Sex ist mehr als der Orgasmus – warum Höhepunkte überbewertet werden

Seit ich denken kann, wird beim Sex immer vom ominösen Höhepunkt geschwärmt. In der Bravo gab es früher gefühlt tausende Erfahrungsberichte, wie Hetero-Pärchen direkt bei ihrem ersten Mal gleichzeitig kommen. In sehr starkem Kontrast dazu stehen die Mainstream-Pornos, mit denen wir aufgewachsen sind, und in denen es meist nur um den männlichen Orgasmus geht. Es wird gezeigt, dass das Ziel von Sex erfüllt ist, sobald dieser erreicht ist. Ein Cumshot und damit hat sich dann das Ganze. Sowohl diese Darstellung, als auch die Bravo-Pärchen, sind unauthentische Beispiele von Sex, werden aber wegen fehlender sexueller Aufklärung oft als Norm verstanden.

Die Gender Orgasm Gap

Der Orgasmus von Personen mit Vulva handelt sich im Gegensatz zum männlichen Orgasmus noch immer um ein sagenumwobenes Mysterium, das oft falsch dargestellt wird und dessen Aufklärung sehr zu wünschen übrig lässt. In den letzten Jahren ist zwar langsam eine Wahrnehmung dafür entstanden, dass cis-Frauen beim Sex deutlich weniger kommen als ihre cis-männlichen Partner, aber es gibt noch viel zu tun.

Cis-Frauen haben in heterosexuellen Beziehungen 30 Prozent seltener einen Orgasmus als ihre cis-männlichen Partner.

Die eben angesprochene und sogenannte ‘Orgasmus-Lücke’, die Gender Orgasm Gap, besagt, dass cis-Frauen in heterosexuellen Beziehungen 30 Prozent seltener einen Orgasmus haben als ihre cis-männlichen Partner. Noch beachtlicher ist fast, dass 30 Prozent aller cis-Frauen angeben, dass sie beim Masturbieren immer kommen, aber nur 6 Prozent sagen, dass das beim Sex mit ihrem Partner der Fall ist.

Weibliche Sexualität ist zweitrangig? 

Hier sehen wir das patriarchal-sexistische System in Action, in dem weibliche Sexualität als zweitrangig aufgefasst wird. Wir wachsen fast alle mit der Vorstellung auf, dass Männer beim Sex kommen müssen, während Frauen ihre Freude vor allem im Orgasmus ihres Partners finden. Viele Menschen verinnerlichen diese ungleichen Bilder, was unter anderem eben zur Orgasmus-Lücke führt.

Die weibliche Anatomie wird als komplex verkauft und darüber hinaus wird vermittelt, dass mit cis-Frauen, die nicht beim penetrativen Sex kommen, etwas nicht stimmt.

Außerdem wird die weibliche Anatomie oftmals als komplex verkauft und darüber hinaus vermittelt, dass mit cis-Frauen, die nicht beim penetrativen Sex kommen, etwas nicht stimmt. Dies ist natürlich falsch. Stattdessen handelt es sich mal wieder um ein Bild, das uns vom Patriarchat nahegelegt wird. Viele Personen mit Vulven können nicht durch vaginale Stimulation kommen, sondern benötigen eine klitorale Stimulation für einen Orgasmus. Daran ist nichts falsch oder komisch. Menschen in Hetero-Beziehungen müssen sich nur mehr über die zum Orgasmus führende Stimulation informieren und besser miteinander kommunizieren. In queeren Beziehungen beispielsweise ist die Lücke zwischen den Orgasmen deutlich kleiner.

Das Narrativ der Orgasmus-Lücke ist ein kapitalistisches 

Natürlich sind Orgasmen toll. Sie fühlen sich nicht nur krass an, sondern sind darüber hinaus auch super für die mentale und körperliche Gesundheit. Natürlich ist es erschreckend zu sehen, wie viele Frauen aufgrund verschiedener Faktoren nicht zum Orgasmus kommen und es zeigt mir mal wieder, wie einschränkend es ist, in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben.

Viele Firmen ziehen aus dem Narrativ der Orgasmus-Lücke ihren Nutzen, verkaufen Spielzeuge für Paare und bieten so einen Lösungsansatz an, der stark auf Konsum beruht.

Trotzdem finde ich das Narrativ der Orgasmus-Lücke, dem ich auch schon oft zum Opfer gefallen bin, etwas anstrengend. Viele Firmen ziehen hieraus ihren Nutzen, verkaufen Spielzeuge für Paare und bieten auf diese Weise einen Lösungsansatz an, der stark auf Konsum beruht. Außerdem wird dadurch ja auch der Eindruck verschärft, es gäbe ein Problem, das mit allen Mitteln gelöst werden muss. Das kann natürlich noch weiteren Druck aufbauen. Auch empfinde ich den Schock, der mit den Ergebnissen der Orgasmus-Lücken-Studie einherging, als etwas gekünstelt. Basierend auf Konversationen in meinem Freund*innenkreis hätte ich – um ehrlich zu sein – damit gerechnet, dass die Lücke noch größer wäre.

Den Orgasmus hinterfragen

Was ich aber noch immer am interessantesten finde, ist die Wichtigkeit, die dem Orgasmus beim Sex zugesprochen wird. Weibliche Lust in Heterobeziehungen wurde in den letzten Jahren mehr und mehr thematisiert und glücklicherweise auch langsam entstigmatisiert. Es wird immer mehr über beidseitige Befriedigung gesprochen. Frauen und ihre Lust werden in der Popkultur immer öfter in den Mittelpunkt gestellt und als Akteurinnen gesehen, statt nur als passive Mitmacherinnen, sei es in ethischen Pornos, in feministischen Filmen oder Büchern. Auch Hits wie ‘WAP’ von Cardi B und Megan the Stallion haben dazu beigetragen. Natürlich kann weibliche Lust also auch den Wunsch, einen Orgasmus zu haben, beinhalten, aber ist das wirklich alles?

Es ist an der Zeit, dass wir den hohen Stellenwert des Höhepunkts beim Sex hinterfragen.

Es ist an der Zeit, dass wir den hohen Stellenwert des Höhepunkts beim Sex hinterfragen. Das Narrativ von gutem Sex bei Heteropaaren ist, dass man unbedingt einen Orgasmus haben muss, damit der Sex als gut beschrieben werden kann. Es besteht schon fast eine Obsession damit, einen Orgasmus haben zu müssen. Ich persönlich verspüre mittlerweile einen sehr starken Druck, mit allen Mitteln diese Orgasmus-Lücke zu schließen. Und wenn ich mit Freund*innen darüber rede, geht es ihnen ähnlich. Ich habe auch schon Gespräche mitbekommen, in denen Freund*innen erzählt haben, dass sie sehr guten Sex gehabt hätten. Als sie die Frage „Wie oft bist du denn gekommen?“ mit ‘“Gar nicht“ beantwortet haben, wurde die Antwort mit einem „Na, dann kann es ja nicht so gut gewesen sein“ abgetan. Ist das so? Kann Sex wirklich nur gut sein, wenn man einen Orgasmus hat?

Warum haben wir eigentlich Sex?

Ich denke, dass wir uns anschauen sollten, was Lust in einer Welt jenseits des Orgasmus eigentlich für uns heißt. Hier deshalb ein kleines Gedankenexperiment: Warum haben wir eigentlich Sex? Um einen Orgasmus zu haben? Was, wenn es den Orgasmus gar nicht gäbe? Was wäre dann wichtig? Würden wir dann noch Sex haben? Was bedeutet uns Intimität? Ist es Küssen, das Kuscheln danach, währenddessen Händchenhalten, einander anschauen? Die Antworten auf diese Fragen sind natürlich sehr individuell und das ist auch gut so. Das Experiment dient ja einfach dazu, sich darüber Gedanken zu machen, was einem eigentlich Lust bereitet, woran man Spaß hat, ohne Druck.

Sex kann sowohl mit als auch ohne Orgasmus Spaß machen.

Also: Sex kann sowohl mit als auch ohne Orgasmus Spaß machen. Bei diesem intimen Akt geht‘s wirklich nur um euch und eure Partner*innen. Druck von außen hat also gar keinen Platz im Bett. Genießt einfach, was euch Spaß macht… one fuck at a time.

Helen Waeder (sie/ihr), ist 22 Jahre alt und hat an der Freien Universität Berlin deutsche und englische Philologie mit einem Fokus auf intersektionalen Feminismus und Postkolonialismus studiert. Sie hat einen Blog auf dem sie kreative Texte zu Themen wie Gender und Feminismus verfasst. Zurzeit arbeitet sie Hauptberuflich bei der Plattform CHEEX, die für eine Befreiung von Sexualität ohne Scham und Stigma steht. Mehr von Helen gibt es auch auf Instagram.

Headerfoto: Cody Portraits (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

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