Nächstenliebe? I’m sorry, we’re sold out!

Ich beobachte gerne Menschen. Und dann mache ich mir so meine Gedanken zu dem, was ich gesehen habe. Heute früh auf dem Weg zur Arbeit kam es zu zwei Begegnungen, die mich nachhaltig beschäftigen. Wie jeden Morgen unter der Woche stehe ich mehr oder weniger pünktlich an meiner Haltestelle am Gehweg, die dicken Kopfhörer über den Ohren, den Blick ins Innere gerichtet (ins Leere klingt zu hoffnungslos und traurig) und lausche verträumt den Worten, die sich da in mein Hirn schleichen. Während ich so vor mich hinträume, nehme ich am Rande meines Bewusstseins die Bewegungen meiner Mitmenschen wahr.

Ich seh‘ etwas das du nicht siehst

Plötzlich prallt „etwas“ gegen mich. Ich wanke kurz, mache einen Ausweichschritt nach hinten und folge diesem „etwas“ mit meinem Blick, herausgerissen aus der kleinen, heilen Welt in meinem Kopf. Ein älterer Mann, links und rechts je eine Einkaufstasche, zieht seines Weges. Ich stehe zwar nicht an den Rand gequetscht, aber auch nicht mittig auf dem Gehweg. Außerdem nehme ich mit meinen bescheidenen 62 kg auf 175 cm Körpergröße nicht unbedingt so viel Platz in Anspruch, oder habe mindestens zwei Übersee-Koffer dabei, dass man meinen könnte, ich blockiere den ganzen Gehweg.

Gut, ich trage einen langen schwarzen Mantel und keine Leuchtreklame mit der Aufschrift „hier stehe ich“ auf der Brust, aber es war kurz nach 09:00 Uhr morgens an einem trockenen Dezembertag, mitten in einer beleuchteten Stadt. Kurz: Eigentlich konnte man mich nicht übersehen. Und selbst wenn, zumindest das Aufeinanderprallen zweier Körper bleibt doch nicht unbemerkt, oder? Aber nein, kein Umdrehen, keine Entschuldigung. Als würde ich für ihn gar nicht existieren.

Erst bin ich fassungslos, dann wütend – aber auf mich selbst

Im ersten Moment bin ich einfach nur fassungslos, dann wütend. Aber nicht auf ihn, sondern auf mich selbst. Dass ich – nach dem äußerlichen Schritt nach hinten – nicht einen innerlichen Schritt nach vorne auf ihn zu gemacht habe, um ihn zu fragen: „Entschuldige Sie bitte? Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass Sie mich gerade angerempelt haben?” Einfach, weil ich gerne verstehen würde, was in so einem Menschen vorgeht.

Was ist der Grund für dieses Verhalten? Bei mir folgt eine Entschuldigung quasi reflektorisch, wenn ich in den Bereich eines anderen Menschen eingedrungen bin. Ganz nach dem Satz aus Dirty Dancing: „Das ist mein Tanzbereich, das ist dein Tanzbereich“. So bin ich erzogen worden. Ich achte meine Mitmenschen und gebe mir Mühe, den jeweiligen Individualbereich zu respektieren. Gelingt mir das einmal nicht, so entschuldige ich mich noch im selben Augenblick. Aufrichtig und aus tiefstem Herzen.

Gerade erholt und schon wieder verstört

Während ich gedanklich noch bei dieser Begegnung festhänge, kommt meine Bahn und ich steige mit den anderen Wartenden ein. Nur eine Haltestelle später, als ich mich gerade wieder meinem Podcast auf den Ohren zuwende, ertönt eine Durchsage des Bahnfahrers. Er teilt uns mit, dass gerade ein Krankenwageneinsatz direkt vor uns durchgeführt wird und er nicht sagen könne, wann es weiterginge.

Eine Dame steht auf, stößt ihren Regenschirm verärgert auf den Boden und verlässt entrüstet und mit bösen Blicken die Bahn. Ich bleibe wieder verblüfft und irritiert zurück. Klar ist so eine ungewisse Verzögerung doof und auch ich bekomme in solchen Situationen dezente Schnappatmung, wenn ich meine Folgetermine gefährdet sehe.

Entschuldigung, ich versuch mal kurz zu überleben

Aber da kann doch niemand etwas für und außerdem wird gerade in diesem Fall einem anderen Menschen geholfen, ihm vielleicht sogar das Leben gerettet und sie empört sich darüber, dass sie nicht wie geplant an ihr Ziel kommt? Als wäre es die Schuld des Bahnfahrers, dass wir auf unbestimmte Zeit nicht weiterfahren können – der Nachrichtenüberbringer ist ja immer der Schuldige – und völlig ungeachtet des vielleicht dramatischen Schicksals, dass sich gerade vor uns auf der Straße abspielt.

Ich habe die möglichen Worte des Hilfesuchenden in den Ohren: “Oh sorry, ich kämpfe hier gerade mal ein bisschen um mein Leben. Verzeihung, dass ich damit Ihren Weg blockiere. Wird vielleicht nicht wieder vorkommen, je nachdem wie das hier heute ausgeht.” Es geht im Übrigen keine fünf Minuten später ungehindert weiter.

Karma is a Bitch

Was ist nur los mit uns Menschen? Gibt es wirklich nur noch so wenig Freundlichkeit auf der Welt? Ist Nächstenliebe in unserer konsumgetriebenen Gesellschaft ausverkauft? Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Es sei denn, einer meiner Grundwerte wird durch ein Verhalten oder etwas Gesagtes in seinen Grundfesten erschüttert. Und Nächstenliebe steht dabei weit oben auf meiner Liste. Ich habe es anders gelernt und will so auch nicht werden. Karma is a Bitch and she will get you.

Vivien lebt und arbeitet in Düsseldorf, ist aber oft in Hamburg und Berlin unterwegs (Herzensstädte mit Herzensmenschen, die in ihnen wohnen). Sie schreibt, weil ihr Herz es ihr sagt. Neben allem, was der Körper so zum Überleben braucht, braucht sie Sport, Musik und die Möglichkeit ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen. Und natürlich Liebe, denn nichts geht ohne Liebe.

Headerfoto: Stockfoto von GRSI/Shutterstock. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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