Der Papst und das Risiko Kinderlosigkeit: Warum die Kritik des Papstes an kinderfreien Paaren eine Frechheit ist

Der Papst kritisierte in einer öffentlichen Stellungnahme, dass die Menschen heute zu wenig Kinder in die Welt setzen. Dass die katholische Kirche nicht erst gestern völlig den Bezug zur Realität verloren hat, dürfte kein Geheimnis sein. Aber dieser Kommentar zur ausbleibenden Elternschaft und dem “Risiko der Kinderlosigkeit” vieler Paare und vor allem Frauen schlägt dem Fass den Boden aus. 

Keine Kinder zu haben, ist meine Wahl, die ich für mich und für dieses Leben getroffen habe. Und ich fühle mich verdammt gut damit. Natürlich kenne ich die Kommentare von mehr oder weniger Bekannten in meinem näheren oder erweiterten Umfeld, dass ich es eines Tages bereuen würde. 

Doch offensichtlich werde nicht nur ich es irgendwann einmal bereuen. Nein, der Papst  bereut es auch – für mich und das schon jetzt: “So viele Paare haben keine Kinder, weil sie keine wollen, oder sie haben nur eins, weil sie nicht mehr wollen, aber sie haben zwei Hunde, zwei Katzen”, zitiert der Spiegel das katholische Kirchenoberhaupt. Und er geht sogar noch weiter: “‘Wer in der Welt lebt und heiratet, muss daran denken, Kinder zu haben.’ Kinder auf natürlichem Wege oder durch Adoption zu bekommen, sei zwar ein Risiko, aber keine zu haben, sei noch riskanter.” 

Ich finde es katastrophal unerhört, dass gerade der zölibatär lebende Papst sich herausnimmt, mir und anderen gewollt kinderfreien Menschen genau das vorzuwerfen.

Ich persönlich finde es katastrophal unerhört, dass der Papst als das Oberhaupt einer Organisation, die sich selbst der Partner:innen- und Kinderlosigkeit verschrieben hat, sich herausnimmt, mir und anderen gewollt kinderfreien Menschen genau das vorzuwerfen. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass einige hochrangige Mitwirkende dieses “Vereins” über Jahrzehnte hinweg im verborgenen Kindesmissbrauch betrieben haben. Und mal ernsthaft – wer kann denn heute noch glauben, dass wir zu wenig Menschen auf der Erde sind? Weltweit gibt es mehr Kinder, als adoptiert, gerettet oder sogar einfach nur ernährt werden können. 

Aber natürlich sind mit diesem Aufruf nicht jene Frauen gemeint, die aufgrund von mangelnden Verhütungsmöglichkeiten und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen mehr Kinder bekommen, als sie vielleicht möchten. Nein, damit sind Frauen gemeint wie ich: weiß, privilegiert, und durch puren Zufall als Bürgerin einer westlichen Industrienation in der glücklichen Lage, sich auszusuchen, ob und wie viele Kinder sie bekommen möchten. 

Werfen wir doch mal einen Blick auf die Risiken, die mir als Frau – und dem Papst – erspart bleiben, weil ich mich auf das Risiko Kinderlosigkeit einlasse.

Mutterschaft als gesundheitliches Risiko

Fangen wir einmal direkt mit der Schwangerschaft an: Eine Schwangerschaft/Geburt ist zunächst einmal natürlich für jede Frau*, die Kinder möchte und in ihrer Lebensplanung vorgesehen hat, ein Grund zur Freude. Doch auch wenn eine Schwangerschaft keine “Krankheit” ist, ist sie potenziell eine Belastung für die körperliche wie auch psychische Gesundheit der Frau* und keineswegs immer ungefährlich. 

Mutterschaft als politische Falltür

Weiterhin leben wir in einer Gesellschaft, in der nach wie vor Frauen im Falle der Familiengründung einen Großteil der sogenannten “Care Arbeit” übernehmen. Wesentlich häufiger als Männer scheiden Frauen mit dem Eintritt ins Familienleben aus der Erwerbsarbeit aus, kümmern sich entweder als Vollzeit-Mutter um die Kinder oder übernehmen schlechter bezahlte Teilzeitjobs, um zeitlich flexibler zu sein. 

Kindererziehung und Familienfürsorge gelten auch in Deutschland nach wie vor nicht als richtige Arbeit. Klar, solche Dinge macht man ja aus reiner (Nächsten-)Liebe

Die verminderte Erwerbstätigkeit aber resultiert für einen Großteil Frauen in einer niedrigeren Rente und öfter in Altersarmut. Denn Kindererziehung und Familienfürsorge gelten auch in Deutschland nach wie vor nicht als richtige Arbeit. Solche Dinge macht man ja aus reiner (Nächsten-)Liebe, alles andere wäre ja unmenschlich. Fast so unmenschlich, wie keine Kinder zu bekommen. Aber natürlich, das Risiko der Kinderlosigkeit ist natürlich das dringlichere Problem. Wer Kinder bekommt, ist dann im Alter zwar vermutlich immer noch arm, aber damit wenigstens nicht allein. 

Papst Franziskus muss sich indes natürlich um solche Dinge wie etwa Altersarmut oder Familienfürsorge nicht kümmern. Mit 85 und in Vollzeit “berufstätig” wird er weder das eine noch das andere zu fürchten haben. Deswegen hat er ja auch so viel Zeit, die Kinderlosigkeit anderer zu kritisieren. 

Mutterschaft als gesellschaftliche Pflicht

Mit Care-Arbeit unmittelbar in Zusammenhang stehend, lastet auf Müttern auch ein extrem hoher gesellschaftlicher und moralischer Druck. Ein Druck, der Vätern in vielen Fällen erspart bleibt. Als Frau hat man nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch die Mutterrolle unabdingbar zu lieben – jeden Tag, rund um die Uhr, ein Leben lang. Tja – und wenn nicht? Keine Ahnung, darüber spricht man ja nicht. 

Denn was nach wie vor als großes Tabu behandelt wird, ist die Tatsache, dass es auch verdammt viele Mütter gibt, die ihre Entscheidung für Kinder irgendwann bereuen. Genauso wie andere es vielleicht bereuen, keine Kinder bekommen zu haben – und natürlich der Papst. Der bereut das auch, dass andere keine Kinder bekommen.  

Aber wo ein Kirchenoberhaupt so viel zu bereuen hat, gibt es für die Reue von Müttern oder auch nur für Fehler keinen gesellschaftlichen Raum.

Aber wo ein Kirchenoberhaupt so viel zu bereuen hat, gibt es für die Reue von Müttern oder auch nur für Fehler keinen gesellschaftlichen Raum. Sobald eine Frau ein Kind bekommt, ist sie für die Gesellschaft eben keine Frau mehr, sondern Mutter. Keine Person mehr, die ein Anrecht auf auf Selbstverwirklichung oder ein eigenes Leben hat, denn sie hat ja auf das Leben ihrer Kinder Acht zu geben. Ausschließlich.

Nicht umsonst ist die gesellschaftliche Verachtung für Mütter, die sich gegen ihre Kinder entscheiden, deutlich höher als für Väter, die dasselbe tun. Denn Mutterliebe gilt als Selbstverständlichkeit, als Pflicht und ist, so scheint es, unersetzlich. Wem sie abgeht, der ist eine schlechte Person. Während Vaterliebe als eine große Leistung und besonders lobenswert gilt, genauso wie Männer, die im Haushalt helfen oder mit ihren Kindern auf den Spielplatz gehen.

Die Mutter aller Mütter und der Vater, der keiner war 

Woran das liegt? Vielleicht daran, dass unsere Gesellschaft immer noch stark auf den christlichen Wertvorstellungen beruht. Ganz weit vorne dabei: das Bild der Kleinfamilie bestehend aus Vater, Mutter und Kind. Das Vorbild dafür ist natürlich die heilige Familie, in der Maria als Übermutter die Erwartung an die weibliche Fürsorglichkeit auf den unbefleckten Leib gebrannt bekam. Und in der Gott als Vater sich schon aus dem Staub gemacht hat, bevor das Kind überhaupt da war. Hat sich niemand mal gefragt, was Gott als Vater für seinen Sohn eigentlich getan hat, außer ihn zu opfern? Vielleicht sind viele Menschen daher auch gnädiger mit der Vaterrolle. Einen schlechteren Job als Gott kann man da nicht machen. 

Die heilige Familie, in der Maria als Übermutter die Erwartung an die weibliche Fürsorglichkeit auf den unbefleckten Leib gebrannt bekam und in der Gott als Vater sich schon aus dem Staub gemacht hat, bevor das Kind überhaupt da war.

Um eins klarzustellen: Ich will hier kein Männer- oder Väterbashing betreiben und einige Punkte in diesem Artikel sind bestimmt überspitzt dargestellt. Trotzdem möchte ich darauf aufmerksam machen, dass selbst in unserer Gesellschaft immer noch ein gefährlicher Doppelstandard herrscht, wenn es um die Erwartungen gegenüber Müttern beziehungsweise Vätern geht. 

Wer das nicht glaubt, mag sich gerne noch einmal die unnötig laute Berichterstattung darüber in Erinnerung rufen, dass Annalena Baerbock als Mutter für das Amt der Bundeskanzlerin kandidierte. Dagegen scheint mir das Risiko der Kinderlosigkeit doch irgendwie vertretbar.  

Herr Pontifex, wie bringen Sie eigentlich Kinderlosigkeit und Kirche unter einen Hut?

Aber vielleicht bin ich auch zu ungnädig mit dem Papst, denn er kann von diesen Doppelstandards, Care-Arbeit und politischen Problemen natürlich nichts wissen – oder? Schließlich ist er als Mann, selbst berufstätig in Vollzeit und ist dabei eben nicht mal Vater. Herr Pontifex, wie bringen Sie eigentlich das Risiko Kinderlosigkeit und Kirche unter einen Hut? 

Wenn Sie in der Welt mehr Kinder sehen wollen, heben Sie den Zölibat auf, heiraten Sie und bekommen Sie Kinder und kümmern sich um sie. Und machen Sie es doch besser als Gott. 

Headerfoto: Angela Roma (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

LINDA hat an Heiligabend Geburtstag, kommt aus dem Rheinland, ist aber im Herzen Hamburgerin. Sie hat Literatur in Bonn und Hamburg studiert und mit einer Arbeit über die Liebe abgeschlossen. Für die Liebe ist sie auch nach Berlin gezogen. Bei im gegenteil liest sie deswegen auch Liebesbriefe und sorgt dafür, dass diese hübsch gemacht sind für dieses Internetz.

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