The other Side: Regretting Motherhood aus der Sicht einer Tochter

Es ist die Frage nach der Mutterschaft, die einer Frau so oft im Leben gestellt wird, wie kaum eine andere Frage. Eigentlich wird sie auch nur den kinderlosen oder den noch kinderlosen Frauen gestellt. Und wenn dem*der Fragenden die Antwort entgegenkommt, die*der Befragte wolle keine Kinder, dann schließt sich unweigerlich die nächste Frage an. Die nach dem ‘Warum’. Tja, warum?

Als Antwort auf diese Nachfrage bieten sich viele verschiedene Möglichkeiten an. Von falschen Partnern über falsche Zeitpunkte, das schmerzhafte Nichtkönnen und die Umwelt  ist meine ganz persönliche Antwort: “Ich will keine Kinder, weil ich keine Mutter sein will.”

Ich kann mir mich als Mutter nicht vorstellen. Ich will nicht schwanger sein, ich will nicht gebären, ich will nicht stillen. Ich will einfach – nicht. Menschen, die sich hingegen für Kinder entscheiden, werden seltsamerweise nie nach ihren Beweggründen gefragt.

Ab dann war alles anders: 2016 – die Regretting-Motherhood-Debatte

Aber nicht nur, dass es Frauen gibt, die grundsätzlich keine Kinder wollen, ist großen Teilen unserer Gesellschaft unbegreiflich. 

Seit 2016 und mit der Veröffentlichung der von der israelischen Soziologin Orna Donath veröffentlichten Studie Regretting Motherhood – wenn Mütter bereuen ist ein neues Feld erschlossen worden im Diskurs um die Frage: Mutterschaft – Ja oder Nein. In dieser Studie kamen erstmals Mütter (Im Alter von 20 bis 75) öffentlich zu Wort, die zugaben: “Ja, ich liebe meine Kinder, aber manchmal oder öfter oder eigentlich immer wünschte ich mir, ich hätte niemals welche bekommen. Denn die Mutterrolle ist für mich die Falsche.”

Die Veröffentlichung der Studie sorgte weltweit für empörte Aufschreie: Auch in Deutschland wurde und wird immer noch heiß darüber diskutiert, größtenteils natürlich echauffiert. Da ist von fehlender Verantwortung die Rede, von krankhaftem Mangel an Kinderliebe, von dem Versagen als Mutter und natürlich von den armen Kindern. 

Aber was viele Menschen auf der Contra-Seite der Regretting-Motherhood-Debatte nicht verstehen, ist: Das Bereuen von Mutterschaft bedeutet nicht, dass man eine schlechte Mutter sein muss. Die Abneigung gegen das Mutter-/Elternsein hat in der Regel nichts mit den Kindern selbst zu tun. Es ist, mal ganz plump gesagt, nichts Persönliches.

Die Debatte um die Debatte

Doch das Unverständnis greift nach wie vor um sich. Auch drei Jahre nach der Veröffentlichung der Studie liest man immer wieder Kommentare unter den entsprechenden Artikeln bei ZEIT ONLINE, der Süddeutschen oder neulich erst bei jetzt: #regrettingmotherhood beruhe auf der unüberlegten Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen. Solche Frauen fühlten sich lediglich in der Zelebrierung ihrer Egozentrik gestört: “Und das”, heißt es schließlich, “hätte man sich ja als Frau vorher überlegen können!”

Aber sind wir wirklich frei in unserer Entscheidung für oder gegen Kinder? Ist nicht viel eher der Erwartungsdruck an Frauen in vielen Teilen der Welt so hoch, dass es für manche von ihnen schlicht keine Option darstellt, KEINE Kinder zu bekommen? Ob sie wollen oder nicht?

Das mag in Deutschland vielleicht nicht unbedingt der Regelfall sein. Aber das Resultat bleibt in solchen Fällen weltweit dasselbe. Nämlich das der berechtigten Trauer über den Verlust oder die Aufgabe der eigenen Ziele, die über das Mutter-/Elternsein hinausgehen. Oder sich völlig abseits davon bewegen.

Es darf selbstverständlich getrauert werden, es darf bereut werden.

Und darum darf selbstverständlich getrauert werden, es darf bereut werden. Denn wer hat nicht schon einmal eine Entscheidung getroffen, die er gerne wieder rückgängig gemacht hätte? Nur ist Elternschaft eben irreversibel. Das ist nicht der Fehler der Mütter, auch nicht der Kinder, das ist niemandes Fehler. Das ist einfach so.

Und wenn es erst einmal passiert ist, bleibt den bereuenden Müttern oft nur noch der Wille zur Schadenbegrenzung und/oder eben das schlechte Gewissen. Denn besonders als Mutter von Kindern eigentlich keine Mutter sein zu wollen, ist nach wie vor ein globales Tabuthema. Etwas, das nicht der gewünschten Norm entspricht.

Ich für meinen Teil habe großes Verständnis für die Frauen, die sich dazu bekennen, dass sie ihre Mutterschaft bereuen. Kunststück, mag man sich jetzt denken. Eine Frau, die ohnehin keine Kinder will, versteht das selbstredend. Aber ich bin nicht nur das: eine Frau ohne Kinderwunsch. Ich bin auch eine Tochter. Und dazu noch die Tochter einer Mutter, die ohne Kinder glücklicher gewesen wäre. 

Mutter werden – ist nicht schwer

Ich muss hier gleich zu Beginn sagen, dass ich meine Mutter immer als gute Mutter empfunden habe. Mir wurde als Kind immer die Aufmerksamkeit zuteil, die ich brauchte. Ich habe nie Gewalt erfahren und mir wurde immer das Gefühl von Liebe vermittelt.

Und in der Tat: Meine Mutter behauptet nicht selten noch heute, dass meine Schwester und ich das Beste wären, was ihr jemals passierte. Und ich glaube ihr. Allerdings denke ich, dass sie sich ausgerechnet das eigentlich nie gewünscht hat. Gesagt hat sie das nie. Und doch war es (un)ausgesprochen spürbar.

Mutter sein war eigentlich keins ihrer Ziele.

Ihre Pläne waren ursprünglich andere: Sie wollte studieren. Sport auf Lehramt, mit Kindern arbeiten, das schon. Aber Mutter sein war eigentlich keines ihrer Ziele. Spätestens dann nicht mehr, als der Arzt ihr sagte, sie könne ohnehin keine Kinder bekommen.

Und seit ich denken oder mich zurückerinnern kann, ist meine Mutter unglücklich. Auf Fotos von mir und ihr zusammen sieht man nicht das Strahlen einer Persilmutter aus der Werbung oder einer der Insta-Moms, die das Muttersein so sehr lieben. Sie lächelt, aber es ist ein Lächeln, das Platz für Interpretationen lässt.

Wenn ich meine Mutter gerufen habe, habe ich sie immer leicht zusammenzucken sehen. So, als hätte ich sie mit meinem Schrei nach Aufmerksamkeit aus den Gedanken an eine andere Welt geholt. “Mama? Ich?”, schien sie sich still zu fragen, “wirklich? Von wem?”

… Mutter sein hingegen sehr

Als meine Mutter mit 30 Jahren erfuhr, dass sie schwanger war, brach für sie möglicherweise zunächst keine Welt zusammen. Aber ihr Leben änderte sich auf eine recht radikale Art und Weise, lebte sie doch bis dato in dem Glauben, sie könne gar nicht schwanger werden. Ob sie damals schon wusste, dass sie das so unglücklich machen würde, glaube ich nicht. Sonst wäre meine ältere Schwester nie zur Welt gekommen. Von mir ganz zu schweigen.

Aber das ständige Alleinsein mit uns Kindern, die langen Arbeitszeiten meines Vaters, die Aufgabe ihres Jobs zugunsten der Kindererziehung und der Umzug von der geliebten Stadtwohnung in das verfluchte Reihenhaus im Vorort – kurzum: Die Opferbereitschaft, die man insbesondere von ihr als Frau erwartete, enthüllte ihr, was es bedeutete, Mutter zu sein. Nur Mutter zu sein.

Natürlich lässt sich das Unglück meiner Mutter nicht ausschließlich auf ihr Dasein als solche zurückführen. Aber es ist, denke ich, ein großer Teil davon. Dank der Erziehung durch unsere Mutter stehen meiner Schwester und mir Türen offen, die für sie selbst ab dem Tag unserer Geburt für mindestens 20 Jahre und seit dem Ausbruch ihrer Depression möglicherweise für immer verschlossen worden sind.

Sie hat sich damals offensichtlich falsch entschieden, und das leider nicht beim Autokauf, sondern bei der Wahl ihres Lebens.

Und wenn ich mir meine Mutter heute so betrachte, bin ich ihr dankbar. Ich verdanke ihr viel. Denn all diese Türen wird niemand mehr für sie öffnen können. Und ich schon gar nicht, denn ich bin das Schloss. Sie hat sich damals offensichtlich falsch entschieden, und das leider nicht beim Autokauf, sondern bei der Wahl ihres Lebens.

Genauer: zweier anderer statt ihrem. Statt ihren eigenen Zielen zu folgen, war sie für meine Schwester und mich da. Bei Tag und bei Nacht. Ob gesund oder krank. Und dass das schmerzt, ist nur zu verständlich. 

Aber ihre Reue – und das ist die Essenz des Ganzen – die hat nichts mit mir zu tun. Egal ob ich ein Junge geworden wäre, erfolgreicher, schöner, klüger, dümmer, kleiner, größer oder einfach nur so, wie ich jetzt bin. Es spielt keine Rolle. Die Reue bliebe dieselbe. Und sie hat nichts mit mir zu tun. Im Gegenteil – sie ist nichts Persönliches. Und damit kann ich umgehen.

Die Autorin des Textes möchte anonym bleiben.

Headerfoto: Houcine Ncib via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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