Ich bin stark und unabhängig – aber das darf ich auch teilen

„Ich bin stark und unabhängig.“ Keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gesagt habe. Meistens nur zu mir, ganz heimlich in meinem Kopf. Manchmal aber auch zu anderen. Zu Familie, Freunden. Und zu dir. Mit deinem verflixten Lächeln und den blauen Augen.

„Stark und unabhängig“, am Anfang war es nur eine Floskel. Leere Worte. Fake it till you make it. Ich hab‘ erst so getan und es dann wirklich gefühlt. Und als es soweit war, war ich frei. Komplett frei. Ich allein gegen die Welt.

Ich allein gegen die Welt.

Es ist wohl das größte Glück, wenn man niemanden braucht. Niemanden, der einen rettet. Niemanden, der einen trägt. Ich rette mich selbst und trage mich selbst. Ich bin mir selbst das wichtigste. Und dann dein Auftritt. Verflixtes Lächeln, blaue Augen. Du entwaffnest mich und machst dich seelenruhig daran, die Steine um mein Herz abzutragen. Und nach nur wenigen Wochen stehst du direkt davor und bittest um Einlass.

Ich versuche, dich wegzuschubsen. Wieder und wieder, Streit um Streit, aber du bleibst einfach stehen und schaust mich an. Diese blauen Augen. Also setzte ich auf Regeln und Prinzipien. Bin streng mit dir, bin streng mit mir, bin streng mit uns. Heimlich denke ich „er wird sicher bald gehen“, aber du bleibst.

Heimlich denke ich „er wird sicher bald gehen“, aber du bleibst.

Und erst als du mich fragst, da frage ich mich selbst: Warum mache ich das? Warum schubse ich dich weg, um dich danach an mich heran zu ziehen? Warum stelle ich Regeln und Prinzipien auf, die ich danach über Bord werfe? Und warum schaue ich in deine blauen Augen und bekomme Panik?

Die Antwort; so leicht wie schwermütig: Angst. Angst zu verlieren, was ich gerade erst gefunden habe. Mich selbst.

Am Ende, ganz am Ende, da stand ich vor mir selbst.

Denn die Suche war schwer. Ich bin in Sackgassen gelandet, habe gelitten und versagt. War fast am Ziel, bin falsch abgebogen und musste von vorne anfangen. Habe aufgegeben und weitergemacht. Und am Ende, ganz am Ende, da stand ich vor mir selbst. Und als ich mir in die Augen geschaut habe, mit Selbstwert, Stolz und Demut, da habe ich geschworen, mich nie mehr zu verlieren.

Also bist du ein Problem. Ein Eindringling in meinem System, das seither so perfekt funktioniert hat. Du bringst mich zum wanken. Bringst meine Grundmauern aus Stahl und Stein zum Einsturz. Nach einem langen Tag, da reiche ich mir nicht mehr selbst, sondern ich will dich. Immer nur dich um mich herum. Mit deinem verflixten Lächeln und den blauen Augen.

Du bringst mich zum wanken. Bringst meine Grundmauern aus Stahl und Stein zum Einsturz.

Du bist überall. In Herz, Kopf und Verstand. Du hast mich übernommen. Bist in jeder Faser meines Körpers. Wäre das hier ein Film und ich die Heldin, dann wärst du mein Schwachpunkt. Mein Druckmittel. Wenn dein Name fällt, lasse ich die Waffen fallen und bin wehrlos.

Aber du merkst davon nichts, denn mit dir kämpfe ich. Ich kämpfe und kämpfe, um zu testen, ob du überlebst. Um zu sehen, ob du bleibst oder gehst. Jetzt, ein paar Monate später, merke ich, wie töricht ich doch war. Wie dumm und naiv.

Ich erkenne, dass es nie etwas zu kämpfen gab.

Ich erkenne, dass es nie etwas zu kämpfen gab, hattest du mich doch längst. Du hattest mich von Anfang an mit Herz, Kopf und Verstand. Und das alles nur wegen diesem verflixten Lächeln und den blauen Augen. Und ich erkenne wie unrecht ich doch hatte. Unrecht als ich dachte, dass ich durch dich weniger stark oder unabhängig wäre. Unrecht als ich dachte, dass ich mich selbst verlieren würde, wenn ich dich finde. Ich war dumm, so dumm.

Allein sein ist ein Segen, aber auch einfach. Sich öffnen, teilen, wer man ist, mit all dem Chaos im Kopf und den Gefühlen, das ist schwer. Ich bin schwer. Schwer zu ertragen, schwer zu verstehen und schwer zu handlen, aber du machst alles ganz leicht.

Sich öffnen, teilen wer man ist, mit all dem Chaos im Kopf und den Gefühlen, das ist schwer.

Ich stehe zu meinen Worten, dass es wohl das größte Glück ist, wenn man niemanden braucht. Niemanden, der einen rettet. Niemanden, der einen trägt. Ich rette mich selbst und ich trage mich selbst. Ich bin mir selbst das wichtigste.

Aber seitdem du da bist, habe ich begriffen, dass es genauso schön ist, jemanden zu wollen. Sich retten und tragen zu lassen, wenn man es gerade möchte. Schwach und abhängig zu sein, wenn man es fühlt. Ich bin mir selbst das wichtigste, aber du kommst gleich danach.

Ich bin mir selbst das wichtigste, aber du kommst gleich danach.

„Ich bin stark und unabhängig.“ Keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gesagt habe. Meistens nur zu mir, ganz heimlich in meinem Kopf. Manchmal aber auch zu anderen. Familie, Freunden. Und zu dir. Mit deinem verflixten Lächeln und den blauen Augen.

Jule kommt aus Bayern (wo es übrigens gar nicht so schlimm ist, wie immer alle erzählen) und ist im besten Alter – Mitte 20 nämlich. Sie isst leidenschaftlich gerne Lasagne und findet, dass das erst mal an Informationen reicht, um das Eis zu brechen. Den Rest erfahrt ihr in ihren Texten hier oder auf ihrer Seite. Stay tuned.

Headerfoto: Alvin Mahmudov via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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