Der Mann von Gegenüber – wenn aus Nettigkeit Bedrängnis und Verdacht auf Pädophilie wird

Es fing harmlos an. Zu Corona-Zeiten. Mein Kleiner hatte gerade das Laufen gelernt und die ganze Welt, die er entdecken wollte, war uns im Lockdown versperrt. Keine Spielgruppen. Keine Spielplätze. Trotzdem wollte er jeden Tag viele Stunden raus.

Unsere Wohnung gehört zu einer Wohngenossenschaft, die ihr Büro direkt gegenüber von uns hat. Jeden Tag stehen zwei Typen vor der Tür, die dort arbeiten. Sie machen viele Zigarettenpausen am Tag, in der sie nicht eine, sondern fünf hintereinander wegatmen.

Zur Corona Zeit sind wir uns oft begegnet. Ich und mein Kleiner on Tour und die beiden am Rauchen. Mein Kleiner baut gerne schnell Kontakt auf und sie waren immer nett. Einer hielt sich zurück, er war mehr der passive Stille, der andere war immer sehr an meinem Sohn interessiert. Nannte ihn schnell „mein Kumpel“ und so weiter.

… er umwarb meinen Kleinen und der freute sich, dass mal jemand keinen Abstand von ihm nahm während Corona.

Als dieser Mann ziemlich schnell ungefragt erzählte, Corona sei eine Verschwörung, war ich als Erwachsene an keinem weiteren Austausch interessiert. Aber er umwarb meinen Kleinen und der freute sich, dass mal jemand keinen Abstand von ihm nahm während Corona. Irgendwann – in den letzten sechs Monaten – ist dieser Kontakt gekippt. Es fällt mir heute sehr schwer, den Zeitpunkt im Nachhinein genau zu benennen.

Es fing mit verbalen Grenzüberschreitungen an. Ständig wiederholte er, mein Sohn solle mich als Mama bloß fit halten. Das wäre genau richtig so. Als der Kindsvater den Kleinen abholte – wir sind nicht zusammen, diese Information ist der Wohngenossenschaft bekannt – rief er dem Vater hinterher, er solle gut auf seinen Kumpel aufpassen. Das war merkwürdig.

Er versuchte alles, um den Kontakt weiter zu intensivieren. Wenn mein Kleiner die Treppen rauf und runtergehen übte, versuchte er immer, ihm zu helfen. Wenn ich es vermied, auf die andere Straßenseite zu gehen, kam er rüber auf unsere Seite. Einmal kam er rüber, nahm die Hand meines Sohnes und wollte mit ihm über die Straße gehen. Dass er ihn berührte, störte mich sehr. Wegen der Zigarette, die er in der einen Hand hatte, und weil er ein fremder Mann war, der gerade meinen Sohn an die Hand genommen hatte, um ihn weg von mir zu führen.

Mein Kleiner nahm seine Hand nicht und kam zu mir.

Er lockte meinen Sohn ins Bürogebäude

Ein anderes Mal lockte er meinen Sohn in die Bürogebäude der Wohngenossenschaft. Mein Sohn freute sich, etwas Neues zu entdecken und ich ließ mich irgendwie überreden: Draußen war eine erdrückende Hitze, die Büros klimatisiert und es dauerte noch ein paar Minuten bis der Kindsvater den Kleinen abholen kam. Ich dachte mir in dem Moment nicht viel dabei. Bis der Mann von Gegenüber eine Spiegelreflexkamera auspackte, um Bilder von meinem Sohn zu machen.

Ich sagte ihm direkt, dass ich das nicht möchte. Er wischte meinen Einspruch einfach weg: Er würde die Fotos nur für mich machen, ich solle ihm meine Nummer geben, er würde die Fotos schicken und danach die Bilder und meine Nummer löschen.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich es tat. Warum ich ihm meine Nummer gab. Warum ich nicht sofort eine Riesenszene machte. Kurz überlegte ich, ob seine Zuneigung für meinen Kleinen nur ein Mittel war, sich an mich rauszuschmeißen. Er hatte mal erwähnt, dass er selbst einen Sohn habe, allerdings von dessen Mutter getrennt sei. Sah er sich als potenzieller neuer Vater bereits als Teil dieser Familie?

Heute gehe ich all diese Monate immer wieder im Kopf durch und bin mir sicher, dass es nicht um mich ging: Er war auf meinen Sohn fixiert, nicht an mir interessiert.

Ich war bloß verwirrt, überfordert, irritiert. Ich hatte ein mieses Gefühl im Bauch und wollte weg. Ich verließ das Büro nach diesem Vorfall so schnell wie möglich und unterband den Kontakt ab diesem Zeitpunkt so gut es ging.

Trotzdem war es mein Fehler, ich reagierte in dem Augenblick nicht genug. Ich war bloß verwirrt, überfordert, irritiert. Ich hatte ein mieses Gefühl im Bauch und wollte weg. Ich verließ das Büro nach diesem Vorfall so schnell wie möglich und unterband den Kontakt ab diesem Zeitpunkt so gut es ging. Ich schaute immer raus, ob sie vor der Tür standen, bevor ich losging. Ich vermied es, unter der Woche mit meinem Kleinen vor der Tür zu spielen. Als der Mann einmal samstags arbeitete, auch dann. Ich ging schnell aus dem Haus, wechselte früh genug die Straßenseite und so weiter.

Ich hoffte, dieses Verhalten würde signalisieren, dass ich Abstand will. Aber er verstand es nicht. Einmal fuhr er mit dem Fahrrad in uns rein. „Mein Kumpel … ich seh dich ja gar nicht mehr.“ Ich sagte, dass wir ja auch morgens schon um halb 8 Uhr das Haus verlassen, um zur Tagesmutter zu gehen.

Seitdem stand er jeden Morgen um Punkt halb 8 Uhr vor der Tür. Also ging ich nur noch um Viertel nach oder Viertel vor aus dem Haus. Er kommentierte, dass ich aber heute spät dran wäre. Damit verriet er sich selbst, er hielt offensichtlich Ausschau nach uns. Heute mache ich mir Vorwürfe: Warum hatte ich die Zeit bloß erwähnt? Es war gedankenlos von mir.

Ich hoffte, dieses Verhalten würde signalisieren, dass ich Abstand will. Aber er verstand es nicht.

Egal, wie deutlich ich auf Abstand ging und blieb, immer wieder versuchte er einen Weg zu finden, meinen Sohn mit seiner Zuneigung einzufangen. Und mein Sohn reagierte natürlich, aber ich fuhr konsequent mit dem Kinderwagen weiter. Kam er rüber, ließ ich ihn nach einem Hallo und Tschüss stehen.

Einmal habe ich mit meinem Kleinen einen halben Tag meine Wohnung nicht verlassen. Er blockierte nämlich mehrere Stunden lang unsere Haustür. Anscheinend haben sie ein Archiv in unserem Keller. Den ganzen Tag sortierten und zerrissen sie Tonnen von Dokumenten. Sie taten das allerdings nicht auf den freien Parkplätzen neben ihrem Gebäude, wo die Container später zur Abholung bereitstanden. Sie taten es auch nicht einen Meter links oder rechts von unserer Tür auf der freien Rasenfläche. Sie taten es direkt vor unserer Haustür.

Es fühlte sich an wie eine Blockade. Es war unmöglich, an dem Vormittag das Haus zu verlassen, ohne ihnen zu begegnen. „Zum Glück“ war mein Kleiner krank und wir hatten wenig Grund, das Haus zu verlassen. Ich habe es ausgesessen, bis sie weg waren. Alles daran fühlte sich falsch an. Bedrängend. Aber auch schwer zu greifen.

Ignorieren, aus dem Weg gehen … nichts half

Das Abstand-Spiel habe ich drei Monaten lang konsequent durchgezogen. Solange ist der Vorfall mit den Fotos her. Normale Menschen hätten den Wink inzwischen verstanden. Er und sein Kollege haben letzte Woche eine Laolawelle gemacht, als ich um kurz nach halb 8 Uhr die Wohnung mit meinem Kleinen verließ.

Ständig rief er uns noch irgendwas hinterher. Letztens, als der Kindsvater unseren Sohn ins Auto bringen wollte, rief er auch ihnen nach „Hey, mein kleiner Kumpel …“. Der Vater meines Sohnes hat ihn einfach ignoriert. Er weiß um den Vorfall mit den Bildern und gibt mir die Schuld an allem. Ich sei immer zu nett zu den Menschen. Ihm würde so etwas niemals passieren.

Ein anderes Mal ging ich aus der Tür und als ich kurze Zeit später wieder umdrehte, rief der sonst Stille zu uns, ich hätte wohl nur schnell Brötchen geholt. Ich sagte „Nein, Maske vergessen …“, blieb nicht stehen, drehte ihnen direkt den Rücken zu. Da schlug der Mann von Gegenüber vor, er könne ja auf meinen Kleinen aufpassen, solange ich hochgehe. „Nein, vielen Dank“ und ich schloss die Tür.

Das letzte Mal rief er uns hinterher, mein Kleiner solle bloß nett zur Mama sein. Ich sagte, dass er das ist. Danach machte ich mir Vorwürfe, warum ich auf solche Kommentare überhaupt noch reagiere.

Es ist albern, nervig, grenzüberschreitend. Aber in all dem steckt noch ein anderes Gefühl der Alarmiertheit, das ich kaum benennen möchte. Schließlich weiß ich, dass er nebenbei Judolehrer für Kinder ab 3 Jahren ist.

Es ist albern, nervig, grenzüberschreitend. Aber in all dem steckt noch ein anderes Gefühl der Alarmiertheit, das ich kaum benennen möchte. Schließlich weiß ich, dass er nebenbei Judolehrer für Kinder ab 3 Jahren ist. Bereits zu Anfang erzählte er mir davon und drückte mir – wieder auf unsere Straßenseite wechselnd – einen Flyer dafür in die Hand. Für meinen Sohn natürlich, der solle dann unbedingt kommen, wenn er soweit ist.

Ich denke heute an einen Moment zurück, wo er meinem Sohn verträumt hinterher geschaut hat und meinte: „Kinder sind wirklich das Größte auf der Welt.“ Auch wenn seine Aussage stimmt, in dieser Sekunde war mein Gefühl nur, dass etwas nicht stimmt, wenn er es sagt. Etwas mit der Art nicht stimmt, wie er es sagt.

Nach einer E-Mail an den Vorgesetzten ist der Mann von Gegenüber nicht mehr da

Ich habe am Ende das getan, was ich am besten kann: Ich habe Worte geschrieben, in Form einer E-Mail. An die beiden Herrschaften und ihren sehr netten Vorgesetzten, der auch einen kleinen Sohn hat und mir diese Wohnung ursprünglich vermietet hatte.

Die E-Mail war klar, freundlich, aber auch sehr deutlich formuliert. Eine Auflistung all der Dinge, die ich in Zukunft nicht mehr möchte:

– Ich möchte in Zukunft keine Laolawelle, wenn ich morgens das Haus verlasse.
– Ich möchte auch nicht, dass Sie meinen Sohn an die Hand nehmen und versuchen, ihn über die Straße und von mir weg in Ihre Büroräume zu führen.
– Ich möchte auf gar keinen Fall, dass Sie nochmal Bilder von meinem Sohn machen.
– Ich möchte nichts mehr hinterher gerufen bekommen in der Art wie: „Aber nicht die Mama ärgern“ oder „Hey, mein Kumpel …“ oder „Schön die Mama fit halten“ usw.
– Ich möchte nicht, dass Sie die Straßenseite zu uns rüber wechseln, wenn ich das Haus verlasse oder nach Hause komme.
– Ich möchte auch nicht, dass Sie auf meinen Sohn aufpassen.

Seit meiner E-Mail – sie ist inzwischen eine Woche her – bin ich dem Mann von Gegenüber nicht mehr begegnet. Ob er gerade im Urlaub ist, jetzt woanders raucht oder mit dem Rauchen komplett aufgehört hat … Ich weiß es nicht.

Ich frage mich manchmal, wie jemand reagiert, bei dem der Verdacht keine Berechtigung hat. Und inwiefern es sich von der Reaktion eines Menschen unterscheidet, der wirklich pädophile Absichten in sich hegt. Ich frage mich auch, ob dieser Schein von Rückzug von Bestand sein wird oder nicht. Wie gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich heute viel wohler fühle, wenn ich mit meinem Sohn das Haus verlasse oder nach Hause komme.

Wenn du betroffen bist oder betroffene Kinder in deinem Umfeld vermutest, suche bitte nach Hilfe. Wenn du selbst Gewalt in deiner Familie erlebst, kannst du dich kostenlos und anonym an das Jugendhilfetelefon Nummer gegen Kummer wenden (auch für besorgte Eltern). Du bist nicht allein. Wie man Misshandlungen bei Kindern als Außenstehende*r erkennt, erfährst du auf dieser Infoseite der Polizei. Wenn du selbst sexuelle Neigungen zu Kindern verspürst, kannst du dich anonym an die Webseite www.kein-taeter-werden.de wenden.

Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben.

Headerfoto: Will Francis via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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