Wie eine Diagnose das Leben verändert – nicht nur zum Negativen

Wir sitzen am Küchentisch. Du bist da, ausnahmsweise einmal nicht in Eile. Hast Schuhe und Jacke ausgezogen, so wie sonst nie, wenn du vorbeikommst.

Das lässt mich stutzig werden, ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen. Du fängst an zu sprechen. „Ich muss euch etwas mitteilen.“ In dem Moment weiß ich, was es ist. Ich kenne diesen Satz. Sie hat genauso begonnen, als ich sie im Krankenhaus besucht hatte.

Du gehst Umwege, als du es erklärst. Du warst noch nie gut darin, über Gefühle zu sprechen.

Du gehst Umwege, als du es erklärst. Du warst noch nie gut darin, über Gefühle zu sprechen. Doch ich habe Recht. Es sieht nicht sehr gut aus, glaube ich jedenfalls.

Wir sitzen weit entfernt voneinander, den Küchentisch zwischen uns. Ich weine, nicht das erste Mal und auch nicht das letzte. Zu dieser Zeit habe ich mich oft gefragt warum. Warum sie? Warum du? Ich habe irgendwann aufgehört mich das zu fragen. Es ist zu schmerzhaft, zu sinnlos.

Ich weiß nicht, wo ich stehe und wie ich dazu stehen soll.

In den nächsten Wochen höre ich wenig von dir. Ich weiß nicht wo du bist, was du machst und wo du stehst. Wo wir stehen. Wo ich stehe und wie ich dazu stehen soll.

Ich versuche, es abzutun, nicht daran zu denken. Ich kenne es ja schon, von ihr, das Prozedere, die Operationen, die Reha. Ich überzeuge mich selbst davon, dass das Leben weitergeht, fast alles ist normal.

Du machst es mit dir selbst aus und ich mit mir.

Wir reden nicht darüber, weil du nicht gut bist in solchen Dingen. Du machst es mit dir selbst aus und ich mit mir. Vielleicht habe ich das von dir, das alleine kämpfen, in den schlimmsten Momenten.

Ich lasse es nicht an mich heran. Schiebe es weg mit einer unbekannten Kühle. Ich kenne es ja schon. Wenn ich davon spreche, mit meinen Freunden, tue ich so als wäre es keine große Sache, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Selbstschutz. Das weiß ich heute.

Doch ab und zu, in leisen Momenten, bricht meine kühle Mauer zusammen, tut sich der Boden vor mir auf und ich falle. Ich falle in all die Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Ich falle in Ungewissheit, ich falle in Angst. Ich weiß nicht, wo du bist, was du machst und wie es weiter geht mit dir, mit uns.

Ich falle in Ungewissheit, ich falle in Angst.

Es sieht nicht gut aus, genau wie ich es gespürt habe. Es gibt keine Lösung, keine Heilung. Aber du hast keine Schmerzen, deshalb gehen wir wieder in die Normalität über. Wir haben begonnen, miteinander zu sprechen so wie nie zuvor.

Es sind drei Jahre vergangen und wir haben begonnen, miteinander zu sprechen. Wir haben begonnen, miteinander zu sprechen so wie nie zuvor, weil du nie gut warst in solchen Dingen. Wir sprechen nicht über die Diagnose, dafür über andere Dinge, über Bücher, Filme und Orte. Wir sprechen über die Welt und trinken Gin an einem Campingtisch.

Du reist an all die Orte, von denen du dein ganzes Leben lang gelesen hast.

Du schummelst beim Kniffeln, zeigst mir wie man Teebeutelweitwurf spielt und sagst George Clooney sei nur neidisch auf dich. Es passiert etwas mit dir. Du reist an all die Orte, von denen du dein ganzes Leben lang gelesen hast, in der dunklen Küche, im einsamen Haus am Waldrand.

Jetzt weiß ich, was du machst und wo du bist, immer unterwegs, kaum mehr in diesem Haus. Du hast etwas in dein Herz gelassen, etwas von dem du sonst nicht einmal geträumt hattest. Du bist auf Berge gestiegen trotz der Kälte, trotz des Schmerzes, trotz des Schwindels. Oder gerade deswegen?

Bist du auf Berge gestiegen, damit du all das spürst, endlich etwas spürst, dich spürst?

Bist du vielleicht auf Berge gestiegen, damit du all das spürst, endlich etwas spürst, dich spürst? Ich liebe es, was diese furchtbare Diagnose mit dir gemacht hat und gleichzeitig hasse ich sie.

Ich bin stolz auf dich. Ich bin so froh darüber, dass wir nicht mehr so weit voneinander entfernt sind, dass wir fast nichts mehr zwischen uns haben, so wie den Küchentisch, damals, als du uns von deiner Diagnose erzählt hast. Ich liebe es wie du lachst, aus vollem Herzen und weinst vor Freude. Ich liebe es, dass du reist und wie du später mit leuchtenden Augen davon erzählst. Ich liebe es, was diese furchtbare Diagnose mit dir gemacht hat.

Ich liebe es, was diese furchtbare Diagnose mit dir gemacht hat.

Gleichzeitig hasse ich sie. Ich hasse es, dass es die Diagnose brauchte, um so etwas wunderbares mit dir zu vollbringen. Wenn ich von Zeit zu Zeit darüber nachdenke, fällt die kühle Mauer, mit der ich mich vor all den Fragen, auf die es keine Antworten gibt, vor all der Ungewissheit schütze. Dann weine ich wieder, voller Verzweiflung, weil ich nicht weiß, ob wir diese 33 Reisen noch unternehmen können, die du mir mit einem Lächeln versprochen hast. Weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass du einmal nicht mehr da sein wirst.

Mittlerweile sind 7 Jahre vergangen und mittlerweile hast du Schmerzen, die du weglachst oder es zumindest versuchst. Mittlerweile haben wir nichts mehr zwischen uns, sind uns so nah wie noch nie. Wir telefonieren, reden lange. Du hast mich besucht, trotz deiner Behandlung, trotz der 2500 km, die ich entfernt bin von Zuhause. Wir reden über die Diagnose, wenig, weil du auch nicht weißt wie es weitergehen soll.

Und so ist meine Angst gewachsen über die Jahre, genauso wie die Zahl der Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Und so ist meine Angst gewachsen über die Jahre, genauso wie die Zahl der Fragen, auf die es keine Antworten gibt. So wie die Angst gewachsen ist, ist auch die Mauer höher geworden. All das hat eine Berechtigung gefühlt zu werden. Mittlerweile frage ich mich nicht mehr warum. Es ist zu schmerzhaft, zu sinnlos.

Stattdessen habe ich angefangen, eine Frage zu beantworten, von der ich glaubte, dass es keine Antwort auf sie gibt. Es gibt nicht die beste Art und Weise damit umzugehen. Es wird immer alles in mir geben.  All die Angst und Ungewissheit, all die Fragen ohne Antwort und der kaum zu ertragende Gedanke, dass du einmal nicht mehr da sein wirst.

All das hat die Berechtigung, gefühlt zu werden.

All das hat die Berechtigung da zu sein, all das hat die Berechtigung, gefühlt zu werden, wenn von Zeit zu Zeit die Mauer zusammenbricht und ich nicht zum letzten Mal weine. Doch auch diese Mauer hat ihre Berechtigung, denn sie schützt unsere Normalität.

Unsere Normalität, die sich in eine so wertvolle Normalität verwandelt hat, in eine, die wir miteinander teilen, in der und über die wir miteinander lachen.

Diese wunderschöne, lustige, reisegierige, kunstreiche, liebevolle, cineastische Normalität ist das Beste, was uns passieren konnte. Und wir genießen sie, noch mindestens 32 Reisen lang.

Merlin hat schon viele Texte geschrieben. Auf langen Zugreisen, an regnerischen Nachmittagen im Bett oder bei Cappuccino und Zigarette im Café. Aber meistens mitten in der Nacht, nach einem berauschenden Film oder Buch, nach zu viel Bier oder Wein und auf jeden Fall mit zu vielen Gedanken. Die müssen dann raus aufs Papier und das kommt dabei heraus.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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