Der Druck steigt: Warum der Selbstoptimierungswahn auch zu Corona-Zeiten unnötig ist

Ich denke, ich brauche nicht extra erwähnen, in was für einer merkwürdigen Zeit wir uns gerade befinden. Ein Virus taucht auf und hat uns innerhalb von wenigen Wochen fest im Griff. Das Gesundheitssystem, die Wirtschaft, die Politik und auch jeden Einzelnen von uns. Wie wird die Welt aussehen, wenn das alles vorbei ist? Mit Prognosen und Einschätzungen wird zurzeit eher vorsichtig umgegangen. Aber eines ist gewiss: Nichts ist mehr wie vorher.

Isolation als Chance?

Wie gut eignet sich diese Zeit für die Arbeit an uns selbst? Wir sind mehr oder weniger auf uns allein gestellt und werden in unsere eigenen vier Wände zurückgeworfen. Äußerlich und innerlich. Denn überall wird groß auf die Chance verwiesen, die für uns Individuen gerade entsteht. Es gibt genügend Zeit für Dinge, die in einer corona-losen Welt weiter unten auf der Prioritätenliste standen. Super! Dachte ich. Jetzt gehe ich das alles an und nutze diese Phase – to the fullest quasi.

Wer sich eine Brille aufsetzt, ist entschlossen, was zu sehen.

Ich setze also meine Lesebrille auf uns los geht’s. Das ist mein persönlicher, psychologischer Effekt. Denn dadurch sehe ich nicht nur besser aufgrund der Stärke in den Gläsern, sondern auch aufgrund der Entschlossenheit, die dahinter steht. Wer sich eine Brille aufsetzt, ist entschlossen, was zu sehen. Alles wird klarer. Buchstaben, Texte, Bilder und, wie in meinem Fall, auch meine Gedanken.

Doch wo fange ich an? Der untere Teil meiner Prioritätenliste aus Zeiten vor Corona ist doch echt länger als ich dachte: Verbringe weniger Zeit am Handy, lies die Bücher, die seit Ewigkeiten bei dir rumliegen und die du dir mal in einem entschlossenen Moment gekauft hast (wahrscheinlich war da die Brille auf der Nase), erledige den Papierkram und überhaupt, mach die Steuern doch einfach mal nicht kurz vor der Deadline.

Befasse dich mit dem Weltgeschehen, schau dir die Nachrichten an – ja, auch die ohne Big C in der Headline! Beschäftige dich mit Kunst und Kultur und verbessere generell mal dein Allgemeinwissen (inklusive des Lernens von Flussnamen, um bei der nächsten Stadt-Land-Fluss-Gelegenheit nicht immer an dieser Stelle abzukacken).

Auf zur Suche nach sich selbst

Miste die Klamotten aus und sortiere alles à la Marie Kondo. Gehe mehr in die Natur, denke mehr nach, halte Langeweile aus und fördere damit deine Kreativität. Starte den Tag mit einer Stunde Yoga am Morgen und wenn du eh schon dabei bist, was ist mit Meditation? Das macht man doch jetzt so bei der Suche nach sich selbst. Sport lässt sich dank Homeworkout-Videos auch problemlos von Zuhause machen und für die Ernährungsumstellung ist, surprise surprise, ebenfalls genügend Zeit.

Aber koche nicht zu viel, denn du weißt: #supportyourlocals, damit die kleinen Existenzen nicht kaputt gehen und die Wirtschaft nicht vollständig abschmiert. Apropos abschmierende Wirtschaft. Mit Aktien und ETF-Sparplänen wolltest du dich auch mal auseinander setzen. Das ist wichtig! Altersvorsorge, u know?

Die Selbstoptimierung wird zum Zwang

Wow! Ich schiebe die Brille von der Nase in meine Haare. Ich habe mir eigentlich geschworen, sowas nicht mit Brillen zu machen, die nicht unter die Kategorie Sonnenbrillen fallen. Doch zu spät! Jetzt sehe ich aus wie meine alte Deutschlehrerin. Was soll´s, dank der sozialen Isolation sieht es eh keiner und außerdem war die Frau toll. Klug und kreativ und sie hätte diese Phase sicherlich genutz – to the fullest!

Ich allerdings bereue den kleinen Ausflug zu meiner To-do-Liste. Denn ja, sowas ist ab sofort kein unterer Teil mehr, der mit gutem Gewissen wegpriorisiert wird, da man ja allerhand mit dem stressigen Alltag und dem sozialen Leben zu tun hat. Nein! Jetzt ist die Selbstoptimierung zum Zwang geworden. Ein großer Druck ist entstanden, diese Zeit bloß positiv für die eigene Entwicklung zu nutzen, um in das Leben nach Corona als eine bessere Version seiner selbst zu starten.

Swipe, swipe, Match! „Hey, na wie geht’s!“ Geht doch … Oberflächlichkeit wiederhergestellt.

Was tue ich? Ich bin schon erschöpft von dem Aufzählen der Punkte. Wie soll da noch Energie bleiben für die tatsächliche Umsetzung? Stattdessen greife ich zum Handy. Ein Automatismus, der vor, während und mit großer Sicherheit auch nach Corona hoch optimiert abläuft. Ich scrolle durch Instagram, lese pseudo-motivierende Quotes über die gerade aufgezeigte Selbstoptimierungs-Chance. Der aufkommende Druck schnürt meine Kehle zu, also wechsle ich zu Tinder, um den deepen Shit mit etwas Oberflächlichkeit auszugleichen. Swipe, swipe, Match! „Hey, na wie geht’s!“ Geht doch … Oberflächlichkeit wiederhergestellt.

Es ist genügend Zeit zur Reflexion da

Wie beendet man nun so einen Text, der mit großen Plänen begonnen hat und beim Tinder-Talk endet? Was für ein Bild ist gerade von mir entstanden? Das einer unentschlossenen und sich leicht-wieder-von-eigentlichen-Plänen-abbringen-lassende Frau Mitte zwanzig? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich das nicht bin. Ich entwickle mich ständig weiter. Auch ohne Virus. Es ist ein für mich wichtiges Thema geworden, mein Inneres zu ergründen und zu wachsen. Vielleicht bietet sich die Gelegenheit, das in einem anderen Text näher zu beleuchten. Denn was haben wir gelernt? Genügend Zeit für Reflexion ist da.

Es braucht nicht immer Optimierung. Es braucht viel eher das Bewusstsein, dass man ausreicht.

Wem es in dieser Zeit gerade ähnlich geht, dem möchte ich sagen: Entspann‘ dich. Lass den Druck nicht an dich heran. Die größte Chance dieser verrückten Monate ist die Entschleunigung. Atme durch. Schiebe die Lesebrille ins Haar, sehe aus wie meine Deutschlehrerin und gestehe dir zu, einfach die Version zu sein, die du aktuell bist. Es braucht nicht immer Optimierung. Es braucht viel eher das Bewusstsein, dass man ausreicht.

Und um die Lehrer-Metapher sauber abzuschließen: Ausreichend ist keine vier. Es ist auch keine fünf oder eine zwei oder eins. Es ist frei von dieser Art der Bewertung. Jeder ist wunderbar und vollständig und sollte sich darüber im Klaren sein, damit diese Phase nicht noch mehr von uns abverlangt, als sie es eh schon tut.

Das ist mein Fazit. Vielleicht sollte ich das nochmal in eine kurze, knackige Insta-Quote bringen. Für die breite Masse. Das wäre kreativ und würde auf jeden Fall zu einem dicken fetten Haken auf meiner To-do-Liste führen, sobald mir die Brille wieder auf die Nase rutscht. Doch bis dahin ist es gut, wie es ist!

Janna steht auf Struktur und Tiefe in einer häufig ungeordneten und oberflächlichen Welt. Sie schätzt ehrliche Umarmungen, die Fähigkeit Gefühle und Emotionen zu zeigen und erkennt den Wert hinter der nächtlichen „bist du gut nach Hause gekommen“-Frage. Manchmal kriegt sie Herzrasen von zu viel Kaffee und manchmal von schönen Begegnungen. Manchmal findet sie Inspiration in Kunst, Persönlichkeiten und Worten und manchmal in Dingen wie Mode, Make-up und gut gefüllten Weingläsern. Wie so oft im Leben gilt auch bei ihr: it‘s all about the balance. Cheers! Mehr von Janna gibt es auf Instagram.

Headerfoto: Joshua Rawson-Harris via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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