Self love oder wie mich mein Bauchspeck an die wesentlichen Dinge erinnert

Es sind nur noch ein paar Minuten, dann muss ich gehen, um meinen Zug zu erreichen. Normalerweise kein Problem, denn mein Tag ist gut strukturiert, genau getaktet und die Klamotten lege ich schon am Abend zuvor raus. Also kann eigentlich gar nichts schiefgehen.

Heute ist aber alles anders, denn mit meinem linken Bein hänge ich schon in meiner Jeans, mit dem rechten stecke ich fest. Eigentlich liebe ich Boyfriend Jeans, aber meine Wäsche türmt sich schon seit Tagen, also muss ich heute eine ausrangierte Slim Jeans tragen. „Keine Zeit“, denke ich und schaue kurz zum riesigen Wäscheturm herüber, verliere das Gleichgewicht und lande auf meinem Hosenboden. Der Blick direkt in mein erbärmliches Spiegelbild.

Wow, bist du alt und dick geworden!

„Wow. Du bist alt geworden.“ Ich sehe mich an und sehe nicht mehr die junge trainierte Sportstudentin, sondern eine Frau, bald Mitte dreißig, die ihren Zug verpassen wird, weil sie zu dick für ihre eigenen Hosen ist. Ich sehe eine Frau, die Speck um ihren Bauch findet. Eine Frau, die nicht mehr 34, sondern 36, 38 oder 40 trägt und jeden Tag ein Stück älter wird.

„Wow, bist du alt geworden!“

„Wow, bist du alt geworden!“, wieder schaue ich mich an, humple einen Schritt näher an den Spiegel heran und betrachte meine zerzausten Haare, meine Lachfalten ums Auge, meinen Bauchspeck und das immer runder werdende Gesicht.

Ich werde den Zug verpassen…

„Der Zug!“, fällt es mir siedend heiß wieder ein. Ich springe auf, hüpfe einbeinig durch den Flur. Das andere Bein zwänge ich in meine Hose. Dann verlagere ich das Gewicht, presse auch das andere Bein in die Jeans und versuche die Hose hochzuziehen. Wieder der flehende Blick in den Spiegel. „Doppelt wow.“ Ich hüpfe mehrmals, ziehe…, ziehe… und ziehe erst an dem Hosenbund und dann an den Gürtelschnallen, um mehr Halt zu bekommen. „Noch 2 Minuten.“

Ein lauter Ratsch ist hörbar und meine Hose ist aufgerissen. Ich schaue verwundert an mir runter und muss ein großes Loch am Hosenbund feststellen. Gleichzeitig bemerke ich aber auch, dass meine Hose endlich passend sitzt. Naja, jedenfalls ist sie oben.

RRRTTTSSSSCCCCHHH. Ein lauter Ratsch ist hörbar und meine Hose ist aufgerissen. Ich schaue verwundert an mir runter und muss ein großes Loch am Hosenbund feststellen. Gleichzeitig bemerke ich aber auch, dass meine Hose endlich passend sitzt. Naja, jedenfalls ist sie oben.

Von passend kann nicht die Rede sein. „Jetzt muss sie nur noch zu gehen.“, ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ein flehender Blick an mir herunter folgt. „1 Minute noch!“ Ich bin überzeugt davon, dass die Hose zu gehen wird. Zu gehen muss, sonst habe ich ein dickes Problem. Ich winde mich, ich ziehe, ich quetsche. Keine Chance. Schnell schmeiße ich mich aufs Bett und wie ein auf dem Rücken liegender Käfer winde ich mich weiter hin und her. Her und hin. „Wow. Keine Chance“

Du hast einen gesunden Körper, sei dankbar dafür.

Ich will schon aufgeben, dann fällt mir ein Haargummi ins Auge. Ich fädele es durch das Loch und klemme es an den Knopf. Nun klafft zwar eine riesige Lücke zwischen Loch und Knopf,  aber gesichert durch das Haargummi und meinen Speck. „Perfekt.“ Jetzt muss ich nur noch einen Pullover drüber ziehen, Speck-Loch vorne und Riss-Loch hinten vertuschen und fertig.

Ich freue mich so sehr, dass ich darüber schon fast die Uhrzeit vergessen habe. Schnell ziehe ich die Schuhe an und rufe noch: „Tschau! Bis später!“, bleibe dann aber doch noch ein letztes Mal am Spiegel hängen. Wieder gehe ich einen Schritt auf mich zu.

Jetzt sehe ich keine alte, dicker gewordene Frau, sondern eine junge Frau, die kreative Lösungen findet.

Jetzt sehe ich keine alte, dicker gewordene Frau, sondern eine junge Frau, die kreative Lösungen findet. Die zwar jeden Tag älter wird, aber auch jeden Tag ein Stück weiser. Die schon sehr viele Erfahrungen machen durfte, gute wie schlechte. Die sich aber über all das Erlebte nicht ärgert, sondern dankbar dafür ist. Eine Frau, die einen gesunden Körper hat, der sie jeden Tag durch diese manchmal so anstrengende Welt trägt.

Ein Lächeln huscht über meine Lippen. Ich öffne die Haustür und will gerade raus, da kommt mein Freund aus der Tür, schaut mich an, kommt auf mich zu und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Lieb dich! Habe einen schönen Tag und pass auf dich auf.“ Beim Umdrehen gibt er mir noch einen leichten Klaps auf den Po und sagt: „Geiler Arsch!“ Wenn der wüsste… Wir strahlen uns an und wissen: Wir lieben uns! Ganz egal, wie wir aussehen.

„Der Zuuug!“ Ich sprinte aus der Tür, hechte zum Gleis und schaffe es gerade noch so in den Zug, bevor sich die Tür schließt.

Coco ist Coach und Autorin, Anfang 30 und sie liebt das Meer. Mit ihrer Arbeit möchte sie sich für psychische Gesundheit einsetzen, den Blick für das Wesentliche schärfen und Lebens- und Liebesgeschichten erzählen. mehr zu ihr findet Ihr auf ihrem Instagram Account.

 

Headerfoto: Anna Shvets (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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