Liebe auf den ersten Blick – Ich verliebe mich sofort, wenn ich weiß, dass wir keine Zukunft haben

Als ich ihn zum ersten Mal sah, wusste ich wieder, warum ich an die Liebe auf den ersten Blick glaube. Das Gefühl erinnerte mich an meine erste große Verknalltheit in den süßen amerikanischen Austauschschüler aus Wisconsin, dem ich hoffnungslos verfallen war. Und jetzt passierte es wieder – genau zehn Jahre später.

Er hatte braune Augen, lockiges Haar, trug einen Dreitagebart und war kaum größer als ich. Kurz: Er war damals gar nicht mein Typ. Stattdessen fühlte ich mich von skandinavischen Männern angezogen: blonde Haare, blaue Augen, weiche Gesichtszüge und schön groß. Umso überraschter war ich als mich plötzlich und unverhofft im Gefühlsrausch der Auf-den-ersten-Blick-Liebe befand.

Ich verliebte mich und wusste: Die Parallelen zu meiner ersten Auf-den-ersten-Blick-Liebe vor zehn Jahren hätten nicht offensichtlicher sein können. Ich verlor zum zweiten Mal in meinem Leben den Boden unter den Füßen, als zöge jemand ruckartig an dem Teppich, auf dem ich stand. Wie ein Glas auf einem Tisch, dem gerade die Tischdecke entrissen wurde. Die Botenstoffe und Hormone in mir tanzten – und ich nach ihrer Pfeife.

Bei beiden war von Anfang an abzusehen, dass unsere Zeit endlich war.

Der Unterschied zum ersten Mal war: Ich war jetzt 25 Jahre alt und der Typ war kein Teenager, sondern ein Mann, der meine Zuneigung erwiderte. Alles andere war verblüffend ähnlich – das Kennenlernen, der Altersunterschied, die Herkunft, die Umstände.

Beide lernte ich in einer Gruppe kennen. Beide waren älter als ich. Beide kamen aus den USA. Beide beherrschten, wie konnte es auch anders sein, die Kunst der federleichten Unterhaltung. Und: Bei beiden war von Anfang an abzusehen, dass unsere Zeit endlich war. Eindeutige Parallelen. Ein Zufall?

Ist meine Liebe auf den ersten Blick ein Déja-vu?

Wissenschaftler behaupten, dass die Antwort in meiner Vergangenheit liegt – bei meinem amerikanischen Austauschschüler aus Wisconsin. Beim Verlieben werden angeblich wohlige Gefühle aus der Vergangenheit wachgerufen, die uns an die erste große Liebe erinnern. Aber mein zweiter Amerikaner hat mich nicht an den Austauschschüler aus Wisconsin erinnert, trotz der Parallelen.

Zwischen dem ersten und zweiten Amerikaner lagen genau zehn Jahre. Auch wenn ich heute nicht von der gleichen Liebe sprechen würde, so war ich doch in beide Amerikaner verliebt. Im Vergleich war die Erste sicherlich eine andere, eine naivere Liebe. Ich würde meinem fünfzehnjährigen Ich aber nicht gerecht werden, würde ich nicht von Liebe sprechen.

Die erste Liebe vergisst man nicht – und schon gar nicht eine auf den ersten Blick.

Mit dem ersten Amerikaner hatte ich meinen ersten Kuss. Er war mein erster Herzschmerz. Ich weinte mich Tage vor seiner Abreise in den Schlaf und konnte erst Wochen später damit aufhören. Ich habe alle Erinnerungsstücke, von Zugtickets bis leeren Getränkeflaschen, zu Hause in einer kleinen Kiste unter dem Schrank aufbewahrt. Die erste Liebe vergisst man nicht – und schon gar nicht eine auf den ersten Blick.

Mein zweiter Amerikaner war zielstrebig, intelligent, belesen, witzig. Viele seiner Eigenschaften, die ich mochte, waren auf seine Reife zurückzuführen, die aufgrund des unterschiedlichen Alters nicht mit meinem Austauschschüler aus Wisconsin vergleichbar sind. Und trotzdem frage ich mich: Kann ich mich nur in Männer verlieben, bei denen ich weiß, dass die Beziehung ein Verfallsdatum hat?

Ich verliebe mich nur sofort, wenn ich weiß, dass wir keine Zukunft haben

Warum bin ich bei Männern, die in absehbarer Zeit umziehen, auswandern, spurlos verschwinden, mich ghosten und leicht Schluss machen ein explosiver Hormoncocktail mit extrem kurzer Zündschnur? Ich hatte aber auch schon eine Beziehung, da trafen diese Faktoren nicht zu – und ich war trotzdem verliebt.

Nur kam da die Liebe nicht sofort, sondern entwickelte sich mit der Zeit. Bevor ich mich in diesen Exfreund verliebte, war da erst ein Herantasten, ein vorsichtiges Kennenlernen, ein Einreißen der Schutzmauern. Die Gefühle klopften leise an, mussten erst zugelassen werden und bauten sich dann nur langsam auf.

Bei meiner ersten und zweiten Auf-den-ersten-Blick-Liebe war das ein Aus-den-Socken-Hauen, ein head over heels, ein Gefühlsfeuerwerk, ein Start von null auf hundert. Im Englischen sagt man „falling in love“ – das finde ich schön, denn verlieben heißt für mich, sich fallen zu lassen. Verlieben kann sich nur, wer an die Liebe glaubt. Ich glaube an die Liebe auf den ersten Blick und lasse mich gerne fallen – mir fällt es aber leichter, wenn die Umstände suggerieren, dass ich die Gefühle nur für eine bestimmte Zeit zulassen kann.

Das wahre Déja-vu lag im Ende der Beziehung

Das wahre Déja-vu lag nicht in der Liebe, sondern im Ende der Beziehung. Ich kannte das schon – diese geographische Entfernung zwischen zwei Menschen, das Sich-nicht-sehen-Können, das langsam zu einer emotionalen Entfernung und ein Sich-nicht-mehr-sehen-Wollen wird. Eine Fernbeziehung würde kein zweites Mal funktionieren. Es hatte schon einmal nicht geklappt.

Ich zog zurück nach Deutschland und es endete so wie mit dem Austauschschüler aus Wisconsin – als es am Schönsten war. Der Koffer, das Flugticket, der Abschied. Zehn Jahre Unterschied. Auf dem Boarding Pass stand ein anderes Ziel, der Koffer war ein anderer, aber der Abschied war gleich. Es wird schon irgendwann nicht mehr so wehtun. Bye bye, see you later.

Was nehme ich daraus mit für zukünftige, plötzliche Gefühlsräusche? Die Parallelen zwischen meiner ersten und zweiten Auf-den-ersten-Blick-Liebe sind einfach zu erklären: Ich mag ältere Männer, ich habe anscheinend in der Liebe eine Vorliebe, aber keine Exklusivität für bestimmte Nationalitäten und da ich Small Talk bis heute nicht besonders gut kann, habe ich gerne Menschen um mich, die besser darin sind.

Nach zwei Jahren meldet er sich plötzlich wieder.

Und was die nicht vorhandene Zukunft und die Endlichkeit der Beziehung betrifft: Ich tippe den letzten Satz ab als plötzlich mein Handy aufleuchtet. Und dann – als wüsste er, dass ich in diesem Moment über ihn schreibe – lese ich seinen Namen auf dem Handydisplay. Nach zwei Jahren meldet er sich plötzlich wieder. „Ich habe gerade zufällig die Fotos von unserem Kurztrip ins Ferienhaus entdeckt“. Und ich muss lächeln, denn auch die zweite Auf-den-ersten-Blick-Liebe vergisst man nicht. Und bei unserem Abschied vor zwei Jahren sagten wir schließlich see you later und nicht goodybe forever. In wenigen Wochen besuche ich ihn.

Alina Sölter wollte Diplomatin werden, bevor sie nach Berlin zog und anfing zu schreiben. Sie studierte drei Jahre in Malmö, machte Praktika in Washington, DC und Stockholm und zog für ein Masterstudium zurück in die niedersächsische Heimat. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Texterin, hat sich vor kurzem ihre erste Kaffeemaschine gekauft und liebt Wildblumensträuße. Mehr von Alina findet ihr hier.

Headerfoto: Stockfoto von JKstock/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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