Ich bin leise, andere mögen es laut – Menschen sind verschieden, na und?

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich gedacht, dass extrovertierte Menschen jene Menschen sind, die andere zum Lachen bringen und die sind, die uninteressante Geschichten interessant klingen lassen.

Ich würde mich nicht als den klassisch introvertierten Menschen bezeichnen. Ich habe in der Schule mit meinen Freundinnen gequatscht, als wir eine Stillarbeit hätten erledigen sollen und ich konnte auf Geburtstagen, auf denen ich nur das Geburtstagskind kannte, dennoch Spaß haben. Aber aus einem mir unbegreiflichen Grund habe ich mich jedes Mal angegriffen gefühlt, wenn mich Menschen als schüchtern oder still bezeichneten. Ich selbst habe mich nie schüchtern gefühlt, sondern eher wie eine stille Beobachterin, die bei Zeiten auftaut.

Ich kam zu dem Entschluss, dass diese Seite an mir etwas ist, was ich verstecken oder verändern muss, denn anscheinend ist es keine positive Eigenschaft, für die einem die Gesellschaft Anerkennung schenkt. Es war, als würde ich auf eine schlechte Charaktereigenschaft immer wieder aufmerksam gemacht. Die Lösung schien mir mit 16 auf der Hand zu liegen: Wenn es gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird, introvertiert zu sein, dann werde ich eben zu einem extrovertierten Menschen.

Ich versuchte, so wenig introvertiert zu sein, wie es eben möglich ist für einen introvertierten Menschen.

Und dann kam Texas

Ich möchte auf das Jahr 2013 zurückschauen. Ich war 16 und hatte nur eine ungefähre Ahnung davon, wer ich war. Und eine falsche Vorstellung davon, wer ich sein wollte. In diesem Jahr verbrachte ich ein Jahr in Dripping Springs, Texas, USA. Dass das Extrovertiertsein auf diesem Kontinent beinahe einer Art Lifestyle glich, schien mir kein Hindernis zu sein, ein Jahr dort zu verbringen.

Auf einmal konnte ich fremden Personen eine Menge belangloser Dinge erzählen und mich mit ihnen über Gott und die Welt unterhalten, ohne dabei wirklich über das heikle Thema Gott zu sprechen.

Schleichend wurde ich zu einem Mädchen, das nicht krampfhaft überlegen musste, was sie einem fremden Menschen erzählen könnte. Auf einmal konnte ich fremden Personen eine Menge belangloser Dinge erzählen und mich mit ihnen über Gott und die Welt unterhalten, ohne dabei wirklich über das heikle Thema Gott zu sprechen. Ich schaffte es, meine introvertierte Seite zurückzustellen. Und beinahe hätte ich selbst ihre Existenz vergessen.

Doch in dem Moment, in dem ich zur High School ging, wurde mir schlagartig bewusst, dass, was ich versuchte zu sein, nie wirklich ich sein werde. Es fiel mir unendlich schwer, die Initiative zu ergreifen und auf Menschen zuzugehen. Wenn ich mich endlich dazu durchringen konnte, ein Thema anzuschneiden, sprachen schließlich alle am Tisch darüber, nur ich war still. Mir ein Thema zu überlegen und es tatsächlich zu offenbaren, war so eine große Sache, dass ich es nicht schaffte, Teil des Gespräches zu bleiben.

Ich erinnere mich an einen Tag, der mir signalisierte, egal wie sehr ich es auch versuchte, ich würde weder zur Amerikanerin noch zu einer extrovertierten Person werden. Ich erzählte einem Mitschüler davon, wie schwer es für mich sei, in einem fremden Land ohne meine Freund*innen und Familie zu leben. Ich fügte hinzu, dass ich nicht schüchtern sei, sondern mich nur teilweise überwältigt fühle. Wenig zu sprechen erschien mir wie eine Ablehnung meinerseits, in Bezug auf meine Mitmenschen, dabei wollte ich das Gegenteil.

Ich versuchte mich für die Art, wie ich eventuell auf meinen Mitschüler gewirkt haben könnte zu entschuldigen. Er sagte mir: „Geh einfach raus und rede mit den Menschen.” Ich sagte daraufhin nur, dass genau dies so schwer für mich sei. Das Gefühl, was ich aus dieser Unterhaltung mitnahm, war Ernüchterung.

Ich versuchte so sehr, in dieses Land hinein zu passen

Ich habe über diese Unterhaltung lange nachdem ich wieder in Deutschland war nachgedacht und heute, sieben Jahre später, schreibe ich darüber in diesem Text. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass Extrovertiertheit nicht das Lebensziel sein muss. Und in einem dieser sieben Jahre beschloss ich mehr oder weniger bewusst, ab jetzt keinem Ideal hinterherzueilen.

Ich hatte keine Ahnung, wie befreiend es sein würde, nicht mehr eine Rolle zu spielen, die nie für mich gemacht war. Ich hatte entschieden, dass mich Sätze wie „Du bist schüchtern“ oder „Du bist so still“ ab jetzt nicht mehr treffen würden.

Zurzeit ist es für mich das größte Geschenk, in einer Gruppe voller fremder Menschen zu sitzen, wissend, dass ich mich nicht dazu zwingen muss, etwas zu sagen. Ich kann die Menschen und die Situation beobachten, bis alle wieder nach Hause gehen und wenn die anderen am Ende des Tages denken, dass ich langweilig sei, dann ist das in Ordnung. Mein Leben lang mir selbst eine Persönlichkeit aufzuzwingen, ist einfach etwas anstrengender, als ich selbst zu sein.

Sieben Jahre später: Menschen sind verschieden, na und?

Heute fühle ich mich die meiste Zeit mehr als gut damit, zu den leiseren Menschen dieser Welt zu gehören. Was ich akzeptiert habe, war schlicht: Menschen sind verschieden, na und? Dass Menschen verschieden sind, ist wohl für die allermeisten keine Weltneuheit, für mich war es das ein Stück weit schon.

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich mir manchmal ein kleines bisschen wünsche, ein Teil von diesen Weltverbesserungsmenschen zu sein. Jene Menschen, die mit ihren persönlichen Geschichten zeigen, wie sie sich ihren Weg in dieser Welt gesucht haben.

Dieser Text ist der Versuch, zu den Menschen zu gehören, deren Geschichten ich gelesen habe. Kurz habe ich gezögert, diesen Text zu veröffentlichen, weil ich mich gefragt habe, ob es all diese Geschichten vom Leben Einzelner wirklich braucht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir sie vielleicht mehr brauchen, als uns bewusst ist.

Katharina ist 23 Jahre alt, wartet aber noch auf den Tag, an dem sie sich auch so alt fühlt. Nachdem sie an zwei verschiedenen Orten gelebt hat, kann sie sagen, ihre Heimat ist und bleibt das Ruhrgebiet. Sie ist einer dieser Menschen, der nur selten seine Gedanken laut ausspricht, es aber so gerne öfter tun würde.

Headerfoto: Dima DallAcqua via Unsplash(„Gesellschaftsspiel”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

6 Comments

  • Ein sehr toller Text zu einem Thema was mich immer wieder (be-)trifft.
    Mal steh ich drüber, dann wieder weniger.
    Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, und tue dies immer wieder, dass nur weil man sich selbst als introvertiert und oft zu leise sieht, andere dies bei weitem nicht so sehen 🙂

    Liebe Grüße an all die stillen die es im eigentlichen gar nicht sind.

    • Das ist spannend, was du schreibst!
      Manchmal sieht man sich selbst vielleicht als viel introvertierter, als man eigentlich wirkt.

      Liebe Grüße!

  • Das ist eine sehr interessante Erfahrung die Du beschreibst, die ich so ähnlich selbst erfahren habe.
    Ich bin ein grundsätzlich introvertierter Mann gewesen und habe irgendwann beschlossen das zu ändern. Ich habe mich Stück für Stück mehr den Menschen zugewand und meine Scham abgebaut.
    Ein recht heftiges Ereignis hat mich dazu gezwungen meine Selbstlose Art die ich gewonnen hatte, zum Eigenschutz zurückzustellen. Heute finde ich mich in beiden Situationen wieder.

    Ich kenne die Vorzüge beider Seiten, aber ich habe für mich feststellen müssen, dass es schön ist sich mit Menschen zu umgeben, du es vermisst aber irgendwie wieder ganz alleine glücklich zu sein. Genauso wenn du alleine glücklich bist, du es vermisst dieses Glück zu teilen.

    Seitdem habe ich das Gefühl, dass weder noch funktioniert. Es ist etwa so als würdest du etwas Trinken, dass dir sonst so immer gern geschmeckt hat, aber irgendwie einfach nicht mehr erfüllt, sogar etwas mehr wehtut.

    Mir hat man früher ähnliches gesagt. Und heute? Mit fast 25 Jahren interessieren sich die Menschen nicht mehr dafür. Fluch und Segen.

    • Sehr interessant, was du schreibst! Es ist schön zu wissen, dass jeder introvertierte Mensch auf seine eigene Art und Weise lernt damit umzugehen, wie er eben ist.

  • Hi Franzi,

    es freut mich sooo zu hören, dass dir mein Text aus der Seele spricht!
    Ich weiß was du meinst.
    An dem Tag, an dem ich herausgefunden habe, was der Unterschied zwischen Schüchternheit und Introvertiertheit ist, hat sich für mich so vieles zum Positiven gewendet.

    Liebe Grüße
    Katharina

  • Hey Katharina,

    vielen Dank für Deinen Text, er spricht mir aus der Seele!
    Ich gehöre auch eher zu den stillen Beobachtern und fühle mich als introvertierte Person.
    Was mich immer wieder gestört hat ist, das viele Menschen Introvertiertheit mit Schüchternheit gleichsetzen und dadurch denken man sei als Person langweilig. Das finde ich ziemlich schade, denn ich finde das ist keineswegs der Fall! Zu Personen mit denen ich eine enge Beziehung pflege bin ich sehr offen und extrovertiert.

    Liebe Grüße,
    Franzi

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