Eine Geschichte über unsafen Sex: Wie ich mir Chlamydien eingefangen habe

Verloren. Zerstört. Verzweifelt.

Es fühlt sich an, als sei ein Teil von mir verschwunden. Einfach verpufft. Fühle mich oft wie ein Schatten meiner selbst. Dauernd ein fremdes Gefühl. Ständig Ungewissheit und diese Beklommenheit, dass mein ungeliebter Gast wieder zurück ist. Wieder Tabletten einführen, wieder Milchsäure, wieder Cremes.

Wieder dieses lähmende Gefühl der Hilflosigkeit. Wieder Einlagen, die sich anfühlen wie Windeln. Wieder unangenehmer Ausfluss. Wieder Baumwollschlüpfer, die sich alles andere als sexy an mir anfühlen. Wieder diese Verzweiflung, weil es auch nach acht Monaten nach Absetzen des Antibiotikums nicht besser werden will.

Vaginalpilz, bakterielle Vaginose, ständiger Ping-Pong-Effekt. Ein Chaos der Gefühle.

Ich werde nicht mehr Herrin über etwas, das einst nur mir gehörte. Meine Vaginalflora, meine Gesundheit, meine Libido.

Ich werde nicht mehr Herrin über etwas, das einst nur mir gehörte. Meine Vaginalflora, meine Gesundheit, meine Libido. Nun geht mein ungeliebter Gast seit zähen acht Monaten ein und aus und hinterlässt Schatten. Schatten, die das Gefühl von rasendem Verlangen nach Nähe überdecken. Erotik, Lust. Lässt sie gar verschwinden. Geht ja alles eh nicht in der Form, in der ich es mir wünsche.

Die andere Seite von Erotik

Keine Tagträumereien mehr über Abende und Nächte in Zweisamkeit und mit viel nackter Haut. Keine Begierde mehr. Und wenn, dann folgen nur noch Missmut und Hoffnungslosigkeit. Denn egal was ich tue, egal wie sehr ich mich bemühe: Meine Vagina ist krank und wird einfach nicht gesund.

Bei jedem Akt mit dem Mann, den ich begehre und dem ich dieses persönliche Drama zu verdanken habe, fühle ich eine nie da gewesene Unsicherheit. Eine halbe Tablette Fluomizin in mir, gefolgt von einer Schicht Clotrimazol auf den Schamlippen und diversen anderen Substanzen, die man beim Sex nicht unbedingt dabeihaben möchte.

Von der Slipeinlage mal ganz abgesehen, fühlt sich Erotik anders an.

Von der Slipeinlage mal ganz abgesehen, fühlt sich Erotik anders an. Und bevor ich es vergesse: sein Penis, der nicht gerade für Heilung steht.

Ich fühle mich nicht mehr sexy, vermisse die Erotik zwischen uns. Sex ist ein Stressfaktor geworden, denn trotz dieser chronisch andauernden Probleme meiner Vaginalflora möchte ich diesen wichtigen Teil der Beziehung aufrechterhalten. Ich stoße hierbei aber an meine physischen und mittlerweile psychischen Grenzen.

Ich möchte mich beinahe entschuldigen für das Häufchen Elend, dass ich oftmals darstelle. Mein ungeliebter Gast verfolgt mich juckend, brennend und piksend schon viel zu lange. Und trotzdem gewöhnt man sich nicht an diesen Zustand fortwährenden Unwohlseins.

Wenn etwas so Substantielles wie deine Vagina krank ist, erkrankt irgendwann auch dein Geist. Was wiederum dazu führt, dass auch alles andere nicht heilen kann. Ein Teufelskreis.

Oft habe ich es als gegeben hingenommen, dass da unten alles funktioniert. Bis es eines Tages eben überhaupt nicht mehr funktionierte.

Und plötzlich wird dir bewusst, wie wichtig Gesundheit ist. Dass sie zum einen dein Schlüssel zum Leben ist und zum anderen auch der Schlüssel zu schönen Nebensächlichkeiten wie Sex, Leidenschaft und Spaß. Und dass sie nicht selbstverständlich ist. Oft habe ich es als gegeben hingenommen, dass da unten alles funktioniert. Bis es eines Tages eben überhaupt nicht mehr funktionierte.

Dummheiten, die unsere Gesundheit gefährden – wir haben sie alle schon getan

Nun realisiere ich mehr denn je, wie wichtig sicherer und verantwortungsvoller Sex ist. Denn auch das ist der Schlüssel zu sorgenfreier Erotik. Viel zu häufig gehen wir unbedacht mit dem Thema „safer Sex“ um. Oftmals liegt der Fokus darauf, nicht schwanger zu werden. Gerade für viele Männer scheint dies die einzig wahre Sorge beim Thema Verhütung zu sein.

Aber was wir oft nicht sehen wollen:

Auch Geschlechtskrankheiten tummeln sich dort draußen im Dating-Paradies und warten nur auf triebgesteuerte Menschen, die gerne mal das Kondom weglassen.

„Du siehst nicht so aus, als hättest du irgendeine Geschlechtskrankheit.“

„Ich gehe Blut spenden, ich bin gesund“.

„Nur mal kurz ohne…“

„Ich gehe Blut spenden, ich bin gesund“. „Nur mal kurz ohne…“ Wer hat all diese verlockenden und gleichzeitig so dummen Sätze nicht schon gehört?

Wer hat all diese verlockenden und gleichzeitig so dummen Sätze nicht schon gehört? In Momenten der rasenden Leidenschaft lässt man sich gerne mal blenden von Statistiken. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV anzustecken, liegt bei vaginalem Geschlechtsverkehr zwischen Heteros statistisch gesehen nicht allzu hoch.

Aber da draußen lauern auch noch andere verbreitete Krankheiten der Geschlechtsteile, vor denen man sich schützen muss. Infektionen mit Chlamydia trachomatis gehören zu den am häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen weltweit. Seit Ende der 90-er Jahre ist ein Anstieg der Infektionen in Industrieländern beobachtet worden. Aber ins Bewusstsein der Menschen dringen diese Gefahren der Ansteckung meist erst, wenn es schon zu spät ist.

Als ich meinen Freund kennenlernte, hätte ich niemals gedacht, dass mich dieses Thema so treffen würde. Auf Wolke sieben schwebend und voller Vertrauen in unsere Exklusivität ließen wir irgendwann das Kondom „mal kurz“ weg. Wir waren beim Blut spenden. Gedanken an HIV lagen also weit außerhalb meiner Seifenblase.

Eine Pipiprobe und vier Tage später erhielt ich den erschreckenden Anruf: ‚Ihr Textergebnis ist positiv.‘

Bei der Gynäkologin machte ich schließlich nur der Form halber einen Chlamydientest. Eine Pipiprobe und vier Tage später erhielt ich den erschreckenden Anruf: „Ihr Textergebnis ist positiv.“

Ich fiel aus allen Wolken, die Seifenblase zerplatze. Ich fühlte mich plötzlich unvernünftig und schmutzig. Und verdammt dumm. Es folgte eine starke Antibiotika-Behandlung. Der Beipackzettel verriet mir, dass dieses Antibiotikum auch bei Syphilis-Erkrankungen zum Einsatz kam. Prima. Auch mein Freund wurde parallel behandelt, da er mit großer Wahrscheinlichkeit der Überträger meines Unglücks war.

Krank sein lähmt das Leben – auch das Liebesleben

Sofort nach Einnahme des Medikaments spürte ich, dass da unten etwas nicht stimmte. Es fühlte sich komisch an – gar fremdartig. Meine Gynäkologin schaute mich beim nächsten Besuch mitleidig an, als sie mir mitteilte, dass ich sowohl eine Pilzinfektion als auch eine bakterielle Vaginose hätte. Gleichzeitig.

Ich war bald alle zwei Wochen bei meiner Frauenärztin zu Gast. Gemeinsam mit meinem ungeliebten Gast. Nichts half längerfristig.

Meine Vaginalflora war so geschädigt durch das Antibiotikum, dass ich weitere acht Wochen im Wechsel entweder eine bakterielle Vaginose oder eine Pilzinfektion hatte. Ich war bald alle zwei Wochen bei meiner Frauenärztin zu Gast. Gemeinsam mit meinem ungeliebten Gast. Nichts half längerfristig. Nichts konnte den Zustand vor der Infektion wiederherstellen.

Keine Milchsäurekur konnte mir längerfristig helfen, weil meine eigene Flora im Grunde nicht mehr existierte. Ich hatte diesen wesentlichen und von mir so unterschätzten Teil verloren. Und ein bisschen mich selbst.

Zwischen endlosen teuren Milchsäurepräparaten, einer Ernährungsumstellung, diversen Tabletten, Cremes, Hormonen und Baumwollschlüpfern verließ mich langsam der Mut, je wieder den Zustand vor der Chlamydieninfektion herzustellen.

Manche Dinge heilen langsam. Manchmal helfen nur ein innerer Frieden, gesunde Ernährung und Ausgeglichenheit.

Mir war nur noch zum Heulen zumute. Mein Sexleben stand auf Sparflamme, ich wurde immer unsicherer. Und irgendwann zwischen all den Tränen, der Wut und dem Ärger über mich selbst, schaute mich meine Frauenärztin an und sagte mit ihrer beruhigenden Art:

„Manche Dinge heilen langsam. Manchmal helfen all die Präparate und Medikamente nicht. Manchmal helfen nur ein innerer Frieden, gesunde Ernährung und Ausgeglichenheit.“

Gesundheit in Sicht und aufkeimende Hoffnung

So befolgte ich den Rat mangels Alternativen und ließ bei fast jedem weiteren Verdacht auf eine erneute Pilzinfektion alle Cremes weg. Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche wurde es besser. Auf sechs Wochen Ruhe folgten acht Wochen, folgten zehn Wochen ohne ein Piksen oder Brennen. Mein ungeliebter Gast begleitete mich nicht mehr jeden Monat. Heilung setzte ein.

Mit all der Zeit, die mittlerweile verstrichen war, spürte ich eine zunehmende Besserung. Ich hatte wieder Lust auf Sex. Konnte die Binden ins Badezimmerschränkchen verbannen und die Cremes verabschieden. Manchmal fühlt es sich an, als sei ein Sturm an mir vorbeigezogen. Er hat Chaos angerichtet, einigen Kummer verursacht, aber am Ende konnte ich kleinschrittig all das Chaos aufräumen.

Und was ich daraus gelernt habe? Gesundheit ist nicht selbstverständlich – die Gesundheit meiner Vagina auch nicht. Und sicherer Sex ist verdammt wichtig. Denn es steht mehr auf dem Spiel, als ein brennender Gast im Alltag.

Elli kämpft immer noch jeden Tag für eine gesunde Vaginalflora und hofft, dieses “Tabuthema” mehr ins Bewusstsein vieler Frauen rücken zu können.

Headerfoto: Anete Lusina (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

2 Comments

  • Eine Leidesngebossing hier. Vielen Dank für diesen Text! Du triffst damit schmerzhaft ins Schwarze und entabuisierst dieses wichtige Thema weiter.

  • Danke. Danke. Danke. Mir sind einfach nur die Tränen geflossen. Du sprichst mir aus der Seele und ich fühle mich einfach nur verstanden und verstehe mich besser.

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