Leben mit Essstörung: Von ungefragten Kommentaren, Angst vor Essen und dem gelebten Widerspruch

“I know you mean well but I kindly ask that you not comment on my body. Good or bad I want to politely let you know it’s not helpful and doesn’t feel good. Much respect.”

Wir leben im 21. Jahrhundert und Jonah Hill, ein bekannter Schauspieler, muss immer noch mit einem Posting seine Follower:innen auf Instagram darauf hinweisen, seinen Körper nicht zu kommentieren. Da stellt sich mir die Frage: Sollte das nicht eigentlich selbstverständlich sein?

Ich habe nie nach Kommentaren zu meinem Körper, meinem Aussehen, meinem Essverhalten gefragt. Trotzdem werde ich damit regelmäßig vor den Kopf gestoßen.

Ich habe in letzter Zeit weder nach Kommentaren zu meinem Körper und meinem Aussehen, noch nach Kommentaren zu meinem Essverhalten gefragt. Trotzdem werde ich damit regelmäßig vor den Kopf gestoßen. Wie muss das wohl für eine Person aus dem öffentlichen Leben sein, deren Instagram-Kanal oft einfach nur überschwemmt wird von ungefragtem Feedback von außen? Wie kann man in so einer Situation nicht komplett zusammenbrechen?

Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann, aber ich stelle mir eine Flut aus Kommentaren auf Social Media für Prominente in etwa so nachhallend vor wie einen Kommentar über Äußerlichkeiten und Nahrungsaufnahme für Betroffene einer Essstörung.

Als Kompliment gemeint – für mich ein Trigger

Gesunde Menschen denken sich nichts dabei, meinen es vielleicht lustig oder nett, wollen Komplimente machen oder einfach nur ärgern. Aber die Wucht eines solchen Kommentars trifft uns Betroffene* wie eine Faust in die sowieso schon mit einem merkwürdigen Gefühl verbundene Magengrube.

So eine Aussage über mein Gewicht fühlt sich nicht an wie ein normaler Satz.

So eine Aussage über mein Gewicht fühlt sich nicht an wie ein normaler Satz. Sie fühlt sich an, als würde sie irgendwo falsch abbiegen und dort nicht wieder vergessen werden, abgespeichert werden. Sie wird im Kopf größer und größer, schwillt zu einem komplett abstrusen Volumen an. Manchmal verschwindet die Aussage, aber kommt in kritischen Momenten mit einem Knall wieder und hämmert sich so lange in unser Hirn, bis wir ihn im Schlaf hundert Mal aufsagen könnten.

Deutsch – Essstörung, Essstörung – Deutsch

Unsere Krankheit ist so konfus und dreht und wendet Dinge irrational in unserem Kopf, manchmal fungiert sie sogar als Dolmentscherin:

“Oh schön, du hast ja wieder zugenommen, Gott sei Dank!” = “Du hast dich so gehen lassen.”

“Jetzt siehst du viel gesünder aus!” = “Du bist fett geworden.”

“Oh, deine weiblichen Rundungen kommen zurück!” = “Überall Speck.”

“Dir scheint es zu schmecken, möchtest du noch Nachschub?” = “Du frisst wie ein Schwein.”

Ich präsentiere: Deutsch – Essstörung

Aber nicht nur Dolmetscherin ist sie. Auch die Angst in Person. Die irrationalste Angst, die wir jemals getroffen haben. Sie macht Angst vor Chips, erlaubt aber Schokolade; sie lässt dich vor Panik nicht mehr atmen, wenn Pasta auf dem Speiseplan steht; sie schürt ungutes Gefühl, wenn Burger serviert werden.

Übermenschliche Leistungen – für Leute mit Essstörung kein Problem

Angst vor Lebensmitteln – so weit sind wir schon gekommen. Sich das ab und zu vor Augen zu führen, in rationalen Momenten, lässt die Situationen so irrwitzig wirken, trotzdem fühlt sich die Angst so authentisch an, weil sie es ist. Angst vor dem Zunehmen lässt uns Dinge tun, die für gesunde Menschen absolut undenkbar sind:

Sport bei jedem Wetter, alles egal, alles möglich. Der Körper hat zu funktionieren.

Um 5:30 Uhr morgens aufstehen, nur um vor der Arbeit noch eine Stunde laufen zu gehen. Egal, ob bei Regen, Hagel, Schnee oder 35 Grad im Schatten. Alles egal, der Körper hat zu funktionieren. Und das tut er. Erstaunlich lange.

Der Körper ist wirklich ein Wunder, mit einem unheimlichen Selbsterhaltungswillen. Er stellt nicht-lebensnotwendige Dinge in den Hintergrund, wenn es im Untergewicht und im Hungern für ihn darum geht, zu überleben. Die Periode bleibt aus, die Libido geht zurück, der Fokus liegt auf Überleben.

All die Warnzeichen, die hier schon aufblinken, wie Kamerablitze auf dem roten Teppich, wenn Jonah Hill vorbeigeht, werden von uns aber schön ignoriert. Sie werden zwar zur Kenntnis genommen, aber die Krankheitsstimme ist lauter als die gesunde Vernunftstimme.

Fremdgesteuert vom eigenen Kopf

Und so treiben wir das Spiel, was definitiv kein Vergnügungsspiel ist, weiter und weiter – wie Marionetten. So fremdgesteuert und so in unserem Kopf, den wir mit einer kranken Stimme teilen müssen, die nie Ruhe gibt, dass wir gar nicht mehr rational handeln und denken können.

Manchmal erscheint sie, die vernünftige Stimme, wenn wir uns im Spiegel ansehen und dann doch die Knochen sehen, die hervorstehen.

Manchmal erscheint sie, die vernünftige Stimme, wenn wir uns im Spiegel ansehen und dann doch die Knochen sehen, die hervorstehen. Sie sagt dann schon, dass das nicht mehr gesund aussieht und dass wir aufhören sollten. Aber die kranke Stimme ist so viel lauter. Und lässt uns das Spiegelbild wieder und wieder verzerrt wahrnehmen. Sie spielt uns das Paradoxeste vor, das man sich in dieser Situation vorstellen kann: Kontrolle.

Wir haben so ein Kontrollbedürfnis und leben in der irrationalen Annahme, alles im Griff zu haben. Weil wir alles kontrollieren: Die Kalorien, das Gewicht, das Übergeben, den Sport, das Essen, die Bewegung an sich.

Jede kleinste Kleinigkeit wird kontrolliert. Höher, schneller, weiter, mehr, mehr, mehr. Das Paradoxe? Wir verlieren die Kontrolle komplett.

Jede kleinste Kleinigkeit wird kontrolliert. Höher, schneller, weiter, mehr, mehr, mehr. Das Paradoxe? Wir verlieren die Kontrolle komplett. Die Essstörung übernimmt und wir sind ihr gegenüber nur ohnmächtig. Kontrollgefühl trotz Kontrollverlust. Was das Gehirn alles schafft. Paradox bedeutet widersprüchlich. Die Krankheit ist der viel zu reale Widerspruch in uns.

Menschen mit Essstörung: Wie Nicht-Betroffene für sie da sein können

Und das alles war nur ein Mini-Schnipsel aus all den verqueren Verhaltensweisen und Gedankengängen, die uns Tag für Tag heimsuchen. Diesen Kampf kann kein gesunder Mensch nachvollziehen – deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen. Das ganze Thema ist noch so tabu-lastig, so voller Scham und nicht vorhandener Aufklärung.  Zu versuchen sich zu öffnen, den Mut zu finden, darüber zu reden, das Umfeld verstehen zu lassen, ist so wichtig.

Uns ist auch schon geholfen, wenn man einfach nur für uns da ist. Uns wahrnimmt, sieht. Keine Kommentare abgibt zu unserem Essverhalten, unserem Gewicht, unserem Aussehen.

Uns ist auch schon geholfen, wenn man einfach nur für uns da ist. Uns wahrnimmt, sieht. Keine Kommentare abgibt zu unserem Essverhalten, unserem Gewicht, unserem Aussehen. Wir haben nicht danach gefragt. Das ist übergriffig und ihr wisst nie, was damit bei Menschen ausgelöst werden kann.

Ein unter vier Augen gesagtes “Ich bin immer für dich da, wenn du reden möchtest. Du kannst immer zu mir kommen”, ist so viel mehr wert als ein “Heftig, hast du abgenommen, das ist jetzt aber nicht mehr gesund?!”

Hört auf, zu bewerten. Der Satz kommt in unserem Kopf sowieso anders an.

Hört auf, zu bewerten. Der Satz kommt in unserem Kopf sowieso anders an (“Jetzt sieht man wenigstens, was ich geleistet habe.”) – und selbst wenn nicht: Wir leben im 21. Jahrhundert, wir werden es ja wohl auf die Reihe kriegen, nicht-übergriffig, empathisch und rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Schaut aufeinander, versucht, Verständnis zu haben und seid lieb zueinander. Nur so kann jeder einzelnen Person geholfen werden.

*Ich schreibe hier in der Wir-Form, da viele weitere erkrankte Personen sicher nachvollziehen können, wovon ich schreibe oder es ihnen einfach ähnlich ergeht. Trotzdem darf ich hier nicht vergessen zu erwähnen, dass für jede*n einzelne*n Betroffene*n andere Dinge triggernd sind, für Angst sorgen, Übelkeit schüren. Die Krankheit ist natürlich in vielerlei Aspekten ähnlich gestrickt, aber hat trotzdem bei jeder Person andere Ausprägungen. Achtet auf- und sprecht miteinander, wenn es möglich ist.

Du bist nicht alleine.
Infos & Hilfe kriegst du hier:
https://essstoerungen-onlineberatung.de/
https://www.bundesfachverbandessstoerungen.de/
https://www.bzga.de/

Marie ist 25 und kämpft sich gerade mit ihrer Essstörung durch unser – ihrer Meinung nach echt verkorkstes – Gesundheitssystem. Essstörungen sind verbreiteter, als man denkt und trotzdem wird kaum darüber aufgeklärt. Marie setzt sich dafür ein, dass das Thema gehört wird, dass die Gesellschaft dem mehr Verständnis entgegenbringt, für ein weniger übergriffiges und empathischeres Miteinander. Das funktioniert ihrer Meinung nach nur durch Kommunikation und Personen, die reden. Also: Ein kleiner Einblick in ihren Kopf.

Headerbild: John Diez via Pexels. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

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