Silvester for One | Warum es ein Akt der Selbstfürsorge sein kann, sich vom Party-Druck zu lösen und den Jahreswechsel allein zu verbringen

Der Jahreswechsel naht und ich werde seit Monaten gefragt, wie ich denn eigentlich Silvester verbringen werde. Ein Jahr voller Neuanfänge und neuer Chancen – und das muss so fulminant und episch wie möglich begrüßt werden. So denken zumindest viele und planen schon Wochen im Voraus, wie sie den Jahreswechsel verbringen werden. Das perfekte Event, der perfekte Ort, das perfekte Outfit – und eine Menge Erwartungen und auch eine Menge Druck. Dabei ist Neujahr ohnehin oft mit so viel Druck verbunden, durch die Vorsätze, die wir uns machen und die Erwartungen, die wir an das neue Jahr haben.

Es scheint, als würden wir das neue Jahr, das wir gerade erst beginnen, bereits an der Qualität unserer Feier messen – je spektakulärer die Party, desto besser das Jahr.

Es scheint, als würden wir das neue Jahr, das gerade erst beginnt, bereits an der Qualität unserer Feier messen – je spektakulärer die Party, desto besser das Jahr. Wir laden ein einzelnes Datum mit so viel Bedeutung auf, dass es unter diesem Druck zusammenzubrechen droht. Dabei feiern wir – jetzt einmal total entromantisiert – doch einfach nur den Wechsel eines Datums. Ein neues Jahr bringt kein völlig neues Leben mit sich, nach Mitternacht haben sich die Dinge nicht auf magische Weise zum Besseren und Schöneren gewandelt.

Warum feiern wir Silvester?

Warum also messen wir einem Jahreswechsel eine solche Bedeutung bei? Silvester hat einen christlichen Ursprung und begründet sich auf das Leben eines Silvester I., der an einem 31. Dezember im Jahr 314 zum Papst ernannt wurde, nachdem er einen Kaiser geheilt haben soll. Erst 1582 wurde der julianische Kalender vom gregorianischen abgelöst und der letzte Tag des Jahres vom 24. auf den 31. Dezember verlegt – zu Ehren eines sehr alten, sehr toten Mannes, wohlgemerkt.

Jahre, Monate, Wochen, Tage sind menschengemachte Konstrukte und somit ist das auch der Jahreswechsel.

Warum dieser kleine Geschichtsexkurs? Um wieder einmal zu verdeutlichen: Jahre, Monate, Wochen, Tage sind natürlich menschengemachte Konstrukte und somit ist das auch der Jahreswechsel. Was wir an Silvester feiern, ist eine ziemlich willkürliche Entscheidung, die eine sehr alte Institution vor sehr langer Zeit getroffen hat – und nicht etwa ein Neubeginn von Allem.

Mit der Emotionalisierung einer einzigen Nacht werden jedes Jahr Gewinne in Millionenhöhe gemacht und all das dient der Überhöhung einer niemals erreichten Perfektion.

Der Zauber, mit dem wir diese eine Nacht aufgeladen haben, wurde über Jahrzehnte kommerziell befeuert: durch kitschige Filme, in denen sich das Schicksal der Protagonist:innen in dieser einzigen Nacht entscheidet, durch Silvestertraditionen wie Feuerwerk, von denen wir mittlerweile wissen, wie schädlich sie für Umwelt, Tiere und Menschen sind, und durch das Narrativ der Selbstoptimierung, für die es nur ein neues Jahr braucht. New year, new me – oder so. Mit dieser Emotionalisierung einer einzigen Nacht werden jedes Jahr Umsätze in Millionenhöhe gemacht und all das dient der Überhöhung einer niemals erreichten Perfektion.

Silvester “entzaubern”?

Ich möchte niemandem Silvester nehmen. Wenn Menschen Kraft und Antrieb daraus ziehen, einen Jahreswechsel ordentlich zu feiern, dann ist das wunderbar. Ich möchte aber dafür plädieren, der Silvesternacht ihre aufgeladene Bedeutung zu nehmen, weil das so viel Druck in uns auslösen kann. Wenn wir keine große epische Party feiern, fühlen wir uns oft schlecht, ganz so, als würden wir das Ganze nicht angemessen zelebrieren. Dabei gibt es so viele unterschiedliche Arten, ein Jahr zu verabschieden und ein neues zu begrüßen, manche laut, manche leise, manche involvieren eine Menge fremder Menschen, andere nur die besten Freund:innen. Doch was ist, wenn wir an Silvester alleine sind, unfreiwillig – oder sogar aus eigener Entscheidung?

Es kann auch empowernd sein, uns von all dem Druck zu lösen und Zeit nur für uns zu schaffen, um ganz bewusst ins nächste Jahr überzugehen.

Natürlich kann es wahnsinnig blöd sein, zu wissen, dass andere gerade vermutlich eine richtig gute Zeit haben, während man selbst alleine zu Hause ist. Es kann aber auch empowernd sein, uns von all dem Druck zu lösen und Zeit nur für uns zu schaffen, um ganz bewusst ins nächste Jahr überzugehen – und dabei vielleicht auch merken, dass sich außer des Datums gar nicht so viel ändert. Ein neues Jahr wartet mit neuen Verpflichtungen und Erwartungen und Druck von allen Seiten auf uns – irgendwie ist es also auch ein kleiner rebellischer Akt, Silvester zur kompletten Me-Time werden zu lassen und dem neuen Jahr damit den Druck – und vielleicht auch ein wenig den Zauber – zu nehmen.

Silvester (-Dinner) for One 

Ob du nun freiwillig oder unfreiwillig die Silvesternacht alleine verbringst: du darfst sie so verbringen, wie du magst. Ob das nun bedeutet, dich komplett rauszuziehen, dem ganzen überhaupt keine Bedeutung zu schenken oder dir eine richtig gute Zeit zu machen, das Schöne daran ist: niemand schaut zu, niemand bewertet dein neues Jahr anhand der Art und Weise, wie du es beginnst. Schaff dir also eine Stimmung, in der du dich wohlfühlst, mach es dir so richtig gemütlich, wenn du magst. Kerzen, Lichterketten, Kuscheldecke – überlege dir, was du brauchst, um dich wohlzufühlen und dir einen kleinen Safe Space zu schaffen.

Überlege dir, was du brauchst, um dich wohlzufühlen und dir einen kleinen Safe Space zu schaffen.

Es kann richtig gut tun, sich vom Druck rund um das perfekte Silvesteroutfit zu lösen. Aber du kannst dich natürlich trotzdem für dich schön machen – so, dass du dich wohlfühlst eben. Ob das ein chilliger Pyjama ist oder ein sexy Kleid, mach dich schön für dich und genieße es. Genauso wie dein Lieblingsessen – und davon so viel, wie du essen willst, no judgement. Wie du deinen Abend füllst, liegt in deinen Händen.

Die Abendgestaltung

Natürlich kann es schön sein, einen kleinen Jahresrückblick durchzuführen, in Form einer Dankbarkeitsübung oder Reflektion. Du könntest Fotos anschauen, einen Brief an dich selbst schreiben oder einfach ein wenig sinnieren. Wenn wir allein sind und einen mitunter emotionalen Rückblick nicht mit anderen teilen können, sollten wir dabei aber besonders gut auf uns Acht geben und uns wirklich nur mit dem auseinandersetzen, wofür wir in diesem Moment Kapazitäten haben. Für alles andere ist immer noch später Zeit.

Wir sollten dabei besonders gut auf uns Acht geben und uns wirklich nur mit dem auseinandersetzen, wofür wir in diesem Moment Kapazitäten haben.

Du kannst aber auch ganz andere Dinge tun: Entrümpeln und aussortieren zum Beispiel, deinen Kleiderschrank, deine Bücher oder deine Gedanken – um ganz aufgeräumt ins neue Jahr zu starten. Vielleicht gönnst du dir ein bisschen Wellness und Self-Care. Oder du verbringst einen entspannten Abend mit den Charakteren deines liebsten Films oder deiner liebsten Serie. Last but not least: Es ist auch einfach okay, schlafen zu gehen. Niemand zwingt dich, bis Mitternacht aufzubleiben. Du kannst im alten Jahr einschlafen und im neuen aufwachen und doch hat sich nichts geändert außer das Datum – du bist immer noch derselbe Mensch, egal ob mit Silvesterparty oder ohne.

Wir wünschen euch ein wundervolles Reinfeiern, -tanzen, -knutschen, -reflektieren, -chillen oder -schlafen ins neue Jahr – ganz, wie ihr mögt! Hab es gut ❤️

Headerfoto: cottonbro studio (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Amelie Fischer (sie/ihr) sieht das Politische in den ganz großen und den ganz kleinen Dingen. Sie spricht und schreibt am liebsten über globale Ungerechtigkeiten, Machtstrukturen, intersektionalen Feminismus und die Liebe, immer die Liebe. Um ein wenig Leichtigkeit in den Weltschmerz zu bringen, den sie oft fühlt, liest sie für ihr Leben gerne Romance Novels. Aber nur zu Recherchezwecken, versteht sich! Denn auch die Liebe ist höchstpolitisch. Mehr von Amelie gibt es auf Instagram.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.