„New Year, New Me“ – nein, danke!| Wir brauchen Lösungen und keine Neujahrsvorsätze, um Veränderungen anzustoßen

Im Jahr 2023 möchte ich mich gesünder ernähren, keine neuen Klamotten mehr kaufen, mich endlich wieder mal verlieben, jede Woche ein ganzes Buch lesen und – okay, nein, Stopp. Vor ein paar Jahren hätte ich mir diese Vorsätze vermutlich tatsächlich auf eine Neujahrs-Liste geschrieben. Ich bin ein absoluter Listen-Mensch und liebe das Gefühl, sie kategorisch abzuarbeiten und ein Häkchen hinter eine erledigte Aufgabe zu setzen. Aber funktioniert so eine langfristige Veränderung? 

Sie messen dem Jahreswechsel eine Bedeutung bei, die über die bloße Änderung einer Jahreszahl hinausgeht: Gemäß „New Year, New Me“ ändern auch wir uns.

Knapp die Hälfte der Deutschen hat sich laut Umfrage für 2023 Neujahrsvorsätze gefasst. Am wichtigsten sind ihnen dabei Vorsätze zu Gesundheit und Wohlbefinden, Finanzen, Fitness und persönlicher Entwicklung. Der Beginn eines neuen Jahres scheint für viele der perfekte Zeitpunkt für den Beginn einer Veränderung zu sein. Sie messen dem Jahreswechsel eine Bedeutung bei, die über die bloße Änderung der Jahreszahl hinausgeht: Gemäß „New Year, New Me“ ändern auch wir uns, bekommen einen Neuanfang für unser Leben, die Chance, nochmal von vorne zu beginnen und diesmal alles richtig zu machen. 

Neujahrsvorsätze und warum sie scheitern

Der Brauch, zum neuen Jahr Beschlüsse zu fassen, geht wohl schon auf die alten Römer:innen zurück. Seine Permanenz ist nachvollziehbar: Schließlich gibt es wenige bedeutsamere Anlässe als den Beginn einer neuen Zeitrechnung, um neue Gewohnheiten zu etablieren. Veränderung, die sich im zeitlichen Rahmen von einem Jahr bewegt, ist außerdem leichter greif- und messbar als das lose gesteckte Ziel, von nun an mehr von diesem und weniger von jenem zu tun. Irgendwie also verständlich, warum das so gut funktionieren zu scheint und mit „New Year, New Me“ auch fleißig die Selbstoptimierungs-Werbetrommel gerührt wird.

Doch nur weil sich das Datum ändert, ändern wir uns nicht auf magische Weise selbst.

Doch nur weil sich das Datum ändert, ändern wir uns nicht auf magische Weise selbst. Das beweist das Scheitern vieler gefasster Neujahrsvorsätze immer wieder aufs Neue. Einer der Hauptgründe für ihr Scheitern ist Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen zufolge, dass Vorsätze nicht spezifisch genug formuliert sind. Vorsätze sind nämlich mehr Beschlüsse als klare Pläne und „mich gesünder ernähren“ oder „mich endlich wieder mal verlieben“ enthalten keine konkreten Schritte oder Maßnahmen. Das kann schnell zu Überforderung führen, weil die Vorsätze so groß und wenig greifbar sind, dass wir nicht wissen, wie und wo wir sie angehen sollen. 

Warum „New Year, New Me” ein Mythos ist 

Dennoch fassen wir immer wieder Neujahrsbeschlüsse. Denn vielleicht liegt in ihrer Schwammigkeit, in ihrem Unspezifischem, auch etwas Tröstliches, weil wir sie umformen und auslegen können, wie wir möchten. Der Brauch ist außerdem so in uns verankert, dass er kommerzialisiert wird, Marken daraus mit Aufrufen zur Selbstoptimierung Kapital schlagen und eine Suchmaschinen-Suche unzählige Tipps à la „Die besten 60 Neujahrsvorsätze“ ausspuckt. Das alles führt dazu, dass unsere Vorsätze immer weniger individualisiert sind, weil wir sie an das anpassen, was wir im Außen wahrnehmen – und nicht an unser derzeitiges Wohlbefinden, unsere Bedürfnisse und realistischen Möglichkeiten. 

Mit dem neuen Jahr beginnt keine neue Geschichte, höchstens ein neues Kapitel, das eine Fortsetzung des vorherigen und eine Einleitung des nächsten darstellt.

Und es gibt noch eine Sache, die wir gerne ausblenden: Unser Leben ist ein Kontinuum und Handlungen sowie Entscheidungen, die wir treffen, bedingen sich gegenseitig. Sie haben Konsequenzen, die über ein einzelnes Jahr hinausgehen und von einem Jahr zum anderen gibt es keine magische Auflösung dieser Kontinuität. Es beginnt keine neue Geschichte, höchstens ein neues Kapitel, das eine Fortsetzung des vorherigen und eine Einleitung des nächsten darstellt. Je früher wir das verstehen und annehmen, desto eher können wir unseren Zielen und Plänen mit mehr Leichtigkeit und realistischer Einstellung begegnen. 

Die Revolution der Resolution – wie Veränderung gelingen kann 

Vielleicht sollten wir Neujahrsvorsätze revolutionieren. Denn es sind nun einmal nicht nur gute Vorsätze und Beschlüsse, die wir für Veränderung brauchen, sondern vor allem Lösungen, individuelle und gesellschaftliche. Es ist nicht der Jahreswechsel, der automatisiert Veränderungsprozesse anstößt, sondern wir selbst, die diese unter Aufwendung unserer eigenen Kapazitäten und Ressourcen in Gang bringen, egal ob zu Neujahr oder zu einem anderen Zeitpunkt. Dafür sollten wir Ownership und Verantwortung übernehmen. 

Eine Revolution wird im Kollektiv beschlossen, gemeinschaftlich und solidarisch.

Auch wenn konkrete Lösungen ungleich schwerer zu finden und zu fassen sind, sind sie zielführender und nachhaltiger als gefasste Beschlüsse. Und wir müssen nicht allein bleiben mit der Lösungsfindung. Eine Revolution wird im Kollektiv beschlossen, gemeinschaftlich und solidarisch. Auf individueller Ebene kann das bedeuten, dass wir uns liebe Menschen suchen, die uns bei der Umsetzung unserer eigenen Ziele unterstützen, indem sie uns anfeuern, konkrete Verabredungen mit uns treffen, regelmäßige Check-Ins machen oder einfach da sind, wenn wir sie brauchen. 

Individuelle Veränderung kann nur innerhalb von kollektiver Veränderung stattfinden und auch kollektive Veränderung hängt von individueller Veränderung ab.

Und auf gesellschaftlicher Ebene? Das vergangene Jahr war ein weiteres Jahr, in dem Krisen überall auf der Welt vorangeschritten sind, noch sichtbarer wurden und noch mehr Aufmerksamkeit von uns gefordert haben. Individuelle Veränderung kann nur innerhalb von kollektiver Veränderung stattfinden und auch kollektive Veränderung hängt von individueller Veränderung ab. Lasst uns also unsere Neujahrsvorsätze revolutionieren, zu Lösungen werden lassen und auf die Gesellschaft ausweiten. Vielleicht seid ihr ja dabei, in 2023 kleine und große Revolutionen anzustoßen, indem ihr geduldiger und liebevoller mit euch selbst umgeht, euch positioniert, mutig seid und für euch und andere einsteht?

 

„Ich wünsche dir ein Jahr des revolutionären Denkens und des politischen Bewusstseins. Ein Jahr des Massenwiderstands gegen die Unterdrücker überall. Ein Jahr der Solidarität der Gemeinschaft gegenüber dem Individualismus.“ – @thewriteupjo

Disclaimer: Wenn dir Neujahrsvorsätze auf individueller Ebene Kraft und Antrieb geben und es dir gut tut, ein neues Jahr als Neuanfang zu begreifen, möchten wir dir das keinesfalls wegnehmen. You do you – wir wollen nur den Druck rausnehmen. 🧡

Headerfoto: Luca De Massis (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Amelie Fischer (sie/ihr) sieht das Politische in den ganz großen und den ganz kleinen Dingen. Sie spricht und schreibt am liebsten über globale Ungerechtigkeiten, Machtstrukturen, intersektionalen Feminismus und die Liebe, immer die Liebe. Um ein wenig Leichtigkeit in den Weltschmerz zu bringen, den sie oft fühlt, liest sie für ihr Leben gerne Romance Novels. Aber nur zu Recherchezwecken, versteht sich! Denn auch die Liebe ist höchstpolitisch. Mehr von Amelie gibt es auf Instagram.

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