Dabei habe jeder vierte Deutsche eine Einwanderungsgeschichte oder einen divers-kulturellen Hintergrund, nur nicht immer sichtbar.

Für Ciani indes ist der Alltag in Deutschland überwiegend weiß: Sie liest Mode-Zeitschriften von, für und mit weißen Frauen, sieht Serien mit weißen Menschen, die Models auf Plakatwerbungen sind ebenfalls weiß. Aber niemand fragt sie danach, wie sich das für sie anfühlt. Wie unbequem das für sie ist. Da ist die Kritik an der Unbequemlichkeit des Sprachwandels für sie eher etwas, worüber sie lächeln muss.

Das ist eine lange Geschichte

Diese Berührungsängste, diese Holprigkeit und bisweilen auch Ignoranz in der Alltagskommunikation zwischen weißen Menschen und POC (People of Colour) kämen hier in Deutschland vor allem daher, so Ciani, weil sehr wenig über die Geschichte der POC in Deutschland bekannt sei. Sie selbst habe sich auch sehr spät damit auseinandergesetzt, da sie recht isoliert in einem weißen Umfeld, bestehend aus ihrer weißen Mutter und ihren Großeltern, aufgewachsen sei.

Sie sei immer schon aktivistisch gewesen und sehr politisch – aber an dieses Thema habe sie sich ganz lange nicht herangetraut: POC und deren Geschichte in Deutschland und natürlich das Thema Rassismus. Ein Thema, das sie betrifft, das aber auch wehtut und über das wenige Leute Bescheid wissen.

Diese Berührungsängste in der Alltagskommunikation zwischen weißen Menschen und People of Colour kämen hier vor allem daher, weil sehr wenig über die Geschichte der POC in Deutschland bekannt sei.

„Im Geschichtsunterricht habe ich zum Beispiel gar nichts darüber gelernt“, merkt sie an, „Schwarze Mitmenschen gibt es hier in Deutschland nämlich schon seit dem Ersten Weltkrieg. Da gibt es auch Literatur zu – das weiß nur halt keiner. Weil alles vom Grauen des Zweiten Weltkriegs überschattet wird.“

Auch die Medien hätten ihren Teil zu der Entwicklung dieser Informationslücke beigetragen, denn gerade der journalistische Berufszweig sei in der großen Masse weiß. Da fehle einfach das intrinsische Interesse an der Geschichte von POC in Deutschland. Und daher wüssten Menschen nicht, wie man richtig damit umgehe. „Sie wissen es oft nicht besser, weil sie selbst niemals etwas Ähnliches erfahren mussten.“

Colourism und light-skin privilege

Man dürfe dabei auch nicht vergessen, fügt Ciani hinzu, dass sie als „light-skin“-Frau auch noch vergleichsweise weniger schlechte Erfahrungen macht als „dark-skin“-Personen. Sie als Tochter einer weißen Mutter und eines Schwarzen Vaters könne sich besser in beiden Welten bewegen als Leute, deren Elternteile beide Schwarz waren.

Wenn man Frauen und damit hoffentlich auch Schwarze Frauen sichtbarer machen will in unserer Gesellschaft, dann müssen sie prominenter platziert werden – nicht nur im Entertainmentbereich.

Denn je dunkler die Haut, desto heftiger sind oft die Rassismus-Erfahrungen. „Ich hatte es noch relativ einfach. Aber deswegen ist zum Beispiel auch intersektionaler Feminismus so wichtig. Wenn man Frauen und damit hoffentlich auch Schwarze Frauen sichtbarer machen will in unserer Gesellschaft, dann müssen sie prominenter platziert werden – und auch nicht nur im Entertainmentbereich. Meinetwegen anfangs über eine Quote, bis wir alle wirklich fair und gleich behandelt werden.“

POC im Beruf – Nachteile aufgrund der Hautfarbe

Viele der Nachteile jedoch, die Frauen und gerade Schwarze Frauen und Schwarze Menschen allgemein hier in Deutschland erleben, sind systemimmanent und deswegen oft eine self-fulfilling prophecy. „Dafür muss man nur einmal mehr einen Blick auf die Medienlandschaft werfen“, sagt Ciani. „Der normale Durchschnittsjournalist in Deutschland ist ein weißer, mittelalter Mann um die 45, kinderlos und mit akademischem Abschluss. Selbst weiße Frauen sind im Journalismus kolossal unterbesetzt.“

Sie selbst habe ebenfalls Journalismus studiert und als sie einmal in einem Gespräch mit einem ihrer Dozenten gesagt habe, sie würde gerne Tagesschau-Moderatorin werden, erwiderte dieser, sie sei bei MTV oder VIVA doch vermutlich besser aufgehoben. „Es ist ein sexistisches und bisweilen auch rassistisches Feld. Wenn Schwarze Personen in bestimmten, besser bezahlten Berufen nicht vorkommen, dann fehlt die Bezugsperson, die Projektionsfläche, die ihnen zur Identifizierung dient. Dabei sind Vorbilder so wichtig.“

Erst in der kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und den Erfahrungen anderer ließen sich die Differenzierungen aus der Welt schaffen.

Oft genug wolle man Ciani auch glauben machen, es gäbe keine Differenzierung aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft. Sie könne das aber so nicht stehen lassen, denn das Leugnen dieser Tatsache verlängere nur deren Beständigkeit. Erst in der kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und den Erfahrungen anderer ließen sich die Differenzierungen aus der Welt schaffen.

„Wenn jemand zum Beispiel sagt, er könne sich gar nicht vorstellen, dass jemand aufgrund seiner/ihrer Hautfarbe mehr Schwierigkeiten im Alltag hat, dann sagt er damit auch implizit: ‚Rassismus? Gibt’s doch gar nicht‘. Gibt und gab es aber eben doch.  Manche Leute negieren mit einer solchen Aussage das Problem, mit dem POC schon seit der Kolonialzeit zu kämpfen haben: das der Ausgrenzung. Und das kann nicht sein. Wir sind leider noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem es keine Rolle spielt, welche Hautfarbe man hat, denn dafür war es zu lange anders. Auch diese Sichtweise ist ein Stück weit klassisches white privilege.“

Rosa.Mag – ein Magazin für Women of Colour in einer weiß dominierten Gesellschaft

„Ich habe das RosaMag gegründet, weil ich genau dem entgegen wirken wollte, was ich jahrelang für mich erlebt habe. Nämlich, wenn du dich in einer Gesellschaft und in den Medien als ‚Typ‘ nicht wiederfindest, dann fühlst du dich nicht dazugehörig. Der Alltag hier in Deutschland ist geprägt von Darstellungen weißer Menschen: Filme, Serien, Werbung, Printzeitschriften.

Als Afrodeutsche fällt es da natürlich schwer, sich mit den Projektionsflächen, die einem gegeben werden, zu identifizieren. Das kann in zwei Richtungen resultieren: Entweder du passt dich an (was als Schwarze Person schwierig ist), glättest dir die Haare, färbst sie blond – und gehörst trotzdem nicht dazu. Oder du grenzt dich davon ab. In beiden Fällen fühlst du dich nicht gesehen. Und mit RosaMag wollte ich dagegen wirken.

Ich will Schwarzen Frauen in der Medienlandschaft einen Platz geben und zwar einen positiv besetzten. Ihnen etwas geben, womit sie sich endlich identifizieren können. Es gibt so viele großartige Schwarze Frauen (und POC jeglichen Genders) in Deutschland: Künstler*innen, Fotograf*innen, Blogger*innen – kurz: Vorbilder. Es passiert momentan wirklich viel Gutes in diesem Bereich.

Als Afrodeutsche fällt es da natürlich schwer, sich mit den Projektionsflächen, die einem gegeben werden, zu identifizieren. Entweder du passt dich an – und gehörst trotzdem nicht dazu.

Und darüber hinaus will ich mit dem Magazin natürlich aufklären. Denn viele der Maßnahmen, die Schwarze Frauen auf sich nehmen, damit sie sich einem weißen Schönheitsideal anpassen können, sind wirklich sehr gesundheitsschädlich. Die chemische Haarglättung zum Beispiel: Sie kann Fortpflanzungsstörungen, Herzerkrankungen, verschiedene Formen von Krebs, Myome, eine früher eintretende Pubertät sowie psychische Erkrankungen hervorrufen. Und das ist es nicht wert, sich an eine Gesellschaft äußerlich anzupassen, wenn diese wiederum einen einfach mal so akzeptieren könnte, wie man eben ist.

Mit RosaMag bediene ich sowohl die Interessen der Leserin für Lifestyle-Magazine, zum Beispiel mit Themen wie: Wie kann ich als Woman of Colour speziell meinen Typ hervorheben, sei es beim Schminken oder der Frisur, aber auch gesellschaftlich/politische und soziologische oder kulturelle Themen. Auch schwarze Frauen sind keine homogene Masse, jede*r hat seine eigenen Interessen, wir sind divers und das ist gut – und die Erfahrungen sind ganz unterschiedlich.“

Ciani hat sich mit der Gründung ihres Magazins einen persönlichen Traum erfüllt und leistet damit einen wichtigen Teil zum Empowerment von afro-deutschen Frauen in unserer Gesellschaft. Wir finden das natürlich mega und sehr wichtig, das unterstützen wir gerne! Wenn Ihr das auch so cool findet wie wir, dann schaut doch mal auf RosaMag vorbei!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.
JULE ist Gründerin von im gegenteil und Head of Love. Sie schreibt (hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken über ihr eigenes Leben), fotografiert Menschen (weil die alle so schön sind) und hat sogar mal ein Buch verfasst. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Kreatives, Redaktionelles und Steuererklärungen, also alles, was hinter dem Rechner stattfindet. In ihrer Freizeit schläft sie gerne, sortiert Dinge nach Farben und/oder trägt Zebraprint. Wer kann, der kann.

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