Frauen in Altersarmut: Wo der strukturelle Sexismus in Deutschland sichtbar wird

Wir schreiben das Jahr 2021. Frauen fühlen sich bei der Familienplanung nach wie vor, als müssten sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden. Die Entscheidung für Kind mitsamt Mutterschutz und Elternzeit kann neben dem Aus für die berufliche Karriere auch den Weg in die Altersarmut ebnen, wie täglich Frauen ab 65 Jahren erleben müssen.

Sie sind stärker von Altersarmut betroffen als Männer. Während 2018 16,4 Prozent der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet waren, waren es nur 12,7 Prozent der Männer. Die Quote stieg bei beiden Geschlechtern von 2008 bis 2018 um 3,7 Prozent an. Am Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hat sich in den zehn Jahren nichts geändert.

Die Entscheidung für Kind mitsamt Mutterschutz und Elternzeit kann neben dem Aus für die berufliche Karriere auch den Weg in die Altersarmut ebnen.

Als armutsgefährdet gilt in Europa, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. 2019 lag die Quote der armutsgefährdeten Menschen ab 65 Jahren unabhängig des Geschlechts laut dem Statistischen Bundesamt bei 15,7 Prozent.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2017 soll die Armutsgefährungsquote bei Senior:innen bis 2036 auf 20 Prozent ansteigen, jede:r fünfte Rentner:in wäre dann von Armut bedroht. Besonders gefährdet sind demnach alleinstehende Frauen, Niedrigqualifizierte und Langzeitarbeitslose.

Von strukturellem Sexismus und individuellen Lebensentscheidungen

Die Prognose der steigenden Armutsgefährdungsquote basiert auf der Beobachtung, dass immer mehr Menschen in Teilzeit, zwischenzeitlich gar nicht oder zu geringen Löhnen arbeiten, was für einen Ausfall oder zumindest geringere Einzahlungen in die Rentenversicherungen sorgt. Bei Frauen sind alle drei Varianten besonders häufig festzustellen.

Sie verdienen weniger als Männer (im Jahr 2019 lag die Differenz bei 20 Prozent), solche mit minderjährigen Kindern im Haushalt arbeiten häufiger in Teilzeit (im Jahr 2019 arbeiteten 66,2% der erwerbstätigen Frauen mit minderjährigen Kindern in Teilzeit und nur 6,4% der Männer mit gleichen Voraussetzungen) und nehmen häufiger Elternzeit. All das führt dazu, dass die Rente bei Frauen ab 65 Jahren durchschnittlich 46 Prozent niedriger als bei Männern ausfällt. Dieser Abstand ist in Deutschland im internationalen Vergleich besonders groß.

Neben individuellen Entscheidungen für Kind oder alternative Lebensmodelle macht das Ehegattensplitting das Konzept des Alleinverdieners innerhalb einer Ehe besonders attraktiv, indem Steuern geteilt werden und somit niedriger ausfallen können. Die Erwerbsunterbrechung der Frau wirkt dabei umso lukrativer, da diese im Allgemeinen weniger verdient und die Erwerbstätigkeit des Mannes daher für ein höheres Einkommen und höhere Steuerersparnisse gleichzeitig sorgt.

Frauen verdienen weniger als Männer, solche mit minderjährigen Kindern im Haushalt arbeiten häufiger in Teilzeit und nehmen häufiger Elternzeit. All das führt dazu, dass die Rente bei Frauen ab 65 Jahren durchschnittlich 46 Prozent niedriger als bei Männern ausfällt.

Das Ehegattensplitting wurde im Jahr 1958 eingeführt und wird beinahe genauso lang kontrovers diskutiert. Während zwei Reformversuche im Jahr 1982 und 1998 scheiterten, wurde das Unterhaltsrecht 2008 reformiert und Unterhaltszahlungen nach der Scheidung seitdem stark begrenzt.

Im Falle einer Scheidung können die Mütterrente (konkret: die Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten bei der Rentenberechnung – Eltern, die ab 1992 geborene Kinder erzogen haben, können sich bis zu drei Jahre anrechnen lassen, was die Rente monatlich um ca. 96€ erhöht) und der Versorgungsausgleich (konkret: die Aufteilung der innerhalb der Ehe erworbenen Ansprüche auf Altersversorgung im Fall einer Scheidung) geringe Abhilfe schaffen. Ein schneller beruflicher Wiedereinstieg nach längerer Erwerbsunterbrechung ist aber keineswegs garantiert.

Wie vermeide ich eine Armutsgefährdung im Alter? 

Das klingt jetzt erstmal ziemlich ungerecht (ist es!) und ziemlich hoffnungslos (ist es nicht!). Lasst uns also drüber sprechen, wie du, er, sie – wir alle mehr dafür tun können, im Alter ein schönes, finanziell abgesichertes Leben zu führen.

Einige der folgenden Tipps wirken vielleicht zunächst sehr privilegiert und als seien sie ausgerechnet für Menschen, die aufgrund eines geringen Einkommens einem höheren Risiko der Altersarmut ausgesetzt sind, nicht praktikabel. Sie sind aber für uns alle wichtig. Letztendlich zählt jeder Euro, wenn es um die Altersvorsorge geht. Lasst euch also von diesem ersten Eindruck nicht abschrecken!

Was ihr definitiv immer tun könnt, ist euch hinsetzen und eure eigenen Finanzen reflektieren. Sehen, wo doch noch ein paar Euro zurückgelegt werden können und wie man diese dann möglichst effizient spart oder anlegt. Informiert euch!

Natascha Wegelin aka Madame Moneypenny hat sich darauf spezialisiert, insbesondere Frauen (aber auch allen anderen Menschen) mit ihren Büchern, Podcasts und Blogposts zur finanziellen Unabhängigkeit zu verhelfen. Wenn ihr nach den folgenden Ratschlägen nicht wisst, wo ihr anfangen sollt, sind ihre Inhalte definitiv ein guter Wegweiser!

Konkrete Zahlen: Zunächst einmal ist es super hilfreich, eure eigene gesetzliche Rente auszurechnen – so realistisch und exakt, wie eben möglich. Vielleicht seid ihr ja ohnehin schon genügend abgesichert und beschließt, euch nur geringfügig weiter darum zu kümmern. Vielleicht fehlen euch auch noch ein paar Hundert Euro im Monat, die ihr für die Lebenserhaltungskosten im Alter benötigt. Eure gesetzliche Rentenhöhe gibt einen guten Eindruck darüber, wie viel Handlungsbedarf besteht. Aber Achtung: selbst bei hoher gesetzlicher Rente sollte privat vorgesorgt werden!

Private Rentenversicherung: Private Altersvorsorge kann unter anderem durch Einzahlungen in eine private Rentenversicherung geschehen. Es gibt viele verschiedene Anbieter und ein Vergleich ist durchaus sinnvoll. Genauso sinnvoll: so früh wie möglich mit der Einzahlung monatlicher Raten zu beginnen. Je früher ihr beginnt, desto mehr zahlt ihr über die Jahre ein und desto mehr Zinsen nehmt ihr zusätzlich mit.

Auf ins Eigenheim: Das Eigenheim kann vor Altersarmut schützen. Mieten werden gespart und die Unterkunft ist trotzdem gesichert. Ob ihr später selbst in eurem Wohneigentum lebt oder es vermietet, spielt dabei keine große Rolle: beides bietet eine gewisse Absicherung. Wenn also die nötigen Finanzen da sind, warum dann weiterhin Miete zahlen, anstatt zu kaufen und fürs Alter vorzusorgen? Lasst euch unbedingt beraten, vielleicht ist ja doch mehr möglich, als ihr denkt!

Investiert in die Betriebsrente: Wenn ihr viel verdient oder der Betrieb, in dem ihr angestellt seid, eine finanzielle Unterstützung beisteuert, kann sich auch die Betriebsrente lohnen. Einen Rechtsanspruch habt ihr auf die Entgeltumwandlung. Hier spart euer Arbeitgeber einen Teil eures Gehalts, auf den ihr verzichtet, für eure Rente. Auf den umgewandelten Betrag entfallen Steuern und Sozialabgaben, gleichzeitig wird er vom Bruttogehalt abgezogen, sodass die gesetzliche Rente niedriger wird. Eine andere Option ist die Zulagenrente. Hier wird ein Teil des Nettolohns in die betriebliche Altersvorsorge eingezahlt und durch einen größeren Betrag vom Staat aufgestockt. Diese Version lohnt sich insbesondere bei Arbeitnehmer:innen mit Kindern.

We’re all in this together: Fangt möglichst früh an, euch mit der Altersvorsorge zu beschäftigen. Spätestens wenn ihr heiratet oder Kinder auf dem Plan stehen, ist ein Gespräch mit eurem:r Partner:in angebracht. Wer nimmt wie viel Elternzeit? Wer bleibt unter Umständen einige Jahre zuhause, um sich um die Kinder zu kümmern? Wer arbeitet nur in Teilzeit, um den Kindern weiterhin gerecht zu werden? Einigt euch gemeinsam auf ein System, das euch beide unterstützt. Der:die Alleinverdiener:in könnte beispielsweise einen gewissen Betrag im Monat in die private Krankenversicherung des:r Partner:in einzahlen, da diese:r für die Kindererziehung zuhause bleibt.

Lasst euch beraten: Wofür ihr euch auch entscheidet, eine Beratung macht immer Sinn. Sprecht eure errechneten gesetzliche Rente und eure Vorsorge-Pläne mit Expert:innen durch, die euch fundierte Tipps für eure individuelle Lebensgestaltung geben können.

Es ist an der Zeit, unsere Finanzen selbst in die Hand zu nehmen!

Während sich zeitgenössisch neue Konzepte der Work-Life-Balance entwickeln, die Teilzeitarbeit beispielsweise in Form der Vier-Tage-Woche vorsehen, die (akademische) Ausbildung für viele Berufe immer länger dauert und es immer mehr Menschen für längere Zeit in die Ferne des Auslands treibt (ob mit oder ohne Erwerbstätigkeit), basiert unser Rentensystem auf der Annahme, dass eben solche Lebenskonzepte weniger wertvoll sind.

Nur Rentner:innen, die ihr Leben lang in Vollzeit gearbeitet haben und das Glück hatten, angemessen zu verdienen und nicht aufgrund von Krankheit, Kindererziehung oder anderer Lebensumstände Erwerbsunterbrechungen eingelegen mussten, haben ihre Altersvorsorge in Form der gesetzlichen Rentenversicherung garantiert.

Frauen sind die Verliererinnen eines Rentensystems, das Care-Arbeit weder sieht noch wertschätzt. Weil sie sich häufiger um die Kindererziehung kümmern, längere Erwerbsunterbrechungen auf sich nehmen und obendrein weniger verdienen.

Wir wollen doch alle im Alter ein finanziell abgesichertes Leben führen und uns keine Sorgen machen müssen, wo die nächste Monatsmiete oder die warme Mahlzeit herkommt.

Altersarmut stellt in Deutschland nach wie vor ein großes Problem dar – nicht nur für Frauen, aber besonders für diese. Auch Geringverdiener:innen und Langzeitarbeitslose sind gefährdet. Neben einer Reform unseres Rentensystems sowie einiger Gesetze, die das Erwerbsleben unmittelbar beeinflussen und einer höheren finanziellen Anerkennung der Arbeit, die Haushalt und Kindererziehung bedeutet, muss das Bewusstsein für die Thematik wachsen. Zu viele Frauen, die faktisch einem größeren Risiko der Altersarmut ausgesetzt sind, machen sich zu wenige Gedanken um die Vorsorge.

Also, wie wär’s, wenn wir uns alle einen Plan machen – ob mit Partner:in oder alleine? Wie können wir uns absichern, wie hoch wird unsere gesetzliche Rente ausfallen, was können wir mit unserem:r Partner:in vereinbaren, damit wir beide im Alter gut dastehen, auch wenn wir vielleicht gar nicht mehr zusammen sind?

Natürlich keine angenehmen Sonntag-Nachmittag-Themen – aber so, so wichtig. Also ran da! Wir wollen doch alle im Alter ein finanziell abgesichertes Leben führen, uns keine Sorgen machen müssen, wo die nächste Monatsmiete oder die warme Mahlzeit herkommt und ab und an mal beim Lieblingsitaliener essen, uns neue und alte Stücke im Theater ansehen und gelegentlich ans Meer oder in die Berge fahren können.

Headerfoto: Stockfoto von mimagephotography/Shutterstock! („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Jenny liebt Musik. In besseren Zeiten schlug sie sich die Nächte in Fernbussen um die Ohren, um Konzerte quer durch Europa zu besuchen und sich im Moshpit zu verausgaben. Seit das in der Form nicht mehr möglich ist, ist sie seltener verletzt und kann sich voll und ganz aufs Lesen und Schreiben konzentrieren. Das liebt sie mindestens genauso sehr und hat so ihren Weg ins traumhafte im-gegenteil-Team gefunden. In ihrer Freizeit hält sie sich stundenlang in Buchhandlungen auf, liebt Kino und ernährt sich ausschließlich von Nudeln. Besonders Udon!

2 Comments

  • Wie immer ein super Text von euch, Danke!
    Ich werde mir mein Kommentar zum vorherigen einfach sparen, weil ich den Text ganz gelesen und kein MINT-Fach studiert habe.
    Also nochmal danke, lieber bisschen Liebe geben als Verschwörungsmythen über den Gender Pay Gap zu verbreiten.
    In diesem Sinne, ❤️

  • Ich hab genau bis zu der Stelle mit der Gender Pay Gap Lüge gelesen, ab da kann man sich den Text dann auch sparen. Echt lustig, wie selbsternannte Feministinnen diesen Mythos in 2021 immer noch hochhalten, obwohl er längst widerlegt wurde. Und das beste daran ist, dass sogar noch die Quelle mit den bereinigten Zahlen verlinkt ist. Dreister als Feministinnen lügen vermutlich nur Vertreter der Kirche.

    Vor Jahren betrug das bereinigte Gender Pay Gap in MINT-Berufen circa 2%, die Teilzeitquote liegt zudem deutlich niedriger als in jeder anderen Branche. Aber anstatt sich durch die wirklich anspruchsvollen Studiengänge zu quälen, so wie ich das beispielsweise getan habe, und etwas zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen, entscheidet sich die Frau von heute für Kunstgeschichte, Journalismus oder Ostchinesische Vasenkunde, nur um sich dann zu wundern, dass in ihrer Branche entweder eine totale Übersättigung an Arbeitskräften herrscht oder schlichtweg kein Bedarf da ist.

    Aber klar, der böse weiße Mann ist an der Misere der Frauen Schuld. Wäre ja auch zu einfach, an sich selber zu arbeiten oder mal seine Filterblase zu verlassen. Stattdessen schreibt man dann Kolumnen für seinen selbsternannten Kreuzzug gegen alles, was einem nicht in den eigenen ideologischen Kosmos passt. Gesellschaftliche Probleme werden einzig und alleine dem Mann zugeschrieben, während Frauen als Heilige dargestellt werden, wundert sich dann aber über die Entstehung von Men’s Right Movement, MGTOW und Co.

    Früher stand Im Gegenteil mal für spannende Artikel, welche über den Tellerrand geschaut haben. Jetzt werden hauptsächlich feministische, herabwürdigende und faktisch falsche Glossen veröffentlicht, welche der miserablen Qualität der BILD und anderer Boulevardpresseerzeugnisse in nichts nachstehen. Echt schade.

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