Entliebt – wenn auf einmal alle Gefühle weg sind

Ich könnte gerade gefühlt tausend verschiedene Beiträge zu tausend verschiedenen Themen schreiben, die mich gerade in meinem Leben beschäftigen und auf die ich keine Antwort finde oder die ich gerne teilen möchte: Warum betrüge ich meinen Freund, der der beste Freund ist, den man sich auf der Welt wünschen kann?

Kann man wirklich nicht „Nein“ zu seinen sexuellen Wünschen und Sehnsüchten sagen? Ist es was anderes, wenn man seinen Freund mit einer Frau betrügt, anstelle von einem Mann? Gehöre ich jetzt tatsächlich doch zu der #generationsbeziehungsunfähig?

Aber fangen wir doch erstmal klein an. Schon allein das hat mich gefühlt tausend Jahre Überwindung gekostet. Was wiederum ein anderes Thema ist.

In der Realität verliebt sich wohl keiner 50 Mal so oft, wie man sich entliebt. Im Idealfall verliebt man sich allerdings immer einmal mehr.

Also. Thema heute: Entlieben. Dieses Wort wird mir gerade rot unterschlängelt – denn Word behauptet, das gäbe es gar nicht. Google liefert mir immerhin 261.000 Treffer, für „verlieben“ dagegen 12.800.000, fast 50 Mal so viele. In der Realität verliebt sich wohl keiner 50 Mal so oft, wie man sich entliebt. Im Idealfall verliebt man sich allerdings immer einmal mehr – in jemanden, von dem man sich dann nie wieder entliebt. Klingt komplizierter, als es ist.

Jedenfalls dachte ich lange Zeit, ich habe die Person gefunden, von der ich mich nie wieder entliebe. Wir kannten uns schon lange, ungefähr fünf Jahre. Wir haben zusammen studiert, er fand mich schon immer gut. Sehr gut sogar, inklusive Liebesgeständnis. Ich dagegen war immer in einer Beziehung, manchmal mehr, manchmal weniger glücklich.

Ich war Single und dachte: Klar, jetzt ergibt alles Sinn, unsere Zeit ist gekommen.

Ich fand ihn auch gut, aber dann nie so gut, dass ich meine Beziehung dafür aufgeben wollte. Nach dem Studium verlor sich der Kontakt. Und dann, zwei Jahre später, sahen wir uns auf einer Party wieder. Ich war Single und dachte: Klar, jetzt ergibt alles Sinn, unsere Zeit ist gekommen.

Ohne großes Überlegen kamen wir zusammen. Und wir waren glücklich. Sehr glücklich. Wir fuhren in tolle Urlaube, konnten gemeinsame Zukunftspläne schmieden, stritten uns nie, er las mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Er war ehrlich, zielstrebig, liebevoll, mitten im Leben. Drei Jahre auf Wolke Sieben. Und dann: Bumms. Mit voller Wucht bin ich von meinem Ich-habe-die-perfekte-Beziehung-und-überhaupt-ist-alles-super-Leben ganz oben auf Wolke Sieben mit einem dicken Klatschen auf den Boden gekracht.

Es brauchte gar nicht viel. Ein neuer Mensch in meinem Leben, das Unbekannte, das Fremde. Neu, aufregend, verboten. Plötzlich war ich high. Ich schmiss alle Prinzipien über Bord. Es war wie eine Sucht. Allein dieser Teil der Geschichte würde Potenzial für viele weitere geben. Aber das soll heute nicht Thema sein.

Wir haben uns getrennt. Ich habe mich getrennt. Ohne großes Leiden, ohne viele Tränen – meinerseits. Man könnte fast sagen einfach so.

Wir haben uns getrennt. Ich habe mich getrennt. Ohne großes Leiden, ohne viele Tränen – meinerseits. Man könnte fast sagen: einfach so. Und seitdem frage ich mich jeden Tag: Wie kann sowas so einfach passieren? Wie kann ich mich einfach so entliebt haben? Ich schaue mir Urlaubsbilder an und versuche etwas zu fühlen. Ich weiß, dass es schön war, dass ich happy war. Aber mehr fühle ich nicht wirklich.

Ich liege auf der Couch unserer gemeinsamen Wohnung und stelle mir vor, er würde neben mir liegen. Ja, wäre ganz schön. Aber mehr? Nee. Ich hänge viel am Handy, schreibe mit Freunden, Instagram, was man halt so macht. Natürlich ist er bei meinem Anrufen auch als Favorit gespeichert. Habe ich das Verlangen, ihn anzurufen, ihm zu schreiben? Nee.

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Festplatte ist gelöscht worden, inklusive aller Gefühle. 

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Festplatte ist gelöscht worden, inklusive aller Gefühle. Einfach alles weg. Vom einen auf den anderen Tag. Vielleicht war es auch ein schleichender Prozess. Und ich hab’s einfach nicht gecheckt. Ein schlauer Google-Artikel hat mir gesagt: Entlieben passiert meist heimlich. Und was bleibt, ist ein emotionales Vakuum. Recht hat Google. Allerdings liefert auch Google mir keine Antwort auf die Frage: Warum?

Lou weiß gerade nicht so wirklich wohin mit sich selbst – außer natürlich in die nach ihrer Meinung beste Stadt der Welt, Köln. Normalerweise ist sie ein klarer Kopfmensch, würde nicht dann doch das Herz dazwischen kommen und Chaos anrichten. Ist aber nicht so schlimm, hat sie dann doch am Ende des Tages meistens ein Lächeln auf den Lippen und mag das Leben ziemlich gern. 

Headerfoto: Andrii Podilnyk via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt). Danke dafür!

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