Der Funke kann mich mal! Auch wenn wir Sex hatten, möchte ich kein ungefragtes Nacktbild von dir!

Dank meiner Dating-App kann ich vor dem ersten Date herausfinden, was alles möglich ist, was Menschen suchen. Ob erst auf ein Bier im Park treffen oder direkt zu Hause und alle Optionen offen halten.

Mit dir war es von Anfang an humorig und vertraut. Wir scherzen über Thees Uhlmann und ob er jetzt nicht auch einfach ein alter weißer Mann geworden ist. Du bringst die Unterhaltung irgendwann aufs Thema Sex. Ich erzähle, was ich aufregend finde, aber auch dass ich immer wieder mit mir hadere, ob ich das gerade wirklich will und mich gut dabei fühle. Du bist charmant und witzig. Und Künstler. Aufregend. Endlich mal einer, dessen Lieblingshobby nicht Bouldern ist. (Sorry, aber da stimmt vielleicht was mit meinem OkCupid-Algorithmus nicht).

Schnell. Intensiv. Aufregend

Ungefähr 10 Sekunden nach meinem Klingeln an deiner Tür stehen wir knutschend bei dir im Hausflur. Erst am nächsten Vormittag gehe ich wieder, nachdem wir fast überall in deiner WG Sex und schöne Gespräche hatten. Mit dir kann ich weiter gehen als sonst, weil wir den perfekten Grat zwischen Anziehung und Konsens gefunden haben. Außerdem sieht der Inhalt deines Bücherregals aus wie meins. Ich fühle mich wohl. Irgendwann schlafen wir Arm in Arm ein und du sagst: „Schön, dass du da bist.“

Beim Chatten über Sex muss ich dich gar nicht darauf aufmerksam machen, dass ich dein Nacktbild nicht haben wollte. Du merkst es selbst und entschuldigst dich – ohne Diskussion. Ich wüsste im Nachhinein gerne, wie sich das für dich angefühlt hat. Nicht nur warst du der Erste seit langem, mit dem ich meine eigenen Grenzen bewusst und mit Zustimmung überwunden habe (im positiven Sinne).

Gleichzeitig bist du der Erste seit einiger Zeit, der diese Grenzen überschritten hat, nicht mal bei einem Treffen, sondern mit einem Nacktbild, das du mir ungefragt schicktest. Ich hätte einiges dafür gegeben, dass du mich nicht mit meinem Trauma in Verbindung bringst.

Du weißt nicht, was du in mir triggerst, weshalb ich seit einem halben Jahr zur Therapie gehe und darauf achte, dass ich mich mit Männern wie dir umgebe.

Hast du deine Zuneigung zu mir plötzlich in Frage gestellt, weil dir durch dieses blöde Bild vielleicht viel schneller als sonst klar geworden ist, dass du Verantwortung für mein Befinden übernehmen musst? Du weißt nicht, was du in mir triggerst, weshalb ich seit einem halben Jahr zur Therapie gehe und darauf achte, dass ich mich mit Männern wie dir umgebe. Männer, bei denen ich denke und erwarte, dass sie „woke“ und „reflektiert“ sind und sich „mit ihren männlichen Privilegien beschäftigen“.

Wir telefonieren kurz, weil ich das Gefühl habe, mich und meine Perspektive erklären zu müssen. Ich musste dir erzählen, dass grenzüberschreitende Erfahrungen mit Männern mein wunder Punkt sind … das habe ich davor noch nie einem Mann erzählt, den ich date. Ich habe dadurch meine tiefsten Tiefen preisgegeben, weil ich das Gefühl hatte, du kannst damit umgehen. Komisch, dass mir das körperlich leichter fällt als seelisch. Du sagst nicht viel und am Ende: „Ja ok, ich schau dann mal, wie es die nächsten Wochen bei mir aussieht mit Wiedersehen“. OK, danke.

Ich bin verwirrt und habe Angst, zuviel preisgegeben zu haben. Wir sehen uns in den nächsten Wochen? Ich sage dir, dass mich das verunsichert und dass mir das gerade zu wenig ist, dafür dass du zwei Tage zuvor noch Sextalk drauf hattest. Leider würden bei dir da nur die Alarmglocken klingeln und ich wolle ja schnell mehr. Hey, ich will wir dir einfach nur wieder vertrauen können, ok?

Der scheiß Funke kann mich mal

Du sagst, du warst schon oft genug in der Position der Person, die mehr wollte und weißt, wie sich das anfühlt. Weißt du auch, wie es sich anfühlt, von einem Mann einen Korb zu bekommen, der deine Grenzen überschritten und somit einige schlechte Erfahrungen mit Männern getriggert hat? Weißt du das wirklich?

Natürlich ist es eine Geschichte, die mit einem „Es hat halt leider nicht gefunkt“ abzuschließen wäre. Gleichzeitig hat sie meine Grenzen überschritten, mal wieder, und ich hätte den Willen und die Zuneigung verspürt, trotzdem weiterzugehen. Du nicht. Ich werde nie rausfinden, ob aus Scham oder weil’s halt wirklich nicht gefunkt hat. Du wahrscheinlich auch nicht. Woher sollen wir es auch wissen.

Lea träumt oft von Orcas und davon, das Patriarchat abzuschaffen.

Headerbild: Felipe Bustillo via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

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